Unser Dinghy ist 7 Jahre alt. Kein Hypalon. Ganz normales Gummi. Es hat schon viel gesehen und erlebt. Es hat gelitten, wurde verwundet und kam doch immer wieder auf den zuverlässigen GFK-Rumpf. Es schleppt sich mit uns über die Meere und Flüsse. Gibt sein Bestes. Wird das reichen? Nun ja. Heute macht es „Puffffffsssssssccchhhhhhhhh…….“. Die Steuerbordkammer des am Heck hängenden Dinghys ist schlaff. Was ist da bloß passiert?
Es ist tot, JimAch Pille… lass mal Scotty ran… der klebt das schon!Ist nicht schön Jim, aber bis August könnte es halten…
23. April 2022
Über Nacht kann der totgeglaubte Patient Kräfte sammeln. Am Morgen kommt die Pumpe zum Einsatz. Sieht gut aus. Die Luft bleibt in der ach so lädierten Kammer. Wir fahren an Land. Kein Problem. Wir fahren zurück. Alles gut? Leider nein!
Später am Tag brennt die tropische Sonne vom Himmel. Wir lassen Luft ab. Der Druck soll nicht zu hoch sein. Vergebens. Die Steuerbordseite wird wieder schlaff. Da hat Scotty wohl Mist gebaut. Nicht ganz so schlimm wie gestern. Aber schön ist anders. Es reicht noch für einen Landgang zu zweit. Aber heute Abend muss etwas passieren!
… oder auch nicht.Viel hilft viel(leicht)
24. April 2022
Am siebten Tage sollst du ruhen! Heute ist Sonntag. Wir bleiben an Bord. Das Dinghy schläft den ganzen Tag durch. Hoffentlich hilft es. Mitleidig schaut der Skipper auf seinen treuen Begleiter. Seine Tage sind gezählt. Aber BITTE halte noch etwas länger durch. Îles de Salut, Kourou und Azoren. Dann ist es geschafft. Halt durch mein Freund!!!
25. April 2022
Die letzte Tube Kleber ist nicht so toll. Bleibt auch nach Stunden noch klebrig-zäh. Nicht gut. Nochmal nacharbeiten. Hoffentlich reicht das. Der Verband ist angelegt. Die Wunde soll nicht der direkten Sonneneinstrahlung ausgesetzt werden. Ein weißer, immer mal wieder befeuchteter Lappen liegt wie ein Leichentuch… nein, wie ein Verband auf der lädierten Seite. Halt durch mein Freund! Wir lieben dich!!!
3. Mai 2022
Es sieht nicht gut aus. Heute habe ich noch eine weitere Tube hoffentlich besseren Kleber bekommen. Die Hoffnung stirbt zuletzt…
8. Mai 2022
Der Patient stirbt. Tägliches Pumpen vor dem Landgang wird zur Routine. Und wenn wir länger unterwegs sind, wird am Steg nachgepumpt. Noch ein Versuch, Jim. Ich habe hier einen Super-Kleber gefunden. 400% elastisch. Das wird schon. Ok, Pille assistiert und das Zeug kommt auf die offensichtlich nicht dicht haltenden Wunden. Jetzt muss es nur noch aushärten. Und elastisch bleiben…
Hier in Kourou befindet sich der europäische Weltraumbahnhof. Und wir hatten so sehr darauf gehofft, einen Raketenstart mitzuerleben. Tatsächlich stand für den April lange Zeit eine Ariane 5 auf dem Plan. Doch dann die Ernüchterung. Verschoben auf den 22. Juni. Das ist zu spät für uns. So fallen wir also genau in ein ausgesprochen langes Loch von Nicht-Starts in Kourou. Das soll jedoch nicht von einem Besuch abhalten. Täglich werden zwei Touren angeboten. Kostenfrei und auf französisch. Man muss jedoch mindestens zwei Tage vorher reservieren.
Jupiter-Kontrollzentrum
Die Tour beginnt im Jupiter-Kontrollzentrum. Der Herzstück eines jeden Raketenstarts. Hier flimmern die Monitore und sitzen alle Chefinnen und Chefs. Die Kunden der Nutzlast zahlen gut 20 Mio. Euro pro Tonne und bekommen dafür auch Plätze in der ersten Reihe. Hin und wieder haben auch Besucher das Glück, dass ihr Antrag bewilligt wurde, einen Start im Kontrollzentrum zu erleben. Und jetzt sitzen wir hier. Die Monitore sind schwarz, die anderen Sitze verwaist. Trotzdem ist es schon irgendwie toll, das mal live und in Farbe zu sehen.
