Saint-Laurent-du-Maroni

April 2022

Nach Cayenne ist Saint-Laurent-du-Maroni mit offiziell knapp 50.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt in Französisch-Guyana. Obwohl die Marke inzwischen übertroffen sein dürfte. Der Ort hat eine der höchsten Geburtenraten Frankreichs. Ein Grund dafür ist das Kindergeld. 450€ pro Kind und Monat. Bar abzuholen an der Post. Da kann Kinderreichtum zu einem Geschäftsmodell werden. Übrigens auch für Surinamesen. Ist der Nachwuchs in Französisch-Guyana geboren und geht hier zur Schule, fließt das Geld. Da wundert es auch nicht mehr, dass allmorgendlich die aus dem Nachbarland am anderen Flussufer kommenden Pirogen voller Kinder hier anlegen.

Überhaupt diese Pirogen, also um die 10m langen Einbaumboote mit Außenbordmotor. Hunderte soll es hier geben. Der rege Grenzverkehr lässt daran keinen Zweifel aufkommen. Für 5€ hat man schnell übergesetzt. Zur Erinnerung: das hier ist EU-Außengrenze! Ja macht die Küstenwache denn nichts dagegen? Aktuell nicht wirklich. Sie haben kaum mehr als ein kleines Schnellboot zur Verfügung und dafür noch nicht einmal einen eigenen Steg. Da ist der Kampf gegen stündlich dutzendfachen illegalen Grenzübertritt ein Kampf gegen Windmühlen. So sitzen sie meist in ihrem Häuschen mit Flussblick und genießen die Aussicht.

Der Grenzverkehr ist fest in der Hand surinamesischer „Einwanderer“. Von 1986 bis 1992 herrscht im Nachbarland ein Bürgerkrieg. Zu Tausenden kommen Flüchtlinge über den Fluss nach Saint-Laurent-du-Maroni. Ihnen werden neue Häuser gebaut. Sie bleiben. Inzwischen verfallen die Häuser. Man müsste sich halt auch mal darum kümmern. Nun gut… jetzt kümmert sich die französische Regierung um die Instandhaltung. Wer will da schon wieder zurück nach Suriname?

Sozialer Wohnungsbau…
… die übleren Ecken haben wir nicht fotografiert

Dass es auch anders geht, sieht man nur wenig weiter im amerindischen Viertel. Die Nachfahren der Ureinwohner sind genauso arm, wie die Surinamesen um die Ecke. Doch hier sind die Häuser gepflegt, es gibt grüne Vorgärten, auf der Straße fühlt man sich sicher. Tag und Nacht. Ein Gegensatz, der sich auf dem Fluss fortsetzt. Weiter im Landesinneren wird man gerne mal von einer surinamesischen Piroge angehalten und mit Nachdruck zur Übergabe von Wertsachen aufgefordert. Zur Flussmündung hin ist amerindisches Gebiet. Hier ist es sicher. Traurige Realitäten prallen aufeinander.

Eine besondere Anekdote bietet der Fischmarkt. Mit EU-Fördergeldern wird eine vernünftige Infrastruktur erbaut. Mit Kühlung und allem Drum und Dran. Dann stellt irgendjemand jedoch ganz überraschend fest, dass die Fischerboote gar nicht die Voraussetzungen der Kühlkette erfüllen (können). Daraufhin wird das weitgehend fertiggestellte Projekt wieder fallen gelassen… und verfällt. Heute prägen Kühlschränke den lokalen Fischmarkt. Diese verrichten jedoch nicht stehend ihren Daseinszweck, sondern liegen als Pseudo-Kühlboxen in Reih und Glied auf dem Boden. Und wenn man Glück hat, ist sogar hin und wieder etwas Eis darin. Meist jedoch nicht. Wer hier seinen Fisch kauft, braucht wirklich einen ausgesprochen robusten Magen!

Es gibt auch einen zentralen Marktplatz. Vor allem Mittwochs und Samstags wird hier Obst und Gemüse angeboten. Die Herkunft der Verkäufer ist leicht festzustellen. Aus Französisch-Guyana sind all jene, die ihren eigenen Stand haben. Dagegen kommen die Angebote der auf dem Boden ausgebreiteten Decken oder auch die mit Bananen gefüllten Schubkarren aus Suriname. Der kleine Grenzverkehr funktioniert tadellos. Sporadisch sorgt ein meist gelangweilt umherschauende Polizist für gefühlte Sicherheit. Die zentrale Markthalle in der Mitte ist geschlossen. Muss restauriert werden.

