600sm – Eine ganz komische Nacht bei Isla Aves

5. Februar 2022, Bordzeit 10:00 Uhr
Position: 15 Grad 05 Minuten Nord / 063 Grad 08 Minuten West

Viele Länder erheben Anspruch auf Territorien und Inseln, bei denen man sich im ersten Moment wörtlich denkt: „Hä?“ Historisch gibt oft einen kolonialen Hintergrund. Dabei spielen Rohstoffe aller Art damals wie heute eine wichtige Rolle. Aktuellere Ansprüche fallen meist in dieselbe Kategorie. Stichwort: Arktis. Die Isla Aves ist im Grunde auch so ein Fall. Ihrem Namen „Vogel-Insel“ entsprechend ist dieses Fleckchen Land ein Ruhe- und Brutort für Seevögel, aber auch Suppenschildkröten. Und das mit dem „Fleckchen“ ist nicht übertrieben: 375m lang und maximal 50m breit erhebt sie sich gerade einmal 4m über den Meeresspiegel. Zumindest bei gutem Wetter. Manch ein Hurrikan hat sie schon komplett überflutet.

Da liegt dieses kleine Inselchen nun also mitten in der östlichen Karibik. um die hundert Seemeilen (1sm = 1,852km) links vom Antillenbogen, 190sm unten-rechts von Puerto Rico und fast 300sm über dem südamerikanischen Festland von Venezuela. Letzteres ist es dann auch, das Anspruch auf das ihrer Küste nicht gerade direkt vorgelagerte Inselchen erheben. 1950 landet eine venezolanische Marineeinheiten auf der Isla Aves. Warum? Das ist schnell erklärt. Mit Land geht üblicherweise eine maritime Wirtschaftszone einher. Ganze 200sm um Isla Aves werden beansprucht. Da für unbewohnte Inseln nur 12sm „erlaubt“ sind, verweist Venezuela (das die entsprechende Konvention jedoch nie unterzeichnet hat) kurzerhand auf seinen 1978 erbauten, wissenschaftlichen Marinestützpunkt. Die Insel ist bewohnt! Unnötig zu sagen, dass einige andere Länder so ihre Probleme mit der Argumentationskette Venezuelas haben.

Links nein danke, rechts ja gerne

Heute Nacht führt uns unser Weg direkt an dieser kleinen Isla Aves vorbei. Leider ist es schon dunkel, so dass wir keinen direkten Blick auf sie werfen können. Wenn wir sie denn überhaupt erspäht hätten. So entdecken wir immerhin den Leuchtturm am Nordende des umgebenden Korallenriffs, das schon vielen Schiffen zum Verhängnis wurde. Allerdings stimmt die Peilung nicht. Laut Karte sollten wir das Licht bei 105 Grad sehen, der Handkompass zeigt jedoch 90°. Hmmm… sollte die Karte derartig ungenau sein? Es dauert jedoch nicht lange, bis wir dahinter kommen: Missweisung!

Einschub für Nicht-Segler: Der Kompass zeigt nach Norden. Richtig? Ja und Nein. Seekarten liegen die geografischen Längen- und Breitengrade zu Grunde. Diese orientieren sich an der Erdachse. Norden ist oben bei 0 Grad, Osten Rechts bei 90° und so weiter… immer! Der Kompass zeigt auch immer nach Norden. Allerdings anhand des Erdmagnetfeldes. Und mal ganz davon abgesehen, dass geografischer und magnetischer Nordpol einige (hundert) Kilometer auseinanderliegen und letzterer auch noch jährlich um etwa 40km umherwandert, gibt es auch eine Vielzahl lokaler Abweichungen und Anomalien, die sich dazu noch im Lauf de Jahre ändern. Diese Differenz zwischen magnetischem Kompass-Nord und geografischen Karten-Nord (am jeweils aktuellen Ort zur jeweils aktuellen Zeit!) nennen wir „Missweisung“. Für die Navigation mit dem Kompass muss diese (neben anderem) unbedingt berücksichtigt werden, wenn man die Gradzahl vom (Handpeil-)Kompass in die Karte überträgt, sonst kann man schnell mal ordentlich daneben liegen. Oder auch gleich „hoch und trocken“.

