Reiches Costa Rica

Ich habe ja schon ein paar Zeilen dazu geschrieben, dass Costa Rica auch die Schweiz Zentralamerikas genannt wird, als eines der fortschrittlichsten Länder Lateinamerikas gilt und in vielen Bereichen überraschend teuer ist. Doch woher kommt das? Woher hat das Land diesen Ruf und warum steht dieses Land heute so selbstbewusst da? Meiner bescheidenen Meinung nach sind drei Aspekte hervorzuheben: 1. Mangelndes Interesse der spanischen Kolonialherren (16./17. Jahrhundert) 2. Auflösung der Armee (1948/49)
3. Strikte Neutralität (1983)
Schauen wir in die Geschichte. Wie fast überall in Lateinamerika bildet die Ankunft der Spanier eine Zäsur. Schon 1502 erreicht Christoph Kolumbus die reiche Küste (= Costa Rica). Doch ganz so reich ist sie zu dieser Zeit wohl doch nicht. Keine 50 Jahre später haben die Spanier das Land vorübergehend wieder verlassen. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts beginnt eine systematische Kolonialisierung. Ein Glanzstück im spanischen Kolonialreich wird Costa Rica jedoch nie. Zu weit entfernt von wichtigen Wirtschafts- und Verwaltungszentren, Rohstoffarmut, allgemein geringe wirtschaftliche Bedeutung und nicht zuletzt dank der Pocken und Tuberkulose vergleichsweise wenige indigene Arbeitskräfte resultieren in einer der ärmsten Kolonien Amerikas. Insbesondere das Schicksal der indigenen Bevölkerung ist natürlich eine menschliche Katastrophe. Andererseits sorgt es für Angleichung. Die Eroberer müssen selbst auf den Feldern arbeiten. Es bildet sich (z.B. im Gegensatz zu Ecuador) keine nennenswerte, von den Spaniern unterdrückte Mestizen-/Mischlingsklasse heraus. Damit fehlt heute die Grundlagen sozialer Spannungen, wie sie sich in anderen Ländern Lateinamerikas finden. Und das mit der damaligen Armut des Landes einhergehende Desinteresse der spanische Kolonialherren ist wohl auch ein Grund für den heutigen Reichtum?!
Am 15. September 1821 erklärt Costa Rica seine Unabhängigkeit. Es folgt eine wechselhafte, nicht immer glorreiche Geschichte. Einerseits geprägt von Kaffeebaronen und (erstaunlich gewaltfreien) autoritären Regimen. Andererseits mit Abschaffung der Todesstrafe und Einführung einer staatlich bezahlten Schulpflicht schon im 19. Jahrhundert. Im Hinterhof des großen Nachbarn USA gelegen, nimmt dieser zunehmend Einfluss, der 1941 zu einem Kriegseintritt als erstes zentralamerikanisches Land führt.
Das Jahr 1948 ist geprägt von einem kurzen Bürgerkrieg (natürlich nicht ohne US-Einmischung). Dabei zeigt sich eine fast schon traditionelle Schwäche der eigenen Armee, die daraufhin konsequenter Weise abgeschafft wird. Eine wichtige Entscheidung! Das freigewordene Geld fließt in Bildungs- und Gesundheitsprogramme. Wohl auch ein Grund dafür, dass dem Land das Schicksal vieler anderer lateinamerikanischer Länder im ausgehenden 20. Jahrhundert erspart bleibt: Diktatur. Ohne Militär kann man sich nur schwer an die Macht putschen. Seit den 1950er Jahren handelt es sich um eine stabile Demokratie.
Im Jahr 1983 erklärt Costa Rica schließlich seine dauerhafte und aktive, unbewaffnete Neutralität. Aus den (bürger-)kriegerischen Aktivitäten seiner Nachbarn hält man sich konsequent raus. Vor allem daher rührt der Vergleich mit der Schweiz. Die ähnlich hohen Preise sind eher Beiwerk. Und in einem ist Costa Rica seinem europäischen Pendant sogar voraus. Das Frauenwahlrecht wurde schon 1949 eingeführt nicht erst ab 1971 (bzw. 1990 im letzten Kanton).
Das Land geht durch Wirtschaftskrise und harten Sparkurs. Wechselnde Regierungen etablieren einen Sozialstaat mit vorbildlichem Bildungssystem. Die Analphabetenrate ist eine der niedrigsten in Lateinamerika. Das 2007 beschlossene US-Freihandelsabkommen ist vor dem Hintergrund einer negativen Handelsbilanz nicht unumstritten. Doch es geht beständig aufwärts in Costa Rica. Dauerhafter Frieden und zunehmender Wohlstand prägen das Land.
In vielen Punkte ist Costa Rica heute ein Vorreiter. Nicht nur in der Region, sondern weltweit. Natürlich gibt es auch hier Umweltsünden. In den 1980er Jahren sind etwa 80% der Regenwaldfläche gerodet. Heute haben Klima-, Natur- und Waldschutz einen hohen Stellenwert. Inzwischen sind wieder 50% des Landes von Wald bewachsen und 27% der Landesfläche stehen unter Naturschutz. Neben dem normalen Tourismus als traditionell wichtigen Devisenbringer (auf ca. 5 Mio. Einwohner kommen jährlich ca. 2 Mio. Touristen!) setzt man konsequenter Weise zunehmend auf Ökotourismus.
Anfang der 2000er Jahre geht das Land mit der Initiative Frieden mit der Natur noch einen Schritt weiter. Man wolle als erstes Land der Erde eine ausgeglichene CO2-Bilanz aufweisen. Heute wird fast die gesamte Energieversorgung aus regenerativen Quellen gedeckt (etwa zu zwei Dritteln aus Wasserkraftwerken). Über die (zumindest offiziell) penible Mülltrennung habe ich schon an anderer Stelle berichtet.
Kurz und gut: Costa Rica steht gerade im Vergleich zu seinen lateinamerikanischen Nachbarn ausgesprochen gut da und ist sich dessen voll und ganz bewusst. Die Einwohner sind offen gelebt stolz auf ihr Land, seine Errungenschaften, den natürlichen Reichtum und zählen laut Umfrage gar zu den glücklichsten Menschen auf der Erde. Reiches Costa Rica