Samuel, ein Wal und der Thunfisch

Pazifik, 2. Januar 2021

Zu Jahresbeginn gab es große Überraschungen. Wir hielten die Angel zum dritten mal auf dem Weg zu der Robinson Crusoe Insel hinaus und erwarteten nichts. Bisher hatten wir gestern nur einmal ein Tier am Haken und das war ein Vogel! Er flatterte vom Haken gezogen auf dem Wasser hinter uns her, bis er sich endlich befreien konnte.

Heute, als ich gerade ein Hörbuch hörte, meldete sich plötzlich die Angel wieder. Ein Fisch hat angebissen! Der Skipper und ich sprangen auf, um den Fisch rein zu ziehen. Doch da war der Fisch auch schon wieder von der Angel weg. Ich ärgerte mich und ging leicht traurig darüber, den ersten Fang des Jahres vermasselt zu haben, zurück zu meinem Hörspiel. Circa eine Stunde später ging die Angel wieder los. Ich stürmte wieder hin, aber auch dieser Fisch floh.

Später am Tag, als Maila und ich gerade iPad spielten, sah Papa einen Wal. Maila und ich hörten natürlich sofort auf zu spielen und betrachteten den Wal. Er war fast so lang wie das Boot und schwamm parallel zu uns eine recht lange Zeit. Als wir im Bestimmungsbuch nachgesehen haben, schwankten wir zwischen zwei Walarten. Wahrscheinlich war es ein Brydewal, vielleicht aber auch der sehr ähnliche Seiwal. Wir haben auf Mamas Wunsch dann auch die Angel eingeholt. Damit der Wal, der kein Interesse an der Angel hatte, nicht aus Versehen anbeißt. Als der Wal dann weg war, spielten Maila und ich noch etwas weiter und der Skipper hat die Angel wieder hinausgelassen.

Wal an Backbord
Wahrscheinlich ist es ein Brydewal

Plötzlich meldete sich die Angel erneut. Allerdings wieder nur kurz. Mist! Kann denn kein Fisch mal dranbleiben?, habe ich mich gefragt. Nach einiger Zeit meldete sich die Angel erneut und dieses mal wirklich. Ein Fisch zog ein wenig Leine raus und dann hielt die Bremse. Bei Ostseefischen wird sie nicht benötigt, weil sie nicht so kampfstark sind wie die Meeresfische. Um 17.10 Uhr hat er angebissen. Der Fisch zog dauerhaft recht stark, als der Skipper die Fahrt drosselte. Anfangs nahm er die Angel, weil wir dachten, dass der Fisch für mich zu stark sei. Aber ich nahm mir dann doch die Angel und bemerkte, dass er gar nicht so stark war. Ich zog ungefähr 20 Meter Leine hinein, bis Papa rief: Ich kann ihn sehen! Als Mama dazukam meinte sie, das sähe aus wie ein kleiner Hai. Das war er natürlich nicht.

Der Skipper nahm den großen, fast vier Meter langen Gaff (also einen langen Haken um Fische rauszuholen), den wir vorher aus der Weinkammer geholt hatten. Er zog den Fisch an Bord und die Familie erstarrte. Am Gaff von Papa hing ein knapp 7 kg schwerer und ungefähr 80 cm langer Thunfisch. Das war der größte und schwerste Fisch, den die Samai jemals an Bord geholt hatte. Als er tot war, nahmen wir ihn aus und halbierten ihn neben der Wirbelsäule. Eine Hälfte legten wir in den Kühlschrank und die andere machten wir für den heutigen Verbrauch bereit.

Später am Abend gab es dann Fisch vom Grill mit Reis und einer Zwiebelpfanne. Wir aßen alle so viel wir konnten und trotzdem blieb noch einiges von dem halben Fisch übrig. Thunfisch satt auch morgen!

Samuel

Der halbe(!) Thunfisch auf dem Grill

Schon wieder die Batterien… das Jahr fängt ja gut an!

