Atlantik Tag 12-14: Wind kommt auf…

Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantikueberquerung

Donnerstag, 26. Mai 2022 – Alleine auf dem Atlantik

Nach einer ausgesprochen ruhigen Nacht unter Motor empfaengt uns ein sonniger Morgen. Weit und breit nichts zu sehen ausser Himmel, Sonne, Wolken und Meer. Da kann man sich schon alleine fuehlen. Das sind wir wohl auch. Der letzte AIS-Kontakt ist zwei Tage her. Wobei wir aber hin und wieder mal den Kondensstreifen der Zivilisation am Himmel sehen. Leider sehen wir selbst hier auf dem offenen Ozean auch immer wieder andere zivilisatorische Anzeichen umherschwimmen: Muell! :-(

Und das, obwohl das naechste Land ziemlich weit weg ist. Die Karibik liegt ca. 800sm / 1.500km hinter uns, Bermuda ebenso weit weg links von uns. Die Azoren liegen ca. 1.300sm / 2.400km vor uns, die Kap Verden noch weiter weg rechts von uns. Und mitten drin zieht eine Familie auf der Samai ihre Bahn…

Auch die Tierwelt haelt sich dezent zurueck. Nur ein einziges Mal haben wir bisher die Rueckenflossen zweier Delfine gesehen. Sie waren schnell verschwunden. Wale? Fehlanzeige. Fische? Ebenso. Wobei das mit dem Angeln hier aber auch schwierig ist. Einerseits schwimmt immer wieder mal mehr und mal weniger von diesem hellbraunen Kraut umher. Davon fangen wir reichlich. Es nervt aber schon, spaetestens alle 10 Minuten die Angel einzuholen, um den Haken von Bewuchs zu befreien. Andererseits sind da dann noch unsere einzigen regelmaessigen Besucher: Voegel. Vor allem Sturmtaucher tummeln sich oefters um die Samai und auch den Angelkoeder herum. Doch davon moechte Samuel lieber selbst noch ausfuehrlich erzaehlen. Immerhin hat er in der letzten Woche schon weit ueber tausend (sic!) Vogelfotos geschossen und sitzt bereits jetzt am Auswahlverfahren.

Auch der Wind haelt sich dezent zurueck. Immerhin zweieinhalb Stunden koennen wir heute segeln und schaffen dabei gerade mal 7sm. Ansonsten brummt der Motor. Das passt allerdings zur letzten Vorhersage. Demnach werden wir auch morgen noch vor allem wahlweise mit der eisernen Genua bzw. dem Flautenschieber Meilen machen muessen. Immerhin halten wir dabei direkt auf die Azoren zu.

Gegen Mitternacht taucht dann doch mal wieder ein AIS-Signal auf. Der 200m-Frachter Federal Franklin geht gut 15sm hinter uns durch. So ganz alleine sind wir anscheinend doch nicht.

Freitag, 27. Mai 2022 Vom Wannsee-Feeling in die Schraeglage

Der Morgen empfaengt uns mit Pottenflaute und oeligem Wasser. So nennen wir das, wenn nicht das kleinste Kraeuselchen auf dem Wasser spielt, sondern sich das Meer wie eine leicht wellige Klarsichtfolie praesentiert. Immer wieder faszinierend. Schliesslich sind wir hier ja mitten auf einem Ozean und nicht am Berliner Wannsee. Doch in den Doldrums ist das gar nicht mal soooo ungewoehnlich. Uns bleibt nichts weiter uebrig, als das Fruestueck zum sonoren Hintergrundbrummen des Motors zu nehmen.

Dann ist da auch noch die Sache mit den Zeitzonen. Die Universal Time Coordinated = UTC (frueher bzw. heute noch in England Greenwich Time) ist der Ausgangspunkt. Wir sind in Franzoesisch Guyana bei UTC-3 gestartet. Eine Sommerzeit gibt es in den Tropen nicht. Deutschland liegt normaler Weise bei UTC+1, Im Sommer jedoch bei UTC+2. Wir sind also fuenf Stunden hinterher. Die Azoren haben UTC-1, bzw. im Sommer UTC-Zeit. Unser Ziel ist uns drei Stunden voraus. Auf dem Weg dorthin muessen wir also dreimal die Uhr um eine Stunde vorstellen. Bevorzugt natuerlich, wenn wir in West-Ost-Richtung Meilen machen. Aber wie und wann die Sommerzeit beruecksichtigen?