Markttag
Das eher inoffizielle Angebot…
… aus Suriname

Überhaupt ist das zentrale Stadtbild vor allem von einem gewissen Verfall geprägt. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die in entsprechenden Vorschriften geforderte, originalgetreue Restaurierung der historischen Bauten zu teuer ist. Da warten die Eigentümer lieber, bis die Bauten zusammenbrechen. Dann darf man dort bauen, wie man will. Kann halt etwas dauern.

Restauration zu teuer…
In sich stimmiges Stadtbild.

Es gibt aber auch ein paar ansehnlichere Ecken. Die kleine Kirche macht zwar nur von außen etwas her. Aber gleich nebenan stehen schön restaurierte Gebäude…

Église Saint-Laurent
Gegenüber: zentrale Einkaufsstraße Avenue Félix Éboué
Daneben: La Mairie (Rathaus) & La Banque de Guyane
Palais de Justice

Falls es zwischen den Zeilen bisher nicht durchgekommen ist, noch eine abschließende Warnung an besuchende Segler. Ja, der Ort hat durchaus seinen Reiz und ist einen Besuch wert. Allerdings ist es ratsam, gut gemeinte Hinweise ernst nehmen. Auf der alten Hauptstraße sollte man maximal bis zum Wasserturm wandern. Darüber hinaus nehme man die neue, viel befahrene Durchgangsstraße. Die Straße am Ufer ist zu Fuß ohnehin tabu. Vor allem abends und nachts. Überhaupt sollten Nachtschwärmer vorsichtig sein. Am Ostersonntag legen wir mit dem Dinghy am Steg an, als uns ein französischer Segler um Mitfahrgelegenheit zu seinem Boot bittet. Er war am Vorabend mit seinem Sohn feiern. Sie wurden ausgeraubt. Alles weg, inklusive Schlüssel zum Dinghy-Schloss. Sein Sohn pennt auf dem Boden vor dem kleinen Hafenbüro und auch der Vater bewegt sich noch sehr bedächtig. Seine Wunde am Arm scheint er (noch) nicht zu bemerken. Er meint „C’est normal!“. Ich bin erschüttert.

Mooringfeld vor Saint-Laurent-du-Maroni

Unser Dank gilt an dieser Stelle dem TO-Stützpunktleiter Davide. Er fährt mit uns auf einer kleinen Rundfahrt durch Stadtviertel, die wir ohne ihn nicht gesehen hätten. Aus gutem Grund. Er erzählt uns Geschichten, die wir ohne ihn nicht gehört hätten und nicht weitererzählen könnten. Unsere gewonnenen Eindrücke bestätigen sein zusammenfassendes Fazit. In Saint-Laurent-du-Maroni ist es wie in einer Grenzstadt des Wilden Westen. Rau und dreckig. Aber auch voller Chancen wenn man sie sieht und gewillt ist, die Ärmel hochzukrempeln.

Jeder neue Tag bringt neue Chancen!

Zur Erinnerung: wir sind in der EU! Es herrscht also „Freizügigkeit“. Aus Paris ist es praktisch nur ein Inlandsflug. Freiwillige vor!

Mit der Piroge in den Sonnenuntergang??? ;-)

Das Insel-Wrack Edith Cavell

Saint-Laurent-du-Maroni, April 2022

Vor Saint-Laurent-du-Maroni liegt eine kleine Insel. So sieht es zumindest aus. Sowohl aus der Ferne, als auch auf der Seekarte. Zwei Tonnen markieren die Gefahrenstelle. Und wenn man in die Karte reinzoomt, sieht man auch den Namen der Insel: Edith Cavell. Komischer Name für eine Insel.

Insel voraus?!?

Die Auflösung ist einfach: Es ist ja auch keine Insel, sondern ein Wrack. Beziehungsweise war es nicht zuletzt auch eine britische Krankenschwester. Geboren 1865 ist sie Anfang des 20. Jahrhunderts in Belgien tätig. Während der Besatzung im ersten Weltkrieg wird sie von einem deutschen Militärgericht wegen Fluchthilfe für alliierte Soldaten zum Tode verurteilt und am 12. Oktober 1915 hingerichtet. Ein Vorfall, der dem ohnehin angeschlagenen Ruf der Deutschen damals nicht wirklich zuträglich ist.