Pazifik, 1. Januar 2021

Das letztlich nicht ganz unerwartete Problem deutet sich schon am vorhergehenden Silvestermorgen an. Für ein Segelmanöver wollen wir den Motor starten, doch außer einem kurzen Zucken des Anlassers passiert nichts. Schon wieder. Die Verbraucherbatterien stehen auf 92% und die Spannung der Starterbatterie sieht mit 12,6V auch gut aus. Trotzdem gibt es anscheinend nicht genug Saft zum Motorstart. Wir hatten über das Thema ja schon unter Alltagsprobleme in hohen Breiten: Batterien berichtet. Nun zerschlägt sich die dort geäußerte Hoffnung auf Besserung bei höheren Temperaturen. Nur gut, dass ich die Überbrückungskabel in weiser Voraussicht nicht zu weit weggestaut habe.

An Neujahr reißt mich dann um 5:59 Uhr, genau eine Minute vor dem Handywecker, ein Piepen im Salon aus meinem kurzen Nickerchen. Batteriealarm. Laut Anzeige sind die Verbraucherbatterien wiederum bei 92% Ladung, haben aber nur noch 10,6V Spannung. Folgerichtig blinkt der rote Hinweis Batterie leer. Der Unterschied zu gestern ist, dass wir diese Nacht die Starterbatterie abgeklemmt haben. Die sollte zwar offiziell von den Verbrauchern getrennt sein, genau um Situationen wie die gestrige zu verhindern. Bei uns scheint es da aber einen Schleichweg zu geben. Unbestrittener Vorteil ist, dass nach dem Anklemmen der Starterbatterie der Motor heute umgehend startet.

Inzwischen verkündet die Batterieanzeige 0% und fordert Bitte nachladen!. Ach nee! Wir lassen den Motor also laufen und die Lichtmaschine lädt anfangs mit gut über 20A. Nach etwas über einer Stunde sind wir bei 4%. Das kann also noch etwas dauern. Oder auch nicht. Kurz danach verringert sich der Ladestrom allmählich auf unter 9A. Das ist eigentlich ein Zeichen dafür, dass die Batterien so langsam voller sind. Nach insgesamt gut 1½ Stunden ist es dann soweit. Die Anzeige springt spontan von 5% auf 100%. Ein Ladegerät, das das bei unseren nominell 500Ah schafft, muss jedoch erst noch erfunden werden. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand. Unsere direkt vor Abfahrt zur Sicherheit neu angeschafften Verbraucherbatterien werden uns nicht – wie erwartet und versprochen – um die Welt bringen, sondern haben im Laufe des letzten Jahres auf gut deutsch den Arsch hoch gemacht. Die aktuell vorhandene Kapazität schätze ich auf maximal 50Ah ein Zehntel!

Für solche Nachrichten gibt es naturgemäß keinen guten Zeitpunkt. Aber mit einen Tag nach Verlassen des Hafens und über 2000sm ohne Nachschubmöglichkeit vor dem Bug ist dieser Zeitpunkt nicht einmal ansatzweise nahe dran an gut. Soooo schlimm ist es aber dann auch wieder nicht. Wir haben mehr als genug Diesel für eine tägliche Laderunde dabei. Außerdem nähern wir uns dem sommer-sonnigen Äquator. Da haben wir mit unserem Solarpaneel tagsüber praktisch keinen Nettostromverbrauch. Wir werden es also sicher bis Ecuador schaffen. Dort stehen dann aber neue Verbraucherbatterien ganz oben auf der Einkaufsliste.

Ansonsten verläuft der Tag entspannt und ähnlich wie gestern. Na wenigstens schaut Samuel sich mal ein paar Vokabeln an und auch Maila macht zumindest etwas Schule. Erste Schritte auf dem Weg zur Bordroutine unter Segeln. Ansonsten verbringen beide wieder viel Zeit im Cockpit. Nachdem Maila sich gestern einen kleinen Sonnenbrand im Gesicht holte, hat sie nun Papas Schlapphut als modisches Schutzaccessoire entdeckt echt süß!

Maila hat sich Papas Schlapphut stibitzt…

Der Skipper hat mal wieder einer alter Seglertradition folgend dem lieben Rasmus ein Schlückchen Rum geopfert. Nach vier Monaten im Hafen scheint eine Erneuerung der hoffentlich guten Beziehungen angemessen. In diesem Zusammenhang geht ein besonderer Gruß und Dank für die Inspiration an Skipper Thomas!

Die Wellen schaukeln uns hin und her…
man merkt, wir sind hier auf dem Meer.
Drum Rasmus altes Rübenschwein,
schenk uns Wind und Sonne ein!

