In seinen zwei autobiographisch inspirierten Romanen „Papillon“ und „Banco“ schildert der Franzose Henri Charrière unter anderem seine Erfahrungen in Französisch-Guyana. Schon kurz nach seinem Erscheinen wurde das Buch zwar künstlerisch frei, trotzdem sehr eindringlich mit Steven McQueen und Dustin Hoffman verfilmt. Wo sonst, wenn nicht hier, schauen wir (außer Maila!) ihn uns nochmal an. Die Neuverfilmung von 2017 kennen wir dagegen (noch?!) nicht.
Auch wenn Henri Charrière eigene Erlebnisse mit den Erzählungen von Mitgefangenen und einer Portion künstlerischer Freiheit vermischt, so zeichnet sich doch ein bedrückendes Bild der Bedingungen in dieser berüchtigten Strafkolonie, das sicher nicht allzuweit von der Wahrheit entfernt ist. Schon gar nicht, wenn man den Erzählungen unseres kundigen Guides Glaube schenkt. Doch beginnen wir mit einem kurzen Abriss der Geschichte.
Seit 1604 siedeln Franzosen auf dem Gebiet des heutigen Französisch-Guyana. Die Kolonie ist einige der wenigen, die Frankreich nach dem Pariser Frieden von 1763 erhalten bleibt. Daraufhin werden tausende Siedler entsandt, von denen aber nur einige Hundert die feindselige, einheimische Bevölkerung sowie Tropenkrankheiten überleben. Sie flüchten auf die drei kleinen, vorgelagerten Îles du Salut. Damit ist der schlechte Ruf von Französisch-Guyana erst einmal besiegelt. Ein verlockendes Ziel für Verbannungen! 1794 sind es 193 Anhänger des gerade hingerichteten Robbespierre. Nach einem Staatsstreich 1797 folgen ein General mit zahlreichen Abgeordneten und Journalisten. Da waren von den ersten 193 Verbannten nur noch 54 übrig geblieben.
Mit der Ankunft einer ersten Schiffsladung Sträflingen im Jahr 1852 beginnt dann die eigentliche Geschichte der (übrigens von Australien inspirierten) Strafkolonie in Französisch-Guyana. Erste Aufgabe der Neuankömmlinge ist der Aufbau ihres eigenen Gefängnisses. Ab 1885 wird dann jeder hierher abgeschoben, der für mehr als drei Diebstähle zu mehr als 3 Monaten Haft verurteilt ist. Nach sechs Monaten im Gefängnis werden sie als Siedler in die Kolonie entlassen. Damit möchte man einerseits Gewohnheitskriminelle loswerden, andererseits die Zahl der Siedler erhöhen. Ein großer Fehlschlag. Die Entlassenen können sich keine Lebensgrundlage schaffen und werden erneut straffällig. Faktisch ist die Abschiebung nach Französisch-Guyana eine lebenslange Haftstrafe, die wegen Unterernährung und Krankheiten jedoch dann auch wieder nicht allzu lang gerät.
La peine du bagnard (Der Schmerz der Sträflings)
Erster Anlaufpunkt ist das „Camp de la Transportation“ in Saint-Laurent-du-Maroni. Nur einen Steinwurf vom Dinghy-Steg entfernt. Hier werden die Gefangenen erfasst und auf eines der insgesamt 30 Lager, Camps und Zuchthäuser im Land verteilt. Das Camp ist bei den Gefangenen beliebt. Die hier Verbliebenden arbeiten meist in der Verwaltung und werden besser behandelt als andere Sträflinge. Seit 1912 gibt es ein Krankenhaus, in dem man als simulierter Kranker Fluchtpläne schmieden kann.
