Wahlergebnisse in Ecuador

Ecuador, 10. Februar 2021

Ach nööö… nicht schon wieder dieses langweilige Thema. Ja, ich hatte ernsthaft überlegt, ob ich dazu noch einen Beitrag schreiben soll, aber die Ergebnisse sind dann doch zu interessant… also meiner Meinung nach… bei Desinteresse einfach nur überfliegen oder auch wegklicken… oder auch als Einschlafhilfe missbrauchen… ;-)

Es wurde also gewählt. Erst einmal die Wahlbeteiligung: gut 81%. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass es in Ecuador kein Wahlrecht gibt, sondern eine gesetzliche Wahlpflicht für alle mündigen Bürger zwischen 18 und 65 Jahren, die keine Analphabeten sind! Da erscheint dieser Wert, von der westliche Demokratien nicht einmal träumen können, dann doch wiederum erstaunlich niedrig.

Das Ergebnis der Präsidentenwahl ergab einige Überraschungen.

Der linksgerichtete Arauz erreicht knapp 33% und damit etwas mehr als die letzten Umfragen prognostizierten. Er hat vor allem im bevölkerungsreichen Küstenabschnitt Ecuadors gewonnen. Das ist alles noch im Rahmen.

Zu diesem Kandidaten sollte ich vielleicht noch anmerken, dass er Schützling des ehemaligen Präsidenten Correa ist und tendenziell als dessen „Marionette“ gilt. In der Tat wurde der frühere Staatschef (2007-2017) nach seiner Amtszeit der Bestechlichkeit angeklagt und 2020 zu acht Jahren Haft verurteilt. Aktuell lebt er (natürlich aus persönlichen Gründen) im Heimatland seiner Frau: Belgien. Das hält Arauz jedoch nicht von der offensichtlich Stimmen bringenden Ankündigung ab, dass eben dieser Correa im Fall eines Wahlsieges sein erster und wichtigster Berater sein werde. Wow!

Entgegen aller Prognosen, bei der 13 der 16 Kandidaten keine 3% erreichen würden, spielt dann doch noch ein vierter Name mit: Hervas (¡Atrévete! Somos Gente Nueva – Traut euch! Wir sind neue Leute) erreicht fast 16%. Damit hat der Unternehmer zwar keine Chance auf die Stichwahl, aber dem neoliberalen Lasso wohl einiges an Stimmen weggenommen.

Eben dieser Lasso, reicher Banker und Vorstand mehrere Finanzholdings, hat in seinem dritten Anlauf bei Präsidentschaftswahlen (auch das bei uns unvorstellbar!) eben nicht den sicheren zweiten Platz und damit das Ticket für die Stichwahl klargemacht. Zwar hat der die Provinzen rund um die Hauptstadt Quito gewonnen. Doch statt zuletzt prognostizierter locker über 20% erreichte er nach aktueller Auszählung „nur“ 19,6%. Aktuell ist alles andere als sicher, dass das reicht.

Lachender Gewinner der Stunde und unabhängig vom letztlichen Ausgang großer Sieger der ersten Wahlrunde ist der indigene Rechtsanwalt Pérez. Er bezeichnet sich als „ökologischer Linker“ und hat praktisch alle östlichen (Regenwald-)Provinzen des Landes für sich entschieden. Auch er liegt bei 19,6%. Ob das für die Stichwahl reicht?

Zwischen den Kandidaten auf den Plätzen 2 und 3 liegen nur wenige tausend Stimmen. Ständig wechselt die Führung. Die amtlichen Endergebnisse werden im schlechtesten Fall erst in einigen Tagen erwartet. Zahlreiche Beschwerden verzögern die Auszählung. Unklar ist natürlich, ob der zweite Kandidat der Stichwahl überhaupt einen großen Unterschied macht und tatsächlich einen Wahlausgang zugunsten von Arauz in Frage stellen kann. Falls Pérez antritt stellt sich die Frage, zu wem bei zwei tendenziell linken, sich trotzdem wenig freundschaftlich gegenüberstehenden Kandidaten die ohne echte Option dastehende Wählerschaft von Lasso/Hervas neigt. Anders herum ist kaum zu orakeln, wohin es die Pérez-Wähler bei einer Stichwahl zwischen links und rechts zieht. Zur Erinnerung: Wahlpflicht! Es bleibt spannend.

Schließlich gibt es bei der Wahl noch ein ganz anderes, auf Regierungsvorschlag initiiertes Referendum, dass nach aktueller Zählung wahrscheinlich auch angenommen wurde. Demnach ist es öffentlichen Angestellten und Politikern zukünftig untersagt, Geld auf Konten in Steueroasen liegen zu haben. Das lasse nicht nur, aber auch die deutsche Politik bitte gerne mal sacken!

3 Kommentare zu „Wahlergebnisse in Ecuador“

  1. Super, anscheinend gibt es einen neuen Auslandsjournalisten! Es ist verwundernd woher Du die Zeit nimmst, soviel in so kurzer Zeit von einem Land zu erfahren. Man bedenke, dass Du ja auch noch andere Sachen um die Ohren hast, wie Routenplanung, Boot, Reparaturen, Wetterbeobachtung, usw, ganz zu Schweigen von der Familie.
    Das war ein Super Bericht und es gibt dem Leser einen Einblick in das Land in dem Ihr Euch gerade befindet. So fährt man, als Leser, nicht nur mit, sondern taucht tiefer in das Land mit ein. Nicht nur über Kultur, Essen, usw, sondern auch über das was sie leitet… Die Politik im Land, ein weiterer Aspekt einer Weltumsegelung. Nochmals, sehr interessant. Danke für diese (alle) Beiträge. Dies wird ja bestimmt auch den Kindern in Ihrer Ausbildung zugutekommen.

    1. Ganz vielen lieben Dank für das positive Feedback! Wir versuchen einfach nur, im bei einer Segelreise naturgemäß eingeschränkten Rahmen unserer Möglichkeiten etwas über die Restaurantlandschaft in Hafennähe hinwegzuschauen 😁… da sind wir aber wahrlich auch nicht die einzigen 👍
      Liebe Grüße,
      Micha

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