Muss das wirklich sein, Aquamarijn?

Der Segler an sich… so begann lange Jahre eine lesenswerte Zeitschriftenkolumne, ja dieser Segler hält sich selbst meist für ein soziales Wesen. Auf dem Wasser wird gegrüßt, beim Anlegen gerne geholfen und am Steg kommt man schnell ins Gespräch. Und natürlich wird Rücksicht genommen… also meistens. Jedenfalls ist es kein Problem, sich auf – unter Seglern ohnehin freundliche – Nachfrage bei Bedarf zu verholen, damit noch ein anderes Boot an den Steg passt. Es geht aber auch anders. Ich komme gerade vom Hafenmeister zurück und sehe, dass der Segler, welcher schon vor meinem Abmarsch sehr dicht aber wortlos an uns vorbeigefahren war, nun doch hinter uns festgemacht hat. Sein Anker hängt keinen halben Meter von unserem am Davit hängenden Schlauchboot entfernt. Nicht schön, aber da kommt auch schon der andere Skipper… wahrscheinlich mit der oben genannten Frage und dem Angebot, uns beim Verholen nach vorne zu helfen. „Hi, das passt schon. Wir können nicht weiter nach hinten aber das passt schon.“

Nun ja, das hatte ich schon auf den ersten kurzen Blick nicht geglaubt. Als dann der Schwell einer einfahrenden Fähre für Bewegung sorgte, wurde sogar sein Blick skeptisch. Und jetzt? Er fängt an darüber zu philosophieren, wie voll und eng es im Oktober in Las Palmas sei. Ist irgendwie am Thema vorbei und interessiert in diesem Moment auch nicht wirklich. Ich habe Angst um unser Dinghy und verleihe dieser Sorge zugegebenermaßen fäkalsprachlich deutlich Ausdruck. Er ist dagegen anscheinend immer noch der Überzeugung, dass das alles schon seine Richtigkeit hat. Natürlich haben wir uns dann verholt. Da bin ich von ganz alleine drauf gekommen. Und natürlich hat der andere Skipper trotz dankender Ablehnung meinerseits unsere Mittelleine mitgeführt… und sich dabei bewogen gefühlt, unserer am Bug arbeitenden La Skipper auch noch – zumindest aus seiner Sicht – gute Ratschläge zur Leinenarbeit zu geben. Nun ja, auf ein Bierchen im Cockpit werden wir uns in diesem Leben sicher nicht mehr treffen. Aber es kommt ja noch besser!

Jeder Mensch ist Ausländer… fast überall. Das gilt in besonderem Maße für uns Segler auf großer Fahrt. Wir sind Gast und sollten uns dann zumindest auch so benehmen, wie wir es von Gästen bei uns erwarten würden. Vielleicht war es ja auf dem anderen Segelboot einfach nur nicht bekannt, dass das Angeln in diesem Hafen inmitten eines Naturschutzgebietes nicht erlaubt ist. Das sollte sich aber spätestens dann geändert haben, als der Kapitän einer einfahrenden Fähre den eifrigen Angler auf eben diesen Umstand hinwies. Dieser Hinweis wurde wortlos zur Kenntnis genommen, der Inhalt aber spätestens jetzt verstanden. Umgehend wurden die zwei Angeln unter Deck geräumt. Das war gerade rechtzeitig, bevor der Security-Mitarbeiter des Hafens vorbei kam, um noch einmal persönlich zu informieren. Als Antwort erhielt er ein frei erfundenes Gespräch zwischen Angler und Fährkapitän. Nicht schön, aber wenn man sich so besser fühlt… doch die richtige Show kam ja erst noch. Mit einer gänzlich anderen „Big-Game-Fishing“-Angel kam der andere Skipper plötzlich an Deck und schrie (sic!) der sich schon wieder auf dem Rückweg befindlichen Security hinterher, dass er hier im Leben nicht geangelt, sondern nur die Leinen dieser grandiosen, für einen Hafen ohnehin völlig ungeeigneten Angel gereinigt habe. Zur Verdeutlichung rannte er immer noch lautstark lamentierend auf dem Steg hinterher. Solche Gäste kann man sich doch nur wünschen, nicht wahr?

Das Schauspiel wiederholte sich am nächsten Tag sogar noch, als ein anderer, anscheinend höher gestellter Security-Mitarbeiter vorbeikam. Zwar bestimmt, dabei aber ganz ruhig und freundlich erklärte er, das Angeln selbst beobachtet zu haben. Das sei verboten, habe aber jetzt keine Konsequenzen. Allerdings solle es ab jetzt bitte nicht nochmal passieren, sonst müsse eine Strafe verhängt werden. Und dann das unglaubliche Déjà-vu. Erneut sprang der Ermahnte laut schreiend der sich schon entfernenden Security auf dem Steg hinterher und log, dass sie die Balken bogen. Meine Bewunderung gilt seinem Gegenüber. Ich weiß nicht, ob ich an seiner Stelle so ruhig geblieben wäre. Zum Abschluss versuchte der andere Skipper dann noch beginnend mit „Das ist doch wirklich unglaublich…“ bei uns Bestätigung zu finden. Leider vergeblich. Er verließ uns mit einem mir glücklicherweise unverständlichen Kommentar.

Und die Moral von der Geschichte? Der Segler an sich ist auch nur ein Mensch. Diesen gibt es in vielen Versionen und auch wenn man mit den meisten segelnden Vertretern dieser Spezies auf Anhieb gut klar kommt, so geben doch andere triftigen Grund zum Fremdschämen. In den seltenen Momenten, an denen ich beginne ob der äußeren Umstände innerlich zu verzweifeln, rufe ich mir Situationen wie die hier auf La Graciosa erlebte in Erinnerung. Als abschreckendes Beispiel. Möge niemals jemand Grund oder auch nur wagen Anlass haben, sich meiner derartig zu schämen! Das muss wirklich nicht sein.