Atlantik Tag 12-14: Wind kommt auf…

Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantiküberquerung.

Donnerstag, 26. Mai 2022 – Alleine auf dem Atlantik

Nach einer ausgesprochen ruhigen Nacht unter Motor empfängt uns ein sonniger Morgen. Weit und breit nichts zu sehen außer Himmel, Sonne, Wolken und Meer. Da kann man sich schon alleine fühlen. Das sind wir wohl auch. Der letzte AIS-Kontakt ist zwei Tage her. Wobei wir aber hin und wieder mal den Kondensstreifen der Zivilisation am Himmel sehen. Leider sehen wir selbst hier auf dem offenen Ozean auch immer wieder andere zivilisatorische Anzeichen umherschwimmen: Müll! :-(

Und das, obwohl das naechste Land ziemlich weit weg ist. Die Karibik liegt ca. 800sm / 1.500km hinter uns, Bermuda ebenso weit weg links von uns. Die Azoren liegen ca. 1.300sm / 2.400km vor uns, die Kap Verden noch weiter weg rechts von uns. Und mitten drin zieht eine Familie auf der Samai ihre Bahn…

Auch die Tierwelt hält sich dezent zurück. Nur ein einziges Mal haben wir bisher die Rückenflossen zweier Delfine gesehen. Sie waren schnell verschwunden. Wale? Fehlanzeige. Fische? Ebenso. Wobei das mit dem Angeln hier aber auch schwierig ist. Einerseits schwimmt immer wieder mal mehr und mal weniger von diesem hellbraunen Kraut umher. Davon fangen wir reichlich. Es nervt aber schon, spätestens alle 10 Minuten die Angel einzuholen, um den Haken von Bewuchs zu befreien. Andererseits sind da dann noch unsere einzigen regelmäßigen Besucher: Vögel. Vor allem Sturmtaucher tummeln sich öfters um die Samai und auch den Angelköder herum. Doch davon möchte Samuel lieber selbst noch ausführlich erzählen. Immerhin hat er in der letzten Woche schon weit über tausend (sic!) Vogelfotos geschossen und sitzt bereits jetzt am Auswahlverfahren.

Auch der Wind hält sich dezent zurück. Immerhin zweieinhalb Stunden können wir heute segeln und schaffen dabei gerade mal 7sm. Ansonsten brummt der Motor. Das passt allerdings zur letzten Vorhersage. Demnach werden wir auch morgen noch vor allem wahlweise mit der eisernen Genua bzw. dem Flautenschieber Meilen machen müssen. Immerhin halten wir dabei direkt auf die Azoren zu.

Gegen Mitternacht taucht dann doch mal wieder ein AIS-Signal auf. Der 200m-Frachter Federal Franklin geht gut 15sm hinter uns durch. So ganz alleine sind wir anscheinend doch nicht.

Freitag, 27. Mai 2022 – Vom Wannsee-Feeling in die Schräglage

Der Morgen empfängt uns mit Pottenflaute und öligem Wasser. So nennen wir das, wenn nicht das kleinste Kräuselchen auf dem Wasser spielt, sondern sich das Meer wie eine leicht wellige Klarsichtfolie präsentiert. Immer wieder faszinierend. Schließlich sind wir hier ja mitten auf einem Ozean und nicht am Berliner Wannsee. Doch in den Doldrums ist das gar nicht mal soooo ungewöhnlich. Uns bleibt nichts weiter übrig, als das Früstück zum sonoren Hintergrundbrummen des Motors zu nehmen.

Pottenflaute…

Dann ist da auch noch die Sache mit den Zeitzonen. Die Universal Time Coordinated = UTC (früher bzw. heute noch in England Greenwich Time) ist der Ausgangspunkt. Wir sind in Französisch Guyana bei UTC-3 gestartet. Eine Sommerzeit gibt es in den Tropen nicht. Deutschland liegt normaler Weise bei UTC+1, Im Sommer jedoch bei UTC+2. Wir sind also fünf Stunden hinterher. Die Azoren haben UTC-1, bzw. im Sommer UTC-Zeit. Unser Ziel ist uns drei Stunden voraus. Auf dem Weg dorthin müssen wir also dreimal die Uhr um eine Stunde vorstellen. Bevorzugt natürlich, wenn wir in West-Ost-Richtung Meilen machen. Aber wie und wann die Sommerzeit berücksichtigen?

Wir haben uns jetzt darauf geeinigt, das anhand des Sonnenaufgangs zu machen. Auf den Azoren geht sie nach lokaler Zeit um 6:30 Uhr auf. Bei uns war es heute 5:30 Uhr. Ergo: erste Zeitumstellung an Bord der Samai.