Schon im gleichen Jahr erhält ein 1898 gebautes, britisches Dampfschiff in ihrem Gedenken den Namen Edith Cavell. Im Jahr 1924 bricht es in Marseille auf seine letzte Reise auf. Am 27. November verlässt es den Zwischenstopp Cayenne und erreicht am nächsten Tag den Fluss Maroni. Zwei Tage später läuft es vor Saint-Laurent-du-Maroni auf Grund. Wassereinbruch im Maschinenraum, Pumpen kämpfen vergeblich, knapp ein Drittel der Ware wird geborgen, am 30. Dezember bricht die Edith Cavell in zwei Teile.

Der vermeintliche Unfall schlägt hohe Wellen, auch auf diplomatischer Ebene. Eine Schuld des französischen Piloten oder falsche Markierung der Untiefe sind schnell verworfen. Am 13. Januar 1925 werden Kapitän, erster Offizier und Chefmaschinist vor Ort verhaftet, der Rest der Mannschaft dagegen kurze Zeit später nach Europa verschifft.

Blick vom Mooringfeld

Der Maschinist kommt schnell wieder frei. Der Vorwurf an Kapitän und 1. Offizier lautet dagegen auf „vorsätzliches Verlassen des Schiffes“. Die Engländer intervenieren. Zur von Französisch-Guyana angestrebten Anklage kommt es damit nicht. Am 6. Februar 1925 kommen die Offiziere gegen Kaution frei. Einige Monate nach Ihrer Rückkehr nach England sterben sie. Todesursächlich seien die Haftbedingungen gewesen. Dafür erhalten deren Familien dann 1927 auch hohe Entschädigungen. Natürlich zu zahlen von der lokalen Regierung in Französisch-Guyana. Irgendwie schon alles recht komisch. Da liegt der hier vor Ort offen ausgesprochene Gedanke eines Versicherungsbetruges durchaus nahe.

Heute ist das Wrack eine markante Landmarke vor Saint-Laurent-du-Maroni. Komplett mit Bäumen und Büschen überwachsen braucht es mehr als einen flüchtigen Blick, um die Reste des Dampfschiffes zu erkennen. Auch die gelben Markierungen sind eher gut gemeint als sichtbar. Insgesamt ein wirklich beeindruckender Anblick.

Atlantik Tag 4-7: Es wird ruhiger

Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantikueberquerung

Mittwoch 18. Mai 2022

Morgens geht es La Skipper leider immer noch nicht wirklich gut. Die kurze, hohe Welle von schraeg vorne macht ihr zu schaffen. Eine erneute Opfergabe. Trotzdem muessen wir auch mal an das Ankommen denken. Ich ziehe das Gross aus dem 3. in das 1. Reff. Das macht sich gleich deutlich in Geschwindigkeit bemerkbar und bringt zumindest nach meinem Empfinden dadurch auch etwas mehr Stabilitaet ins Schiff. Trotzdem schaukelt es uns immer noch ganz schoen umher. Immerhin haben wir weiterhin 5 Bft., jedoch weniger oft und dazu noch weniger starke Boeen. Selbst die Welle scheint sich gaaaaanz langsam abzubauen. Das wuerde ja zur Vorhersage passen, nach der es sich die naechsten Tage insgesamt etwas beruhigen soll. Das gilt hoffentlich auch fuer die Wellen.

Abends geht es La Skipper wieder besser. Sie hat Appetit auf etwas mit Geschmack. Der Skipper zaubert organische Pasta original aus Italien, ueberzogen von einer feinen Creme Legere de Normandie (von da wo unsere Samai herkommt!) an geraeuchertem Bacon und Champignons, harmonisch abgeschmeckt mit frischem Knoblauch und Koriander (sowie einer zarten Andeutung von Asia-Fusion-Kitchen). Ok, man koennte natuerlich auch schreiben, dass ich zu einer Tuete Nudeln eine improvisierte Pseudo-Carbonara (mit einem Schuss Soja-Sosse) hingeschustert habe. Aber das klingt nicht halb so lecker, wie es uns geschmeckt hat. :-)

Die Nacht verlaeuft absolut ereignislos. Wie schon am Tag haben wir die Segel nicht ein einziges Mal angefasst. Keine AIS-Signale, Lichter schon gar nicht. Nur der ein oder andere Fliegende Fisch verirrt sich an Deck.

Donnerstag 19. Mai 2022

Der Wind hat weiter nachgelassen. Morgens ersetze daher ich die kleinere Kutterfock durch unsere normale Fock. Das Gross bleibt weiterhin im ersten Reff. Mit dem Absetzen unserer Positionsmeldungen auf Spotwalla holen wir neue Wetterinformationen. Die gute Nachricht ist, dass der starke Wind erste einmal vorbei ist. Das sollte insbesondere La Skipper gut tun. Tja und dann ist da die Sache mit den Doldrums. Aber davon ein anderes Mal mehr.