Ansonsten sind die Bedingungen in der Strafkolonie nur unmenschlich zu nennen. Zwangsarbeit, willkürliche Bestrafungen, korrupte Wächter… ein Potpourri Realität gewordener Albträume. Erst 1923 kommt durch Albert Londres öffentliche Kritik auf, 1934 schaffen es die ersten entlassenen Häftlinge zurück nach Frankreich und 1938 wird die offiziell 1946 umgesetzte Schließung entschieden. Doch erst 1953 verlassen die letzten 132 repatriierten Häftlinge das sogenannte „Land der schweren Bestrafung“.
In den gut 100 Jahren von 1852 bis 1953 werden in Französisch-Guyana etwa 70.000 Sträflinge gefangen gehalten. Nicht nur gut 52.000 Schwerkriminelle und über 17.000 Wiederholungstäter. Ebenso gerne werden politische Gefangene oder – als solche verurteilte – Landesverräter (z.B. Alfred Dreyfus) hierher gebracht. Nur wenige haben das Land jemals wieder lebend verlassen. Und doch ist das nur ein weiteres, kleines Kapitel der dunklen Kolonialgeschichte.
Uns wurde geraten, das Beiboot am Dinghy-Steg dann doch schon ein bisschen zu sichern. Nicht direkt zugänglich festmachen. Sonst setzt sich schon mal jemand rein, um gemütlich sein Mittagessen zu genießen. Am Besten auch mit Kette und Schloss sichern. Sonst kommen ein paar Kids auf die Idee zu prüfen, wie schnell die Strömung gerade ist. Doch wir wollen heute nur kurz ein paar Wasserkanister füllen. Da lohnt sich das „Festketten unter der Brücke“ nicht wirklich. Also rücken wir im Trio an. Während die Jungs sich um das Füllen und Schleppen kümmern, sitzt La Skipper im Dinghy und passt auf.
Der Dinghy-Steg ist leider frei zugänglich
Schon auf dem Weg zum kleinen Marina-Office fällt mir der… wie sage ich es, ohne abwertend zu klingen? Es ist ein Mann unbestimmbar-mittleren Alters. Offensichtlich ohne dauerhafte Bleibe. Zwei glänzenden Schnodderlinien führen von der Nase quer über den Bart zur Oberlippe. Er ist gerade dabei, in einem der Mülleimer die weggeworfenen Mittagsboxen nach Resten zu durchsuchen. Als ich vorbei gehe, grinst er mich an.
Später erzählt uns Davide, dass dieser Mann hier ein kleines Problem darstelle. Es ist ein touristischer Platz neben einem Spielplatz, den er anscheinend besonders liebt. Hin und wieder greift er sich unbeobachtete Wasserflaschen, setzt manchmal aber auch zu unappetitlicheren „Spielereien“ an.
Ein knappes Dutzend dieser Männer stromern durch die Stadt. Ihr Hirn haben sie sich schon vor Jahren mit Ecstasy halb weggeblasen. Das Klima erlaubt ganzjähriges Leben unter freiem Himmel. Sie schlagen sich durch die Reste ihres Lebens. In Saint-Laurent-du-Maroni gibt es keine Hilfseinrichtungen für diese Menschen. Unsere spezieller Freund hier am Platz wurde schon einige Male von der Polizei vor die Tore der Stadt zum Dschungel gefahren. Einen Tag später ist er immer wieder da.
Ich bringe gerade zwei Wasserkanister runter zum Anleger. Halb im Weg sitzt Schnoddernase. Er bettelt mich an, aber ich habe nichts dabei. Er grinst. Ich stehen neben dem Dinghy. La Skipper sitzt darin. Da plötzlich, so schnell können wir kaum schauen, sitzt noch jemand vorne im Dinghy… und grinst. Als wir unsere Fassung wieder haben, bedeuten wir ihm mit durchaus kräftiger Stimme, dass er verschwinden soll. Er grinst. Der Schnodder glänzt. Und nun?