Die nette Dame erzählt uns (natürlich auf französisch) viel über die verschiedenen Raketen, die von Kourou aus starten. Vor allem ist das natürlich schon seit 1996 die Ariane 5 (780t). Seit 2020 auch die Nachfolgerin Ariane 6. Deren Hauptvorteil sind ihre zwei Versionen A62 (500t) und A64 (800t) für unterschiedliche Nutzlasten sowie eine signifikante Kostenersparnis. Die Tonne kostet damit „nur“ noch ca. 12 Mio. Euro.
Ebenso startet hier seit 2012 die kleine italienische Vega-Rakete (137t) und im Juni hat die etwas größere Weiterentwicklung Vega-C hier ihren Jungfernstart.
Ansonsten startete hier seit 2011 bis vor kurzem noch die Soyuz-Rakete (308t) im internationalen Einsatz (insbesondere zur ISS). Doch im Zuge der aktuellen Ereignisse hat die russische Raumfahrtagentur Roscosmos die jahrzehntelange erfolgreiche Zusammenarbeit beendet.
Rundfahrt über das Gelände
Das gesamte Gelände des Raumfahrtzentrums umfasst 690km2. Zum Vergleich umfasst das gesamte Stadtgebiet von Berlin immerhin 892km2 und das von Paris, das hier bevorzugt zum Vergleich herangezogen wird, gerade einmal 105km2… natürlich ohne Metropolregion. Da freut man sich, wenn man nicht zu Fuß über das Gelände geführt wird.
Der Bus ist nicht sehr voll. Es herrscht Maskenpflicht. So machen wir uns entlang der ehemaligen, nun privatisierten „Route National 1“ auf den Weg. Als erstes passieren wir das Kontrollzentrum von Galileo, dem europäischen Pendant zum US-amerikanischen GPS. Auf der anderen Seite liegt der „Payload Preparation Complex“. Hier wird die per Flugzeug angelieferte Nutzlast geprüft und für den Start vorbereitet.
Payload Preparation Complex
Die Wetterstation hat eine besondere Bedeutung. Sie muss jeden Start freigeben. Dabei ist ein tropischer Regenschauer unbedenklich. Problematisch sind Blitzschlag und zu starker Wind. Beides kann zu einer Verschiebung oder gar dem Abbruch eines Starts führen.
Nun kommen wir zum Herzstück unserer Tour, dem Startbereich der Ariane 5. Im „Launcher Integration Building“ werden die per Schiff angelieferten Raketenteile zusammengeführt. Lediglich die zwei seitlichen Booster und deren jeweils ca. 240t Festtreibstoff sowie der Flüssigtreibstoff (Sauer- und Wasserstoff) für Haupt- und Oberstufe werden direkt vor Ort in Kourou hergestellt. Im benachbarten „Final Assembly Building“ werden Rakete und Nutzlast zusammengeführt und letzte Tests durchgeführt. Dann geht das Gesamtpaket auf Schienen zu ihrem Startplatz.
Da hinten steht das Final Assembly Building“ der Ariane 5Startplatz mit Wasserturm
Diesen Startplatz der Ariane 5 bekommen wir aus nächster Nähe zu sehen. Wir halten direkt zwischen dem Turm für die Treibstoffversorgung und den Gruben, in die Haupttriebwerk und Booster ihre Kraft brennen um seitlich abgeleitet zu werde.
Genau hier startet die Ariane 5
Interessant ist auch der Wasserturm. Über eine kleinwagengroße Pipeline wird beim Start Wasser gepumpt und von oben auf die startenden Triebwerke gespritzt. Das verringert den Startlärm von über 190 auf unter 100 Dezibel.
Die vier großen Masten dienen schließlich dem Blitzschutz. Damit steht die Rakete an Ihrem Startplatz in einer Art Faradayschen Käfig.
Nicht weit entfernt sehen wir den Startplatz der Vega-Rakete. Diese wird im Gegensatz zur Ariane 5 direkt am Startplatz stehend zusammengebaut. Eine mobile Halle, die vor dem Start einfach zur Seite geschoben wird, bietet Schutz und notwendige Reinheit.
Startplatz der Vega
Ähnlich geht man bei der Ariane 6 vor. Die Rakete wird zunächst liegend zusammengebaut. Allein das bringt Kostenersparnis, z.B. durch eine effizientere Kühlung als bei einer hohen Halle. Dann wird sie ebenfalls direkt auf ihrem Startplatz aufgerichtet und dort fertiggestellt. Auch hier weicht die Halle vor dem Start einfach zur Seite.