So allmaehlich scheint sich unser Wassertank zu leeren. Der Eindruck wird dadurch verstaerkt, dass der Wind von Steuerbord (rechts) kommt, die Samai also bestaendig auf der linken Backbordseite liegt. Messstab und Wasserentnahme sind nun mal auf der anderen Seite. Eigentlich ist das ein guter Zeitpunkt, den Wassermachen anzuwerfen. Dazu muss aber auch der Motor laufen. Und wir segeln gerade so schoen. Das heben wir uns also moeglichts fuer die naechste Flaute auf. Damit ist erst einmal Wassersparen angesagt. Die groessten Verbraucher fallen auf den meisten Segelbooten auf dem Ozean ohnehin weg. Die Klospuelung holt sich das Wasser grundsaetzlich von draussen. Bei einem so schoen blauen Meer machen wir auch den Abwasch mit Salzwasser. Und eine plus-minus taegliche Dusche ist nun (insbesondere aus Sicht der Jungs ;-) wirklich nicht noetig. Sollte also noch etwas reichen. Das Trinkwasser haben wir ohnehin in separaten 5-6l Flaschen.

Wenn wir schon das Thema Klospuelung ansprechen da ist uns doch tatsaechlich etwas passiert, das wir so noch nicht hatten. Man sitzt ob der Schraeglage so leidlich gemuetlich auf dem stillen Oertchen, da kommt eine grosse Welle von der Seite. Das Boot wird kraeftig durchgeschaukelt. Und ploetzlich schwappt es aus der Kloschuessel unter der Brille nach vorne auf den Badboden. Lesson learned: Bei kraeftigem Seegang immer zwischenspuelen!!!

Wenn wir schon beim Thema Wasser im Boot sind, gibt es leider auch weniger schoene Neuigleiten. Einerseits ist eines der kleinen Deckenfenster in der Vorschiffkoje ueber die Jahre etwas undicht geworden. Spuelt eine Welle ueber das Deck, troepfelt es rein. Nicht viel, aber trotzdem nervig und ein neuer Punkt auf der 2do-Liste. Tja und dann sammeln wir beim Segeln seit unserem Karibik-Toern (Bonaire-Barbados) etwas Salzwasser in der Bilge. Keine Ahnung, wo das herkommt. Die Ventile sind alle ok. Ausserdem passiert es ja auch nicht (nennenswert) vor Anker. Dem muss ich bei Gelegenheit auch nochmal auf den Grund gehen. Zur Beruhigung an alle besorgten Leser und wohl nicht zuletzt Leserinnen: Nein, das stellt KEINE Gefahr dar. Dazu ist es viel zu wenig. Es ist nur nervig, alle paar Tage die Bilge durchzuputzen. Zumal bei Seegang.

Gegen Mittag segelt die Samai auf Hoehe des franzoesischen Ueberseedepartements Martinique (341sm bzw. 632km Backbord querab). Das ist, abgesehen von den vorgelagerten Barbados und Tobago, die oestlichste Karibikinsel. Damit haben wir immerhin schon den halben Antillenbogen links liegen gelassen. Ein gutes Gefuehl! ;-)

La Skipper geht es heute endlich besser. Gut fuer sie, weniger gut fuer die Kinder, da damit auch die Bordschule staerker anzieht. Aber sonst waere es auf dem Atlantik ja auch etwas langweilig… nicht wahr Kinder?!

Zum Abendessen gibt es feine ach lassen wir das einfach nur (natuerlich nicht selbst gemachte) Gnocchi mit frischer Wuerstchen- und Restsosse von gestern. ;-) Satt segeln wir in eine weitere, ruhige Nacht.

Freitag, 20. Mai 2022

Nachts mal kurz ein-, am Vormittag wieder ausgerefft. So zieht die Samai unbeirrt ihren Kurs Richtung Nord. Wir passieren mit Guadeloupe (352sm bzw. 652km Backbord querab) das dritte der insgesamt fuenf franzoesischen Ueberseedepartements. Die verbleibenden zwei (Mayotte und Reunion) liegen im Indischen Ozean.