Fun fact: Da der Nordpol eines Magneten immer nach Norden zeigt, liegt hoch oben im geografischen Norden streng genommen der magnetische Südpol des Erdmagnetfeldes.

Die Missweisung beträgt hier aktuell etwa 15 Grad. Passt. Entspannt halten wir Kurs. Zu dem Licht des Leuchtturms gesellen sich bald noch ein paar Fischer. Die rapide von 2000m auf dicht unter (bzw. 4m über) die Wasserlinie fallende Tiefe kennzeichnet gute Fischgründe. Entspannt passieren wir die Insel.

Vor diesem Sonnenaufgang kommt noch eine komische Nacht

Doch warum ist diese Nacht dann so komisch? Es beginnt mal wieder mit einer dicken, dunklen Wolkenfront. Getreu dem neuen, offen gesagt recht unerwarteten Motto von La Skipper – „Weich doch nicht immer aus. Einfach reffen und durch!“ – verkleinern wir das Großsegel und halten Kurs. Die Windaufzeichnung ist bemerkenswert. Von an der Front 27kn (50km/h) geht es binnen weniger Minuten auf 7kn runter. Die Richtung ändert sich dabei um ganze 90 Grad. Im Grunde ist das ja klassisch für so eine richtig schöne Wetterzelle, in der Praxis aber immer wieder faszinierend zu beobachten. Dazu schüttet es aus Eimern. Das ist uns jedoch sehr willkommen, da das Deck der Samai so mal wieder vom Salz befreit wird (Stichwort: Aerosole). Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass die Wolken auch in dieser Nacht wieder regelmäßig aufleuchten.

Aber auch das ist noch nicht so richtig komisch, denn diese Zelle zog, wie hier nicht unüblich, in westliche Richtung. Wir fahren grob nach Osten, kommen also recht schnell durch. Doch dann baut sich hinter uns ein wirklich sehr, sehr, sehr lang gezogenes, dunkles Wolkenband auf. Ich lächle in dem naiven Glauben, dass wir diesen Bereich ja gerade noch rechtzeitig passiert haben. Doch dann fängt die Dunkelheit an uns zu überholen! DAS ist komisch!!! Und aufgrund der unerwarteten, mit uns gehenden Zugrichtung dauert das alles dann natürlich auch eine ganze Weile. Da bleibt es fast nur eine Randnotiz, dass der Wind dabei zeitweise auf Nord-Nordwest dreht. Das hätten wir in den letzten Tage gerne öfters mal gesehen.

Durchgang einer Wetterzelle im Winddiagramm (links Richtung, rechts Stärke)

Inzwischen ist es weit nach Mitternacht. Zwei Möwen begleiten uns ebenso ausdauernd, wie immer wieder Wetterzellen in unseren Weg ziehen. Wenigstens wieder in halbwegs „richtiger“ Richtung. Da ist es auch nicht ganz so schlimm, wenn es mal zu knapp für das Reffen ist und wir unter Vollzeug gegen 6 Windstärken segeln. Nach 10-15 Minuten ist der Spuk ja schon wieder vorbei. An Schlaf ist für den Skipper kaum zu denken und auch La Skipper kommt immer mal wieder aus der Koje, um sich selbst ein Bild von der Situation zu machen. Ein unbestreitbarer Vorteil der windigen Nacht ist jedoch, dass wir endlich mal ordentlich Strecke Richtung Barbados machen. Das tut auch unserer Statistik gut:

Zwischenbericht „Luftlinie Samai-Barbados“ nach gesegelten Meilen:

  • in Bonaire ca. 520sm (auf 84 Grad)
  • nach 100sm ca. 485sm (auf 94 Grad)
  • nach 200sm ca. 425sm (auf 95 Grad)
  • nach 300sm ca. 405sm (auf 108 Grad)
  • nach 400sm ca. 400sm (auf 121 Grad)
  • nach 500sm ca. 325sm (auf 122 Grad)
  • aktuell ca. 235sm (auf 120 Grad)

Also zumindest, bis der Wind gegen 5 Uhr dann unverhofft wieder genau von vorne kommt. Eine echt komische Nacht!

Guten Morgen?!?

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