Horrornacht bei Pléneau Island

Es ist immer noch der 15. Februar, mittlerweile 04:02 Uhr, aber die Zeit nehme ich mir zum Abschluss dieser Nacht jetzt noch. Wir gingen also bei Henk längsseits und wurden wie immer freundlich begrüßt. Unsere Einladung zur Besichtigung der Samai wurde gerne angenommen und anschließend gab es leckere Steaks vom Grill mit Ofenkartoffeln, Rote-Bete-Salat und Wein auf der Sarah W. Vorwerk, also dem Schiff, mit dem ich vor zwölf Jahren schon mal hier im Süden war.

Allerdings war gerade auch ziemlich viel Eis in der Bucht. Die große Scholle, an der vier Krabbenfresserrobben ausgelassen spielten war ja noch ok. Doch immer wieder schoben sich mehr oder wenig kleine Eisstücke auch zwischen unsere Boote und einmal trieb eine wirklich große Scholle an der Sarah entlang… die Kette hatte sie gut abgelenkt, und die Fender machten Sinn.

Der Wind nahm zu und dreht auf Nordost. Schien die Luv-Seite (also die Seite, von der der Wind kommt) gerade noch entspannt und eisfrei, so schob sich nun immer mehr Weiß von außerhalb der Bucht auf uns zu. Da war es wieder, das unverwechselbare Geräusch von am Aluminiumrumpf entlangschabenden Eis. Wenigsten blieben die ganz großen Brocke aufgrund er vorgelagerten Steine draußen.

Trotzdem ließen die Bedingungen so ganz allmählich eine potenziell unruhige Nacht erahnen. Immer wieder kamen Böen mit 30 bis über 40kn durch, aber eigentlich sollte das doch schon passen.

Wir hatten uns für die Nacht verabschiedet, die Mädels schliefen schon, Samuel ging gerade ins Bett, ich räumte noch ein bisschen im Cockpit auf, da schaute ich einer Intuition folgend nach hinten… und sah sehr deutlich die felsige Küste im Schein der Kopflampe. Nicht gut! Der Anker der Sarah, an der wir ja beide hingen, hielt offensichtlich nicht. In dem Moment kam auch schon Skipper Henk an Deck und startet seinen Motor. Ich tat es ihm gleich, schließlich galt es neben seinen locker 25t auch noch unsere gut 12t zu bewegen. Der aufgeholte Anker zeigte den Übeltäter… er hatte sich einen Stein eingefangen. „Das ist mir zum ersten Mal passiert!!!“

Wenn es nur dabei geblieben wäre. Es war inzwischen etwa 1 Uhr nachts, die dunkle Stunde der frühlingshaften Antarktis und bei mir hatte sich unverhofft im mittleren Bereich der (eigentlich gut aufgerollten) Fock das Segel etwas geöffnet. Es schlug mit lautem Geräusch umher und das Vorstag tat es im gleich… das alles sah nicht gut aus und klang noch viel schlechter. Die Sarah hatte inzwischen den Anker wieder unten und die gesamten 120m Kette draußen, da fiel auf der Samai die einzig halbwegs sinnvolle Entscheidung: die Fock muss soweit möglich ausgerollt und dann runter geholt werden. Das Ganze bei immer noch heftigen Böen um die 40kn und mit einem aufgrund der teilweisen Abwicklung nicht vollständig entrollten Vorsegel, das wild umher schlug. Da war alleine nichts zu machen, das Segel kam selbst dann, wenn ich mich ran hängte nicht einen Zentimeter runter. Zum Glück kam Hilfe von der Crew der Sarah. Größtenteils keine Segler, aber durchweg hilfswillig und kräftig. So schafften wir es nach einer gefühlten Ewigkeit schließlich, die Fock runter zu holen.

Doch schon als wir noch dabei waren, fing das gleich Spiel bei der kleineren Kutterfock an. Auch hier hatte sich ein Stück ausgerollt, sie schlug wild umher und auch hier galt es nun, sie erst auszurollen und dann runter zu holen. Das ging glücklicher Weise etwas leichter, da die Segelfläche doch deutlich kleiner ist.