Wir haben uns jetzt darauf geeinigt, das anhand des Sonnenaufgangs zu machen. Auf den Azoren geht sie nach lokaler Zeit um 6:30 Uhr auf. Bei uns war es heute 5:30 Uhr. Ergo: erste Zeitumstellung an Bord der Samai.

Bordzeit 16 Uhr (UTC-2): Wind kommt auf. Die Segel beginnen sich zu blaehen. Die Samai segelt schneller und schneller Einige Eltern unter unseren Leser haben es vielleicht erkannt. Diese Einleitung ist von der Kinderbuchreihe Das magische Baumhaus inspiriert. Wer diese mit altersmaessig passendem Nachwuchs im Haus nicht kennt, sollte ruhig mal einen Blick rein werfen unserer Meinung nach lohnt es sich!

Die Nacht beschert uns traumhaftes Segeln. Im wahrsten Sinn des Wortes! Waehrend die Samai durch zunehmende Wellenberge pfluegt, schlummert die Crew mehr oder weniger fest in ihren Kojen und gibt sich der Traumwelt hin. Selbst der Skipper auf Nachtwache schafft es in seinen Nickerchen fuer den einen oder anderen kurzen Abstecher bis ins Reich der Traeume vorzudringen. Traumhaftes Segeln halt. ;-)

Oder vielleicht auch nicht. Anfangs segeln mit mit Vollzeug bei 4Bft. am Wind Richtung Norden. Das ist zwar nicht die Richtung, in der die Azoren liegen, aber einen besseren Kurs gibt der Wind nicht her. Im Laufe der Nacht nimmt er noch zu. Kurz vor 2 Uhr verkleinere ich das Grosssegel ins erste Reff. Kurz nach 4 Uhr nehme ich es sogar ins zweite Reff. Der Wind liegt inzwischen bei konstant 5Bft. und kratzt unter dunklen Wolken auch schon mal an der 6 wahre Windgeschwindigkeit. Wir segeln mal wieder am Wind und damit scheinbar ohnehin dauerhaft mit gut 6 Bft.

Verlust des Tages: Die Toilettentuer ist in den Atlantikwellen der letzten Tage wohl das ein oder andere Mal zu oft zugeknallt. Passiert halt. Aber muss deswegen denn gleich der Schliessmechanismus nicht mehr funktionieren? Die Falle (den Begriff musste ich selbst nachschlagen ;-) bleibt schlicht im Tuerschloss verschwunden. Ich vermute mal, dass die Feder gebrochen ist. Wenn dem so ist, werde ich auf den Azoren wohl das Schloss der Toilette mit der Tuer der Achterkabine tauschen. Bis dahin wird das schon gehen…

Samstag, 28. Mai 2022

Die unruhige Nacht hat La Skipper etwas zugesetzt. Den Vormittag geniesst sie vor allem im Cockpit liegend den Ausblick auf das blaue Meer. Am Nachmittag wohnt sie die zur Liegeflaeche ausgebaute Couch im Salon ab. Es ist ohnehin ein eher ereignisloser Tag. Die Sonne scheint zwischen lockerer Bewoelkung. Der Wind weht relativ konstant mit 3-5Bft. und dreht langsam auf Ost. Das ist wenn schon nicht perfekt, so doch besser fuer uns. Wir passen die Segelflaeche an und konzentrieren uns mit den Kindern die Schulfaecher, welche bei 2m-Wellen machbar sind. Letztlich ein ganz normaler, ja fast schon langweiliger Tag auf dem Atlantik.

Mit einer kleinen Ausnahme. Heute sehen wir abgesehen von den ueblichen, gefiederten Begleitern noch ein paar andere Tiere. Alte Bekannte von vor knapp drei Jahren auf dem Atlantik. Ansonsten haetten wir sie wahrscheinlich auch nicht auf Anhieb erkannt: Portugiesische Galeeren. Unter Wasser koennen die Tentakel dieser Staatsquallen bis zu 50m lang werden. Ueber Wasser sieht man dagegen nur ein kleines, unscheinbares, oft rosa schimmendes Segel. Faszinierende Wesen…

Abends gibt es gebratene Polenta. Das Gericht ist eine Inspiration aus dem argentinischen Ushuaia, wo es der brasilianische Segler Eduardo bei gemeinsamen Quarantaene-Abenden servierte. Dazu reicht der Skipper Wuerstchen im Brotteig. Ein Eigengewaechs. Zusammengenommen noch so ein leckeres Essen, das auf der Samai fast immer gut geht sogar Maila mag es!

