Notizen zur IAATO

Die IAATO hat sich den Schutz der Antarktis auf die Fahnen geschrieben. Ein löbliches und uneingeschränkt zu unterstützendes Anliegen. Es werden diverse Guidelines und Verhaltensregeln erstellt, aktuell gehalten und jedem Interessierten unter anderen in einer App zur Verfügung gestellt. Darin finden sich nicht nur Empfehlungen zu allgemeinen Themen wie rücksichtsvolles Verhalten bei Landgängen oder Abstand bei Tierbeobachtung. Für fast alle potenziellen Anlandeplätze gibt es Site Guidelines mit detaillierten Information, aber auch Vorschriften beispielsweise für Kreuzfahrtschiffe. So darf grundsätzlich nicht mehr als eines gleichzeitig vor Ort sein. In Funksprüchen wird in diesem Zusammenhang dann gerne erwähnt, dass der Platz „gebucht“ worden sei.

Ach ja, wofür steht IAATO eigentlich?

„International Association of Antarctica Tour Operators“

Moment mal, das sind dann also im Wesentlichen die Anbieter von Antarktis-Kreuzfahrten, die sich hier ihre eigenen Regeln geben?! Und vor Ort spielen sich manche dann auch noch wie die Herren der Antarktis auf…

Beim Einlaufen in Enterprise Island wurden wir von dem davor liegenden Kreuzfahrer angefunkt. Angeblich sprach der Kapitän höchstpersönlich zu uns. Wow, das musste ja wichtig sein. Bei der IAATO versuche man sich gegenseitig nicht zu stören. Sie würden Ihre „Operations“ (also touristenbeladene Zodiacs, Kajaks etc.) in 1 ½ Stunden beendet haben. So lange sollen wir doch bitte davon absehen, am Wrack festzumachen und uns irgendwo weit weg rumtreiben (oder am Besten verschwinden). Na das ist doch mal eine Ansage! Der Skipper einer gerade ankernden Kojencharteryacht meinte daraufhin nur: „Lass Dich von der IAATO nicht vertreiben. Die haben Dir nichts zu sagen!“ Und das stimmt auch. Weder bin ich Mitglied, noch gem. ihrer eigenen Definition überhaupt ein „Schiff“ im Sinne der Site Guidelines. Folglich ist es mir im Grunde gar nicht möglich, zu stören.

Operations!!!

Auf dem Weg zum Wrack dann die Ansprache vom mit Zodiac herangeeilten Expeditionsleiter. Ob wir denn auch alle aktuellen IAATO-Richtlinien dabei hätten. Er müsse uns das fragen. Ja, wir haben die App mit allen aktuellen Infos natürlich dabei. Aber warum nur muss er uns das fragen und was geht es ihn eigentlich an? Ach ja, eine Site Guideline zu Enterprise Island habe ich bis heute übrigens nicht gefunden, aber vielleicht habe ich ja auch nur nicht intensiv genug gesucht.

Touri-Tauchen an einem angeblich nicht sicheren Wrack

Kaum am Wrack angelegt, wir waren noch dabei die Leinen zu sortieren, lag dann ein weiteres Zodiac hinter uns und bat um einen Plausch. Von Landsmann zu Landsmann. Ob wir denn wirklich am Wrack liegen wollen. Natürlich frage er das nur zu unserer Sicherheit, der Status der Governoren sei nicht bekannt, und das sei damit doch sehr gefährlich für uns. Viel sicherer ist es doch gegenüber am Felsen festzumachen. Also dort, wo jederzeit Eis oder Stein von oben auf unser Schiff fallen kann. Da habe ich dann doch ein etwas anderes Verständnis von Sicherheit. Zumal in allen einschlägigen Segelführern der Liegeplatz längsseits am Wrack empfohlen wird. Wir blieben natürlich wo wir waren.

Nochmal: DAS WRACK IST DOCH NICHT SICHER!!!

Wenn ich mich richtig erinnere, war das die „Scenic Eclipse“ (in ihrer ersten Antarktis-Saison!). Es war jedenfalls eben dieser Kreuzfahrer, der bei den Melchior Islands die gleiche Show mit einem anderen, gerade einfahrenden Segelboot abzog. Großzügig erklärte sie schließlich, dass es für sie in Ordnung sei, wenn der Segler (wie geplant) die hiesige Station besuche. Allerdings solle er sich doch bitte etwas „verstecken“, also nicht in der für Segler üblichen geschützten Bucht vor der Station, sondern in dem offenen Melchior Harbour dahinter bleiben.