Ich überlege, ob mir La Skipper das lose Paddel rausgeben soll. Da ergreift sie selbst die Initiative. Eigentlich wollte ich noch unseren verbogenen Mooringhaken geradeklopfen. Dafür habe ich einen massiven Hammer dabei. Nur leider sitzt unser ungebetener Gast halb darauf. La Skipper beugt sich blitzschnell vor, greift den Hammer und hält ihn drohend in die Höhe: „OUT!“. Nun verschwindet das Grinsen. Wir würden ihn sicherlich niemals mit einem Hammer bearbeiten, aber das weiß er ja nicht. Fast so schnell wie rein, klettert er nun auch wieder raus.
Fortan haben wir vor ihm Ruhe. Trotzdem verketten wir unser Beiboot auch weiterhin immer schlecht erreichbar unter der Brücke. Damit stellen wir klar, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, hier aber nicht wirklich in das kollektive Verhaltensgedächtnis vorgedrungen ist: Mein Dinghy ist nicht dein Dinghy!
Wir bringen das Dinghy lieber in (gefühlte) Sicherheit
Nach Cayenne ist Saint-Laurent-du-Maroni mit offiziell knapp 50.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt in Französisch-Guyana. Obwohl die Marke inzwischen übertroffen sein dürfte. Der Ort hat eine der höchsten Geburtenraten Frankreichs. Ein Grund dafür ist das Kindergeld. 450€ pro Kind und Monat. Bar abzuholen an der Post. Da kann Kinderreichtum zu einem Geschäftsmodell werden. Übrigens auch für Surinamesen. Ist der Nachwuchs in Französisch-Guyana geboren und geht hier zur Schule, fließt das Geld. Da wundert es auch nicht mehr, dass allmorgendlich die aus dem Nachbarland am anderen Flussufer kommenden Pirogen voller Kinder hier anlegen.
Überhaupt diese Pirogen, also um die 10m langen Einbaumboote mit Außenbordmotor. Hunderte soll es hier geben. Der rege Grenzverkehr lässt daran keinen Zweifel aufkommen. Für 5€ hat man schnell übergesetzt. Zur Erinnerung: das hier ist EU-Außengrenze! Ja macht die Küstenwache denn nichts dagegen? Aktuell nicht wirklich. Sie haben kaum mehr als ein kleines Schnellboot zur Verfügung und dafür noch nicht einmal einen eigenen Steg. Da ist der Kampf gegen stündlich dutzendfachen illegalen Grenzübertritt ein Kampf gegen Windmühlen. So sitzen sie meist in ihrem Häuschen mit Flussblick und genießen die Aussicht.
Der Grenzverkehr ist fest in der Hand surinamesischer „Einwanderer“. Von 1986 bis 1992 herrscht im Nachbarland ein Bürgerkrieg. Zu Tausenden kommen Flüchtlinge über den Fluss nach Saint-Laurent-du-Maroni. Ihnen werden neue Häuser gebaut. Sie bleiben. Inzwischen verfallen die Häuser. Man müsste sich halt auch mal darum kümmern. Nun gut… jetzt kümmert sich die französische Regierung um die Instandhaltung. Wer will da schon wieder zurück nach Suriname?
Sozialer Wohnungsbau…… die übleren Ecken haben wir nicht fotografiert
Dass es auch anders geht, sieht man nur wenig weiter im amerindischen Viertel. Die Nachfahren der Ureinwohner sind genauso arm, wie die Surinamesen um die Ecke. Doch hier sind die Häuser gepflegt, es gibt grüne Vorgärten, auf der Straße fühlt man sich sicher. Tag und Nacht. Ein Gegensatz, der sich auf dem Fluss fortsetzt. Weiter im Landesinneren wird man gerne mal von einer surinamesischen Piroge angehalten und mit Nachdruck zur Übergabe von Wertsachen aufgefordert. Zur Flussmündung hin ist amerindisches Gebiet. Hier ist es sicher. Traurige Realitäten prallen aufeinander.
