Armes reiches Ecuador

Manchmal fragt man sich, warum etwas so ist, wie es ist. Zum Beispiel Ecuador. Es hat alle Voraussetzungen, eines der reichsten Länder Südamerikas zu sein, wenn nicht sogar unangefochten an der Spitze zu stehen. Nun steht es relativ gesehen vielleicht gar nicht mal so schlecht da, aber absolut gesehen bleibt es wohl weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Doch worauf gründe ich diese Aussage überhaupt?

Ecuador ist ausgesprochen fruchtbar.

Geerntet werden kann am winterlosen Äquator praktisch ganzjährig. Die Böden und das Klima bieten mehr als genug, um die gesamte Bevölkerung problemlos satt zu bekommen. Dazu ist das Angebot ausgesprochen vielfältig. Neben den Grundnahrungsmitteln (Reis, Kartoffeln, Maniok…) wächst hier eine fast unübersehbare Fülle an Früchten, von denen der durchschnittliche Supermarktgänger in Europa teils noch nie gehört hat. Nicht umsonst gehören frische Fruchtsäfte zu den leckersten Spezialitäten Ecuadors. Der Export landwirtschaftlicher Produkte, nicht zuletzt auch nach Deutschland, ist eine wesentliche Säule der heimischen Wirtschaft.

An der Küste erweitert die Fischerei sowohl Speiseplan wie Exportpalette. In Manta liegt eine große Thunfischflotte und vielerorts finden sich Garnelen- und Muschelfarmen. Auch hier übersteigt das Angebot den Eigenbedarf bei weitem.

Doch die ganzjährige Verfügbarkeit von Nahrung hat auch seine Schattenseite. Das typisch deutsche Sprichwort „Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not“ ist hier praktisch unbekannt. Man musste schlichtweg nie wirklich Vorsorgen. Und wenn man Vorsorge bei etwas so lebenswichtigem wie der Nahrung nicht lernen muss, welche Motivation gibt es dann in anderen Bereichen? In der Tat wurde uns berichtet, dass viele Ecuadorianer mehr oder weniger von der Hand in den Mund leben. Gedanken an die Zukunft macht man sich vor allem beim Hausbau: aus dem flachen Dach ragen oft schon die Pfeiler für ein weiteres Stockwerk, das sich später einmal die Kinder bauen sollen, um in der Nähe der Eltern zu bleiben. Die Familie hat einen sehr großen Stellenwert. Ohne echte Vorsorge ist das aber auch überlebenswichtig.

In letzter Zeit wird die Situation durch vielfältige Finanzierungsangebote noch verschlimmert. Du möchtest etwas kaufen? Dir fehlt das Geld? Kein Problem. Nimm einfach die Kreditkarte mit Ratenzahlung! So häufen sich ganz nebenbei Schulden an. Da kommt eine Pandemie natürlich zur absoluten Unzeit. Oft brechen eigene Einnahmen weg, die Anrufe der Bank kommen dagegen immer pünktlich. Und irgendwann werden die Schulden dann ggf. an ein Inkassounternehmen verkauft. Das funktioniert hier genauso gut, wie überall in der Welt.

Ecuador hat Bodenschätze.

Neben seltenen Erden und Metallen (Gold, Silber, Kupfer, Zink, Blei, Magnesium und Eisen) finden sich weitläufige Erdöl- und -gasreserven. Leider vor allem im Amazonasgebiet. Hier war auch Ecuador in der Vergangenheit nicht vor den Fehlern anderer Länder gefeit. Abbaurechte wurden oft an ausländische (nicht zuletzt US-)Firmen vergeben, deren primäres Interesse natürlich der Profit ist. Was kümmert mich die Natur eines fremden Landes, wenn deren Erhalt meine Rendite schmälert? Traurige, sich weltweit immer wiederholende – ich sage es bewusst so deutlich – moralische Verbrechen!

Ecuador hat wunderschöne, unglaublich vielfältige Naturlandschaften.

