Richtige Entscheidung bei False Island

Antarktis, Ende Februar 2020

Als wir False Island anliefen war La Skipper alles andere als begeistert. Ja, hier gab es Eis. Ja, hier gab es auch eine Abbruchkante in der Nähe. Ja, so richtig geschützt war der Platz auch nur in eine Richtung. Aber mal abgesehen davon, dass das „ganz zufälliger Weise“ die angesagte Windrichtung war, treffen die meisten der angeführten Argumente halt auch auf die meisten der potenziellen Ankerplätze hier zu. Zähneknirschend stimmte sie einem (einzigen ;-) Ankerversuch zu. Das Grundeisen fiel auf lediglich 12m Tiefe, 60m Kette, 2000 Umdrehungen Rückwärtsfahrt und was passierte? Der Anker hielt! Hmmm… damit war der Übernachtungsplatz also entschieden.

Nur eingeschränkt glücklich mit dem…
… Ankerplatz hier mittig im Bild (Blick von Norden)

Als erstes besorgten wir uns aktuelle Wetterinformationen für die bevor stehende Drake Passage. Schließlich neigte sich unsere Zeit hier dem Ende zu und wir waren nur gut 10sm südlich vom beliebten Absprung Melchior Islands. Da machte ein Blick in die Glaskugel der Wetterexperten durchaus Sinn. Für die nächsten 2-3 Tage sah es auch tatsächlich recht gut aus… wenn denn da nicht diese vielen dunkelorangen Flächen am Samstag (dem 4. Tag) gewesen wären. Sowohl das amerikanische GFS-Modell als auch die auf europäischen Vorhersagemodell basierende Wetterwelt waren sich einig: ab kommenden Samstag zieht ein kräftiges Tiefdruckgebiet durch die nördliche Drake-Passage. Selbst bei einem sofortigen Start wären die Chance gering, da vorher noch durchzurutschen, so dass wir laut Prognose einen mittleren Wind von 8 Bft. (bis zu 40kn = knapp 80 km/h) sowie Böen von 10 Bft. (um die 50kn = fast 100 km/h) zu erwarten hatten. Wohlgemerkt direkt von vorne bzw. später dann auf einen „am-Wind-Kurs“ drehend.

Ryswick Pt. auf dem Weg nach False Island.

Ich bin als Skipper in erster Linie der Sicherheit von Crew und Boot verpflichtet. Bei einer solchen Vorhersage wäre es gelinde gesagt unvernünftig, wenn nicht doch schon eher extrem leichtsinnig und grob fahrlässig, die Drake Passage nach Norden anzugehen. Der Entschluss fiel mir daher vergleichsweise leicht: wir bleiben noch hier. Davon habe ich (als pflichtbewusster Deutscher ;-) dann auch gleich das Umweltbundesamt (wegen zeitlicher Überscheiten der Genehmigung unserer Reise) sowie unsere Versicherung (wegen zeitlicher Überschreiten des für die Antarktis gewährten Versicherungsschutzes) informiert. Von letzterer hatte ich schon am nächsten Morgen einen Dank für die „gute seemännische Entscheidung“ im Postfach.

Nachdem diese Entscheidung gefällt war, genossen wir noch einen herrlichen Abend, mit Walbesuch am Ankerplatz und den in der untergehenden Sonne orange leuchtenden Schneebergen von Brabant Island gegenüber.

Später wurde sogar noch der von Samuel kürzlich geäußerte Wunsch wahr, mal so richtig in echt eine Lawine zu sehen. Derer gleich zwei gingen von den steilen Abhängen von Anvers Island hinter uns runter, ohne jedoch die Abbruchkante und das Meer zu erreichen.

Nachts kam dann Wind auf. In Stärke so angesagt, in Richtung knapp daneben. Der Anker hielt uns gewohnt sicher am Platz, nur die potenziell durch die weite Bucht treibenden Growler jeder Größe ließen uns immer mal wieder einen prüfenden Blick nach draußen werfen. Am nächsten Morgen dann schlich sich so ganz langsam etwas Unruhe in die Augen von La Skipper… der große Eisberg voraus war doch gestern noch nicht da!… und warum bewegt der sich so schnell?… der kommt doch hier rein!… was passiert, wenn er mit dem bereits in der Bucht liegenden Eisberg kollidiert?

Immer diese lästigen Besucher am Ankerplatz!

Dieser stattliche Vertreter seiner Zunft behelligte uns in der Tat nicht mehr. Doch dann schauten die Kinder nach dem Frühstück mal kurz raus und erwähnten einen Growler direkt voraus. La Skipper schaute hoch und merkte in ihrer gewohnt dezent-zurückhalten Art an, dass da ein Eisberg direkt auf uns zutreibe. Die Wahrheit lag wie immer irgendwo dazwischen, trotzdem wurde umgehend der Motor angelassen und der Anker eingeholt… weg hier… weiter zu den Melchior Islands… dort würden wir das weitere Vorgehen abstimmen.

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