Startplatz der Ariane 6
Insgesamt ist man stolz darauf, mit entsprechenden Untersuchungen gezeigt zu haben, dass die Auswirkungen eines Raketenstarts auf die Umwelt nur im Umkreis von 1km signifikant sind. Auch dadurch ist das große, zu 70% unberührte Gelände ein Gebiet mit hoher Biodiversität.
Musee de L’Espace
Im Anschluss besuchen wir noch das kleine Museum. Viele bunte Tafeln bieten Information, die teilweise sogar mal nicht nur in französisch dargeboten werden. Einige Ausstellungsstücke zu Antrieben, Satelliten etc. runden das Bild der ständigen Ausstellung ab. Die temporäre Ausstellung zeigt aktuell eine anscheinend deutsch-französische Kooperation mit dem Schwerpunkt (See-)Wetter. Nichts Neues für erfahrene Segler ;-)
Modelle der Ariane NutzlastmoduleAriane 5Ariane 4, 3 und 1
Insgesamt sind wir etwas zwiegespalten. Zwar teilen wir nicht die oft negativen Kommentare, dass man auf der Tour so überhaupt nichts zu sehen bekommt. Aber richtig viel ist es nun auch wieder nicht. Das ist natürlich dem sensiblen Geschäftsbereich geschuldet. Wenn gerade die Vega-C für ihren Jungfernflug vorbereitet wird, dann möchte man in deren Nähe verständlicherweise keine Touristen haben. Ein anderer Kritikpunkt ist die französische Fokussierung. Zwar haben wir letztlich doch erstaunlich viel verstanden und die Dame war auch so nett, uns beim Fotostopp die wesentlichen Punkte auf englisch zu wiederholen. Trotzdem wären die angedachten, multilingualen Audioguides ein echter Gewinn. Ein uneingeschränkt tolles Erlebnis war dagegen der Besuch des Kontrollzentrums. Insgesamt also ein absolut lohnender Ausflug in die Welt der Raumfahrt.
Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantiküberquerung.
Mittwoch, 1. Juni 2022 – Direkter Kurs
Um halb eins in der Nacht ist es soweit. Bisher fahren wir unter Vollzeug (Großsegel und Fock) in nord-nordöstliche Richtung. Das ist einfach der nächst mögliche Kurs Richtung Ziel. Doch nun hat der Wind soweit auf Südwest gedreht, dass wir auf direkteren Kurs Richtung Azoren gehen können. Und da es mittlerweile mit 5 Bft. und 6er Böen bläst, nutzen wir die Gelegenheit zum Bergen der Fock. Unter Großsegel rauschen wir unserem Ziel entgegen. Luftlinie sind es nur noch ca. 750sm, immerhin fast die dreifache Strecke liegt schon im Kielwasser.
Wir kommen gut voran. Sehr gut sogar. Der Wind frischt immer mehr auf, pendelt sich bei konstant 6 Bft. (40-50 km/h) ein. Die neuen Wetterberichte versprechen, dass das so in der Art noch drei Tage lang weiter geht. Alleine die angesagten Böen von 7-8 Bft. (locker über 30kn) klingen nicht ganz so gemütlich. Aber zur Abwechslung segeln wir ja mal mit Wind von schräg-hinten. Das verringert den scheinbaren Segelwind soweit, dass wir frohgemut das volle Groß stehen lassen. Nur das Bimini klappen wir dann doch mal lieber wieder ein.
Wieder einmal geht ein Frachter vorbildlich hinter uns durch :-)
Mit dem Wind bauen sich allerdings auch die Wellen auf. Dazu kommen sie ebenfalls von schräg-hinten. Immer wieder versetzt es unser Heck, werden die Samai und wir ordentlich durchgeschaukelt. Der Autopilot leistet Schwerstarbeit und schlägt sich dabei gewohnt souverän.
Donnerstag, 2. Juni 2022 – Keine besonderen Vorkommnisse
Die Nacht verläuft ruhig. Ok, es gibt immer mal wieder Zeiten, da weht es eine Weile etwas stärker. Dann haben wir statt 6 auch mal 7 Bft. Wind von schräg-hinten. Und natürlich schaukeln uns die 2-3m hohen Wellen durch. Aber im Grunde ist es eine sehr entspannte Nacht, in der der Skipper fast schon ausschlafen kann. Jetzt mal abgesehen von den über einem Dutzend Weckerklingeln, die mich für den regelmäßigen Umgebungs-Check rausholen.
