Medellín

7./8. September 2021

Gegensätze. Die Stadt des ewigen Frühlings. Die gefährlichste Stadt der Welt. Ersteres wird Medellín mit seinem sonnig-warmen Klima auf absehbare Zeit bleiben. Letzteres ist inzwischen Geschichte. Zu Beginn der 90‘er Jahre wurden über 6.000 Tötungsdelikte verzeichnet. Pro Jahr! Das letzte Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts steht mit insgesamt über 45.000 in den Büchern. Nach der Vertreibung paramilitärischer Milizen Anfang der 2000‘er Jahre sank die Zahl und pendelt sich nach einigen Schwankungen bei inzwischen ca. 600 Fällen pro Jahr ein. Auf gut 2,5 Mio. Einwohner. Das ist immer noch recht ordentlich, im internationalen, gerade amerikanischen Vergleich aber durchaus vorzeigbar niedrig. Zum Vergleich schwankt Deutschland so um die 3.000 Tötungsdelikte pro Jahr. Wohlgemerkt insgesamt. Einigen wir uns mal darauf, dass ein touristischer Besuch in Medellín nicht mehr mit unmittelbarer Lebensgefahr verbunden ist. Nicht einmal in der berüchtigten Comuna 13. Ehemaliges Kriegsgebiet! Doch dazu später mehr.

Die Stadt des ewigen Frühlings

Schon bei der Anfahrt zeigt sich die zweitgrößte Stadt Kolumbiens von seiner beeindruckenden Seite. Im Tal ragen die Hochhäuser des Zentrums empor, an den umliegenden Hängen ziehen sich die äußeren Bezirke = Comunas hinauf. Unser Hotel befindet sich in El Pobaldo, der südöstlichen Comuna 14. Ein vergleichsweise ruhiger und vor allem überdurchschnittlich sicherer touristischer Hotspot der Stadt. Davon wollen wir uns gleich am ersten Abend auf einem kleinen Spaziergang überzeugen…

Am nächsten Tag holt uns Guide Andres auf einen Stadtrundgang ab. Einmal quer durch das Viertel marschiert, erreichen wir endlich die nächste Station der Metro de Medellín. Die einzige Hochbahn Kolumbiens. Herzstück sind die zwei Linien A und B mit insgesamt knapp 30 Haltestellen. Made in Germany! Siemens war federführend.

Umringt werden die Schienen der Metro von einer Tramnvía (Straßenbahn) sowie sechs Cable-Linien. Ja, hier ist die Seilbahn seit gut 12 Jahren ein öffentliches Nahverkehrsmittel. Unser Ziel ist die Linea J am westlichen Stadtrand. Kaum eingestiegen schweben wir leise über San Javier… Comuna 13. Wenig erstaunlich ist das hier nicht die beste Gegend der Stadt. Die meist flachen Häuser ziehen sich den Hügel hinauf und auf der anderen Seite wieder hinab. Meist aus roh belassenen Ziegeln, manchmal auch nur Brettern, fast ausschließlich von Wellblechdächer bedeckt erstreckt sich ein sehr improvisiert erscheinendes Viertel unter uns. Wir sehen einige Straßen, meist sind es jedoch Fußwege und vor allem Treppen, die der Fortbewegung im Viertel dienen. Fast schon außerirdisch wirken da die modernen Stationen der Seilbahn, die wir nur für einen Rundfahrt nutzen. Drei Stationen nach Norden, bei der Kehrtwende einfach sitzen geblieben und wieder zurück.

An der südlichen Endstation San Javier steigen wir dann erst einmal in einen Bus mit dem Ziel des herausgeputzten Touristenzentrums der Comuna 13. Noch vor 6-7 Jahren wäre unser Spaziergang dort lebensgefährlich gewesen. Kriminelle „Combos“ kämpften in diesem für den Drogentransport strategisch günstigen Viertel um die Vorherrschaft. Schießereien und Tote waren an der Tagesordnung.

Das ist nicht der nette Onkel Pablo von nebenan!

Vor etwa 30-40 Jahren begannen die Häuser der Comuna 13 am Berg hochzuwachsen. Natürlich illegal. Und ebenso natürlich hatte ein Mann seine Finger im Spiel, dessen Name in einem Bericht über Medellín nicht unerwähnt bleiben kann: Pablo Escobar. Letztlich der Erfinder des industrialisierten Drogenhandels, was ihn zu einem der reichsten Menschen der Erde macht. Einer der skrupellosesten und brutalsten war er ohnehin schon. Doch den Ärmsten half er, finanzierte Krankenhäuser, Sozialwohnungen und Schulen. Das brachte ihm nicht nur in diesem Viertel einen durchaus guten Ruf und ganz nebenbei auch noch Schutz. Niemand hier hätte ihn jemals verraten!

Nach Escobars Tod im Jahre 1993 nahm die Gewalt nicht ab. Unser Guide Andres zeigt uns die Müllhalde „La Escombrera“ am Hang gegenüber. Ein Massengrab. Wer hier in der Gegend getötet wurde, dessen Überreste endeten meist dort. Zu Hunderten. Die offizielle Mordrate lag jahrelang bei knapp 400 je 100.000 Einwohner. Es war wirklich ein Kriegsgebiet, in das kein Fremder freiwillig seinen Fuß setzte.

