Samai auf Landgang

Valdivia, Anfang Oktober 2020

Hin und wieder sollte man ein Segelboot auch mal aus seinem angestammten Element, dem Wasser holen. Einfach mach schauen, wie es da unten aussieht, eventuell das eine oder andere ausbessern und natürlich ist auch das Anti-Fouling (also der zugegebener Maßen üblicherweise wenig umweltfreundliche Anstrich zur Vermeidung von Bewuchs) ein Thema. Bei Metallschiffen kommen ganz oben auf der Liste dann auch noch die Opferanoden hinzu. Gerade Aluminium ist bei all seinen Vorzügen was das Verhältnis von Stabilität und Gewicht angeht leider doch ein im elektrischen Sinn recht schlechte Wahl. Anders gesagt gehen Elektronen bei einer anliegenden Spannung grundsätzlich vom „minderwertigen“ zum „höherwertigen“ Metall. Tja und in dieser Hierarchie ist Aluminium zwar nicht ganz am Ende, aber doch recht weit unten. Darum ist bei einem Boot wie unserem auch die elektrische Installation so wichtig. Es darf weder Strom noch Masse am Rumpf liegen, sonst geht das schnell an die Substanz.

Glücklicher Weise kommt unsere Samai von einer Werft, die in dieser Hinsicht ihr Handwerk versteht. Trotzdem sind sogenannte Opferanoden unverzichtbar. Dabei handelt es sich um in der elektrischen Hierarchie noch minderwertigeres Material als Aluminium, das im Zweifel an Stelle des Rumpfes seine Elektronen abgibt. Doch nicht nur der Rumpf, insbesondere auch der Propeller hat solche Opferanoden um seine Substanz zu schützen.

Bei meinen Tauchaktionen im patagonischen Eiswasser hatte ich ja schon festgestellt, dass eben diese Opferanoden unseres Propellers durch schlichte Abwesenheit glänzten. Natürlich haben wir Ersatz an Bord, doch dieser lässt sich unter Wasser, noch dazu ohne Taucherausrüstung doch allzu arg umständlich installieren. Daher war es in Valdivia von vorneherein ein wichtiges Anliegen, das Boot aus dem Wasser zu holen. In Deutschland bemüht man dafür einen Kran. Entweder die Variante, für dass das sogenannte stehende Gut (also insbesondere die metallenen Wanten, die den Mast halten) gelöst werden, eventuell sogar der Mast vorher weggenommen werden muss. Alternativ gibt es den sogenannten Traveller-Kran, der Boot auch mit stehendem Mast und Gut rausholen kann. Mit der Samai so geschehen vor einer gefühlten Ewigkeit in Rostock.

In Südamerika geht man das Thema eher pragmatisch an. In Brasilien wurde ein Karren ins Wasser gelassen, ein Hafenmitarbeiter ging hinterher und sorgte für sicheren Halt bevor ein Traktor das ganze Gespann raus zog. Hier in Valdivia ist es nicht sehr viel anders. Ok, kein Traktor. Aber letztlich ist es dann doch ein recht einfacher Karren. Vorab wurden nach unseren Angaben ein paar Holzblöcke darauf festgenagelt, auf denen unsere Samai (hoffentlich) sicher aufliegen kann. Dann wird dieser Karren ins Wasser gelassen und das Boot, je nach Tiefgang bevorzugt bei Hochwasser, zwischen die Metallstreben buchsiert. Von der Seite schaut ein Hafenmitarbeiter, ob das passt. Das Wasser ist so flach, dass er das problemlos erkennen kann. Die Leinen fest, also richtig fest, und dann geht es los. Der Karren wird rausgezogen. Das Boot kommt mit. Wir oben drauf. Irgendwann sitzen wir auf und es geht weiter raus. Ein echt komisches Gefühl, doch es funktioniert. Warum auch nicht, schließlich ist das Procedere hier lang erprobt.

Vorbereitungen.
Leinen fest im Karren und los…

Eigentlich wollten wir ob der Windvorhersage erst einen Tag später rausgeholt werden. Doch der Zeitplan ist eng, die Warteliste lang. So verbrachten wir einen ersten unruhigen Abend. Ja, im Gegensatz zu anderen Ländern kann die Besatzung hier selbstverständlich auch dann im Boot bleiben, wenn dieses an Land steht. In Deutschland würde jede Versicherung in unkontrollierten Kreisen laufen. Wir dagegen „genossen“ auf dem Trockenen seitlich Böen von bis über 40kn. In einem mindestens 12t schweren Schiff, das in einem nur bedingt vertrauenswürdig anmutenden Karren stand. Doch der Schein trügt, alles gut!