Beste Voraussetzungen für nachhaltigen Tourismus. Glücklicherweise wurden hier inzwischen wichtige Maßnahmen umgesetzt. Die Konsequenz im Galápagos-Nationalpark sowie vergleichsweise große Regenwaldschutzgebiete im Oriente gehen in die richtige Richtung. Doch natürlich leidet das Land auch hier unter den aktuellen, weltweiten Beschränkungen. Das bekommen wir auch auf unserer kleinen Rundreise immer wieder hautnah mit.

Ok, postulieren wir also mal, dass Ecuador in der Tat beste Voraussetzungen hat, ein in jeder Hinsicht reiches Land zu sein. Wo liegt das Problem? Neben den schon angesprochen Punkten sind wohl zwei wesentliche Aspekte zu nennen: Kolonisation und Korruption.

Ecuador war spanische Kolonie.

In dieser Zeit wurde das Land, wie fast ganz Südamerika, nicht nur nach allen damals bekannten Regeln der Kunst ausgebeutet. Darüber hinaus haben sich die auch heute noch gültigen Gesellschaftsschichten herausgebildet. Auf den Punkt gebracht: je heller die Haut, desto höher der Status. Bestenfalls gehört man zu den „Blancos“. Was für ein Sch…! Hintergrund ist natürlich, dass die wichtigen Posten einer Kolonie von direkt aus Europa kommenden Spaniern übernommen wurden. Auch heute noch versucht man sich in entsprechenden Kreise möglichst auf eine direkte und „unverfälschte“ Linie spanischer Vorfahren zu berufen. Faktisch sind es wohl nur eine gute Handvoll solcher Familien, die im Wesentlichen die Geschicke des Landes lenken. Die Qualifikation ergibt sich qua Definition aus der besseren (weil in Privatschulen und im Ausland genossenen) Bildung.

Die große Bevölkerungsmehrheit bilden „Mestizen“. Sie sind aus der Vermischung zwischen Indígenas und spanischen Eroberern hervorgegangen und bilden heute mehr oder weniger die urbane Mittelschicht des Landes. Freilich ohne dabei einen mit europäischen Maßstäben vergleichbaren Wohlstand zu erreichen. Und selbstredend sind die gesellschaftlichen Ausreißer nach oben eher seltener zu finden sind, als die nach unten. In den unteren Schichten befinden sich auch heutzutage meist „Indígenas“ (Nachfahren der südamerikanischen Urbevölkerung) und Afroecuadorianer bzw. „Negros“ (Nachfahren der auch hierher verschleppten Sklaven). Abgerundet wird das Bild in den letzten Jahrzehnten durch (natürlich „weiß“ eingestufte) Zuwanderung aus Europa und Asien.

Chancengleichheit ist somit faktisch kaum gegeben. Man bleibt eher unter sich, versucht vielleicht einen bescheidenen Aufstieg nach oben, wehrt sich im Zweifel aber genauso gegen Aufsteiger von unten. Auch politisch ist man sich, wie so oft in der Welt, selbst am nächsten. Gewählt wird tendenziell nicht der langfristig beste Kandidat für das Land, sondern eher das beste, oft kurzfristige Versprechen. In den aktuellen Wahlen wären so etwas die vom Sozialisten Arrauz für den Fall des Sieges zugesagten Einmalzahlungen. Man braucht nicht viel Fantasie um zu erkennen, dass dieses gesellschaftliche Erbe der Kolonialzeit alleine schon ein großes Hindernis in der Entwicklung eines Landes darstellt.

Dazu kommen in Ecuador noch Korruption und Klüngel.

Hier haben wir wahrlich unglaubliche Geschichten gehört, gelesen und erlebt. Bei denen kommen einem die aktuellen (ausdrücklich verwerflichen!) Skandale in Deutschland wie Kindergartengezänk vor. Als Tourist sollte man sich da natürlich tunlichst zurückhalten. Trotzdem ist das Thema nahezu allgegenwärtig. Sei es nun der $-Handschlag nach einem ertappten Verkehrsdelikt, die überteuerte Beschaffung von Impfdosen (warum wohl hängt Ecuador bei diesem Thema abgeschlagen hinterher?!), dem Flughafenneubau in Quito (ja, so etwas verteuert sich auch in anderen Ländern), Vergabe von Schürfrechten oder auch Beamtenposten mit politischem Zuschnitt und Unterschlagung internationaler Hilfsgelder für Erdbebenopfer… um nur einiges zu nennen. Ich hatte mal geschrieben, dass der vorletzte Präsident nach seiner Amtszeit wegen Bestechlichkeit und Unterschlagung angeklagt wurde. An dieser Stelle muss ich das Bild vervollständigen: seit 1979 ist gegen die Hälfte der seitdem etwas mehr als einem Dutzend Präsidenten nach ihrer Amtszeit Strafbefehl erlassen worden.