So segeln wir in die letzte Nacht der zweiten Woche auf See. Von den Meilen her haben wir schon jetzt mehr im Kielwasser, als bei unserer Atlantikueberquerung im (Nord-)Herbst 2019 von den Kap Verden nach Brasilien. Trotzdem werden wir noch gut eine weitere Woche bis zu den Azoren brauchen zumindest wenn die Winde uns gewogen sind…

Hinweis: Dieser Beitrag wurde per Satellitentelefon ueber Sailmail eingestellt! Das hat zwei Auswirkungen. Einerseits gibt es weder Umlaute noch sz. Andererseits beinhaltet er keine Bilder. Ersteres wird korrigiert, letztere nachgereicht… bei Gelegenheit

Nur sporadisch koennen wir Kommentare lesen und die zur Veroeffentlichung ggf. notwendige Genehmigung erteilen. Das gilt natuerlich auch fuer unsere unter der Woche eingeplanten Beitraege. Auf Kommentare antworten koennen (und werden!) wir jedoch erst, wenn mal wieder richtiger Internetzugang besteht das soll jedoch bitte niemanden vom Schreiben abhalten!

Atlantik Tag 8-11: Baden und Segeln in den Doldrums

Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantikueberquerung

Vorab ein kurzer Hinweis zu unserem Track bei Spotwalla: Leider ist mir beim 8. Etmal am 23. Mai ein Fehler unterlaufen. Die falsche Position liegt 1° zu weit noerdlich. Daher sieht es so aus, als waeren wir erst hoch und dann wieder runter gefahren. Das ist nicht der Fall. Die korrekte Position ist zusaetzlich eingestellt. Wenn wir wieder „richtig“ online sind, kuemmere ich mich darum, dass die falsche Posi geloescht wird.

Sonntag, 22. Mai 2022 – Kollisionskurs auf dem Weg in die Doldrums

Die Nacht verlaeuft solange ruhig, bis die Crystal Angel auf dem AIS erscheint. Da sieht man nach Tagen mal wieder ein anderes Schiff und natuerlich ist es auf direktem Kollisionskurs. Typisch! Ebenso erfreulich ist, dass der Tanker rechtzeitig seinen Kurs aendert um gut eine Seemeile hinter uns durchzufahren. Vorbildlich!

Kurzer Einschub fuer Nichtsegler: Vielleicht fragt sich jetzt der eine oder die andere, warum ein 230m-Tanker so einem kleinen 12m-Segelboot wie uns ausweicht. Die Antwort findet sich in den international gueltigen Kollisionsverhuetungsregen. Darin wird unter vielem Anderen geregelt, wie sich zwei begegnende Boote verhalten sollen. Nein, da steht nichts von Vorfahrt. Das ist der deutschen Seeschifffahrtstrassenverordnung vorbehalten. International gibt es entweder die Pflicht, Kurs und Geschwindigkeit beizubehalten oder die Pflicht auszuweichen.

Was die Schiffstypen angeht, gibt es eine gewisse Rangfolge. Zum Beispiel muessen (vereinfacht gesagt) alle anderen Schiffe Fischern (bei der Arbeit) ausweichen. Das letztere es beim Fischen mit dem Kurshalten nicht so genau nehmen, ist wenig verwunderlich und allgemein bekannt. Treffen ein Motorboot und ein Segelboot (unter Segeln!) aufeinander, so muss das Motorboot ausweichen. Und die Samai ist aktuell nun mal ein Segelboot und ein Tanker ist unbestritten ein Motorboot. Darum ist er uns ausgewichen.

Der Wetterbericht ist so la-la. Klar ist, dass der Wind weiter nachlassen wird. Das ist auch wenig verwunderlich, schliesslich kommen wir so langsam die die Breiten der Doldrums.

Kurzer Einschub fuer Nichtsegler: Wir wuerden echt gerne direkt von Suedamerika zu den Azoren segeln. Geht aber nicht. Rund um den Aequator weht der Passatwind bestaendig aus (hier aktuell nord-)oestlicher Richtung. Darum segeln wir auch gerade eher nach Norden. Weiter oben haben wir die auch fuer das Wetter in Europa massgebliche Westwindzone. Spaetestens dort werden wir Richtung Osten abbiegen. Und dazwischen? Tja, da sind die Doldrums. Mal breiter, mal schmaler ist das ein Bereich mit wenig bis gar keinem Wind. Fuer Segler ein Albtraum. Und da muessen wir irgendwie durch…

Frueher konnten die Doldrums fuer Segelboote eine echte Gefahr darstellen, wenn diese tagelang bei Flaute vor sich hinduempelten. Heute kann man natuerlich auch noch warten und duempeln. Alternativ wirft man den Motor an. Wir bevorzugen, auch im Sinne unserer immer noch aufzufuellenden Wasservorraete, meist letzteres.