Eine besondere Anekdote bietet der Fischmarkt. Mit EU-Fördergeldern wird eine vernünftige Infrastruktur erbaut. Mit Kühlung und allem Drum und Dran. Dann stellt irgendjemand jedoch ganz überraschend fest, dass die Fischerboote gar nicht die Voraussetzungen der Kühlkette erfüllen (können). Daraufhin wird das weitgehend fertiggestellte Projekt wieder fallen gelassen… und verfällt. Heute prägen Kühlschränke den lokalen Fischmarkt. Diese verrichten jedoch nicht stehend ihren Daseinszweck, sondern liegen als Pseudo-Kühlboxen in Reih und Glied auf dem Boden. Und wenn man Glück hat, ist sogar hin und wieder etwas Eis darin. Meist jedoch nicht. Wer hier seinen Fisch kauft, braucht wirklich einen ausgesprochen robusten Magen!
Es gibt auch einen zentralen Marktplatz. Vor allem Mittwochs und Samstags wird hier Obst und Gemüse angeboten. Die Herkunft der Verkäufer ist leicht festzustellen. Aus Französisch-Guyana sind all jene, die ihren eigenen Stand haben. Dagegen kommen die Angebote der auf dem Boden ausgebreiteten Decken oder auch die mit Bananen gefüllten Schubkarren aus Suriname. Der kleine Grenzverkehr funktioniert tadellos. Sporadisch sorgt ein meist gelangweilt umherschauende Polizist für gefühlte Sicherheit. Die zentrale Markthalle in der Mitte ist geschlossen. Muss restauriert werden.
MarkttagDas eher inoffizielle Angebot…… aus Suriname
Überhaupt ist das zentrale Stadtbild vor allem von einem gewissen Verfall geprägt. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die in entsprechenden Vorschriften geforderte, originalgetreue Restaurierung der historischen Bauten zu teuer ist. Da warten die Eigentümer lieber, bis die Bauten zusammenbrechen. Dann darf man dort bauen, wie man will. Kann halt etwas dauern.
Restauration zu teuer…In sich stimmiges Stadtbild.
Es gibt aber auch ein paar ansehnlichere Ecken. Die kleine Kirche macht zwar nur von außen etwas her. Aber gleich nebenan stehen schön restaurierte Gebäude…
Église Saint-LaurentGegenüber: zentrale Einkaufsstraße Avenue Félix Éboué Daneben: La Mairie (Rathaus) & La Banque de GuyanePalais de Justice
Falls es zwischen den Zeilen bisher nicht durchgekommen ist, noch eine abschließende Warnung an besuchende Segler. Ja, der Ort hat durchaus seinen Reiz und ist einen Besuch wert. Allerdings ist es ratsam, gut gemeinte Hinweise ernst nehmen. Auf der alten Hauptstraße sollte man maximal bis zum Wasserturm wandern. Darüber hinaus nehme man die neue, viel befahrene Durchgangsstraße. Die Straße am Ufer ist zu Fuß ohnehin tabu. Vor allem abends und nachts. Überhaupt sollten Nachtschwärmer vorsichtig sein. Am Ostersonntag legen wir mit dem Dinghy am Steg an, als uns ein französischer Segler um Mitfahrgelegenheit zu seinem Boot bittet. Er war am Vorabend mit seinem Sohn feiern. Sie wurden ausgeraubt. Alles weg, inklusive Schlüssel zum Dinghy-Schloss. Sein Sohn pennt auf dem Boden vor dem kleinen Hafenbüro und auch der Vater bewegt sich noch sehr bedächtig. Seine Wunde am Arm scheint er (noch) nicht zu bemerken. Er meint „C’est normal!“. Ich bin erschüttert.
Mooringfeld vor Saint-Laurent-du-Maroni
Hochwasser
Halbzeit
Niedrigwasser
Unser Dank gilt an dieser Stelle dem TO-Stützpunktleiter Davide. Er fährt mit uns auf einer kleinen Rundfahrt durch Stadtviertel, die wir ohne ihn nicht gesehen hätten. Aus gutem Grund. Er erzählt uns Geschichten, die wir ohne ihn nicht gehört hätten und nicht weitererzählen könnten. Unsere gewonnenen Eindrücke bestätigen sein zusammenfassendes Fazit. In Saint-Laurent-du-Maroni ist es wie in einer Grenzstadt des Wilden Westen. Rau und dreckig. Aber auch voller Chancen wenn man sie sieht und gewillt ist, die Ärmel hochzukrempeln.
