Alltagsprobleme in hohen Breiten: Landleinen

Ich hatte in Schweden mal gesehen, wie ein Boot seine Landleine nur gefiert und damit auf Grund gelegt hatte, um ein anderes Boot durchzulassen. „Gute Idee“… dachte ich… damals. Ja, das mit den Landleinen haben wir hier im tiefen Süden sozusagen „von der Picke auf gelernt“. Über die kleinen und großen Fallstricke beim praktischen Ausbringen hat Samuel ja schon berichtet. Daher beschränke ich mich an dieser Stelle auf ein paar eher „technische“ Gedanken .

200m Schwimmleine

Nicht umsonst werden hier unten als Landleinen bevorzugt Schwimmleinen verkauft. In Ushuaia hatten wir uns mit einer 200m Schwimmleine ausgestattet, die sehr schnell auch den essentiellen Kern unserer Landleinen-Ausrüstung bildete. In kleineren Buchten verwendeten wir sie parallel an bis zu drei Haltepunkten. Also ein Ende kam von Baum/Stein zum Boot auf Klampe, von dort über andere Klampe an zweiten Baum/ Stein und wieder zurück zum Boot auf Klampe, das andere Ende schließlich von einer dritten Klampe an einen dritten Baum/Stein.

Ein anderes Thema ist die Unterbringung dieser Leine. Oft sieht man große, gerne in Mastnähe angebrachte Rollen. Das ist sicherlich eine gute Sache, wenn das Heimatrevier regelmäßig nach Landleinen verlangt. Für uns kam das eher nicht in Frage. In der Antarktis hatte ich die 200m Leine mehr schlecht als recht um eine dicke Metallstange gewickelt. Nicht schön. Doch dann sah ich zurück in Ushuaia beim (einzigen) Ausstatter eine Plastikrolle mit kleinem Leinenrest rumstehen und habe nett gefragt. Tatsächlich schenke man mir kurzerhand die Rolle, sowie auch die 4m Leinenrest . Dabei spielte sicher mit rein, dass ich gerade für mehrere hundert Euro unseren zwei neuen, richtig großen Fender kaufte. Wie auch immer, diese Rolle achtern am Cockpittisch angebracht, war für uns eine nahezu perfekte Lösung:

+ als erste Leine schnell ausgebracht

+ lang genug um schon während des Ankermanövers an Land zu kommen

+ lang genug für mehrere Haltepunkte

+ schwimmt und somit sehr leicht mit Dinghy handhabbar

+ Knoten grundsätzlich gut zu lösen

+ als letzte Leine keine Gefahr von „Leine in der Schraube“

+/- nach Benutzung zwar sauber, aber recht aufwändig aufzurollen

–> Note: 1

Die Allzweckwaffe ist im Dauereinsatz!

56m Ankarolina

Die Ankarolina wird in Skandinavien gerne als Leine für den Heckanker verwendet. Hier unten setzten wir sie als Landleine ein. Einerseits ist das sehr praktisch, da sie auf ihrer kompakten Rolle am Heckkorb schnell einsetzbar und leicht wieder einzuholen ist. Andererseits ist es letztlich ein Gurtband. Das kommt gerne mal ins Vibrieren. Das haben wir gerade bei stärkerem Wind deutlich zu hören, ja fast schon spüren bekommen. Und wenn man sich bei einstelligen Temperaturen mit nassen Händen an einem festgezogenen Gurtbandknoten versucht, schleicht einem definitiv kein Lächeln über die Lippen. Je länger wir unterwegs waren, umso seltener kam die Ankarolina als Landleine zum Einsatz.

+ schnell von Rolle einsetzbar und wieder einzuholen

– sinkt und somit (gerade bei voller Länge) schwer mit Dinghy handhabbar

– verhakt sich sehr gerne im Kelp (und zieht es gerne auch aus dem Wasser)

– bei starkem Wind teilweise heftige Vibrationen

– festgezogene Knoten sind sehr schwer zu lösen (Marlspieker nicht vergessen)

–> Note: 4

Die Ankarolina bleibt immer öfters verpackt…

Normale Festmacher

Ja, auch die normalen Festmacher versinken und sind somit nicht immer leicht im Dinghy handhabbar. Und doch haben sie unbestreitbar Vorteile. Zunächst einmal sind sie ohnehin an Bord, haben ihren Platz und sind schnell einsetzbar. Dazu kann man sie zusammenknoten und somit sehr flexibel an die benötigte Länge anpassen. Gerade wenn das Boot mit dem Heck dicht an einer von Fischern schon quer durch die Bucht gespannte Leine liegt, braucht es nur wenige Meter „Land“leine.

+/- recht unkompliziert im Einsatz

– sinkt und somit recht schwer im Dinghy handhabbar

+ flexibel in der Länge

+ auch festgezogene Knoten gut lösbar

–> Note: 2-3

Das volle Programm… Anker, Schwimmleine, (rosa) Festmacher und Ankarolina (Kettenvorläufer nicht im Bild)

Praxis

Übung macht den Meister. Diese Binsenweisheit gilt natürlich auch für den Einsatz von Landleinen. Es brauchte tatsächlich einige Anläufe, bis sich so etwas wie Routine einstellte und man auch an die Kleinigkeiten dachte. Dazu gehört einerseits der eigentlich allgemein bekannte Umstand, dass Leinen scheuern. Insbesondere an Steinen. Schon früh waren daher immer zwei kurze Kettenvorläufer mit im Dinghy. Die hatten auch den Vorteil, dass eine an einem beim nächsten Hochwasser spontan versinkenden Stein angebrachte Leine definitiv nicht aufschwamm.

Einen letzten Gedanken hatte ich schon recht früh, dann auch konsequent umgesetzt, aber glücklicher Weise niemals wirklich gebraucht. Wir haben die Leinen grundsätzlich so gelegt, dass sie einfach vom Boot loszuwerfen waren. Im Notfall müsste es schnell gehen und eine Abfahrt ohne Landgang möglich sein. Bevorzugt, ohne dabei eine Leine durchschneiden zu müssen. Insbesondere für die am Cockpittisch aufgerollte Schwimmleine bedeutete das also, immer hinten raus und dann außen um Heckträger und Achterstag nach vorne geführt zu werden. Ja, das ist manchmal etwas aufwändiger, meines Erachtens aber die Mühe Wert.

So, jetzt habe ich mich über dieses Thema doch länger als geplant ausgelassen. Allen, die diese Zeilen noch lesen gilt mein Dank für das Durchhalten. Doch ehrlich gesagt hätte ich mir mehr oder weniger genau solche Informationen schon vor unserer Abfahrt gewünscht. Insofern verzeihe man mir den Anflug von Sendungsbewusstsein und sei versichert, dass es an dieser Stelle schon bald mit auch für Nichtsegler (hoffentlich) interessanteren Artikeln weiter geht.