Verlust des Tages: Am Nachmittag werfe ich einen Blick in unsere Nudelvorraete. Manch einer mag denken: Na was soll da schon sein?. Segler-Antwort: Kleine schwarze Krabbeldinger. Bei Pappkartons mag das ja noch hinkommen, aber in Plastikverpackungen? Keine Ahnung, wie die da rein kommen. Muss wohl schon bei der Produktion passiert sein. Uns kostet das heute fuenf Fusilli-Packungen. Auch zwei grosse Spaghetti-Packungen sehen nicht so gut aus und werden folgerichtig gleich mal gekocht. 2kg Nudeln. Der Speiseplan der naechsten Tage steht.

Montag, 23. Mai 2022 – Badepause, Bootsarbeiten und kein Fisch

Allmaehlich beginnt das unschoene Spiel mit dem fehlenden Wind. Wir motoren durch die Nacht mit direktem Kurs Richtung Azoren. Der neue Wetterbericht am Morgen laesst uns nach Norden abbiegen. Auf der Suche nach wenigstens etwas Wind in der vorhergesagt großen Flaute.

Eigentlich der perfekte Zeitpunkt fuer eine Badepause. Gut eine Stunde lassen wir uns treiben und springen in den tiefblauen Atlantik. Unter uns sind etwa 5km Wasser. Das nenne ich mal ein tiefes Schwimmbad. Anschließend hauen wir einiges von dem gerade frisch gemachten Wasser raus und duschen uns alle mal wieder so richtig sauber. Wurde auch langsam Zeit.

Ansonsten nutze ich die Ruhe fuer ein paar Kleinigkeiten an Bord. Ich lege endlich die Bilge trocken und wechsle den Filter vom Wassermacher. Auch das hat der sich inzwischen hochverdient. Danach kuemmern wir uns um die Großschot. Die hat im Laufe der Zeit ordentlich Twist bekommen und verdreht nun immer mal wieder die Leinenfuehrung unter dem Segel. Nichts, was man nicht rausdrehen koennte. Schließlich klariere ich noch die beidseits vom Cockpit nach vorne fuehrenden Strecktaue. Daran kann man sich bei unruhigem Wetter und nachts einpicken um nicht ueber Bord zu gehen. Leider war ich beim letzten Mal Einfaedeln der Vorsegelleinen etwas unaufmerksam. Die Schoten lagen einer lueckenlose Nutzung der Strecktaue im Weg. Das ist nun auch wieder in Ordnung.

Am Nachmittag meldet sich die Angel. Sie biegt sich richtig durch. Offensichtlich ein großes Ding am Haken. Samuel eilt hin und versucht den Fang einzuholen. Leider vergeblich. Spaeter schwoert er Stein und Bein, dabei eine Hai-aehnliche Rueckenflosse gesehen zu haben. Vielleicht ganz gut, dass er entwischt ist?! So essen wir unseren improvisierten Nudelauflauf aus der Pfanne vegetarisch.

Immerhin koennen wir heute noch ganze acht Stunden segeln. Trotz angesagter Flaute. Am Ende bekommen wir unter einer dunklen Wolke sogar gut 5 Bft. ins Segel gepustet. Danach geht es jedoch innerhalb von 10min auf 5kn runter. Segel rein. Entspannt motoren wir durch den Rest der Nacht.

Dienstag, 24. Mai 2022 – Raus aus den Tropen

Schon vor Sonnenaufgang sehe ich eine Ansammlung von AIS-Signalen. Ein Schiff mit offensichtlich ostasiatischem Namen und seine fuenf Bojen. Ein Fischer bei der Arbeit. Aber lassen wir uns das in Ruhe auf den Zeilen zergehen. Ein chinesisches Fischerboot von 45x8m setzt im Atlantik gut 500sm nordoestlich der Karibik auf einer Laenge von fast 15sm (fuer Ostseekenner zum Vergleich: Kuehlungsborn-Rostock sind ca. 12sm!) seine Bojen aus und fischt das Meer leer?! Internationale Gewaesser. Keiner ist zustaendig. Jeder darf (fast) alles. Perfekter Ort fuer das perfekte Verbrechen. Ideal auch fuer opportunistisches Verhalten. Und letzteres ist meiner bescheidenen Meinung nach Hauptgrund dafuer, dass die Welt allmaehlich vor die Hunde geht. :-(

Ebenfalls kurz vor Sonnenaufgang queren wir auf 23°26N den noerdlichen Wendekreis des Krebses. Auf diesem Breitengrad steht einmal im Jahr, genau zur noerdlichen Sommersonnenwende unser Zentralgestirn im Zenit. Und offiziell bezeichnen die Wendekreise zugleich das Ende der Tropen. Mehr als ein Jahr und vier Monaten nachdem wir vor Chile den suedlichen Wendekreis gequert haben, erreichen wir wieder gemaessigte Breiten.