Jeder neue Tag bringt neue Chancen!
Zur Erinnerung: wir sind in der EU! Es herrscht also „Freizügigkeit“. Aus Paris ist es praktisch nur ein Inlandsflug. Freiwillige vor!
Vor Saint-Laurent-du-Maroni liegt eine kleine Insel. So sieht es zumindest aus. Sowohl aus der Ferne, als auch auf der Seekarte. Zwei Tonnen markieren die Gefahrenstelle. Und wenn man in die Karte reinzoomt, sieht man auch den Namen der Insel: Edith Cavell. Komischer Name für eine Insel.
Insel voraus?!?
Die Auflösung ist einfach: Es ist ja auch keine Insel, sondern ein Wrack. Beziehungsweise war es nicht zuletzt auch eine britische Krankenschwester. Geboren 1865 ist sie Anfang des 20. Jahrhunderts in Belgien tätig. Während der Besatzung im ersten Weltkrieg wird sie von einem deutschen Militärgericht wegen Fluchthilfe für alliierte Soldaten zum Tode verurteilt und am 12. Oktober 1915 hingerichtet. Ein Vorfall, der dem ohnehin angeschlagenen Ruf der Deutschen damals nicht wirklich zuträglich ist.
Schon im gleichen Jahr erhält ein 1898 gebautes, britisches Dampfschiff in ihrem Gedenken den Namen Edith Cavell. Im Jahr 1924 bricht es in Marseille auf seine letzte Reise auf. Am 27. November verlässt es den Zwischenstopp Cayenne und erreicht am nächsten Tag den Fluss Maroni. Zwei Tage später läuft es vor Saint-Laurent-du-Maroni auf Grund. Wassereinbruch im Maschinenraum, Pumpen kämpfen vergeblich, knapp ein Drittel der Ware wird geborgen, am 30. Dezember bricht die Edith Cavell in zwei Teile.
Der vermeintliche Unfall schlägt hohe Wellen, auch auf diplomatischer Ebene. Eine Schuld des französischen Piloten oder falsche Markierung der Untiefe sind schnell verworfen. Am 13. Januar 1925 werden Kapitän, erster Offizier und Chefmaschinist vor Ort verhaftet, der Rest der Mannschaft dagegen kurze Zeit später nach Europa verschifft.
Blick vom Mooringfeld
Der Maschinist kommt schnell wieder frei. Der Vorwurf an Kapitän und 1. Offizier lautet dagegen auf „vorsätzliches Verlassen des Schiffes“. Die Engländer intervenieren. Zur von Französisch-Guyana angestrebten Anklage kommt es damit nicht. Am 6. Februar 1925 kommen die Offiziere gegen Kaution frei. Einige Monate nach Ihrer Rückkehr nach England sterben sie. Todesursächlich seien die Haftbedingungen gewesen. Dafür erhalten deren Familien dann 1927 auch hohe Entschädigungen. Natürlich zu zahlen von der lokalen Regierung in Französisch-Guyana. Irgendwie schon alles recht komisch. Da liegt der hier vor Ort offen ausgesprochene Gedanke eines Versicherungsbetruges durchaus nahe.
Heute ist das Wrack eine markante Landmarke vor Saint-Laurent-du-Maroni. Komplett mit Bäumen und Büschen überwachsen braucht es mehr als einen flüchtigen Blick, um die Reste des Dampfschiffes zu erkennen. Auch die gelben Markierungen sind eher gut gemeint als sichtbar. Insgesamt ein wirklich beeindruckender Anblick.
Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantiküberquerung.