Mit welcher Berechtigung maßt sich dieser Kreuzfahrer solch ein unseemännisches Verhalten an? Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn dann das Argument vorgebracht wird, sich „nicht stören“ zu wollen, während man am Himmel Hubschrauber-Rundflüge veranstaltet und die eigenen Zodiacs mit knapp 15kn Vollgas vor uns durch den engen Kanal (oder wie ein anderes mal passiert dicht neben unserem Dinghy vorbei) rasen… „Sog und Wellenschlag vermeiden“ gilt offensichtlich nicht für die IAATO.

Rush Hour bei Petermann Island

Insgesamt drängt sich der Verdacht auf, dass es der IAATO doch eher um andere Dinge als den Schutz dieses einmaligen Naturraumes geht. Vielmehr möchte man wohl seiner kräftig zahlenden Kundschaft die Illusion (und nichts anderes ist es leider) einer exklusiven, einsamen Kreuzfahrt in unberührter Natur geben. Dazu passt auch die aufgeschnappte Äußerung eines Expeditionsleiters, dass „wir [Kreuzfahrtschiffe] sehr von der IAATO profitieren“. Und das soll natürlich auch noch ein paar Jahre so bleiben. Da stören diese kleinen, renitenten Segler nur. Dass wir für ihre Kundschaft ein bevorzugtes Fotomotiv abgeben, wird geflissentlich ignoriert.

Yalour Island

Zumindest die Antarktische Halbinsel ist inzwischen alles andere als unberührt. An vielen Orten dürfen sich pro Tag bis zu drei Kreuzfahrer „einbuchen“ und jeweils bis zu 100 ihrer maximal 500 Passagiere gleichzeitig anlanden.

Maximal 100 Passagiere auf Danco Island

Wohlgemerkt können nacheinander durchaus alle an Land kommen und vollbeladene Beiboote auf dem Wasser zählen ja auch nicht mit. Entsprechend geschäftig geht es zu. Das ankommende Schiff ist noch in Fahrt, da gehen schon die Zodiacs zu Wasser und düsen kurz danach mit jeweils 10 Passagieren und einem Guide umher. Zweifelsfrei immer im Einklang mit den selbst gegeben Regeln. Darin findet sich natürlich nichts zum Thema „Unter-Wasser-Lärm“.

Der vorgeschriebene Sicherheitsabstand bei der Beobachtung von Robben beträgt 5m…
und natürlich darf man Tiere grundsätzlich nicht einkreisen.

Auch Empfehlungen und Vorschriften der IAATO zur Luftreinhaltung finden sich aus naheliegenden Gründen nicht.

Abfahrt von Cuverville Island

Dagegen gibt es durchaus „Leitlinien zur Minimierung des Einflusses von Licht“, deren Beachtung auch uns zur Auflage gemacht wurde. Mithin haben wir bei Dunkelheit unsere Fenster abzudunkeln, um Vögel und andere Tiere nicht zu irritieren. Kreuzfahrer handhaben dieses Thema naturgemäß etwas lockerer.

Im Gespräch mit Skippern von Charteryachten oder auch schon im Yachtclub von Ushuaia wird sehr schnell klar, dass das Ansehen der IAATO bei diesen vor Ort lebenden und arbeitenden Menschen nicht sehr hoch angesiedelt ist. Sinngemäße Zitate:

  • „Sobald die bei uns in der Bucht von Ushuaia liegen vergessen sie, dass sie Naturschützer sind und lassen ihr Bilgenwasser und anderes Zeug ein.“
  • „Die spielen sich hier unten als große Bestimmer auf, haben aber im Grunde nichts zu sagen.“
  • „Was die verlangen steht nicht im Antarktisvertrag.“
  • „Selbst wenn wir [Segler] nicht gegen die Regeln verstoßen, melden die uns wegen jeder Kleinigkeit… wir haben diese Möglichkeit leider nicht.“
  • „Ich habe absolut keinen Respekt vor der IAATO!“

Bitte nicht falsch verstehen. Ich bin uneingeschränkter Befürworter des Schutzes der Antarktis. Allerdings sehe ich die Verantwortung dafür weniger bei Parteien mit primär monetärem Interesse, die Ihre eigenen Regeln gegebenenfalls auch mal einer steigenden Nachfrage anpassen könnten. Ich bevorzuge eine neutrale, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen entscheidenden Stelle. Erst dann wird wirklich der Schutz im Vordergrund stehen! Und das sollte letztlich unser Ziel sein!!!

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