Perlen der Weltmeere (3): Marina Alcântara in Lissabon (Portugal)

An manchen Orten findet man eine ganz besondere Magie. Rio de Janeiro, San Francisco, Hamburg, Nigeria und noch viel mehr versammelt in nur einer Marina! Solche Internationalität haben wir selbst in der portugiesischen Hauptstadt nicht erwartet, doch das Unerwartete traf uns wie ein Donnerschlag.

Schon in der Einfahrt erwartete uns die „Agat“ , eine leider nur schwache Ahnung der visuellen Macht moderner Schiffsfriedhöfe, deren mit über 70 Wracks weltgrößter Vertreter vor der Küste von Lagos (Nigeria) liegt.

Kaum sind die Leinen in dieser alles andere als überfüllten Marina belegt, schweift der Blick nach Südamerika. Vom gegenüberliegenden Ufer grüßt die von Rio de Janeiro (Brasilien) inspirierte Cristo-Rei Staute. Auf einem 82m hohen Sockel steht dieser 28m hohe Dank an Gott dafür, dass Portugal vom zweiten Weltkrieg verschont blieb.

Direkt daneben werden zumindest für ältere Semester Kindheitserinnerungen an Karl Malden und den jungen Michael Douglas  wach. Deren Revier waren die Straßen von San Francisco (USA), deren wohl berühmteste über die Golden Gate Bridge führt. Wer jedoch auf die Details achtet, findet mehr noch das eigentliche Vorbild, die San Francisco Bay Bridge in der den Tejo überspannenden Ponte 25 de Abril wieder. Über mehr als 3km lang, davon 2.278m als Hängebrücke, verbindet sie Lissabon mit dem lange im Abseits liegenden Süden auf zwei Etagen: unten fahren täglich rund 160 Schienenfahrzeuge, darüber täglich ca. 150.000 Straßenfahrzeuge (Zahlen von 2006). Letztere, ob nun fehlenden Geldes oder eingeschränkter Tragkraft wegen, müssen sich auch nicht über schnöden Asphalt quälen. Die Fahrbahn aus Stahlgitter schüttelt nicht nur das Fahrzeug schön durch, sondern sorgt auch für eine weit reichende, unvergleichliche Geräuschkulisse.

Vor diesem grandiosen Hintergrund stapeln sich an der Südseite des Hafens die Container. Erinnerungen an große Häfen in Hamburg (Deutschland) oder Rotterdam (Niederlande) steigen auf, selbst wenn hier nur bescheidene drei Frachtschiffe längsseits liegen und von großen Kränen be- und entladen werden.

An andere große Häfen, genauer Flughäfen der Welt erinnert der Umstand, dass wir hier direkt unter der Einflugschneise liegen. Tagsüber schweben die Touristenbomber fast im Minutentakt anmutig über unsere Köpfe. Und dass das portugiesische Wörterbuch eine Übersetzung für „Nachtflugverbot“ findet, überrascht schon etwas. Zumindest in Lissabon handelt es sich dabei offensichtlich um ein unbekanntes Konzept. Damit verbietet sich natürlich auch ein Vergleich mit unserem allseits beliebten und bekannten Hauptstadtflughafen in Berlin (Deutschland), so dass ich in diesem Fall den internationalen Vergleich dem Erfahrungsschatz des geneigten Lesers (m/w) überlasse.

Die Sonne sinkt zum Horizont, der Tag neigt sich dem Ende zu, und mit etwas Traurigkeit vernimmt das Ohr ein wenn auch nur leichtes, so doch merkliches Abnehmen des ständigen Hintergrundrauschens der internationalen Eindrücke rundherum. Zumindest vorübergehend, schließlich finden sich rund um den Hafen einige der bekanntesten und beliebtesten Tanzclubs und Discos der Stadt. Und natürlich feiert es sich bei diesen Temperaturen am besten im Freien, zumindest aber doch bei geöffneten Fenstern und Türen. Der Ballermann auf Mallorca (Spanien) lässt grüßen. Für den nach Entspannung suchenden Segler ist es ein ganz besonderer, bis zum Morgengrauen angebotener Service: sollte sich wider jeglichen Erwartens eine leichte Schlafstörung einstellen, braucht man einfach nur hoch ins Cockpit um sich dezent belgleitet müde tanzen zu können…

Abhängig von Schweißproduktion und (In-)Kontinenz, führt der Weg früher oder später zum Sanitärbereich eines Hafens. Im Herrenbereich der hiesigen Wellnessoase finden sich dann auch je zwei Toiletten und Pissoirs sowie vier Duschkabinen. Wohlgemerkt für eine Marina mit offiziell 370 Liegeplätzen! Da ist es gar nicht weiter schlimm, dass das Klopapier fehlt. Ein Blick auf die undefinierbaren Pfützen am Boden und den sonstigen Allgemeinzustand der Örtlichkeit lassen Mitleid mit den eigenen Stoffwechselendprodukten aufkommen. Man möchte seinem Urin einfach nicht zumuten, hier abgeschlagen zu werden. Dafür fällt die Wahl der Dusche ob des zur Verfügung gestellten Entscheidungskriteriums leicht: ich nehme die Kabine, bei der der Vorhang nur im unteren Viertel verschimmelt ist… bei den anderen reichen die ästhetischen Muster deutlich höher. Glücklich die Damen, welche auch eine Option ganz ohne Vorhang haben. Ob dort dann aber auch fünf(!) leere Flaschen Duschzeug und angefangene Seifen rumliegen? In der Tat fühlt man sich hier an viele Orte der Welt versetzt. Orte mit einem anderen Verständnis für Sauberkeit und Hygiene. Orte, für die der (zufällig auf meinen Geburtstag fallende) Welttoilettentag eingeführt wurde. Orte, die man oft noch nie gesehen hat und im Grunde auch gar nicht sehen möchte.

Die letzte Inspiration in diesem unvergleichlichen Hafen sprengt jede Internationalität. Trotz laut Hafenmeister korrekt angegebener Adresse war es zwei Transportdienstleistern unabhängig voneinander absolut unmöglich, unsere Pakete hier zuzustellen. So fühlt es sich an, im postalischen Vakuum der unendlichen Weiten des Weltraums, das zu befahren uns dann aber doch eine etwas zu große Herausforderung ist. Wir bleiben auf der Erde, wir bleiben auf dem Wasser, immer auf der unfreiwilligen Suche nach diesen speziellen Orten… Perlen der Weltmeere.

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