Morgens mache ich spontan einen Nudelsalat. Das ist immer gut fuer ein kleines Huengerchen zwischendurch. Wie es der Zufall so will, habe ich da noch ein paar Spaghetti im Kuehlschrank gefunden… ;-) Abends gibt es zur Abwechslung dagegen mal Reis mit Zwiebel-Pilz-Pfanne.

Wir werden langsamer. Motor und Segel halten sich heute zeitlich so in etwa die Waage. Ueber Mittag fuellen wir unseren gesamten Vorrat an Wasserflaschen auf. Am Nachmittag geniessen wir bei strahlenden Sonnenschein und teilweise nur 2-3 Bft. entspanntes Duempel-Cruisen unter Segeln. Wenigstens scheint die Sonne. Abends nochmal Motor an, den Grossteil der Nacht koennen wir aber, wenn schon nicht rasend schnell, so doch entspannt segeln.

Mittwoch, 25. Mai 2022 – Kurs Azoren noch!

Bestaendiger Wind waere schoen. Ist hier aber nicht. Am Vormittag muessen wir wieder den Motor anwerfen. Der Wassermacher draengt die letzte Luft aus dem Wassertank. Zumindest kann die Fock als Unterstuetzung stehen bleiben. Und zumindest fahren wir (fast) direkten Kurs auf die Azoren im Nordosten von uns. Luftlinie sind es kein 1.500sm mehr. Seit Franzoesisch-Guyana haben wir fast 1.300sm im Kielwasser gelassen. Kurz vor der Halbzeit? Wohl kaum.

Der aktuelle Wetterbericht stimmt nicht optimistisch. Erst Flaute, dann Nordost-Wind auf die Nase, der auf Ost dreht. Damit sollten wir Richtung Norden segeln koennen. Direkt auf das Zentrum des zugehoerigen grossen Hochdruckgebietes. Danach dreht der Wind dann auf Nord, was wir mit einem Ostkurs kontern muessten. Naechste Woche kommt es dann ganz dicke von Norden runter, so dass wir uns besser suedlich der Azoren halten sollten. Also wie denn nun Zick-Zack zum Ziel?!

Allerdings ist das alles natuerlich mit einem grossen Vorbehalt zu sehen. Gerade in dieser Gegend ist die Halbwertszeit eines Wetterberichts erschreckend kurz und einer Vorhersage der kommenden Woche in der Regel kaum mehr Wert beizumessen, als dem beruehmten Blick in die Kristallkugel. Insofern hoffen wir trotz der wenig erfreulichen Grundtendenz auf das Beste.

Abends wird es Zeit, sich endlich mal um die letzten Spaghettireste zu kuemmern mit Pesto fuer die Maedels gebraten fuer die Jungs das geht immer!

Hinweis: Dieser Beitrag wurde per Satellitentelefon ueber Sailmail eingestellt! Das hat zwei Auswirkungen. Einerseits gibt es weder Umlaute noch sz. Andererseits beinhaltet er keine Bilder. Ersteres wird korrigiert, letztere nachgereicht… bei Gelegenheit
Nur sporadisch koennen wir Kommentare lesen und die zur Veroeffentlichung ggf. notwendige Genehmigung erteilen. Das gilt natuerlich auch fuer unsere unter der Woche eingeplanten Beitraege. Auf Kommentare antworten koennen (und werden!) wir jedoch erst, wenn mal wieder richtiger Internetzugang besteht das soll jedoch bitte niemanden vom Schreiben abhalten!

Camp de la Transportation (oder Papillon zum Ersten)

17. April 2022

Das Camp de la Transportation liegt direkt am Ufer des Maroni. Von unserer Mooring schauen wir auf die hinter der Außenmauer emporragenden Gebäude. Der Eingang liegt nur gut 100m vom Dinghy-Steg entfernt. Erst 1995 als historisches Denkmal eingestuft, beherbergt das ehemalige Camp heute unter anderem ein Museum. Normalerweise werden Führungen auf Französisch angeboten. Doch vor der ersten offiziellen Tour am Ostersonntag hat der zweisprachige Guide noch Zeit. So kommen wir in den Genuss einer englischsprachigen Privatführung.

