Isla Haverbeck

11. – 23. November 2020

Schon kurz nachdem wir uns Mitte September von La Estancilla in den Stadthafen des Club des Yates Valdivia (CYV) verholt hatten bekamen wir Besuch am Steg. Ein freundlicher Mann, Germán (die chilenische Version des alten deutschen Hermann) mit seiner Tochter Angela begrüßten uns herzlich. Er habe von unserer Situation gehört, wolle helfen und lud uns zu sich ein. Gleich flussabwärts läge ihre Isla Haverbeck. Auf dieser 20ha großen Insel wohne er alleine mit seiner Freundin, seiner Tochter, zwei Pferden, Katzen, Hasen, ganz vielen Hühnern und Enten. Er würde sich freuen, wenn wir mit unserem Boot zu ihnen kämen.

Liegeplatz bei Isla Haverbeck.

Wie jetzt?! So als letztlich dann doch nachhaltig sozialisierter Deutscher, kam mir das dann schon etwas komisch vor. Wir waren skeptisch und so vergingen noch ein paar Wochen, die wir weiter beim CYV lagen. Der nette Mann arbeitete derweil an seinem an Land stehenden Boot weiter. Wir sahen und grüßten uns regelmäßig. Dabei versicherte er mir, dass sein Angebot weiterhin stehe.

An Pfählen und klapprigem Steg…
… direkt neben dem Schilf…
… sollte man nicht zu viel Tiefgang haben.

Dann ging Valdivia in Phase 1 = Quarantäne. Da endlich fassten wir den Entschluss, der unglaublichen Einladung zu folgen. Ja, es war Quarantäne und Bootsverkehr damit offiziell nicht erlaubt. Aber was sollte uns ohnehin offiziell nicht in diesem Land Anwesenden schon passieren. Am 11. November fuhren wir also die halbe Meile nach Süden und schauten nach dem beschriebenen Liegeplatz. Er war nicht schwer zu finden. Ein Mann winkte schon, bereit unsere Leinen anzunehmen. Kurz danach begrüßte uns Inselherrin Patricia am Steg. Wenig später hatte sie die halb deutschstämmigen und -sprachigen Nachbarskinder (Vater aus Greifswald) vom Festland abgeholt und sogleich wurden auch unsere zwei Kinder zu einem Streifzug über die Insel eingesammelt. Doch davon erzählt Maila das nächste Mal ausführlicher.

Dabei lernten sie auch gleich die Tierwelt der Insel kennen. Dutzende Perlhühner sowie „normale“ Hennen und Hähne bevölkern die Wiese gleich vor dem Steg. In einem kleinen Haus sind gerade einmal wenige Tage alte Küken sicher vor Raubvögeln untergebracht… Samuel bekommt eines in die Hand gesetzt. Die natürlich auch frei laufende Pferdestute ist schwanger. Nur manchmal kommt sie in einen großen abgezäunten Bereich, damit der Hengst sie in Ruhe lässt. Kaninchen mit dicken Puschelfell liegen faul im Sand und lassen sich entspannt streicheln.

Wilde Schwarzzügelibisse (Bandurrias) fliegen bei Annäherung laut kreischend auf. Nahezu täglich flattert ein großer Schwarm grün-roter Papageien bzw. Sittiche laut zwitschernd über Fluss und Bäume. Für die Nacht verziehen sich alle Perlhühner auf(!) den Baum gleich neben dem Boot. Kurz vor Sonnenaufgang beginnen die Hähne zu noch mehr zu krähen als ohnehin schon. Kein Problem, daran gewöhnen wir uns schnell. Es ist wirklich ein kleines Paradies.

Überhaupt merkt man den Frühling. Draußen läuft eine Henne mit ihren drei Küken, immer wieder finden sich Nester mit Eiern von Perlhühnern und Enten. Mal bei leisester Annäherung fauchend verteidigt, ein anderes Mal schon beim entfernten Vorbeigehen fluchtartig verlassen. Ein gutes Dutzend heranwachsender Hühner rennt fiepend in einem größeren Gehege. Gerade heute befreiten wir eines von einem widerspenstig um das Bein gewickelten Faden. Eine Entenmutter ist mit ihren acht frisch geschlüpften Küken sicher vor Seelöwen und Raubvögeln gut versorgt untergebracht. Was für ein krasser und unglaublich schöner Unterschied zum „Hafengefängnis“ der letzten Wochen.