Auch am Tag passiert nicht viel. Morgens stellen wir die Uhr eine weitere Stunde vor (UTC-1) und sind jetzt nur noch 3 Stunden hinter mitteleuropaeischer Sommerzeit (UTC+2). Ansonsten segelt die Samai weiterhin mit dem unangetasteten Großsegel bei einem wahrend Windwinkel von 140° vor 6(7) Bft. und ist weiterhin ziemlich schnell. La Skipper geht es nicht perfekt, aber auch nicht sooo schlecht. Die Kinder machen Schule. Bordalltag. Abends gönnen wir uns Dosensuppe.
Freitag, 3. Juni 2022 – Schmuddelwetter, steifer Wind und Gasalarm
Die Nacht verläuft ruhig. So im Großen und Ganzen. Erstmals seit Kolumbien sehen wir mal wieder Wetterleuchten ( der euphemistische Begriff für Blitze in den Wolken). Kurz nach eins zieht eine Regenzelle durch. Der Wind dreht um 50° und geht auf knapp 30kn. Es schüttet und leuchtet. Einmal leuchtet es besonders hell. Definitiv ein echter Blitz, der die Wolken verlassen hat. Einige Sekunden später donnert es nicht, nein es knallt förmlich. Damit ist die Show aber dankenswerterweise auch schon wieder vorbei. Nach knapp einer halben Stunde hat sich der Wind dann praktisch halbiert. Nach einer Stunde ist alles wie vorher. Als wäre nie etwas gewesen. Diese Zellen sind schon lustig. Kurz nach sieben Uhr in der Früh wiederholt sich das Spiel nochmal. Glücklicherweise ohne Blitz.
Der Morgen empfängt uns grau in grau, feucht und kühl. So richtig, leidlich schönes Herbst-Schmuddelwetter. Ihh-Bäh!!! Der Wind lässt etwas nach. Wir sind nur noch bei guten 5 Bft. und es fühlt sich fast schon an wie Flaute. Ich luve etwas an (steuere also höher zum Wind hin) um den Kurs zu den Azoren besser zu treffen. Zumindest vorerst. Am Nachmittag soll es laut aktuellem Wetterbericht nochmal auffrischen. Wir erwarten konstante 6 Bft. mit 7-8er Böen in den Mittdreißigern. Da werden wir dann sicher wieder abfallen (also vom Wind weg steuern).
Gegen halb vier verkleinern wir das Großsegel dann doch mal lieber ins erste Reff. Der laut beschreibender Skala nunmehr steife Wind hat sich bei beständigen 7 Bft. eingependelt. Nur noch selten geht er runter auf 6 (starker Wind), dafür aber immer wieder auch mal hoch auf 8 (stürmischer Wind) teils mehr als 35kn. Wir rauschen über Wellenberg und -tal. Immer wieder versetzt uns eine Welle schaukelnd umher. Was kann man in so einem Moment eigentlich gar nicht gebrauchten? Genau einen Gasalarm.
Das hält unsere Gassensoren allerdings nicht davon ab, eben solchen Alarm zu schlagen. Irgendwo wittern sie, was eigentlich in eine passende Flasche oder als Flammenspender in den Herd gehört. Wohl oder übel geht es auf Spurensuche. Als erstes schnuppern wir in der Nähe der Sensoren. Unter dem Herd ist nichts auffällig. Im Heck (jenseits der Wand am Fußende der Achterkabine) riecht es dagegen schon etwas komisch. Nein, es ist nicht der uns eigentlich gut bekannte Geruch von Propangas. Trotzdem komisch. Dann öffnen wir die Tür zum Technikraum (aka Weinkammer ;-). Das komische Aroma kommt uns wie eine Wolke entgegen. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass wir aufgrund des Wetters zum ersten Mal seit Langem das kleine Fenster des Technikraums geschlossen haben. Das wird umgehend wieder geändert. Hier muss frische Luft rein!
Schnell haben wir unsere Notersatzgasflasche aus Chile in Verdacht. Diese liegt original verschlossen unter der großen Heckklappe an Steuerbord. Da muss der Skipper dann jetzt wohl mal ran bei etwa 3m hohen, von schräg-hinten anrollenden Wellen! Mit Rettungsweste und Sicherheitsleine gehe ich auf die kleine Heckplattform. Immer wieder spült der Atlantik über meine Füße. Die sind dann wohl sauber. Kurze Zeit später ist die knall-orange Flasche aus Chile draußen im Cockpit verzurrt. Hier kann sie gerne ausgasen.
Zur Sicherheit wechsle ich nochmal die Seite und schnuppere mich durch unsere unter der anderen Heckklappe verborgene Gasbox. Hier ist alles unauffälllig. Sehr gut! Also die Sachen wieder verstaut und Klappe zu. Fertig!…?