Wir wollten den Landurlaub unserer Samai möglichst kurz halten und machten uns wann immer es halbwegs trocken war ans Werk. Zunächst wurden alle Opferanoden erneuert. Die zwei kleinen am Bugstrahlruder waren echt nervig, die drei großen dagegen am Rumpf fast schon Routine. Samuel war eine gute Hilfe. Schließlich haben wir Jungs dann auch dem Propeller neue Anoden sowie eine gründlich Schmierung gegönnt. Dieses Thema war damit abgehakt.

Der Propeller sieht auch wieder fein aus.

Ein anderes Thema ist das Anti-Fouling. Im Eis der Antarktis hatten wir uns den Anstrich an der vorderen Bootshälfte auf Wasserlinie bis auf das Aluminium abgeschabt. Da wollte ich dann doch etwas nachbessern.

Andenken aus dem ewigen Eis.

Allerdings durften wir in „freiwilliger Quarantäne“ ja den Hafen nicht verlassen und waren daher auf die restlichen Farbvorräte an Bord angewiesen. Tja, was soll ich sagen. Ich hatte zwar noch einen ganzen Topf für Aluminium taugliches Trilux 33 dabei. Allerdings nur in Weiß! Zur Erinnerung… eigentlich ist unsere Samai unten herum eher dunkel gehalten. Und ein Topf Farbe reicht auch nicht für den ganzen Rumpf. Nun gut, ich hatte wenig Alternativen und was ist Farbe schon anderes als die sprichwörtlichen „Schall und Rauch“. So elegant wie es meinem eingeschränkten Talent möglich war, klebte ich den übelst zugerichteten Bereich des Vorschiffes ab. Die bis auf das Aluminium abgeschabten Bereiche wurden mit einem glücklicherweise ebenfalls an Bord gefundenen „Propeller-Primer“ übergesprüht. Dann kam die Malerrolle zum Einsatz. Ich sage mal: „Nicht schön, aber selten!“. Wir trösten uns mit dem Gedanken, dass es garantiert noch keine Allures mit auch nur ansatzweise vergleichbarer Kreativität bei der Farbgebung des Unterwasserschiffes gab. Wichtiger noch ist allerdings, dass wir das Kunstwerk an Bord stehend nicht wirklich sehen können.

Nachdem ich den vorderen Rumpf fertig hatte, half mir Samuel bei den letzten Baustellen. Die untere Schwertkante hatten wir uns schon im niederländischen Watt abgeschabt, nun strahlt sie weiß. Und auch die Ruder waren über einen neuen Anstrich dankbar… mehr noch, da sie keine Augen haben. Ja, das ist schon ein besonderes optisches Erlebnis, aber ehrlich gesagt… EGAL! Wichtig ist, dass der Rumpf geschützt ist und dass die Anoden ihren Dienst verrichten. Der Rest ist Kosmetik. Und ebenso, wie einen schönen Mann oder natürlich auch eine schöne Frau nichts entstellen kann, so kann auch ein schönes Boot… ;-)

Nach nur zwei Nächten kamen wir wieder ins Wasser. Der Karren wurde langsam-ruckend ins Wasser gelassen. Wieder war es ein komisches Gefühl, dabei an Deck zu stehen. Endlich schwammen wir auf, lösten die Leinen und wollten rückwärts aus dem kleinen Hafen fahren. Doch warum kommt da kein Kühlwasser vom Motor raus? Das ist doch nicht wahr! Motor aus, Ventile kontrolliert, Sitz des Filters und sogar den Impeller geprüft. Alles gut. Ok… tief durchatmen. Klar, beim Rausholen waren die Leitungen trocken gelaufen. Also zur Sicherheit noch etwas Wasser über den Filter nachgekippt, dann den Motor an und einfach mal mit der Drehzahl hoch… schon kam auch wieder das Kühlwasser. Einfach mal Ruhe bewahren!

Nun liegen wir also wieder im kühlen, hier im Valdivia-River sogar süßen Nass. Unter Wasser ist der Rumpf, wenn schon nicht ästhetisch, so doch wieder gut geschützt und die Zeit wird zeigen, was wir unserem Boot als nächstes Zumuten. Korallen der Südsee oder sogar nochmal ins Eis? Wie auch immer, wir haben volles Vertrauen, dass unsere Samai und natürlich auch wir alles, was noch kommen mag, heile und gesund meistern.

2 Kommentare zu „Samai auf Landgang“

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