Das ist nicht zuletzt auch unseren Gastgebern zu verdanken. „Diese Insel ist hier in Chile Euer Zuhause!“, bekommen wir mehrfach versichert. Sie sind froh, dass wir hier sind, sie uns helfen können und jedes ihrer Worte kommt von Herzen. Eigentlich betreiben sie in der Saison einige Ferienhäuser, doch aufgrund der aktuellen Situation und der geschlossenen Grenzen sind wir die einzigen (nicht zahlenden ;-) Gäste auf der Insel. Wir bekommen den Schlüssel eines Hauses um zu duschen, auch den von der Cafeteria für den Eisschrank. Selbstredend bekommen wir einen chilenischen Stecker um uns einen Adapter für den Landstrom zu basteln und können ihr Internet nutzen (… inzwischen zapfen wir aber das offene Netz der nicht weit entfernt liegenden „Magellan Explorer“ an ;-).

Rechts hinten unser Internet-AccessPoint ;-)

Wir versuchen es zu danken mit dem Mindesten, was wir tun können. Immer wieder streifen wir über die Insel. Dabei können wir uns leider einer selbst schon in den abgeschiedenen patagonischen Kanälen fast allgegenwärtigen Zivilisationskrankheit nicht entziehen: Müll… sei er nun nun angeschwemmt oder von früheren Gästen hinterlassen. Eine Schande!!! So nehmen wir eine große blaue Ikea-Tüte mit und sammeln ein, was wir finden. Viel zu viel!

Auf einem unserer Inselstreifzüge besuchen wir auch den großen, am Ufer vor sich hin rostenden Rohbau eines Katamarans. Da hatte sich mal ein Chilene Schiffspläne aus Argentinien besorgt und den Bau angefangen. Dann stellte man fest, dass das falsche Material verwendet wurde… Eisen statt Aluminium. Das Boot war statisch so nicht brauchbar, eine Korrektur zu teuer. Also schob man es einfach auf die Küste. Die Eigentümer der Insel dürfen es nicht bewegen, der Eigentümer des Wracks versteckt sich selbst vor Kaufangeboten. So bleibt der Status quo. Im Grund ein Schandfleck für Valdivia. Andererseits ein Paradebeispiel für die allgemeine Problemlösungsstrategie offizieller Stellen in Chile, welche wir gerade am eigenen Leib erfahren.

Am ersten Wochenende kommen die Nachbarn von der gegenüberliegenden Kanalseite zu einem Parilla vorbei. In Argentinien hieß das noch Asado, aber das Grundprinzip bleibt gleich: Fleisch auf Feuer! Jeder bringt etwas mit. Pisco-Sour ist unheimlich lecker und echt gefährlich. Über den offenen Flammen steht eine große Metallschüssel. Etwas Öl und dann Würstchen und Fleisch rein. Grillen mal anders. Mjammm! Die insgesamt fünf Kinder zwischen 7 und 13 Jahren spielen zwischen den Bäumen, später machen sie Marshmallows für alle. Wir sind willkommen. Vielen Dank für einen tollen Abend!

Knapp zwei Wochen bleiben wir hier… zumindest fürs Erste. Dann fahren wir für ein paar Tage (trotz immer noch geltender Quarantäne ;-) zurück zum CYV. Eine Lieferung vom Supermarkt, Besuch vom Honorarkonsul, Müllentsorgung, Ölwechsel und andere Kleinigkeiten wollen erledigt werden. Und inzwischen kristallisiert sich auch immer mehr heraus, wie wir die nächsten Wochen und Monate weiter machen wollen wollen. Nicht unbedingt zur uneingeschränkten Freude von La Skipper, doch es ist ja noch nichts in Stein gemeißelt. Jedenfalls wird dieser Tage offiziell die chilenische Grenze für Touristen geöffnet. Auch wenn das offiziell nur für den Flughafen von Santiago gilt, so hoffen wir weiter. Dabei haben wir immer eine beruhigende Gewissheit: wir haben hier in Chile einen Platz, zu dem wir immer wieder zurück kommen können und auch werden… ein zweites Zuhause… die Isla Haverbeck!

Danke!

4 Kommentare zu „Isla Haverbeck“

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