Mittwoch, 18. Mai 2022 – Auf dem Weg der Besserung
Morgens geht es La Skipper leider immer noch nicht wirklich gut. Die kurze, hohe Welle von schräg vorne macht ihr zu schaffen. Eine erneute Opfergabe. Trotzdem müssen wir auch mal an das Ankommen denken. Ich ziehe das Groß aus dem 3. in das 1. Reff. Das macht sich gleich deutlich in Geschwindigkeit bemerkbar und bringt zumindest nach meinem Empfinden dadurch auch etwas mehr Stabilität ins Schiff. Trotzdem schaukelt es uns immer noch ganz schön umher. Immerhin haben wir weiterhin 5 Bft., jedoch weniger oft und dazu noch weniger starke Böen. Selbst die Welle scheint sich gaaaaanz langsam abzubauen. Das würde ja zur Vorhersage passen, nach der es sich die nächsten Tage insgesamt etwas beruhigen soll. Das gilt hoffentlich auch für die Wellen.
Morgenstimmung auf dem AtlantikDie Kinder sind fit!
Abends geht es La Skipper wieder besser. Sie hat Appetit auf etwas mit Geschmack. Der Skipper zaubert organische Pasta original aus Italien, überzogen von einer feinen Creme Legere de Normandie (von da wo unsere Samai herkommt!) an geräuchertem Bacon und Champignons, harmonisch abgeschmeckt mit frischem Knoblauch und Koriander (sowie einer zarten Andeutung von Asia-Fusion-Kitchen). Ok, man könnte natürlich auch schreiben, dass ich zu einer Tüte Nudeln eine improvisierte Pseudo-Carbonara (mit einem Schuss Soja-Soße) hingeschustert habe. Aber das klingt nicht halb so lecker, wie es uns geschmeckt hat. :-)
Wird lecker… :-)
Die Nacht verläuft absolut ereignislos. Wie schon am Tag haben wir die Segel nicht ein einziges Mal angefasst. Keine AIS-Signale, Lichter schon gar nicht. Nur der ein oder andere Fliegende Fisch verirrt sich an Deck.
Zu klein für den Grill ;-)
Donnerstag, 19. Mai 2022 – Die Sache mit dem Wasser
Der Wind hat weiter nachgelassen. Morgens ersetze daher ich die kleinere Kutterfock durch unsere normale Fock. Das Groß bleibt weiterhin im ersten Reff. Mit dem Absetzen unserer Positionsmeldungen auf Spotwalla holen wir neue Wetterinformationen. Die gute Nachricht ist, dass der starke Wind erste einmal vorbei ist. Das sollte insbesondere La Skipper gut tun. Tja und dann ist da die Sache mit den Doldrums. Aber davon ein anderes Mal mehr.
So allmählich scheint sich unser Wassertank zu leeren. Der Eindruck wird dadurch verstärkt, dass der Wind von Steuerbord (rechts) kommt, die Samai also beständig auf der linken Backbordseite liegt. Messstab und Wasserentnahme sind nun mal auf der anderen Seite. Eigentlich ist das ein guter Zeitpunkt, den Wassermacher anzuwerfen. Dazu muss aber auch der Motor laufen. Und wir segeln gerade so schön. Das heben wir uns also möglichts für die nächste Flaute auf. Damit ist erst einmal Wassersparen angesagt. Die größten Verbraucher fallen auf den meisten Segelbooten auf dem Ozean ohnehin weg. Die Klospülung holt sich das Wasser grundsätzlich von draußen. Bei einem so schön blauen Meer machen wir auch den Abwasch mit Salzwasser. Und eine plus-minus tägliche Dusche ist nun (insbesondere aus Sicht der Jungs ;-) wirklich nicht nötig. Sollte also noch etwas reichen. Das Trinkwasser haben wir ohnehin in separaten 5-6l Flaschen.