Es war tatsächlich geschafft… beide Vorsegel lagen mehr oder weniger gesichert auf dem Vordeck. Der Rest war durchatmen, die durchaus vorhandenen Gefahren der vergangenen Minuten realisieren und aufräumen. Die lieben Helfer verabschiedeten sich ins bis auf eine Ausnahme ins Bett und es ging daran, so halbwegs klar-Schiff zu machen. Segel abschlagen und ins Cockpit schleppen.

Sollte man vielleicht nochmal zusammenlegen?!

Ich war immer noch beim Aufräumen und zusätzlichen Sichern des Großsegels, als Henk rüber kam. Bei Gelegenheit solle ich doch lieber vor meinen eigenen Anker gehen… so richtig wohl fühle selbst er sich bei den aktuellen Bedingungen dann doch nicht. Eine mehr als verständliche Sichtweise, die ich uneingeschränkt teilte. Also hieß es kurz danach, es war mittlerweile ca. 2 Uhr nachts, Leinen los und ca. 150m weiter den Anker runter gelassen. Zum ersten Mal hatte ich tatsächlich die gesamten 100m Kette raus gelassen. Irgendwann hielten Anker und Kette dann sogar halbwegs.

Tja und so liegen wir hier nun. Der Wind hat zwar nachgelassen, dafür etwas gedreht und schickt auch immer noch gerne mal eine ordentliche Böe vorbei. Die Familie schläft selig. Hat sie die ganze Aktion wirklich verschlafen? Aber das ist ein gutes Stichwort. Es ist jetzt 5:03 Uhr, man kann die Umgebung inzwischen wieder gut sehen, der Anker ca. 90m vor uns hält und der Wind ist für hiesige Verhältnisse halbwegs in Ordnung. So sage ich also „Gute Nacht“ (… also was davon noch übrig ist ;-)

Die Ruhe nach dem Sturm…

Nachtrag: Die Schadensaufnahme fiel eigentlich recht erfreulich aus:

  • Bei der Fock sind eine horizontale sowie am Achterliek knapp 2m vertikale Naht des aufgenähten, dunklen UV-Schutzes gerissen. Bei der Kutterfock ist nur eine horizontale Naht dieses UV-Schutzes gerissen. Wir werden das voraussichtlich in Ushuaia nähen lassen. Die Segel selbst haben keinen Schaden genommen! Trotzdem haben wir nur die kleinere Kutterfock wieder hochgezogen und lassen die stärker in Mitleidenschaft gezogene größere Fock unter Deck.
  • Am ärgerlichsten ist, dass ein Verbindungsstück im unteren Bereich vom Vorliek der Kutterfock etwas verbogen ist. Vermutlich dadurch lässt sich das kleine Vorsegel nur noch recht schwer aus- und einrollen. Das war zwar schon vorher immer etwas hakelig, hat sich nun aber verstärkt. Wahrscheinlich hat sich jemand in der Nacht dort angelehnt. Werde mal zusehen, dass irgendwie wieder etwas gerade(r) zu biegen.
  • Schließlich ist noch ein Bolzen vom Relingsdraht verschwunden (und schon ersetzt).

Da sind wir doch eigentlich ganz gut bei weggekommen.

5 Kommentare zu „Horrornacht bei Pléneau Island“

  1. Es ist erstaunlich, wie sich die Bedingungen auf See plötzlich ändern können. Gott sei Dank waren Sie agil und haben es geschafft, die Situation zu retten!

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    1. Hallo Carlos, ich habe gerade heute morgen an sie gedacht! Wir waren ja nicht einmal auf See, sondern in einer geschützten Bucht. Und wie geschrieben gilt mein Dank allen Helfern in dieser Nacht! Gruß aus Ushuaia, Michael

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      1. Unsere Kinder – Victor und Luiza – verfolgen ihre Abenteuer immer mit großem Interesse. Übersetzen Sie Ihre Wörter mit der unschätzbaren Hilfe meines Freundes Google Translate. Die Abenteuer Ihrer schönen Familie inspirieren unsere Kinder zutiefst. Ich habe keine Worte, um Ihnen für diese magischen Momente zu danken.

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