La Skipper schnuppert nach Gas
In den nächsten Minuten geht der Alarm noch einige wenige Male kurz los. Kein Wunder, schließlich riecht es im Technikraum immer noch alles andere als frisch. Doch das offene Fenster hilf ebenso wie der steife Wind im Cockpit. Allmählich verschwinden Aroma und Alarme.
Später backe ich ein schönes, großes Brot. Frisch aus dem Ofen mit Butter, einer Fischkonserve, Marmelade, Nutella und / oder anderen Leckereien nach Wahl und Vorrat ist das eine tolle Hauptmahlzeit, welche wir in Patagonien für uns entdeckt haben. Gleich ist es fertig. Aber warum geht der Ofen aus? Hmm die Herdplatte will auch nicht mehr brennen. Da ist dann wohl die Gasflasche leer. Na das nenne ich mal Timing. Für heute reicht es mir aber damit, am Heck rumzuturnen. Morgen soll sich der Wind abschwächen. Solange muss der Wechsel warten. Zumal das Brot schon durchgebacken ist. Guten Appetit! :-)
Der steife Wind um die 30kn hält sich die ganze Nacht. Wir segeln weiterhin mit einem Winkel von 140° dazu. Das verringert den scheinbaren Wind auf 5-6 Bft. Damit lässt sich gut umgehen. Zumal uns die angesagten Böen von bis zu 39kn erspart bleiben. Als angenehmer Nebeneffekt sind wir selbst nur mit Groß im ersten Reff flott unterwegs und fressen uns Meile um Meile näher an die Azoren ran.
Samstag, 4. Juni 2022 – Wind weg
Gegen 6 Uhr hat der Spaß ein Ende. Innerhalb von Minuten geht der Wind von 7 auf 4 Bft. und dreht gut 60° auf West. Damit segeln wir noch weniger auf Kurs. Dazu kommt die alte Welle nun von der Seite. Nicht schön, und der ob des Geschaukel heute ohnehin eher mauen Konstitution von La Skipper alles andere als zuträglich. Es muss etwas geschehen.
links Windrichtung – rechts Windstärke
Erwähnte ich schon, dass es regnet? Ölzeug-Jacke übergeworfen und raus, Großsegel ausreffen und den Wind auf die andere Seite genommen. Immer noch kein direkter Kurs, aber zumindest etwas besser und die Welle kommt nicht mehr so seitlich. Und wenn ich schon mal draußen bin, gönne ich mir gleich auch noch ein Fußbad Gasflaschenwechsel. Zugegebenermaßen ist mein Wunsch nach einem Kaffee hier die treibende Kraft. La Skipper bekommt einen Tee, nimmt eine Vomex und gleitet sanft in den Segelmodus. Und um kurz vor 11 Uhr kommt dann auch mal unser Sohn aus seiner Koje gekrochen Teenager! ;-)
AUFWACHEN!!!
Schon um 9 Uhr hat der Wind soweit abgenommen, dass der Schwell den Baum ohne Druck im Segel immer wieder hin- und herwirft. Das ist eine ziemliche Belastung für das Rigg. Zeit das Großsegel einzuholen und den Motor anzuwerfen. Unglaublich, Da rauschen wir bei 7 Bft. durch die ganze Nacht und nun das. Was für ein Kontrast! Aber es ist nun mal, wie es ist. Das betrifft leider auch unseren reichlich geleerten Dieseltank. Doch wir haben ja noch einige volle Kanister mit fast 350l im Heck verstaut. Am Nachmittag hat sich der Schwell endlich etwas gelegt. Zeit zu tanken.
Zwei Dieselkanister hatte ich schon bei unserer gestrigen Gas-Aktion rausgezerrt. Nun kommen noch einmal sechs hinzu und die insgesamt gut 160l Liter landen über unseren Schüttelschlauch im Tank. Was bin ich froh, diese auf Langfahrt meines Erachtens unverzichtbare Crazy Pump in Buenos Aires fast zufällig noch gekauft zu haben. Wie auch immer, mit dem Diesel kommen wir nun locker bis zu den Azoren.
Freie Tankstelle auf dem Atlantik ;-)
Im Laufe des Tages zeigt sich die Sonne wieder, um vom strahlend blauen Himmel zu scheinen. Was für ein Kontrast zum grau-regnerischen Morgen. Aber was ist eigentlich mit tierischen Meeresbewohnern? Abgesehen von den immer noch umher treibenden Segeln Portugiesischer Galeeren haben wir in den letzten Wochen leider nicht viel gesehen. Zwei oder dreimal waren ein paar Delfine auf kurzer Stippvisite. Dazu ein paar recht kleine Fliegende Fische. Ansonsten komplette Fehlanzeige. Und das, wo die Gewässer rund um die Azoren als Wal- und Delfinparadies gelten. Na vielleicht sehen wir ja noch was. Lange Zeit haben wir allerdings nicht mehr. Es sind (Stand 23:00 Bordzeit) nur noch gut 150sm bis nach Horta. Montagfrüh sollten wir endlich ankommen.
Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantiküberquerung.
Sonntag, 29. Mai 2022 – Es piept!
Eigentlich sollte ich mir abgewöhnen, allzu regelmäßig einen neuen Wetterbericht abzuholen. Zumindest hier in der Gegend. Einerseits sind wir als kleines Segelboot ohnehin zu langsam, um wirklich durchgreifend auf die großen, um uns wabernden Hoch- und Tiefdruckgebiete reagieren zu können. Ja klar, ein paar grundlegende Entscheidungen sind schon ableitbar. Aber dafür brauche ich keine tägliche Aktualisierung der Augurenvision, genannt Wettervorhersage. Andererseits ändern sich die Prognosen zurzeit wirklich jedes Mal. Teils gravierend. Und das nicht nur lang-, sondern durchaus schon im mittel- bis kurzfristigen Horizont. Immer wieder scheint alles jenseits der nächsten 1-2 Tage eher ein wilder Griff in den berühmt-berüchtigten Kessel Buntes zu sein. Und heute morgen war dieser Griff – zumindest aus unserer Sicht – leider nicht sehr farbenfroh.
Ich will euch da jetzt nicht mit morgen schon wieder veralteten Details nerven. Es reicht völlig, wenn ich mich darüber echauffiere. Schon am Vormittag lässt der Wind wieder drastisch nach. Wir freuen uns über 3 Bft., der uns im Schnitt mit irgendwas zwischen maximal 3 und 4kn immerhin so halbwegs Richtung Azoren schiebt. Am Nachmittag schaffen wir bei nun oft nur noch 2 Bft. teils kaum 3kn. Doch wir wollen so lange wie möglich segeln und Diesel sparen. Auf einen Tag mehr oder weniger kommt es nun wirklich nicht an. Immerhin scheint die Sonne.
An Angelglück ist weiterhin nicht zu denken. Unentwegt treibt braunes Kraut umher. Dazwischen glitzern immer wieder Gasblasen-Segel von Portugiesische Galeeren. Sie sind allerdings recht klein. Jedenfalls deutlich kleiner als die möglichen 30cm (wie wir sie 2019 gesehen haben). Vielleicht ist es doch nicht die klassische Physalia physalis mit ihren bis zu 50m Tentakel-Länge, sondern eine kleinere Verwandte?! Die Gasblase der Physalia utriculus misst nur etwa 3-15sm. Das passt eher. Deren Tentakel kommen immerhin noch auf bis zu 10m.
Am Nachmittag lässt der Wind immer mehr nach. Wir haben wohl so langsam das Zentrum des Hochdruckgebietes vor uns erreicht. Wieder muss der Motor ran. Na wenigstens verspricht es eine entspannte Nacht zu werden, in der der Skipper sich eine ordentliche Mütze Nachtwachenschlaf gönnen kann.
Falsch gedacht! Am frühen Abend geht ein eindringliches Piepen durch das Cockpit bis in den Salon. Das Motorpaneel gibt Batteriealarm. Mal wieder. Das hatten schon hin und wieder, aber das letzte Mal ist Monate her. Das Phänomen ging stets mehr oder weniger so schnell, wie es gekommen war. Heute Nacht beschließt es, mir Gesellschaft zu leisten.
Der Alarm warnt laut Handbuch vor einer Über- bzw. Unterspannung beim Laden. Der Batteriemonitor zeigt auch hohe 14V-Spannungen, aber die sind (zumindest nach meiner bescheidenen Kenntnis) so gerade noch im Rahmen des Erlaubten. Doch der Alarm piept. Aktuell können wir ohnehin nur eines machen: Stumm schalten. Das geht direkt am Motorpaneel. Das Problem ist nur, dass der (stumme) Alarm auch irgendwann von selbst wieder verschwindet. Wieso das ein Problem ist? Nun ja, spätestens einige Minuten danach tritt er wieder auf und es piept wieder. Stummschalten Piepen Stummschalten wie war das mit einer ruhigen Nacht? Keine Chance.