Inzwischen haben sich die Wolken weitgehend verzogen und die vom klaren Himmel scheinende Sonne verdeutlicht eindrucksvoll, warum das hier Blauwassersegeln heisst. So schoen sieht das echt nur auf einem sonnigen Ozean aus! Wir klappen das Bimini wieder aus. Ein paar Meeresvoegel schauen vorbei. Fliegende Fische tanzen ueber die Wellen, welche auf 1-2m runter sind. Eine angenehme Brise von 4 Bft. schiebt uns unter Vollzeug voran. So manch einer wuerde jetzt zu recht ins Schwaermen geraten es ist aber auch wirklich grenzwertig traumhaft.

Heute goennen wir uns mal ein richtig deutsches Abendessen: In frisch gezapften Atlantikwasser gekochte Kartoffeln (aus Franzoesisch-Guyana), Sauerkaut (aus Chile) und Wuerstchen (aus Suriname) mit Senf (aus Bonaire) wie gesagt: typisch deutsch!

Die Familie liegt schon im Bett. Der Skipper schaut im Cockpit noch einen Film auf dem Handy. Da frischt der Wind ploetzlich auf. Ich schaue mich um und sehe hinter uns eine dunkle Wolkenwand durchgehen. Glueck gehabt. Weiter geht es mit dem Film. Etwa 15min spaeter schaue ich wieder auf und sehe hinter uns eine dunkle Wolkenwand durchgehen. Moment mal. Ist das dieselbe? Nein, sie zieht langsam ab. War wohl doch Nummer zwei. Etwa 15min spaeter schaue ich wieder auf und sehe eine dunkle Wolkenwand an Steuerbord neben uns. Hmmmm. Waere nicht schoen, wenn die uns trifft. Was soll ich sagen. Sie geht direkt hinter uns durch. Und nein ich spinne nicht. Das Spiel wiederholt sich noch zweimal. Uns erreichen maximal ein paar frische Auslaeufer. Nur etwas weiter hinten haetten wir dagegen fuenfmal den Hauptgewinn gezogen. Ich bin sehr zufrieden so. Dann erst gibt die Nacht allmaehlich Ruhe.

Samstag, 21. Mai 2022

Der Rest der Nacht verlaeuft wieder einmal absolut ereignislos. Leider kommen wir aber nicht mehr so schnell voran. Einerseits hatten wir das Grosssegel im Sinne der Crew wieder im zweiten Reff. Andererseits scheinen wir auch eine kleine Gegenstroemung erwischt zu haben.

Morgens gibt es dann keine Ausrede mehr. Der Wassermacher muss an die Arbeit. Leider ein bis zwei Tage zu frueh, da wir demnaechst wohl ohnehin den Motor anwerfen muessen. Aber was sollen wir tun? Der Tank ist nun einmal leer. Nach gut zwei Stunden haben wir erst einmal genug Wasser gebunkert. Wassermacher und Motor aus, Grosssegel ausgerefft und mit Vollzeug machen wir weiter Strecke.

Nach einem wirklich schoenen Segeltag blau-in-blau meldet am Abend die Toilettenspuelung mal wieder ihre Sehnsucht nach Liebe und Fuersorge an. Sie spuelt nicht mehr. In Aruba hatten wir ja temporaer den Abflussschlauch am Tank vorbei direkt an das Auslassventil angeschlossen. Ein Fehler, wie sich jetzt herausstellt. Beim Segeln kommt durch das vorbeistroemende Wasser Druck auf den Schlauch. Und wenn man dann noch mal vergisst, vor dem Spuelen das Ventil zu oeffnen, kommt richtig Druck auf den Schlauch. Wo soll der Druck hin? Auf der einen Seite das Wasser bzw. geschlossene Ventil, auf der anderen Seite dieses Gummiventil, dass dafuer sorgt, dass das gerade gespuelte Wasser nicht gleich wieder zurueckspuelt. Jeder Segler, der schon mal sein Klo auseinandergebaut hat, weiss was ich meine. Tja und genau dieses Gummiteil hat die Graetsche gemacht. Das habe ich so noch nicht gesehen. Kein Wunder, dass die Spuelung nicht mehr funktioniert. Das wird auch euch deutlich, wenn wir die Bilder nachgereicht haben!

Nachdem der Skipper das Klo auseinander- und wieder zusammengebaut hat, funktioniert es wieder und ich kann mich um das Essen kuemmern. Es gibt feine ach Quatsch deftige arme Ritter. Einfach zu machen und sehr beliebt an Bord der Samai.

