Blitzsauberer Abschied aus Kolumbien

12./13. Oktober 2021

Das Wetterfenster scheint zu passen. Selten ist es so lange ruhig rund um Punta Gallinas, der Nordspitze Südamerikas. Das wollen wir ausnutzen. Dabei ist uns schon klar, dass es sich dabei wohl um ein zweieinhalbtägige Motorfahrt handeln wird. Doch das ist uns allemal lieber, als die hier üblichen Wetterbedingungen mit ordentlich Gegenwind, der dazu noch gegen den Strom steht. Kelly von der Marina hat unser internationales Zarpe vorbereitet, wir bezahlen noch rasch Strom und Wasser, dann geht es los. Adíos Colombia.

Abschied aus Santa Marta

Die Fahrt lässt sich gut an. Der Strom schiebt und wir kommen schnell Richtung Osten voran. Doch am Nachmittag zieht es sich über der Küste zu. Immer häufiger scheinen Blitze auf. Sie halten sich an Steuerbord (also an unserer in Fahrtrichtung rechten Seite). So sieht es zumindest eine ganze Weile aus. Nun werden die Wolken auch direkt vor uns dunkler und es blitzt immer wieder auf. Da wollen wir nicht durch und ändern den Kurs um 40° nach Backbord (in Fahrtrichtung links). Ein kleiner Umweg, aber das sollte passen. Wir setzen uns ins Cockpit und spielen Karten.

Da wollen wir nicht durch!

Kurz danach wird das Spiel abrupt beendet. Gerade ist es noch windstill, nun erwischen uns die Ausläufer der nächsten, doch noch so weit entfernt scheinenden Gewitterfront. Ohne Verlust an Spielgerät ändern wir den Kurs weitere 40° nach Backbord. Damit fahren wir quer zu unserem Ziel, doch das nehmen wir in Kauf. Ich muss ehrlich zugeben, dass sich mit der Erfahrung unseres Blitzschlags vor wenige Wochen bei den heutigen Ausblicken eine gewisse Unruhe einstellt. Auf das Erlebnis damals hätten wir gerne verzichtet, eine Wiederholung ist noch weniger erstrebenswert.

Langsam wir es dunkel. Dadurch sind die Blitze noch beeindruckender. An Steuerbord gehen dicke Entladungen direkt ins Wasser. Es wirkt, als wären sie gleich nebenan. Doch wir zählen ca. 30 Sekunden. Wow, der war also noch 10km weg und kam so ziemlich genau da runter, wo wir ohne Kursänderung jetzt wären. Richtige Entscheidung. Eine gute Stunde lang halten wir die schlimmsten Entladungen neben uns. Dann zieht es wieder vorlicher. Wir ändern den Kurs noch einmal. Maila sitzt mit mir im Cockpit und ist vom gebotenen Schauspiel ebenso beeindruckt wie der Skipper. Ich haben in den letzten Monaten tropischer Regenzeit mehr Blitze gesehen, als in meinem ganzen vorherigen Leben zusammen. Heute Nacht ist das furiose Finale.

Ja, ist schon klar… jetzt fängt der mit typischen Seemannsgarn an. Erzählt etwas von riesigen sich quer verzweigenden Blitzkaskaden, die sich über ein Drittel des Himmels erstrecken. Von einzelnen Blitzen, die bizarre Muster in den Nachthimmel brennen. Oder auch von oft paarweise auftretenden Blitzen, die uns aus den Wolken entgegenkommen und sich am Ende wie Flussdeltas auffächern. Ja, genau davon erzähle ich hier. Doch wer mich ein wenig kennt, dem dämmert, dass das kein Seemannsgarn ist.

Nach fast 10sm Ausweichkurs hat sich das Schauspiel wieder vor uns geschoben. Ok, das reicht. Kehrtwende. Was eben noch rechts und vor uns war, flackert nun links und hinter uns. Auf Kurs sind wir zwar immer noch nicht, aber es sieht inzwischen so aus, als ob wir heile davon kommen. Nach einer weiteren Stunde können wir gegen 20 Uhr endlich wieder Kurs auf Punta Gallinas nehmen. Aber die Nacht ist ja noch nicht vorbei.

Als Route nachgebildeter Kurs einer denkwürdigen Nacht

Zwei Stunden später geht es schon wieder los. Aus einer großen Zelle vor uns zucken die Blitze. Dieses Mal ändere ich den Kurs Richtung Steuerbord. Eine Stunde später noch etwas mehr, doch es reicht nicht. Wieder einmal geht es scharf nach Backbord. Ich suche eine Lücke und habe Glück. Zwischen zwei Zellen schleichen wir uns durch und sind gegen Mitternacht endgültig wieder auf dem richtigen Kurs. Was für ein Spektakel in unserer letzten Nacht in Kolumbien.

Am nächsten Nachmittag passieren wir endlich Punta Gallinas. Natürlich haben wir etwas mehr Wind und Welle als angesagt. Auch der Strom schiebt nun nicht mehr so schön wie vorher. Und doch können wir uns glücklich schätzen. Im Grunde alles entspannt. Vor über eineinhalb Jahren waren wir an der Südspitze des Kontinents. Heute runden wir Südamerika im Norden. Eines kann ich sicher bestätigen. Der Weg zieht sich ganz schön. ;-)

Nun haben wir nur noch knapp 100sm vor uns. Da sollten wir eigentlich locker bei Tageslicht ankommen und uns umgehend an das Einklarieren machen können… doch leider wird es nochmal spannend. Déjà-vu. Natürlich haben wir deutlich mehr Wind und Welle als angesagt. Genau von vorne. Dazu kommt der Strom ebenfalls von vorne. Die Kombination bremst uns ordentlich aus. Die errechnete Ankunftszeit schiebt sich immer weiter nach hinten. Eines ändert sich nicht: Aruba wir kommen!

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