Das Opfer wird anscheinend angenommen. Der Wind pendelt sich ziemlich konstant bei angenehmen 5-6 Bft. Süd ein. Das Großsegel wird ausgerefft und bringt uns weiter zügig voran. Auch die Welle nimmt etwas ab und wird trotz weiterhin 2-3m Höhe irgendwie angenehmer. Rundherum nur das Blau und Weiß von Himmel und Wolken, von Meer und Schaumkronen. Auf AIS und Radar herrscht weiterhin gähnende Leere. Lediglich zwei Landsignale der Einfahrt zur Bahía Concepción erreichen uns einmal aus fast 150sm Entfernung. Wir sind wohl im Umkreis von mindestens 100km die einzigen Menschenseelen. Irgendwie ein tolles Gefühl.

Weit und breit weder Schiff…

Heutzutage gibt es immer weniger Orte auf der Welt, an denen das möglich ist insbesondere wohl in (Eis-)Wüsten und auf den Meeren. Obwohl letztere auch alles andere als vereinsamt sind. Man zoome sich bei Marinetraffic oder Vesselfinder einfach mal raus und staune und das sind nur (nicht einmal alle) Schiffe mit AIS! Doch der hier gewonnen Eindruck täuscht auch etwas. Ja, es sind viel zu viele. Es ist aber auch nicht so, dass man trockenen Fußes von Küste zu Küste käme. Zumindest abseits der großen Schifffahrtswege und Fischereigebiete verlaufen sich die vielen kleinen Schiffe in der Praxis dann schon ein wenig auf dem großen Ozean und man kann ein klein bisschen das hoffentlich nicht allzu trügerische Gefühl großer Freiheit genießen.

… noch Land in Sicht!

In der nächsten Nacht beginnt der Batteriealarm dann schon um 4 Uhr. Innerhalb einer halben Stunde ist die Spannung von 12,7V auf 10,7V abgefallen. Motor an zum Laden. Das ist dann wohl der Beginn einer neuen Routine.

Prost Neujahr vom Pazifik!

Jahreswechsel 2020/21

Der letzte Tag des ach so denkwürdigen Jahres 2020 bringt uns etwas, das wir schon sehr lange nicht mehr erleben durften: 24 Stunden Segeln!

Weht es bei der gestrigen Abfahrt im Río Valdivia anfangs zwar noch kanalisiert auf die Nase, so hilft der Strom dann doch schnell auf den Pazifik. Noch in der Abdeckung ziehen wir das Groß im zweiten Reff hoch. Draußen verzweifeln wir dann erst mal wieder am Abgleich von leichter Südwindvorhersage und kräftigem Westwinderlebnis. Nicht schön, aber segelbar. Die Fock geht raus, der Motor aus, die Samai darf endlich mal wieder das tun, wofür sie letztlich gebaut wurde. Segeln! Angetrieben von pfeifendem Wind pflügt der Rumpf durch rauschende Wellen nach Nordwest Richtung Juan Fernandez. Schon kurz danach werden wir mit den Wettergurus versöhnt. Der Wind dreht schnell auf Süd und wir fliegen raumschots in den Sonnenuntergang.

Endlich wieder Segeln!

Die Crew geht zeitig ins Bett und der Skipper hat das Boot für sich. Eine ruhige, sternenklare Nacht. Nur einmal zeigt sich ein AIS-Signal 10 Meilen achteraus, ansonsten sind wir alleine. Ab ein Uhr beginne ich mein erprobtes Ritual für solche Nächte. In voller Montur (also insbesondere mit Rettungsweste und Lifebelt) lege ich mich auf die kurze Couch im Salon. Der Handywecker wird direkt am Hals unter den Pullover geschoben. Augen zu.

Etwa alle 30 Minuten – mal etwas früher, mal etwas später – ruft die Pflicht. Die ersten Blicke gelten Kurs und Windentwicklung. Danach prüfe ich am aktiven Radarreflektor, ob uns andere Schiffe auf dem Schirm haben. Zeigt das AIS (Automatic Identification System… tolle Erfindung) jemanden in der Gegend? Den Abschluss bildet der obligatorische Rundumblick über den vom Vollmond erleuchteten Pazifik. Nichts. Nächste Runde. Augen zu.