Sehr zu unserer Freude weht es weiterhin bestaendig mit 4Bft. aus Nordost. Unter Vollzeug rauschen wir in die Nacht. Mal sehen, wie lange das noch geht. Mit dem Posten dieses Beitrags hole ich neue Wetterinformationen ab. Die Aufloesung erfolgt an dieser Stelle am naechsten Wochenende. Ansonsten findet sich unsere Position wie gewohnt etwa alle zwei Tage aktualisiert auf Spotwalla (Reiseinformationen – Position).

Hinweis: Dieser Beitrag wurde per Satellitentelefon ueber Sailmail eingestellt! Das hat zwei Auswirkungen. Einerseits gibt es weder Umlaute noch sz. Andererseits beinhaltet er keine Bilder. Ersteres wird korrigiert, letztere nachgereicht… bei Gelegenheit

Nur sporadisch koennen wir Kommentare lesen und die zur Veroeffentlichung ggf. notwendige Genehmigung erteilen. Das gilt natuerlich auch fuer unsere unter der Woche eingeplanten Beitraege. Auf Kommentare antworten koennen (und werden!) wir jedoch erst, wenn mal wieder richtiger Internetzugang besteht das soll jedoch bitte niemanden vom Schreiben abhalten!

Atlantik Tag 1-3: Windiger Auftakt

Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantikueberquerung…

Vorab: die Sache mit dem Etmal

Wir Segler rechnen ja gerne in Etmalen. Offiziell geht das von Mittag bis Mittag gem. Sonnenhoechststand. Beim Segeln in Nord-Sued- bzw. Sued-Nord-Richtung hat ein Etmal also gleichbleibend 24 Stunden. Beim Segeln in Ost-West- bzw. West-Ost Richtung ist es laenger bzw. kuerzer als 24 Stunden.

Wir machen es uns dagegen einfach und nehmen ganz frech immer 24 Stunden. Abfahrt war Ortszeit 8 Uhr (also 13 Uhr mitteleuropaeischer Sommerzeit). Ab hier machen wir alle sechs Stunden Positions- und Wettereintraege ins Logbuch. Der Reisetag und damit das Etmal endet nach genau 24 Stunden am naechsten Morgen um 8 Uhr. Besser gesagt um 13 Uhr mitteleuropaeischer Sommerzeit. Da wir bis zu den Azoren die Uhr dreimal um je eine Stunde vorstellen werden, geht unser Etmal also am Ende der Ueberfahrt gem. Bordzeit von 11 bis 11 Uhr. Ist jetzt nicht im Sinne des Erfinders, doch auf welchem Schiff wird heutzutage noch der taegliche Sonnenhoechststand exakt gemessen?!?

Ach ja, dem bei vielen (vor allem, aber nicht nur schnellen) Seglern geliebten Ritual einer Bekanntgabe der in einem Etmal zurueck gelegten (ich schreibe bewusst nicht gesegelten) Seemeilen verweigere ich mich weiterhin. Zumindest prominent auf dem Blog. Wer es unbedingt wissen will, kann ganz in der Naehe fuendig werden…

Sonntag, 15. Mai 2022

Um 8 Uhr holen wir vor Kourou im franzoesischen Ueberseedepartement Guyana den Anker auf. Der Strom schiebt die Samai schnell den Fluss raus. Ein Paerchen Graubrustschwalben begleitet uns. Immer wieder versuchen sie an den unmoeglichsten Stellen zu landen, verstecken sich auch schon mal im Baum. Irgendwann verlassen sie uns.

Wir motoren das enge Fahrwasser von Kourou Richtung Iles du Salut. Ausflugskatamarane ueberholen uns. Noch ein letzter Plausch mit einem Bekannten. Doch was ist das? Von Osten her zieht die Nacht auf. Zumindest sieht es so aus. Eine dunkelgraue Front kommt bedrohlich naeher. Das Radar zeigt ein riesiges Regenfeld. Als ersten verschwinden die Inseln vor uns. Kurz danach sind wir dran. Mit gut 30kn fegt Starkregen ueber die Samai. Der Katamaran vor uns verschwimmt ebenso im Grau, wie die grosse Ansteuerungstonne des Kourou-Fahrwassers. Jetzt nehme sogar ich endlich mal dieses Wort in die Feder: der Atlantik begruesst uns mit einem Squall. Na das nenne ich mal einen ganz speziellen Humor.

Kaum hat sich der Spuk verzogen, ziehen wir die Segel hoch. Anfangs noch gerefft (also mit verkleinerter Segelflaeche) fahren wir kurz nach dem Mittag Vollzeug (also mit vollem Grosssegel und Fock) bei 4 Bft. am Wind Richtung Nordwest. Der Guyana-Strom schiebt kraeftig zur Seite, dafuer aber auch kraeftig an. Zum ersten Mal seit Monaten haben wir auf dem Meer die Stroemung nicht gegen, sondern mit uns. Ein tolles Gefuehl.

