Ciclovía in Bogotá

Bogotá, 29. August 2021

Wenn Europäer an fahrradfreundliche Städte denken, liegt wahrscheinlich Kopenhagen auf einem vorderen Platz. Ebenso kommt einem manch andere, meist kleinere (Universitäts-)Stadt in den Sinn. Aber an Bogotá denkt wohl niemandem. Falsch gedacht. Einerseits hat die kolumbianische Hauptstadt das umfangreichste und umfassendste Radwegenetz ganz Lateinamerikas… gut 300km! Und dann ist da noch der Sonntag. Schon seit den 70‘er Jahren findet in Bogotá wirklich JEDEN Sonn- und Feiertag die Ciclovía statt. Von 7 bis 14 Uhr werden ausgewählte Hauptstraßen in einer Länge von immerhin gut 120km für den Autoverkehr gesperrt. Zweiräder beherrschen das Stadtbild. Und das Angebot kommt an. Bis zu 2 Mio. Menschen, mithin ca. 30% der Bevölkerung von Bogotá, sind unterwegs. Jeden Sonntag! Inzwischen gibt es viele nationale Nachahmer, beispielsweise Medellín und Cali. Auch international werden immer öfter Ciclovía abgehalten, die es in Regelmäßigkeit und Umfang aber nicht mit dem Original aufnehmen können.

Heute ist Ciclovía

Nicht ganz zufällig ist der Beginn unserer kleinen Rundreise so geplant, dass wir gleich am ersten Sonntag das vor dem Hintergrund der Ciclovía absolut Naheliegende unternehmen können: eine geführte Radtour in Bogotá! Pünktlich holt unser deutschsprachiger Guide Lina uns am Hotel ab. Wir laufen ein paar Schritte zu Bogotá Bike Tours, bekommen unsere Räder uns los geht es.

Der erste Stopp ist am zentralen Plaza de Bolívar. Um die unvermeidliche Statue des Namensgebers versammeln sich historische Gebäude wie die Catedral Primada de Colombia (Ost), das Nationalkapitol (Süd), das Rathaus (West) und der Palacio de Justicia de Colombia (Nord). Der auf die präkolumbianische Zeit zurückgehende Platz, wurde schon ab 1539 bebaut und war stets ein öffentliches Zentrum, sei es für Märkte, Zirkus oder auch Stierkämpfe. Uns fällt sofort ins Auge, dass viele Fassaden schwarz abgehängt sind… und darunter schimmert der ein oder andere Farbklecks hervor. Tatsächlich wurden im Zuge der auch in Europa nachrichtlich thematisierten Ausschreitungen der letzten Monate immer wieder Farbbeutel geworfen. Die Netze sollen diesen Vandalismus zumindest eindämmen.

Nationalkapitol komplett verhüllt
Justizpalast mit Farbklecksen
Lina erzählt…

Weiter geht es über die schon bekannte Carrera 7 zur Iglesia San Francisco. Was ist hier eigentlich los? Mindestens die halbe Stadt scheint auf den Beinen und Fahrradsatteln zu sein. Menschenmassen drängen sich gefühlt überall, wir kommen nur in Schlangenlinien voran. Aber das ist noch gar nichts im Vergleich zu dem, was uns später noch erwartet…

Neben dem Planetarium der Stadt ragt ein rotes Gebäude empor. Lina fragt, ob wir dazu eine Idee haben. Unser Verdacht bestätigt sich… es ist der Plaza de Toros de Santamaria, mithin eine Stierkampfarena. An den Februarwochenenden findet das hier noch legale Tötungsspektakel statt. Insbesondere die aus den Hoden der toten Stiere gemachte Suppe gilt als Delikatesse. Obwohl gar nicht mal so teuer, tummeln sich dabei bevorzugt reiche, ausgesprochen konservative Gäste auf den Rängen. Die Umgebung ist vor allem wegen der Proteste meist junger Menschen gesperrt… gleich um die Ecke liegt die Universidad de los Andes.

