Irrwege auf der Suche nach einem Cruising Guide

17 Juni 2021

Der Plan steht. Nach dem Transit des Panamakanals wollen wir noch einige Zeit im San Blas Archipel verbringen. Also mal schauen, wie das da so aussieht mit dem Segeln. Nicht trivial. Das wird schnell klar. Die elektronischen (Navionics-)Seekarten sind alles andere als genau. Eher so eine Art grobe Orientierung in einem Bereich voller Riffs, Untiefen und Steinen. Doch wie es in Patagonien die „blaue Bibel“ gibt, so hat auch dieses Revier sein ultimatives Buch: „The Panama Cruising Guide“ von Eric Bauhaus. Ok, schon klar. Dieses Buch brauchen wir an Bord. Also wo kann ich es bekommen?

Pflichtlektüre für Segler in Panama

Als eBook ist es schon mal nicht erhältlich. Nun gut, das ist für die darin enthaltenen Karten ohnehin sehr unpraktisch. Besser wäre in der Tat echtes Papier. Wir sind doch in Panama City. Wäre doch gelacht, wenn ich das hier nicht bekommen. Aber wo?

Natürlich wende ich mich mit der Frage an unseren Agenten Rogelio. Er erzählt mir, dass er Eric schon kennenlernte, als er vor Jahren nach Panama kam. Seinen Cruising Guide sollte ich bei Islamorada bekommen. Laut Eigenwerbung „the largest nautical bookstore in Latin America“. Keine 5$-Fahrt mit Uber von uns entfernt. Also los.

An der angegebenen Adresse angekommen, stutze ich zunächst. Das sieht jetzt nicht nach einem großen Buchladen aus. Am Rand einer vielbefahrenen Kreuzung ducken sich ein paar flache Häuser. Auf der Rückseite finde ich den Eingang.

Islamorada

In der Tat gibt es in dem Laden eine gewisse Auswahl an Seekarten, Flaggen und Büchern. Etwas maritime Belletristik, wenige Revierführer, viele offizielle Publikationen aus den USA sowie Gezeitenwälzer. Ich fange gar nicht erst an zu suchen, sondern frage gleich mal nach. Die Antwort ist ernüchternd. Nein, den Bauhaus haben sie nicht da. Und sonst in Panama City? Ich solle es mal in der Marina Flamenco versuchen. Gleich um die Ecke unserer eigenen Marina La Playita. Toll.

Vorher brauche ich noch einen Supermarkt. Der „Mini Super“ um die Ecke ist eher bescheiden. Doch da ist nur knapp eineinhalb Kilometer entfernt ein großer Xtra-Supermarkt. Noch schnell etwas Geld am Automaten geholt und los geht es.

Ich laufe den einsamen, schmalen Fußweg entlang einer breiten Zubringerstraße. Ein Träger meiner Sandale reißt aus. Toll. Ich schaue mich um. Anscheinend ist das hier nicht die beste Gegend, aber jetzt auch noch kein Grund zur Sorge. Trotzdem schiebe ich die frisch abgeholten Dollar in die Unterhose und verstaue die Kreditkarten separat in der Gesäßtasche.

Dann komme ich zur großen Durchgangsstraße. Jetzt nur noch die Unterführung und in 600m sollte der Supermarkt sein. Doch was sich sehe, gefällt mir nicht wirklich. Es ist der Beginn des Viertels, durch das wir auch auf dem Rückweg aus der Altstadt Casco Viejo gefahren sind. Ich hadere. Und das Handy gesellt sich zu den Dollar in die Unterhose.

Mein heller Teint gibt gerade in dieser Gegend jedem einen deutlichen Hinweis. Die kurzen Hosen vervollständigen das Bild. Man mag es kaum glauben, aber praktisch jeder Panamaer läuft ungeachtet der schwülen Temperaturen mit langen Hosen herum. Ganz offensichtlich bin ich ein Ausländer.

Wie jeder Mensch fast überall auf der Welt!

Aber hey, es sind doch nur 600m. Doch die ziehen sich. Andere Menschen kommen mir entgegen. Vor allem Frauen. Das beruhigt. Noch 400m. Links im Innenhof sitzt eine Gruppe junge Männer, die mich im Vorbeigehen beäugen. Das beruhigt weniger. Mein Schritt wird schneller. Noch 200m. Ein entgegenkommender Schuljunge spricht mich an: „Hey Gringo?!“. Ich sehe den Xtra. Auf der anderen Straßenseite steht Polizei. Das beruhigt. Ich erreiche den Eingang. Nur noch Temperaturmessung, Handdesinfektion und es empfängt mich die klimatisierte Kälte eines in dieser Gegend unerwartet luxuriösen Supermarktes. Geschafft.

Vor dem Eingang des Supermarktes

Nach dem Einkauf bestelle ich mir wieder einen Uber und warte noch im Laden, bis er auf wenige hundert Meter ran ist. Im sicheren, vom Fahrer natürlich verriegelten Auto traue ich mich dann auch ein paar Fotos zu machen. Impressionen aus einem direkt neben dem Weltkulturerbe Casco Viejo gelegenen Wohnviertel…

Zurück geht es über den Causeway nach Amador. Selbstredend haben sie den gesuchten Cruising Guide auch in der Flamenco Marina nicht vorrätig. Ziemlich ernüchtert bringe ich meine glücklicher Weise heile Haut zurück zur Samai.

Am nächsten Tag erzähle ich Rogelio von meinem „Spaziergang“. Seine Reaktion ist eindeutig. Er geht in dieser Gegend definitiv nicht zu Fuß umher. In seiner Zeit als Taxifahrer ist er nachts nicht mal mit dem Auto dorthin gefahren. In seiner Feststellung, dass ich wohl eine 50:50-Chance gehabt hätte, liegt sicher auch etwas Übertreibung. Oder? Hey, es waren doch nur 600m.

Was den immer noch gesuchten Cruising Guide angeht, ruft er für uns bei der an der Atlantikküste gelegenen Linton Bay Marina an. Er hat echt für alles die richtige Telefonnummer parat. Der Bericht anderer Segler wird bestätigt. Ja, das Buch sei vorrätig. Super. Glücklich kündigen wir unsere Ankunft in etwa einer Woche an. Damit ist unser Ausflug nach San Blas gerettet!

Nachtrag: Shelter Bay Marina, 21.06.21

Schon klar, hier haben sie den Cruising Guide natürlich auch vorrätig. Egal… wichtig ist nur, dass wir ihn nun an Bord haben. Einen Zwischenstopp in der Linton Bay Marina machen wir trotzdem.

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