Das kleine Geschwisterchen der Korruption ist die Vetternwirtschaft. Wird auch einerseits auf die korrupten Politiker geschimpft, herrscht andererseits in weiten Teilen der Bevölkerung absolut kein Unrechtsbewusstsein wenn es darum geht, offizielle Wege durch „Freunde“ abzukürzen. All das stellt im Grunde nicht viel mehr als eine Realisation des im Andenraum weit verbreiteten Prinzips der Gegenseitigkeit dar. Faktisch ist es in seinen vielfältigen Ausprägungen ein Grundpfeiler ecuadorianischer Wirtschaft und Lebensart.

Ein ausgesprochen positiver Aspekt dieser Einstellung ist die auch uns überall entgegen gebrachte, über reine, touristische Gastfreundschaft hinausgehende Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Letztlich ist in der an dieser Stelle nur kurz angerissenen negativen Ausprägung jedoch – neben anderem – ein nicht zu unterschätzender Grund zu sehen, warum dieser (zugegebener Maßen überlange) Artikel seinen Namen tragen muss…

Armes reiches Ecuador.

6 Kommentare zu „Armes reiches Ecuador“

  1. Danke für diesen Einblick. Viele Fakten waren mir nicht bewusst, ergeben aber durchaus Sinn. Es ist nicht leicht, gegebene Dynamiken zu durchbrechen, insbesondere wenn man keinen Anreiz dafür sieht bzw. es nicht anders kennt.

    Liebe Grüße
    Kasia

    1. Sehr gerne! Auch für uns war Ecuador vor dem (ursprünglich ja gar nicht geplanten) Besuch ein weitgehend weißes Blatt. Eigentlich schade, denn das Land hat mehr verdient.
      Das Durchbrechen gegebener Dynamiken ist wahrlich eine schwere Aufgabe. Weltweit! Die Frage ist, wo fängt man (wer?) an… und wie hält man die Veränderung am Leben? Daran scheitern viele Länder und Regionen… zumindest wenn es um global gesehen positive Veränderungen geht.
      Liebe Grüße,
      Micha

      1. Das ist wahr. „Von innen“ heraus sind die Strukturen oft zu verfestigt. Und von außen finde ich es immer höchst problematisch, etwas ändern zu wollen. Oft ist es die Jugend, die neue Ideen (Ideale?) hat und sie umzusetzen versucht.

        In meinem Kopf ist Ecuador noch eine weitgehend weiße Karte. Deshalb finde ich deine Berichte so spannend. Vor allem weil es mehr ist als nur „10 Plätze, die du sehen musst“… Etwas Hintergrund zum Reiseziel ist immer schön ;-)

        Liebe Grüße
        Kasia

  2. Hallo, vielen Dank für diesen interessanten Hintergrundbericht über Ecuador, Ich war vor über 20 Jahren mal dort und anscheinend hat sich nicht viel geändert. Ich finde es immer so schade, wenn Länder, die eigentlich gute Voraussetzungen hätten trotzdem nicht vorankommen. Aber zumindest scheinen die Menschen dort nicht zwangsweise unglücklicher als beispielsweise in Deutschland.

    1. Hallo, zumindest die Menschen, denen wir so begegnet sind, hatten eine pragmatisch-positive Lebenseinstellung. Schon klar, dass das nicht repräsentativ ist. Doch die allgemeine Atmosphäre und den Umgang miteinander haben wir schon entspannter als in Deutschland wahrgenommen…

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