Weiter geht es über für Autos gesperrte Hauptstraßen vorbei am Nationalmuseum in die ehemals sehr reiche, heute praktisch menschenleere Nachbarschaft La Merced. Als eines der ältesten Viertel der Stadt und kulturelles Erbe, beherbergt es in seinen pittoresken Häusern heute hauptsächlich Bildungseinrichtungen, Restaurants und ähnliches. Am Wochenende sind die Straßen ausgestorben.

Im benachbarten Parque Nacional Enrique Olaya Herrera tobt dagegen insbesondere sonntags das Leben. Die Ciclovía lockt die Einwohner von Bogotá nicht nur auf die Fahrräder, sondern wird allgemein für Sport genutzt. Stolz erzählt uns Lina, dass das neben natürlichem Essen ein Grund für vergleichsweise wenige fette Menschen auf der Straße sei. Zumindest für die Stadt hat sie tendenziell damit Recht.

Randnotiz: Mitten im Parkt präsentiert sich eine große, weiße Uhr. Ein Geschenk der Schweiz. Einziges Problem ist, dass sie noch nie richtig funktioniert hat…

Ein original Schweizer Uhrwerk…;-)

Nach einer informativen und entspannten Fahrt durch ruhige Straßen erreichen wir den Plaza de Paloquemao, einen der großen Märkte von Bogotá. Nicht nur Autos und Motorräder müssen durch die bewachten Tore, auch unsere Fahrräder werden mit Passnummern registriert und sicher verwahrt.

Autofreie Magistrale
Zu Ehren des 1999 ermordeten Aktivisten Jaime Garzón

Der Markt selbst ist ein Erlebnis. Die engen Gänge sind brechend voll. Natürlich gibt es die obligatorischen Abteilungen. Beim Obst und Gemüse sucht Lina uns einen Stand, der sich zu einer kleinen Obstverköstigung zur Verfügung stellt. Viele Früchte kennen wir zwar schon aus zuvor besuchten Ländern, doch es gibt auch geschmackliche Neuentdeckungen. Angeblich kennen wir Lulo (Quitorange) ja schon als Naranjilla aus Ecuador. Trotzdem genießen wir die frische Mischung aus süßer Orange und Kiwi wie zum ersten Mal gekostet. Dazu Ciruela (Pflaume), Mangostane, Feijoa (Brasilianische Guave), Zapote und manches mehr… von wahrlich interessant bis unglaublich lecker ist alles dabei.

Zurück zu den sicher verwahrten Fahrrädern…

Danach haben wir uns eine kleine Pause mit Kaffee und Kuchen verdient.

Hier wird selbst gemahlen und geröstet!

Schließlich fahren wir zurück Richtung Altstadt. Die Carrera 7 ist nun (wie versprochen) völlig überfüllt. Die parallele Carrera 8 lässt uns etwas schneller durchkommen. Das Abschiedsfoto machen wir am Parque de los Priodistas vor einem Standbild von… na wem wohl?! ;-)

Nach gut fünf Stunden verabschieden wir uns von Lina. Auch an dieser Stelle noch einmal ganz vielen lieben Dank für eine tolle Tour!!! Den Abend verbringen wir konsequenter Weise in ihrer Empfehlung, dem sehr stimmungsvollen „The Corner 12“. Bei leckeren (und günstigen) hamburguesas lassen wir eine Tour Revue passieren, die uns nochmal eine ganz andere Seite der Stadt gezeigt hat.

Morgen heißt es Abschied nehmen von Bogotá… es geht weiter mit dem Mietwagen durch Kolumbien!

2 Kommentare zu „Ciclovía in Bogotá“

  1. Wow, ich hätte ja vieles erwartet, aber niemals eine Radtour durch Bogotá und das es dort so viele Kilometer an Radwegen gibt. Sicherlich ein ganz tolles Erlebnis!!! Und die Hamburger zum Abendessen habt ihr euch verdient, übrigens, sehen lecker aus 😉
    Liebe Grüße und noch viele schöne Erlebnisse auf eurer Tour,
    Roland

    1. Als wir erstmals davon gelesen haben, waren wir auch überrascht. Man muss der Fairness halber aber sagen, dass man die Radtour auch wirklich am besten Sonntags machen sollte. Durch die Sperrung vieler Hauptstraßen ist auch in vielen schlecht erreichbaren Nebenstraßen weniger los.

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