Die Wende begann am 16./17. Oktober 2002 mit der vom frisch gewählten Präsidenten Álvaro Uribe Vélez angeordneten Operación Orion, einer großangelegten Intervention der nationalen Armee zur Rückeroberung des Viertels. Zwei grausame Tage mit Verschleppungen, Folter und sonstigen Gräueltaten seitens des Militär und der paramilitärischen Guerillas markierten erst den Anfang eines langjährigen Prozesses.

Nach einem knappen Jahrzehnt des „kalten Krieges“ im Viertel begannen 2011 auf Initiative des Bürgermeisters Aufklärungs- und Baumaßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität. Während es im Hintergrund immer noch Schießereien gab, bauten fast 300 vorwiegend lokale Arbeiter Gehwege, Wasserleitungen, Abwassersystem, Stromnetze, Grünflächen, Abgrenzungsmauern und Rolltreppen! Letztere stehen heute im Mittelpunkt der touristischen Graffiti-Tour durch das Viertel. Gesäumt von Andenkenläden sowie bunten Bildern und beeindruckt von einer andererseits wiederum beklemmenden Aussicht, flanieren die vorwiegend ausländischen Gäste den extra für die geschaffenen Weg entlang. So empfinden wir trügerische Sicherheit, denn abseits dieses Gebiets rund um die Rolltreppen oder gar nachts sollte sich immer noch kein Fremder oder gar Ausländer hier herumtreiben.

Hier beginnt die Touristenzone
Unser Guide Andres bei einem leckeren Eis
Ein traditioneller „Blumenstuhl“ namens Silleta
Hinauf mit der Rolltreppe
Die Polizei wacht auch hier oben…
Schön zu erkennen ist der Touri-Pfad in der Mitte…
Mittig die berüchtigte Müllkippe „La Escombrera“
Da zieht Regen auf :-(

Plötzlich beginnt es zu regnen. So richtig zu schütten. Sechs Personen, ein Freund des Guides begleitet uns um deutsch zu üben, und fünfmal Regenschutz. Der Skipper rennt im Hemd durch den himmlischen Wasserfall. Wir erreichen ein kleines, volles Café. Doch nur ein paar Worte später rutschen Menschen und Stühle umher, bis ein Tisch für uns frei ist. Auch das ist Kolumbien.

… in einem sehr stylischen Künstler-Café…
… dessen Besitzer stolz seinen berühmtesten Kunden präsentiert.
Das Café leert sich, als der Regen aufhört.

Zum Abschluss des Stadtrundgangs durch Medellín wollen wir noch in das Stadtzentrum La Candelaria. Auch wenn unsere Zeit eigentlich schon um ist, erklärt sich Andres bereit, uns zu begleiten. Er wolle uns dort nicht alleine hingehen lassen. Schnell wissen wir warum. Die Gegend ist fast schon ein Hexenkessel. Die Straßen sind voll und laut, fliegende Händler, Menschengruppen jeder Art, oft mit prüfendem Blick in unsere Richtung. Eine fremde Hand streicht um meine Hüfte, anscheinend auf der vergeblichen Suche nach einem Portemonnaie?! Höhepunkt ist der Plaza Botero. Hier stehen einige Skulpturen des und schon aus Bogotá wohl bekannten Künstlers, daneben bieten sich Transvestiten an. während die Touristenpolizei auch irgendwie Präsenz heuchelt. Andres erklärt uns, dass die Gegend fest in der Hand illegaler Flüchtlinge aus Venezuela ist. Die Situation im Nachbarland hat sich in letzter Zeit ins Katastrophale entwickelt. Eine Armutsrate von über 90% treibt die Menschen über die Grenze und verteilt sie in halb Südamerika. Da sind die mutmaßlich reichen Städte des großen Nachbars Kolumbien besonders betroffen, nicht zuletzt Medellín.

Im Zentrum
Bei der Iglesia de la Veracruz hatte ich plötzlich eine fremde Hand an der Hüfte…
Auf dem Plaza Botero…
… kein Foto kann die bedrückende Stimmung vermitteln!
Der Herr (sic!) an der Ecke bietet sich feil…

Trotzdem lassen wir uns einen Besuch des Museo de Antioquia nicht entgehen. Von präkolmbianischen Ausstellungsstücken bis hin zur Moderne wird hier ein breites Spektrum kolumbianischer Kunst präsentiert. Natürlich auch von einem der berühmtesten Kinder der Stadt: Fernando Botero.

Plaza Botero und Palacio de la Cultura Rafael Uribe (nicht zu verwechseln mit dem Präsidenten Uribe!)

Nach dem Museumsbesuch verzichten wir auf die angedachte Besichtigung der Kathedrale und flüchten uns in ein Taxi. Das war jetzt wirklich genug Medellín für einen Tag. Was für ein aufregender, beeindruckender, bedrückender und in jedem Fall in Erinnerung bleibender Tag in Medellín, nicht nur der Stadt des ewigen Frühlings…

… bleibt in Erinnerung!

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