Bordzeit 16 Uhr (UTC-2): Wind kommt auf. Die Segel beginnen sich zu blähen. Die Samai segelt schneller und schneller Einige Eltern unter unseren Leser haben es vielleicht erkannt. Diese Einleitung ist von der Kinderbuchreihe Das magische Baumhaus inspiriert. Wer diese mit altersmäßig passendem Nachwuchs im Haus nicht kennt, sollte ruhig mal einen Blick rein werfen unserer Meinung nach lohnt es sich!

Die Nacht beschert uns traumhaftes Segeln. Im wahrsten Sinn des Wortes! Während die Samai durch zunehmende Wellenberge pflügt, schlummert die Crew mehr oder weniger fest in ihren Kojen und gibt sich der Traumwelt hin. Selbst der Skipper auf Nachtwache schafft es in seinen Nickerchen für den einen oder anderen kurzen Abstecher bis ins Reich der Träume vorzudringen. Traumhaftes Segeln halt. ;-)

Oder vielleicht auch nicht. Anfangs segeln mit mit Vollzeug bei 4Bft. am Wind Richtung Norden. Das ist zwar nicht die Richtung, in der die Azoren liegen, aber einen besseren Kurs gibt der Wind nicht her. Im Laufe der Nacht nimmt er noch zu. Kurz vor 2 Uhr verkleinere ich das Großsegel ins erste Reff. Kurz nach 4 Uhr nehme ich es sogar ins zweite Reff. Der Wind liegt inzwischen bei konstant 5Bft. und kratzt unter dunklen Wolken auch schon mal an der 6 wahre Windgeschwindigkeit. Wir segeln mal wieder am Wind und damit scheinbar ohnehin dauerhaft mit gut 6 Bft.

Verlust des Tages: Die Toilettentür ist in den Atlantikwellen der letzten Tage wohl das ein oder andere Mal zu oft zugeknallt. Passiert halt. Aber muss deswegen denn gleich der Schließmechanismus nicht mehr funktionieren? Die Falle (den Begriff musste ich selbst nachschlagen ;-) bleibt schlicht im Türschloss verschwunden. Ich vermute mal, dass die Feder gebrochen ist. Wenn dem so ist, werde ich auf den Azoren wohl das Schloss der Toilette mit der Tür der Achterkabine tauschen. Bis dahin wird das schon gehen…

Samstag, 28. Mai 2022 – Entspannung auf See

Die unruhige Nacht hat La Skipper etwas zugesetzt. Den Vormittag genießt sie vor allem im Cockpit liegend den Ausblick auf das blaue Meer. Am Nachmittag wohnt sie die zur Liegefläche ausgebaute Couch im Salon ab. Es ist ohnehin ein eher ereignisloser Tag. Die Sonne scheint zwischen lockerer Bewölkung. Der Wind weht relativ konstant mit 3-5Bft. und dreht langsam auf Ost. Das ist wenn schon nicht perfekt, so doch besser für uns. Wir passen die Segelfläche an und konzentrieren uns mit den Kindern die Schulfächer, welche bei 2m-Wellen machbar sind. Letztlich ein ganz normaler, ja fast schon langweiliger Tag auf dem Atlantik.

Mit einer kleinen Ausnahme. Heute sehen wir abgesehen von den üblichen, gefiederten Begleitern noch ein paar andere Tiere. Alte Bekannte von vor knapp drei Jahren auf dem Atlantik. Ansonsten hätten wir sie wahrscheinlich auch nicht auf Anhieb erkannt: Portugiesische Galeeren. Unter Wasser können die Tentakel dieser Staatsquallen bis zu 50m lang werden. Über Wasser sieht man dagegen nur ein kleines, unscheinbares, oft rosa schimmerndes Segel. Faszinierende Wesen…

Abends gibt es gebratene Polenta. Das Gericht ist eine Inspiration aus dem argentinischen Ushuaia, wo es der brasilianische Segler Eduardo bei gemeinsamen Quarantäne-Abenden servierte. Dazu reicht der Skipper Würstchen im Brotteig. Ein Eigengewächs. Zusammengenommen noch so ein leckeres Essen, das auf der Samai fast immer gut geht sogar Maila mag es!

So segeln wir in die letzte Nacht der zweiten Woche auf See. Von den Meilen her haben wir schon jetzt mehr im Kielwasser, als bei unserer Atlantiküberquerung im (Nord-)Herbst 2019 von den Kap Verden nach Brasilien. Trotzdem werden wir noch gut eine weitere Woche bis zu den Azoren brauchen zumindest wenn die Winde uns gewogen sind…

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