Gegen vier Uhr habe ich die Idee, unsere Bugbatterie abzuklemmen. Bei ihr wird die höchste, vermutlich den Alarm auslösende Spannung angezeigt. Bringt nur leider nichts. Dem Sensor ist egal, ob da eine Batterie dran hängt oder nicht. Das Spiel geht munter weiter. Nun gut, ich versuche das Beste daraus zu machen, hole mir ein Bier, kuschel mich im Cockpit unter eine Decke, lese ein Buch und stehe halt alle paar Minuten auf, um diesen besch*** Alarm wieder stumm zu schalten.
Der Morgen nach einer piependen Nacht…
Montag, 30. Mai 2022 – Uns fröstelt…
Wir sind inzwischen bei über 32° nördlicher Breite. Das zeigt sich auch am Himmel. Der lange unter dem Horizont verschwundene Polarstern weist nun wieder deutlich sichtbar Norden an. Die Sternbilder werden vertrauter. Und wir haben wieder eine ausgiebige Dämmerung. In Äquatornähe geht die Sonne unter und 10 Minuten später ist es Zappenduster. Morgens wird es umgekehrt erst kurz vor Sonnenaufgang hell. Hier dagegen erhellt sich der Horizont schon gut eine Stunde vorher. Im ersten Licht des Tages sehe ich wieder Portugiesische Galeeren auf dem ruhigen Wasser. Immer und immer wieder passieren wir die kleinen Segel unglaublich, wie viele das hier sind.
Ein anderer Aspekt unserer Reise nach Norden ist, dass es merklich frischer wird. Tagsüber kommen wir unter Deck noch gerade so über 25°C. Das sind wir einfach nicht mehr gewohnt. Ohne Sonne wird es gefühlt empfindlich kühl. Schon seit einigen Nächten trägt der Skipper Kapuzenpulli und lange Hose im Cockpit. Die Crew tendiert sogar dazu, sich in der Koje in dünne Decken einzuhüllen. Nun ist es soweit. Nach über einem Jahr kramen wir die die ersten Bettdecken wieder raus. Wir kommen unweigerlich in lange Jahre vertraute Spähren zurück.
Unter genau solch eine Decke kuschelt sich der Skipper dann auch den ganzen Vormittag in der Koje ein. irgendwann muss ich ja schlafen. Hin und wieder höre ich es beim Wegdüseln noch piepen, bevor nun La Skipper zum Motorpaneel eilt. Einige Stunden später wache ich auf und wundere mich über die Ruhe. Es piept nicht mehr. Na hoffentlich bleibt das so. Spoiler: Die Hoffnung wird enttäuscht.
Entgegen meiner guten Vorsätze hole ich am Nachmittag nochmal einen neuen Wetterbericht. Ja, wir sind in der Flaute. Das weiß ich auch so. Immerhin bessert sich die weitere Vorhersage. Spätestens morgen sollten wir wieder segeln können. Es sei denn, die Vorhersage überlegt es sich mal wieder neu. Vielleicht sollte ich das mit dem Wetterbericht doch bleiben lassen?!
Flaute
Wenn wir schon beim Thema es bleiben lassen sind. Könnte das Motorpaneel bitte mal das nächtliche Alarmpiepen bleiben lassen? Zur Sicherheit prüfe ich die Spannung des frisch erneuerten Keilriemens. Die passt. Hätte mich auch gewundert. Schließlich verrichtet am (ruhigen) Tag der gleiche Keilriemen seine Arbeit, wie in der (piependen) Nacht. Mit Schlaf wird das also auch heute Nacht erst einmal nichts.
Wenn wir schon beim Thema es bleiben lassen sind. Die Angel bleibt jetzt auch erst einmal drin. Unser letzter Fang hat gereicht. Wir haben tatsächlich die Blase einer Portugiesischen Galeere an den Haken bekommen. Inklusive Tentakelansatz. Das lassen wir jetzt erst einmal gut in der Sonne durchtrocknen, bevor wir uns mit Gummihandschuh an das Abnehmen wagen.
Da ich mich nicht wirklich entscheiden kann, hier noch eine kleine Auswahl an stimmungsvollen Bilder mit Portugiesischen Galeeren… SORRY! ;-)
Dienstag, 31. Mai 2022 – Endlich raumer Wind!
Früh morgens gegen 5 Uhr hat der Wind soweit aufgefrischt, dass wir Segel setzen können. Endlich verstummen Motor und Piepen. Der Skipper findet doch noch ein kleines Mützchen Schlaf im Morgengrauen. Der Tag selbst verläuft recht ereignislos. Samuel schlägt sich mit quadratischen Gleichungen rum. Maila lernt für ihre bevorstehende Arbeit. Dazu noch ein paar andere Unterrichtsstunden. Zum Abendessen serviert der Skipper Spaghetti mit Thunfisch-Soße. Alltag an Bord eines Familiendampfers. Derweil nimmt der Wind langsam aber kontinuierlich zu und dreht von West auf Südwest. Das passt.
