Perlen der Weltmeere (4) – Rawson (Argentinien)

Diese besonderen Orte, gleichwohl Oasen der seglerischen Glückseligkeit, welche sich unauslöschlich in des Skippers Langzeitgedächtnis einbrennen gibt es nicht nur in Europa. Nein, auch in Südamerika haben wir eine solche Perle gefunden: Rawson!

Dabei war die Begrüßung phänomenal. Vor der Küste spielten Commerson-Delfine ums Boot, ein großer Seelöwe schaute neugierig vorbei und Schwärme von Seevögeln in jeder Richtung. Wobei sie sich ehrlich gesagt besonders konzentriert um die vielen Fischerboote versammelten. Ja, Rawson ist im Herzen ein Fischereihafen mit großer, orange leuchtender Flotte. Bei unserer Ankunft war diese gerade dabei, nach und nach wieder einzulaufen. Bei einem teilweise trocken fallenden Flusshafen mit Untiefen und Sandbänken besonders im Bereich der Einfahrt, waren das willkommene Lotsen.

Als wir dann am Spalier der in dicken Päckchen liegenden Fischer vorbeifuhren, unterbrachen sie alle, ja wirklich alle Ihr Tagwerk. Sie riefen uns freundliche Willkommensgrüße uns, winkten und reckten Daumen in die Höhe, auf dutzenden, schnell gezückten Handys wurden wir bildlich verewigt. Einen solchen Empfang bekommt nicht einmal die Aida in Warnemünde.

Anlegen solle man als Segler am Steg der Prefectura Naval. Doch wo ist dieser bloß? Eine dezente Hilfestellung bei der Suche gibt ein quer im Flussbett liegendes Wrack. Auf dieser Höhe säumten auch noch andere, in diesem Leben niemals mehr auf dem Wasser schwimmende Rosthaufen das Ufer. Hier sollte man definitiv nicht weiter fahren.

Kurz davor sahen wir einen kleinen weißen Schwimmsteg, doch der gehörte einem privaten Anbieter von Bootsausflügen. Dann vernahmen wir die Rufe von dem – Entschuldigung, aber ich kann es nicht anders beschreiben – orangen Nahezu-Wrack daneben. Halbtoter Ausläufer des Schiffsfriedhofes und wohlgemerkt das vierte seiner Art im Päckchen. Hier sollten wir außen längsseits gehen.

Dieser Logenplatz bot gleich mehrfache Herausforderung. Zunächst einmal musste man an Land über vier vor sich hin rottende Fischerboote klettern.

Des Weiteren fallen diese bei Niedrigwasser sämtlich trocken. Das wiederum wirft weitere Fragen auf:

  • Neigt sich das Boot auf dem Trockenen neben uns evtl. zum Fluss und damit zu uns hin? (nein, es lehnt sich an seinen Innenlieger)
  • Wie zum Messner komme ich bei Niedrigwasser ohnehin schon vom Kajütendach des innersten Bootes auf den in Metern zu messen höher liegenden Steg geklettert? (abenteuerlich!!!)
  • Wer teleportiert mir Bordfahrrad, Bollerwagen und Einkäufe zwischen Steg und Samai? (freundlicher Weise halfen uns die auf dem Außenlieger stets anzutreffenden Männer)
  • Und last but not least: Wer hat auf dem Boot neben uns sein großes Morgengeschäft erledigt und dabei ganz offensichtlich vergessen, dass sein Toilettenablauf bei Niedrigwasser etwa 40cm über unserem Laufdeck liegt? Es war mir eine ganz besondere Freude, diese mittlerweile leicht eingetrockneten Hinterlassenschaften (inkl. Klopapier) mit der Wurzelbürste abzuschrubben… ein Hoch auf Gummihandschuhe und Rückenwind!

Ehrliche Begeisterung dagegen riefen insbesondere bei den Kindern die im Fluss heimischen, großen Seelöwen hervor. Sind die Fischer draußen bei der Arbeit, liegen sie dösend am Kieselstrand. Kommen jedoch die aus Sicht der Tiere orangen Futterstellen in Sicht, geht es ganz schnell ins Wasser. Es wird gebettelt, gerne auch mal aktiv selbst halb an Deck gesprungen und nach unserer Beobachtung hat sich wirklich immer gelohnt… keines der Tiere ging leer aus.

Bei uns gab es allerdings nichts zu holen…

Ein besonderes Lob verdient sich auch die ortsansässige Prefectura Naval. Direkt nach dem Anlegen wurde ich schon aufgefordert, mich doch zeitnah zu melden. Auf Spanisch natürlich. Und nein, eine andere Sprache wurde dort auch nicht gesprochen. Immerhin bot man mir Mate-Tee an und ich musste den obligatorisch Anmeldebogen nicht selbst ausfüllen. Aber warum nur war man so felsenfest davon überzeugt, dass ich noch zur “Migracion” müsse? Unsere Pässe waren doch schon gestempelt! Überflüssig zu erwähnen, dass diese im kilometerweit entfernten Hauptort der Umgebung liegt und die freundliche Dame dort genauso wenig eine Idee hatte, warum ich denn nun gekommen sei. Beim Abmelden durfte ich den bekannten Zettel dann wieder selbst ausfüllen. Zweimal. Dann musste ich noch eine “Malvinas-Erklärung” unterzeichnen und damit meine Nicht-Absicht zum Besuch dieser auch als Falklands bekannten Inseln dokumentieren. Und man stelle sich mein überraschtes Gesicht vor, als ich ein paar Tage später zwei unterschriebene Zettel mit Kontoinformationen in meinen Unterlagen fand. Bei der nächsten Prefectura kümmerte man sich um die Rückführung zu der, auch das sei ehrlicher Weise gesagt, ausgesprochen attraktiven Uniformierten in Rawson.

Kurz vor der Springtide, bei deren Niedrigwasser auch wir mit unseren 1,1m Tiefgang trocken gefallen wären, war es Zeit zum Abschied nehmen. Die Ausfahrt aus diesem unvergesslichen Hafen ähnelte der Einfahrt. Zwar waren es weniger Boote, doch auch dieses Mal wurden wir mit freudigen Rufen winkend und fotografierend verabschiedet. “Auf Wiedersehen!” … oder vielleicht doch lieber ein leises “Lebe wohl!!!”

P. S. Das unbestrittene Highlight, jetzt ganz ehrlich und ohne jede Spur von Ironie, war jedoch das Betanken unseres auf die letzten Liter leer gefahrenen Dieseltanks. Das ist mir sogar einen eigenen Artikel Wert!

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