Alltagsprobleme in hohen Breiten: Geduld

Wie war das mit Plänen? Ursprünglich wollten wir schon im Januar in die Antarktis, letztlich war es der Februar. Danach wollten wir recht schnell nach Valdivia hochfahren, ja fast schon hetzen. Doch dann kamen die Grenzschließungen. Wir brauchten zum ersten Mal auf dieser Fahrt so richtig Geduld. Irgendwann sind wir dann doch losgekommen. Schon bei der Abfahrt hatten wir uns von der ursprünglich angedachten Eile verabschiedet und rechneten nun mit mindestens zwei Monaten bis Valdivia. Eher etwas länger. Bekanntermaßen waren Zwischenstopps in anderen Häfen dabei nicht vorgesehen. Für so einen langen Zeitraum hatten wir uns bisher noch nie verproviantieren müssen. Eine gute Übung. Und durchaus erstaunlich, wie lange es dauern kann, das Boot mit entsprechenden Vorräten für vier Personen einige Zentimeter tiefer ins Wasser zu legen.

Nein wir sind nicht durch die chilenischen Kanäle gehetzt und ganz ehrlich: es war gut so! Wir hatten eine tolle Zeit mit tollen Eindrücken in einer tollen Gegend unserer immer kleiner werdenden Welt. Natürlich machten wir das nicht ganz freiwillig. Ok, die Fahrt an sich schon. Aber die Dauer war ganz wesentlich durch zwei externe Parameter beeinflusst: Tageslicht und Wetter.

Nachtfahrten sind Seglern in den chilenischen Kanälen offiziell nicht erlaubt. Man bracht Geduld, bis die Sonne aufgeht. Gerade im Winter. Dazu kommen Winde in einer Stärke, bei der in anderen Gegenden längst alle Boote im Hafen verschwinden. Die sind hier halbwegs normal, aber daran gewöhnt man sich. Mit 30kn Wind und entsprechenden Böen lockt man hier unten jedenfalls keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Doch oft weht es eben auch noch das kleine Bisschen mehr, das laue Lüftchen zu viel. Da bleibt man halt länger am Liegeplatz. Geduld ist gefragt.

So übten auch wir uns immer wieder in Geduld. Das ursprüngliche Ankunftsdatum vom 30. Juli war bei Abfahrt eine Ewigkeit weit weg und wurde doch nach und nach verschoben. Letztlich kamen wir am 20. August in Valdivia an. Über 80 Tage waren wir unterwegs. Andere sind da mehr als einmal um die Welt, wir ganz geduldig von Usuhaia nach Valdivia gefahren.

Tja, und dann ist da noch die aus ganz anderen Gründen notwendige Geduld. Ich weigere mich weiterhin, diesen C-Namen hier zu schreiben. Unbestritten ist zwar nicht die Welt (der ist das Ganze im Grunde herzlich egal), wohl aber die menschliche Gemeinschaft (so es sie denn wirklich geben sollte) aktuell etwas aus den Fugen geraten. Das hat an sich nichts mit unserem Aufenthalt in diesen immer noch „halbhohen“ Breiten zu tun. Doch die Auswirkungen spüren wir auch hier.

Unglaublich. Inzwischen ist es fast ein halbes Jahr her, dass wir die Grenze von Argentinien nach Chile überquert haben. Und genau so lange haben wir keinen Stempel im Pass, sind offiziell irgendwo im Nirgendwo zwischen den Grenzen. Da braucht man schon viel Geduld. Doch haben wir hier Menschen kennen lernen dürfen, denen unsere Situation herzlich egal ist. Im positiven Sinne! Wir bekamen Hilfe, Einladungen, ganz oft mehr als nur nette Worte. Als „gute Deutsche“ sind wir davon offen gesagt hin und wieder mehr als überrascht, ja fast schon grenzwertig überfordert. Und doch ist es unglaublich schön. Wenn schon derartig viel Geduld notwendig ist, dann doch am Liebsten in dieser Gesellschaft.

Es gibt nahezu unendlich viele mehr oder weniger geistreiche Sprüche über Geduld. Einer gefällt mir besonders gut:

„Geduld ist das Ausdauertraining für die Hoffnung!“

Und bekannter Maßen stirbt die Hoffnung ja stets zuletzt. Insofern schauen wir geduldig und hoffnungsvoll in die vor uns liegende Zeit…

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