Im Laufe des Tages nimmt der Wind auf die angesagten 5Bft. zu. Wir verkleinern das Grosssegel schrittweise ins zweite Reff. Abends kommen mit zunehmender Regelmaessigkeit Wolken mit 6er Boeen.

Kurzer Einschub fuer Nichtsegler: Ich nenne hier fast immer den wahren Wind. Das Boot segelt jedoch mit dem scheinbaren Wind. Dieser ist es, der mir an Deck um die Nase weht. Kurz gesagt handelt es sich dabei um eine Vektoraddition von wahrem Wind (gem. Staerke und Richtung) und Fahrtwind (gem. Bootsgeschwindigkeit von vorne). Faustregel: Beim Segeln vor dem Wind verringert der Fahrtwind den von hinten kommenden wahren Wind. Beim Segeln am Wind, erhoeht der Fahrtwind den von vorne kommenden wahren Wind.

Zu Erinnerung: Wir segeln am Wind. Scheinbar weht es uns also bestaendig mit 6Bft. und mehr um Segel und Nasen.

Was macht da eigentlich die Crew so? Nun im Grunde genau das, was sie die ersten Tage einer laengeren Passage immer macht. La Skipper wohnt intensiv die zur Liegeflaeche umgebaute Salon-Couch ab. Samuel hat Kopfhoerer auf, hoert heute von Michael Ende die unendliche Geschichte zu Ende. Und auch Maila hat lange Zeit die Kopfhoerer auf, schaut mal aufs Meer und kuschelt sich mal ein. Heute ist schulfrei. Abends gibt es Suppe.

Die Sonne geht unter, der Vollmond steigt empor. Das Gross bleibt im zweiten Reff, doch fuer die Nacht hole ich die groessere Fock ein und setze die kleinere Kutterfock. Kostet kaum Geschwindigkeit, bringt dafuer mehr Ruhe und Spielraum bei Windboeen. Das bin ich als Skipper meiner Crew, dem Boot und auch den Segeln schuldig!

So segeln wir so ruhig es auf knapp 3m Welle an 5 (in Boeen 6) Bft. Wind es halt geht in die Nacht.

Als mich um halb eins das Handy fuer meinen halbstuendigen Rundumblick weckt, stutze ich. Es ist dunkel. Schon klar es ist ja auch Nacht. Aber es ist halt eine Vollmondnacht. Und so maechtig, dass sie das derartig unterdruecken koennten, sind die Wolken nun auch wieder nicht. Hin und wieder sehe ich sogar Sterne durchscheinen. Und dann ist da diese dunkelrotbraune Scheibe, an deren Rand gerade ein letzter heller Flecken verschwindet. Ein Blick in meine Offline-Wikipedia bestaetigt die im Grunde schon vorhandene Gewissheit: Heute Nacht ist totale Mondfinsternis. So richtig zentral mit fast 90min Dunkelheit. Ich hole die Kinder raus. Sie wuerden es mit nie verzeihen, wenn ich ihnen das nicht zeige. Leider schieben sich recht schnell Wolken dazwischen. Es ist stockfinster. Doch zwei Stunden spaeter strahlt der Mond wieder so hell, dass ich im naechtlichen Cockpit Schatten werfe.

Montag, 16. Mai 2022

Im Laufe des Tages nimmt der Guyana-Strom ab und der Wind weiter zu. Abends haben wir stabile 6Bft. und es zieht die ein oder andere Wolkenfront mit 7Bft. durch. Wahrer Wind wohlgemerkt. Scheinbar knacken wir mehr als einmal die 30kn, kommen also auf 60 km/h Windgeschwindigkeit.

La Skipper froehnt weiterhin vorwiegend ihrem Segelmodus. Die Kinder koennen wir immerhin zu ein paar leichten Schulfaechern ueberreden. Abends gibt es wieder Suppe. Mehr bekommt ¾ der Besatzung gerade nicht im Guten runter. Und fuer mich alleine will ich auch keine Extranudeln kochen.

Die Sonne geht unter, der fast-noch-Vollmond steigt empor. Die kleinere Kutterfock bleibt stehen, doch fuer die Nacht verkleinere ich das Gross in das dritte Reff. Kostet kaum Geschwindigkeit, bringt dafuer mehr Ruhe und Spielraum bei Windboeen. Das bin ich als Skipper meiner Crew Deja-lu?! ;-)

So segeln wir so ruhig es auf gut 3m Welle an 6 (in Boeen 7 Bft.) Wind es halt geht in die Nacht.