Wenn wir schon das Thema Klospülung ansprechen da ist uns doch tatsächlich etwas passiert, das wir so noch nicht hatten. Man sitzt ob der Schräglage so leidlich gemütlich auf dem stillen Örtchen, da kommt eine große Welle von der Seite. Das Boot wird kräftig durchgeschaukelt. Und plötzlich schwappt es aus der Kloschüssel unter der Brille nach vorne auf den Badboden. Lesson learned: Bei kräftigem Seegang immer zwischenspülen!!!
Wenn wir schon beim Thema Wasser im Boot sind, gibt es leider auch weniger schöne Neuigkeiten. Einerseits ist eines der kleinen Deckenfenster in der Vorschiffkoje über die Jahre etwas undicht geworden. Spült eine Welle über das Deck, tröpfelt es rein. Nicht viel, aber trotzdem nervig und ein neuer Punkt auf der 2do-Liste. Tja und dann sammeln wir beim Segeln seit unserem Karibik-Törn (Bonaire-Barbados) etwas Salzwasser in der Bilge. Keine Ahnung, wo das herkommt. Die Ventile sind alle ok. Außerdem passiert es ja auch nicht (nennenswert) vor Anker. Dem muss ich bei Gelegenheit auch nochmal auf den Grund gehen. Zur Beruhigung an alle besorgten Leser und wohl nicht zuletzt Leserinnen: Nein, das stellt KEINE Gefahr dar. Dazu ist es viel zu wenig. Es ist nur nervig, alle paar Tage die Bilge durchzuputzen. Zumal bei Seegang.
Gegen Mittag segelt die Samai auf Höhe des französischen Überseedepartements Martinique (341sm bzw. 632km Backbord querab). Das ist, abgesehen von den vorgelagerten Barbados und Tobago, die östlichste Karibikinsel. Damit haben wir immerhin schon den halben Antillenbogen links liegen gelassen. Ein gutes Gefühl! ;-)
La Skipper geht es heute endlich besser. Gut für sie, weniger gut für die Kinder, da damit auch die Bordschule stärker anzieht. Aber sonst wäre es auf dem Atlantik ja auch etwas langweilig… nicht wahr Kinder?!
Samuel paukt Französisch
Zum Abendessen gibt es feine ach lassen wir das einfach nur (natürlich nicht selbst gemachte) Gnocchi mit frischer Würstchen- und Restsoße von gestern. ;-) Satt segeln wir in eine weitere, ruhige Nacht.
Freitag, 20. Mai 2022 – Blauwassersegeln aus dem Bilderbuch
Nachts mal kurz ein-, am Vormittag wieder ausgerefft. So zieht die Samai unbeirrt ihren Kurs Richtung Nord. Wir passieren mit Guadeloupe (352sm bzw. 652km Backbord querab) das dritte der insgesamt fünf französischen Überseedepartements. Die verbleibenden zwei (Mayotte und Reunion) liegen im Indischen Ozean.
Inzwischen haben sich die Wolken weitgehend verzogen und die vom klaren Himmel scheinende Sonne verdeutlicht eindrucksvoll, warum das hier Blauwassersegeln heißt. So schön sieht das echt nur auf einem sonnigen Ozean aus! Wir klappen das Bimini wieder aus. Ein paar Meeresvögel schauen vorbei. Fliegende Fische tanzen über die Wellen, welche auf 1-2m runter sind. Eine angenehme Brise von 4 Bft. schiebt uns unter Vollzeug voran. So manch einer würde jetzt zu recht ins Schwärmen geraten es ist aber auch wirklich grenzwertig traumhaft.
Blauwassersegeln
Heute gönnen wir uns mal ein richtig deutsches Abendessen: In frisch gezapften Atlantikwasser gekochte Kartoffeln (aus Französisch-Guyana), Sauerkaut (aus Chile) und Würstchen (aus Suriname) mit Senf (aus Bonaire) wie gesagt: typisch deutsch!