Das Camp ist 235m lang und 120m breit. Hinter dem Eingangstor empfangen uns beidseits die ehemaligen Verwaltungsgebäude. Rechtehand duckt sich ein besonders zwiespältiges Gebäude an die Außenmauer. Einerseits Küche und Kapelle für sonntägliche Gottesdienste befindet sich hier auch der Bereich, in dem die Gefängnisärzte anthropologische Studien zur Identifizierung krimineller Profile durchführen. Dahinter sehen wir eine der „Wäschereien“. Hier durften die Gefangenen einmal im Monat(!) ihre Kleidung reinigen. Mit Wasser und ohne Seife.

Verwaltungsgebäude
Wäscherei sowie Kirche-„Kriminalitätsforschung“-Küche

Den Großteil des allgemein zugänglichen Bereichs nehmen 12 teils doppelstöckige Gebäude ein. Früher schlafen in jeder Etage offiziell 50 Häftlinge. Aus den rechnerisch 900 Plätzen werden in der Realität jedoch bis zu 1.500! Heute sind die Gebäude für unterschiedliche Zwecke genutzt.

Ein knappes Drittel des Camp umfasst den nur mit Guide zugänglichen Bereich der „disziplinarischen Quartiere“. Durch die Kleiderausgabe gehen wir direkt auf die Tore des 1889 eingerichteten Gefängnisgerichts. Hier werden insbesondere gefängnisinterne Straftaten und die Fälle wieder straffällig gewordener Freigelassener verhandelt. Alle 2-3 Monate erwarten etwa 20 Häftlinge ihre Strafe. Üblich sind ab 6 Monate bis zu 5 Jahre Einzel- oder Isolationshaft. Das beinhaltet auch Dunkel- oder Offenhaft auf den Îles de Salut (Saint-Joseph). Ersteres ist selbsterklärend. Bei letzteren ist die Einzelzelle oben offen und der Insasse somit direkt tropischer Sonne und Regen ausgesetzt. Und natürlich werden auch direkt durch die Guillotine vollstreckte Todesurteile gefällt.

Original Lore… u.a. zum sträflingsbetriebenen Wächtertransport

Auf der einen Seite finden sich spezielle Quartiere für besonders harte Fälle sowie Rückfällige. Je nach Fall ist man in Gruppenräumen oder Einzelhaft untergebracht.

Auf der anderen Seite betreten wir den Disziplinarabereich. Ein Hof des Grauens. Vier Blockhäuser empfangen uns. In der Mitte ein Gang, rechts und links Steinpritschen, ein kleines Klo. Sie bieten offiziell Platz für jeweils 40 Männer. Tatsächlich werden oft doppelt so viele hinein gepfercht. Je nach Strafe sind sie bis zu 22 Stunden am Tag an den Knöcheln fixiert. Nachts werden die Fenster geschlossen. Drei Monate hier drin sind Minimum.

Nummer 1 von 4
Ausgelegt für 40…
… belegt mit bis zu 80 Sträflingen.

Dahinter öffnet sich der Hof etwas. Große Mangobäume spenden heute Schatten. Damals ist alles ein offener Sandplatz.

Erster Hof

Zwölf Zellen stehen exklusiv den zum Tode Verurteilten zur Verfügung. Am Vortag der Exekution wird die Guillotine aufgebaut. In dessen Angesicht gibt es noch eine Henkersmahlzeit, einen Liter Wein, ein Glas Rum und eine Zigarette. Dann werden Entlassungspapiere unterschrieben. Schließlich dürfen Häftlinge offiziell nicht hingerichtet werden. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass etwas schief geht, ist der Delinquent danach frei. Das ist jedoch niemals passiert.

Todeszellen
Der Guide demonstriert die Guillotine
Nach einer blutigen Hinrichtung färbte sich das Brunnenwasser schon mal rötlich

Ein weiterer Block mit 20 Zellen ist für die Häftlinge reserviert, die auf ihre Deportation auf die Îles du Salut (aka Teufelsinseln) warten.

Warten auf die Weiterfahrt…
Nachbau für eine Dokumentation
Originale Ritzzeichnung

Dahinter sind in einem zweiten Hof schließlich noch weitere Quartiere mit Einzelzellen für „spezielle Fälle“.