Verlust des Tages: Das Grosssegel haengt abwechseln mit einer Segellatte (fest) bzw. einem Gummiband (flexibel) an sogenannten Mastrutschern. Beim Klarieren des dritten Reffs hat sich eines der Gummibaender verabschiedet. Im Grunde habe ich so etwas schon seit ein paar Monaten erwartet. Damit steht das Segel nun nicht mehr perfekt. Das ist fuer ein paar Tage aber auch nicht weiter wild. Wenn es etwas ruhiger ist, ersetze ich gleich mal alle Gummibaender. Wofuer habe ich entsprechenden Ersatz dabei?!

Dienstag 17. Mai 2022

So richtig nervig sind inzwischen die Wellen geworden. Es sind zwar weiterhin nur so um die plus-minus 3 Meter. Trotzdem bringen sie nicht nur anstrengende Unruhe ins Boot. Absolut unvorhersehbar knallt immer mal wieder eine so geschickt an den Rumpf, dass sie das Boot ueberspuelt. Auf dem Vordeck kein Problem. Aergerlich jedoch, wenn sie seitlich ins Cockpit oder gleich mal direkt quer ueber die Sprayhood einsteigt. Nun ja, Segeln ist halt irgendwie doch ein sogenannter Wassersport. ;-)

Der Bordalltag bleibt unveraendert. Abgesehen davon, dass La Skipper einen kurzen Opfergang an Rasmus beschreitet. Vor diesem Hintergrund lasse ich die konservativ kleine Segelflaeche unveraendert. Obwohl ich das Gross bei nun etwas etwas schwaecheren 5-6 Bft. eigentlich etwas mehr rausholen koennte. Das bin ich als Skipper ;-) Ansonsten ein bisschen Schule und viel Geschaukel.

Die Nacht verlaeuft ereignislos. Kein anderes Schiff in Sicht. Unter der etwas zu kleinen Besegelung kommen wir zwar nicht rasend schnell, aber bestaendig voran Richtung Norden.

Hinweis: Dieser Beitrag wurde per Satellitentelefon ueber Sailmail eingestellt! Das hat zwei Auswirkungen. Einerseits gibt es weder Umlaute noch sz. Andererseits beinhaltet er keine Bilder. Ersteres wird korrigiert, letztere nachgereicht… bei Gelegenheit

Nur sporadisch koennen wir Kommentare lesen und die zur Veroeffentlichung ggf. notwendige Genehmigung erteilen. Das gilt natuerlich auch fuer unsere unter der Woche eingeplanten Beitraege. Auf Kommentare antworten koennen (und werden!) wir jedoch erst, wenn mal wieder richtiger Internetzugang besteht das soll jedoch bitte niemanden vom Schreiben abhalten!

Bürokratie in Südamerika: Französisch-Guyana

April 2022

Die Einreise in Suriname war ja schon recht unkompliziert. In Französisch-Guyana ist es (zumindest als EU-Bürger) bei weitem unkomplizierter. Kurz vor unserer Überfahrt werden alle C***-bezogenen Einreisevoraussetzungen fallen gelassen. Bei Ankunft in Saint-Laurent-du-Maroni bekommt der Mooringbetreiber und TO-Stützpunktleiter Davide Kopien unserer Pässe und Schiffspapiere. Wenig später bekommen wir unser gestempeltes Einreisedokument. Die Pässe werden nicht gestempelt. Wir sind in der EU. Fertig.

Die Ausreise könnte potenziell komplizierter werden. Die dafür zuständigen Behörden in Kourou sind aktuell geschlossen und bis nach Cayenne wollen wir mit dem Boot eigentlich nicht fahren. Doch Davide hat auch hier eine einfache Lösung. Er datiert die Ausreise einfach eine gute Woche vor und gibt uns die fertigen Papiere direkt mit. Wir sollten sie halt in der Zwischenzeit niemanden zeigen. Das bekommen wir hin.

Links Touri-Info … Rechts Marina Office & Café

Insgesamt steigert sich mit dieser Erfahrung die Vorfreude auf den unkomplizierten Länderwechsel in Europa. Obwohl wir die EU streng genommen ja nicht mehr verlassen. Die Azoren sind portugiesisch. Dann kommen Frankreich, evtl. die Niederlande und Deutschland. Irgendwie sind wir also schon wieder zu Hause. Zumindest im Pass.