Nach der Schule gönnt man sich ein Spielpause…
Am frühen Abend begegnen wir der SY Grace (17x5m). Überhaupt erst das zweite Segelschiff seit Französisch Guyana und natürlich sind wir auf Kollisionskurs. Brav weichen wir aus und gehen hinter ihr durch. Nebenbei haben wir noch einen netten Plausch über Funk. Sie segeln auch zu den Azoren und halten sich jetzt schon süd-östlich. Wir bleiben dagegen noch eher nördlich um später abzubiegen. See you in Horta!
Einschub für Nichtsegler: In den schon angesprochenen Kollisionsverhütungsregeln ist auch definiert, wie Segelboote untereinander ausweichen müssen. Das hängt im wesentlichen an der Konstellation der Boote mit dem Wind, führt hier im Detail aber zu weit. Bei Interesse einfach mal nach KVR Regel 12 googlen. Ach ja Horta ist der unter Seglern sehr bekannte, klassische Anlaufhafen auf der Azoreninsel Faial.
Erwähnte ich schon, dass es merklich frischer geworden ist? Heute haben wir endgültig gefühlten Wintereinbruch. Unter Deck nur noch 25 Grad, im windigen Cockpit sogar noch etwas kühler. Am Tag! La Skipper kramt sich dicke Socken raus. Und schon morgen früh wird unser ansonsten kälteerprobter Samuel (der immerhin in kurzen Hosen auf dem ecuadorianischen Chimborazo in 4.850m Höhe eine Schneeballschlacht gemacht hat!) nach seiner Bettdecke fragen. Was sind wir nur für Frostbeulen geworden.
Abgesehen von den vorgelagerten Îles de Salut ist Kourou unser letzter Stopp in Südamerika. Trotzdem wollen, ja müssen wir uns natürlich die größte Stadt von Französisch-Guyana anschauen: Cayenne. Der Zwang besteht übrigens auch mal wieder in einem Päckchen. Ich habe die letzten fehlenden Teile für unsere vom Blitzschlag in Mitleidenschaft gezogene Kurzwellenanlage bestellt. Der ansässige Victron-Vertragshändler Point Batteries war so nett, das Päckchen für uns anzunehmen und dabei sogar die Zollgebühren vorzustrecken. Da ist es Ehrensache, unsere Schuld so schnell wie möglich zu begleichen. An dieser Stelle noch einmal ganz vielen lieben Dank!!!
Anschließend machen wir einen kleinen Stadtrundgang. Ausgangspunkt ist die römisch-katholische Cathédrale Saint-Sauveur de Cayenne. Der 1825 begonnen Bau wurde 1833 beendet, jedoch erst 1861 als Kirche und 1934 als Kathedrale geweiht. Seit Anfang der 2000‘er Restauriert erstrahlt sie in neuem Glanz.
Der benachbarte Place des Palmistes präsentiert sich auf der Karte wie eine grüne Oase inmitten der wuseligen Stadt. Die Realität kann nur bedingt mithalten. Ja, hier stehen Palmen. Aber auch SEHR viele Autos. Diese müssen beim Parken jedoch aufpassen, nicht in einen der Kanäle zu fahren, die die früher regelmäßig vorkommenden Überflutungen seit 1925 verhindern. Aber es gibt auch Menschen. Es ist ein Platz der Begegnung, besonders abends.
Touri-HJotspot?!
Weiter gehen wir über den Place Léopold Héder hoch zum Fort Cépérou. Es ist die Keimzelle der Stadt Cayenne. Doch viel ist von der Befestigungsanlage aus dem 17. Jahrhundert nicht mehr zu sehen. Dafür sorgten Feuer (1701) und abziehende Portugiesen (1817). Der schon 1862 errichtete Leuchtturm ist heute noch aktiv. Wir genießen die Aussicht über die flache Flussmündung und das Zentrum von Cayenne.
Place Léopold Héder mit der Préfecture de la Guyane…… und dem Rectorat d’Académie
Tja, so richtig viel mehr gibt es hier in Cayenne dann auch nicht zu sehen. Auf dem botanischen Garten oder ein Museum haben wir gerade kollektiv keine Lust. Das Denkmal für den Sklaverei-Gegner Victor Schœlcher präsentiert sich aktuell ohne Victor Schœlcher.
Wo ist Victor?
Vielleicht brauchen wir auch noch alle etwas Ruhe. So trotten wir zurück zum Wagen und fahren nach Hause… auf unsere Samai in Kourou.