Abgesehen von einer leichten Windabnahme passiert absolut gar nichts. Ja, man könnte eventuell ausreffen, aber dann steht die Fock in der Abdeckung des Groß noch schlechter. Gerade nachts segeln wir ohnehin eher konservativ. Da muss ich mir den Aufwand, im Dunkeln alleine draußen herumzuturnen, nicht wirklich geben. Das ist bei Tageslicht viel entspannter.

Auf dem Pazifik

Eben diesen Tag verbringen wir dann eigentlich recht typisch für den Beginn eines mehrtägigen Törns. Zumindest, wenn es kein Kaffesegeln ist. Samuel liegt fast den ganzen Tag in seine Decke gemummelt im Cockpit und hört ein Hörbuch. Unter Deck wird ihm später pünktlich zum Essen flau. Er stürmt hoch, haut danach aber trotzdem ordentlich rein. Die Jungs essen oben. Maila sitzt am Tag auch stundenlang draußen, schaut auf die Wellen und erlebt Abenteuer ihrer Gedankenwelt. Das kann durchaus anstrengend sein, am Nachmittag schläft sie spontan auf der Couch ein. Gleich neben La Skipper. Die Arme gibt sich ganztägig den zweifelhaften Freuden Ihres „Segelmodus“ hin. Bevorzugt in der Horizontalen. Glücklicherweise ist es keine schwere Seekrankheit, aber anfangs helfen ihr Tee, Vomex und Ruhe am besten durch den Tag.

La Skipper im Segelmodus

Der Skipper kümmert sich derweil um die übrig gebliebenen Kleinigkeiten: Segeln, Frühstück servieren, Betuddeln, Abendessen machen, Abwasch und was sonst noch so anfällt. Gut zu wissen, dass sich das mit steigender Einsatzbereitschaft der Crew schon bald nivelliert.

Ihr leichtes Unwohlsein hat sich La Skipper heute dann auch redlich verdient. Seit Mittags weht es kräftig aus Süd, Böen erreichen inzwischen leicht über 30kn. Die Wellen bauen sich immer mehr auf und schaukeln Boot sowie Crew ordentlich durch. Die Fock ist eingeholt, dafür das Groß zum 1. Reff hochgezogen. Das reicht völlig aus.

Über die Geschwindigkeit kann man auch gut die Wellenperiode ablesen

Jetzt ist es soweit: Vier Stunden nach Deutschland ist nun auch hier Mitternacht! Auf Wiedersehen… besser doch auf Nimmerwiedersehen 2020. Willkommen 2021. Mach es besser als Dein Vorgänger, die Hürde liegt nicht allzu hoch. ;-)

Als erstes klappere ich die Betten ab und gebe jedem ein Neujahrsküsschen. Dann kommen Position (37°14,62’S / 075°48,66’W), Wetter (Süd 6, in Böen 7), Seegang (5, Höhe gut 3m, Periode knapp 10s), Geschwindigkeit über Grund (je nach Welle 6 bis über 10kn), Segel (Groß im 1. Reff) und ein Neujahrsgruß ins Logbuch.

Vor genau einem Jahr segelten wir gerade vor dem argentinischen Mar Del Plata und konnten auf die Entfernung ein bisschen Feuerwerk erkennen. Heute, 200sm nach Valdivia und 260sm vor der Isla Robinson Crusoe, bleibt die Nacht komplett schwarz. Diese Tendenz gilt dieses Jahr aber wohl nicht nur hier auf dem Pazifik. Alles anders. Das ist nicht neu. Daran sind wir inzwischen schon gewöhnt. Leider.

Aber gerade heute ist doch mehr als alles andere der eine Tag im Jahr, an dem der Blick nicht griesgrämig zurück, sondern frohgemut voraus gehen sollte. Schon klar, dass dieses Datum im Grunde nur eine willkürliche, kulturelle geprägte Festlegung ist. Ein Abfallprodukt unseres Kalenders. Zwar verbreitet, aber letztlich doch nur ein Kalender unter vielen auf der Welt. Trotzdem finde ich es wichtig, dass es genau so einen Tag gibt. Und wir etwas daraus machen. Nein, keine recycelten, weil ohnehin nicht eingehaltenen „guten Vorsätze für das neue Jahr“. Vielmehr ein Ansporn, neue Energie, ein Lächeln für andere und – genauso wichtig! – für sich selbst.

Wir wünschen uns allen von Herzen ein unvergesslich schönes neues Jahr 2021!!!

Unser letzter Sonnenuntergang 2020