Hier ist auch Zelle Nummer 47. Auf dem Boden hat einer der bekanntesten Insassen des Gefängnisses seinen Spitznamen eingeritzt: Papillon.

Die Strafkolonie Französisch-Guyana

In seinen zwei autobiographisch inspirierten Romanen „Papillon“ und „Banco“ schildert der Franzose Henri Charrière unter anderem seine Erfahrungen in Französisch-Guyana. Schon kurz nach seinem Erscheinen wurde das Buch zwar künstlerisch frei, trotzdem sehr eindringlich mit Steven McQueen und Dustin Hoffman verfilmt. Wo sonst, wenn nicht hier, schauen wir (außer Maila!) ihn uns nochmal an. Die Neuverfilmung von 2017 kennen wir dagegen (noch?!) nicht.

Auch wenn Henri Charrière eigene Erlebnisse mit den Erzählungen von Mitgefangenen und einer Portion künstlerischer Freiheit vermischt, so zeichnet sich doch ein bedrückendes Bild der Bedingungen in dieser berüchtigten Strafkolonie, das sicher nicht allzuweit von der Wahrheit entfernt ist. Schon gar nicht, wenn man den Erzählungen unseres kundigen Guides Glaube schenkt. Doch beginnen wir mit einem kurzen Abriss der Geschichte.

Seit 1604 siedeln Franzosen auf dem Gebiet des heutigen Französisch-Guyana. Die Kolonie ist einige der wenigen, die Frankreich nach dem Pariser Frieden von 1763 erhalten bleibt. Daraufhin werden tausende Siedler entsandt, von denen aber nur einige Hundert die feindselige, einheimische Bevölkerung sowie Tropenkrankheiten überleben. Sie flüchten auf die drei kleinen, vorgelagerten Îles du Salut. Damit ist der schlechte Ruf von Französisch-Guyana erst einmal besiegelt. Ein verlockendes Ziel für Verbannungen! 1794 sind es 193 Anhänger des gerade hingerichteten Robbespierre. Nach einem Staatsstreich 1797 folgen ein General mit zahlreichen Abgeordneten und Journalisten. Da waren von den ersten 193 Verbannten nur noch 54 übrig geblieben.

Mit der Ankunft einer ersten Schiffsladung Sträflingen im Jahr 1852 beginnt dann die eigentliche Geschichte der (übrigens von Australien inspirierten) Strafkolonie in Französisch-Guyana. Erste Aufgabe der Neuankömmlinge ist der Aufbau ihres eigenen Gefängnisses. Ab 1885 wird dann jeder hierher abgeschoben, der für mehr als drei Diebstähle zu mehr als 3 Monaten Haft verurteilt ist. Nach sechs Monaten im Gefängnis werden sie als Siedler in die Kolonie entlassen. Damit möchte man einerseits Gewohnheitskriminelle loswerden, andererseits die Zahl der Siedler erhöhen. Ein großer Fehlschlag. Die Entlassenen können sich keine Lebensgrundlage schaffen und werden erneut straffällig. Faktisch ist die Abschiebung nach Französisch-Guyana eine lebenslange Haftstrafe, die wegen Unterernährung und Krankheiten jedoch dann auch wieder nicht allzu lang gerät.

La peine du bagnard (Der Schmerz der Sträflings)

Erster Anlaufpunkt ist das „Camp de la Transportation“ in Saint-Laurent-du-Maroni. Nur einen Steinwurf vom Dinghy-Steg entfernt. Hier werden die Gefangenen erfasst und auf eines der insgesamt 30 Lager, Camps und Zuchthäuser im Land verteilt. Das Camp ist bei den Gefangenen beliebt. Die hier Verbliebenden arbeiten meist in der Verwaltung und werden besser behandelt als andere Sträflinge. Seit 1912 gibt es ein Krankenhaus, in dem man als simulierter Kranker Fluchtpläne schmieden kann.

Ansonsten sind die Bedingungen in der Strafkolonie nur unmenschlich zu nennen. Zwangsarbeit, willkürliche Bestrafungen, korrupte Wächter… ein Potpourri Realität gewordener Albträume. Erst 1923 kommt durch Albert Londres öffentliche Kritik auf, 1934 schaffen es die ersten entlassenen Häftlinge zurück nach Frankreich und 1938 wird die offiziell 1946 umgesetzte Schließung entschieden. Doch erst 1953 verlassen die letzten 132 repatriierten Häftlinge das sogenannte „Land der schweren Bestrafung“.