Die Familie liegt schon im Bett. Der Skipper schaut im Cockpit noch einen Film auf dem Handy. Da frischt der Wind plötzlich auf. Ich schaue mich um und sehe hinter uns eine dunkle Wolkenwand durchgehen. Glück gehabt. Weiter geht es mit dem Film. Etwa 15min später schaue ich wieder auf und sehe hinter uns eine dunkle Wolkenwand durchgehen. Moment mal. Ist das dieselbe? Nein, sie zieht langsam ab. War wohl doch Nummer zwei. Etwa 15min später schaue ich wieder auf und sehe eine dunkle Wolkenwand an Steuerbord neben uns. Hmmmm. Wäre nicht schön, wenn die uns trifft. Was soll ich sagen. Sie geht direkt hinter uns durch. Und nein ich spinne nicht. Das Spiel wiederholt sich noch zweimal. Uns erreichen maximal ein paar frische Ausläufer. Nur etwas weiter hinten hätten wir dagegen fünfmal den Hauptgewinn gezogen. Ich bin sehr zufrieden so. Dann erst gibt die Nacht allmählich Ruhe.
Regenzellen am Tag und Nachts…
Samstag, 21. Mai 2022 – Das Klo braucht Liebe
Der Rest der Nacht verläuft wieder einmal absolut ereignislos. Leider kommen wir aber nicht mehr so schnell voran. Einerseits hatten wir das Großsegel im Sinne der Crew wieder im zweiten Reff. Andererseits scheinen wir auch eine kleine Gegenströmung erwischt zu haben.
Morgens gibt es dann keine Ausrede mehr. Der Wassermacher muss an die Arbeit. Leider ein bis zwei Tage zu früh, da wir demnächst wohl ohnehin den Motor anwerfen müssen. Aber was sollen wir tun? Der Tank ist nun einmal leer. Nach gut zwei Stunden haben wir erst einmal genug Wasser gebunkert. Wassermacher und Motor aus, Großsegel ausgerefft und mit Vollzeug machen wir weiter Strecke.
Einfach nur wunderschön blau!
Nach einem wirklich schönen Segeltag blau-in-blau meldet am Abend die Toilettenspülung mal wieder ihre Sehnsucht nach Liebe und Fürsorge an. Sie spült nicht mehr. In Aruba hatten wir ja temporär den Abflussschlauch am Tank vorbei direkt an das Auslassventil angeschlossen. Ein Fehler, wie sich jetzt herausstellt. Beim Segeln kommt durch das vorbeiströmende Wasser Druck auf den Schlauch. Und wenn man dann noch mal vergisst, vor dem Spülen das Ventil zu öffnen, kommt richtig Druck auf den Schlauch. Wo soll der Druck hin? Auf der einen Seite das Wasser bzw. geschlossene Ventil, auf der anderen Seite dieses Gummiventil, dass dafür sorgt, dass das gerade gespülte Wasser nicht gleich wieder zurückspült. Jeder Segler, der schon mal sein Klo auseinandergebaut hat, weiß was ich meine. Tja und genau dieses Gummiteil hat die Grätsche gemacht. Das habe ich so noch nicht gesehen. Kein Wunder, dass die Spülung nicht mehr funktioniert.
Links kann dann wohl weg…
Nachdem der Skipper das Klo auseinander- und wieder zusammengebaut hat, funktioniert es wieder und ich kann mich um das Essen kümmern. Es gibt feine ach Quatsch deftige arme Ritter. Einfach zu machen und sehr beliebt an Bord der Samai.
Sehr zu unserer Freude weht es weiterhin beständig mit 4Bft. aus Nordost. Unter Vollzeug rauschen wir in die Nacht. Mal sehen, wie lange das noch geht. Mit dem Posten dieses Beitrags hole ich neue Wetterinformationen ab. Die Auflösung erfolgt an dieser Stelle am nächsten Wochenende. Ansonsten findet sich unsere Position wie gewohnt etwa alle zwei Tage aktualisiert auf Spotwalla (Reiseinformationen – Position).