Mein Dinghy ist nicht dein Dinghy!

Uns wurde geraten, das Beiboot am Dinghy-Steg dann doch schon ein bisschen zu sichern. Nicht direkt zugänglich festmachen. Sonst setzt sich schon mal jemand rein, um gemütlich sein Mittagessen zu genießen. Am Besten auch mit Kette und Schloss sichern. Sonst kommen ein paar Kids auf die Idee zu prüfen, wie schnell die Strömung gerade ist. Doch wir wollen heute nur kurz ein paar Wasserkanister füllen. Da lohnt sich das „Festketten unter der Brücke“ nicht wirklich. Also rücken wir im Trio an. Während die Jungs sich um das Füllen und Schleppen kümmern, sitzt La Skipper im Dinghy und passt auf.

Der Dinghy-Steg ist leider frei zugänglich

Schon auf dem Weg zum kleinen Marina-Office fällt mir der… wie sage ich es, ohne abwertend zu klingen? Es ist ein Mann unbestimmbar-mittleren Alters. Offensichtlich ohne dauerhafte Bleibe. Zwei glänzenden Schnodderlinien führen von der Nase quer über den Bart zur Oberlippe. Er ist gerade dabei, in einem der Mülleimer die weggeworfenen Mittagsboxen nach Resten zu durchsuchen. Als ich vorbei gehe, grinst er mich an.

Später erzählt uns Davide, dass dieser Mann hier ein kleines Problem darstelle. Es ist ein touristischer Platz neben einem Spielplatz, den er anscheinend besonders liebt. Hin und wieder greift er sich unbeobachtete Wasserflaschen, setzt manchmal aber auch zu unappetitlicheren „Spielereien“ an.

Ein knappes Dutzend dieser Männer stromern durch die Stadt. Ihr Hirn haben sie sich schon vor Jahren mit Ecstasy halb weggeblasen. Das Klima erlaubt ganzjähriges Leben unter freiem Himmel. Sie schlagen sich durch die Reste ihres Lebens. In Saint-Laurent-du-Maroni gibt es keine Hilfseinrichtungen für diese Menschen. Unsere spezieller Freund hier am Platz wurde schon einige Male von der Polizei vor die Tore der Stadt zum Dschungel gefahren. Einen Tag später ist er immer wieder da.

Ich bringe gerade zwei Wasserkanister runter zum Anleger. Halb im Weg sitzt Schnoddernase. Er bettelt mich an, aber ich habe nichts dabei. Er grinst. Ich stehen neben dem Dinghy. La Skipper sitzt darin. Da plötzlich, so schnell können wir kaum schauen, sitzt noch jemand vorne im Dinghy… und grinst. Als wir unsere Fassung wieder haben, bedeuten wir ihm mit durchaus kräftiger Stimme, dass er verschwinden soll. Er grinst. Der Schnodder glänzt. Und nun?

Ich überlege, ob mir La Skipper das lose Paddel rausgeben soll. Da ergreift sie selbst die Initiative. Eigentlich wollte ich noch unseren verbogenen Mooringhaken geradeklopfen. Dafür habe ich einen massiven Hammer dabei. Nur leider sitzt unser ungebetener Gast halb darauf. La Skipper beugt sich blitzschnell vor, greift den Hammer und hält ihn drohend in die Höhe: „OUT!“. Nun verschwindet das Grinsen. Wir würden ihn sicherlich niemals mit einem Hammer bearbeiten, aber das weiß er ja nicht. Fast so schnell wie rein, klettert er nun auch wieder raus.

Fortan haben wir vor ihm Ruhe. Trotzdem verketten wir unser Beiboot auch weiterhin immer schlecht erreichbar unter der Brücke. Damit stellen wir klar, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, hier aber nicht wirklich in das kollektive Verhaltensgedächtnis vorgedrungen ist: Mein Dinghy ist nicht dein Dinghy!

Wir bringen das Dinghy lieber in (gefühlte) Sicherheit

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