In den gut 100 Jahren von 1852 bis 1953 werden in Französisch-Guyana etwa 70.000 Sträflinge gefangen gehalten. Nicht nur gut 52.000 Schwerkriminelle und über 17.000 Wiederholungstäter. Ebenso gerne werden politische Gefangene oder – als solche verurteilte – Landesverräter (z.B. Alfred Dreyfus) hierher gebracht. Nur wenige haben das Land jemals wieder lebend verlassen. Und doch ist das nur ein weiteres, kleines Kapitel der dunklen Kolonialgeschichte.

Mein Dinghy ist nicht dein Dinghy!

Uns wurde geraten, das Beiboot am Dinghy-Steg dann doch schon ein bisschen zu sichern. Nicht direkt zugänglich festmachen. Sonst setzt sich schon mal jemand rein, um gemütlich sein Mittagessen zu genießen. Am Besten auch mit Kette und Schloss sichern. Sonst kommen ein paar Kids auf die Idee zu prüfen, wie schnell die Strömung gerade ist. Doch wir wollen heute nur kurz ein paar Wasserkanister füllen. Da lohnt sich das „Festketten unter der Brücke“ nicht wirklich. Also rücken wir im Trio an. Während die Jungs sich um das Füllen und Schleppen kümmern, sitzt La Skipper im Dinghy und passt auf.

Der Dinghy-Steg ist leider frei zugänglich

Schon auf dem Weg zum kleinen Marina-Office fällt mir der… wie sage ich es, ohne abwertend zu klingen? Es ist ein Mann unbestimmbar-mittleren Alters. Offensichtlich ohne dauerhafte Bleibe. Zwei glänzenden Schnodderlinien führen von der Nase quer über den Bart zur Oberlippe. Er ist gerade dabei, in einem der Mülleimer die weggeworfenen Mittagsboxen nach Resten zu durchsuchen. Als ich vorbei gehe, grinst er mich an.

Später erzählt uns Davide, dass dieser Mann hier ein kleines Problem darstelle. Es ist ein touristischer Platz neben einem Spielplatz, den er anscheinend besonders liebt. Hin und wieder greift er sich unbeobachtete Wasserflaschen, setzt manchmal aber auch zu unappetitlicheren „Spielereien“ an.

Ein knappes Dutzend dieser Männer stromern durch die Stadt. Ihr Hirn haben sie sich schon vor Jahren mit Ecstasy halb weggeblasen. Das Klima erlaubt ganzjähriges Leben unter freiem Himmel. Sie schlagen sich durch die Reste ihres Lebens. In Saint-Laurent-du-Maroni gibt es keine Hilfseinrichtungen für diese Menschen. Unsere spezieller Freund hier am Platz wurde schon einige Male von der Polizei vor die Tore der Stadt zum Dschungel gefahren. Einen Tag später ist er immer wieder da.

Ich bringe gerade zwei Wasserkanister runter zum Anleger. Halb im Weg sitzt Schnoddernase. Er bettelt mich an, aber ich habe nichts dabei. Er grinst. Ich stehen neben dem Dinghy. La Skipper sitzt darin. Da plötzlich, so schnell können wir kaum schauen, sitzt noch jemand vorne im Dinghy… und grinst. Als wir unsere Fassung wieder haben, bedeuten wir ihm mit durchaus kräftiger Stimme, dass er verschwinden soll. Er grinst. Der Schnodder glänzt. Und nun?

Ich überlege, ob mir La Skipper das lose Paddel rausgeben soll. Da ergreift sie selbst die Initiative. Eigentlich wollte ich noch unseren verbogenen Mooringhaken geradeklopfen. Dafür habe ich einen massiven Hammer dabei. Nur leider sitzt unser ungebetener Gast halb darauf. La Skipper beugt sich blitzschnell vor, greift den Hammer und hält ihn drohend in die Höhe: „OUT!“. Nun verschwindet das Grinsen. Wir würden ihn sicherlich niemals mit einem Hammer bearbeiten, aber das weiß er ja nicht. Fast so schnell wie rein, klettert er nun auch wieder raus.

Fortan haben wir vor ihm Ruhe. Trotzdem verketten wir unser Beiboot auch weiterhin immer schlecht erreichbar unter der Brücke. Damit stellen wir klar, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, hier aber nicht wirklich in das kollektive Verhaltensgedächtnis vorgedrungen ist: Mein Dinghy ist nicht dein Dinghy!

Wir bringen das Dinghy lieber in (gefühlte) Sicherheit