¡Vete a la mierda!

Wir wissen natürlich nicht, ob diese Worte Herrn V. im chilenischen Gesundheitsministerium wirklich durch den Kopf gegangen sind. Die Vermutung liegt jedoch nahe. Über Wochen, ja Monate hinweg landen alle von unserem Honorarkonsul über verschiedenste Kanäle initiierten Anläufe bzgl. einer Ausnahmegenehmigung für unsere Einreise auf seinem Schreibtisch. Genauso lange lautet seine stets gleiche Antwort:

¡No!

Obwohl, bleiben wir ehrlich. Nachdem Herr V. ausgeführt hatte, dass wir keine ausreichenden Gründe für eine Einreise vorgelegen, stellten wir Ende Oktober einen weiteren Antrag aus humanitären Gründen. Schließlich war die Crew seit Mitte 2019 nicht mehr beim Arzt. Zeitlich in Ushuaia anstehende (Vorsorge-)Untersuchungen waren aufgrund der Quarantäne nicht möglich. So listeten wir also für jeden von uns medizinische Gründe für eine Einreise auf. Das kann doch das Gesundheitsministerium nicht ablehnen! Tat es auch nicht. Herr V. ignorierte diesen Antrag einfach.

Nun kam kurz vor Weihnachten die Antwort einer zweiten Verbalnote unserer Botschaft an das Außenministerium. Unser Honorarkonsul solle mit den lokalen Gesundheitsbehörden vor Ort unsere Einreise abstimmen. Das klingt ja eigentlich nicht schlecht. Doch auch dieser Anlauf landet natürlich wieder auf dem gleichen Schreibtisch. Da nun das Außenministerium irgendwie dahinter steht, ist der Adressat wohl wenig motiviert sich eingehender damit zu beschäftigen. Zum Glück fällt Herrn V. spontan unser Antrag von Ende Oktober wieder ein. Nur auf diesen erhalten wir nun endlich eine Antwort: Offensichtlich von weihnachtlicher Nächstenliebe beseelt wird uns nun aus humanitären Gründen gestattet, notwendige medizinische Untersuchungen durchführen zu lassen. Mit Terminvereinbarung und einzureichender Dokumentation als Nachweis. Aus anderen Gründen dürfen wir das Boot weiterhin nicht verlassen. Schließlich sei eine Einreise aus touristischen Gründen in das Land aktuell nicht möglich. Letzteres mag für den Zeitpunkt des Antrags Ende Oktober stimmen, ist seit Ende November jedoch schlichtweg gelogen. Letzte Wochen haben wir in La Estancilla (Außenstelle des Club de Yates Valdivia) viele frisch eingetroffene Touristen getroffen. Nach 20 Stunden im Flugzeug durften sie in Santiago problemlos einreisen. Dann noch eine mehrstündige Busfahrt nach Valdivia (noch bis heute in Phase 1 = Quarantäne!) und schon war alles gut. Natürlich dürfen Sie auch in die Stadt. Von den tausenden extra zur Sonnenfinsternis legal eingereisten Touristen wollen wir da gar nicht erst anfangen. Wir dagegen sind auch nach vier Monaten „freiwilliger Quarantäne“ offensichtlich immer noch eine zu große Gefahr für die Gesundheit des Landes.

Warum sind wir eigentlich immer noch hier? Ganz einfach, wir haben auf die Einreise gehofft. Wir wollten von Chile mehr sehen, als einsame Buchten in den Kanälen des Südens. Wir wollten durch das angeblich sehr schöne Valdivia bummeln. Wir wollten auch auf den über 1.000sm chilenische Küste Richtung Norden ankern, anlegen, das Land erkunden. Wann kommen wir schon mal wieder hier her? Doch ganz offensichtlich sind wir von einer grenzwertig ungesunden Mischung aus Dummheit, Zuversicht und Vertrauen in gesunden Menschenverstand befallen. Zumindest wenn man es mit einem derart ignorant-asozialen Fall wie Herrn V. in Santiago zu tun hat.

Wir haben endgültig genug. Gestern haben wir das letzte Paket aus Deutschland bekommen. Heiligabend packen wir es zur Bescherung gemeinsam aus. Heute noch kommt das Dinghy auf das Vorschiff. Am 26. Dezember erhalten wir eine letzte Lieferung vom Supermarkt. Und wenn nicht noch ein „immigrationstechnisches“ Wunder geschieht, dann folgen wir noch dieses Jahr der Aufforderung der Überschrift und „verpissen“ uns auf direktem Weg raus aus Chile. Eine Anfrage beim Yachtclub in Callao zur aktuellen Situation in Peru (über die Immigration von Seglern dort hört und liest man ja nur Horrorgeschichten) ist raus. Ansonsten habe ich auch den direkte Kurs nach Ecuador (ca. 2.350sm) schon mal abgesteckt.

Was für ein Ende. Echt traurig. Chile ist so ein schönes Land, von dem wir so wenig gesehen haben. Wir durften so viele unglaublich nette und hilfsbereite Menschen kennenlernen und dann wird der Gesamteindruck von einem Einzelnen derartig angekratzt. Ja, uns wurde mehrmals gesagt, dass das nicht Chile sei. Andererseits sei dieses „wischi-waschi-nicht-echte-Lösung-finden“ dann aber doch wieder typisch Chile. Was denn nun?

Vielleicht merkt man, dass diese Zeilen nicht in einem Gemütszustand tiefer Entspannung geschrieben sind. Ja, ich bin stinksauer und erlaube mir, diesen Umstand nur notdürftig zu kaschieren. Vielleicht bereue ich schon morgen meine hier niedergeschriebenen Worte. Das macht sie aber nicht weniger authentisch. Blauwassersegeln ist ein wunderschönes Privileg. Aber nein, es ist selbst in normalen Zeiten nicht immer alles Eitel-Sonnenschein. Das wollen wir auch in diesem Blog nie behaupten. Umso mehr sei es mir also bitte gestattet und gegebenenfalls auch verziehen, wenn ich nun fast schon im Affekt und ohne die bei der Bundeswehr übliche „militärische Nacht“ darüber zu schlafen unserem Ärger über diese unnormale Erfahrung Ausdruck verleihe. Das ändert nichts daran, dass unsere Familie ihre Entscheidung zu dieser Auszeit unter Segeln noch nie bereut hat und wir gerade auch in der aktuellen C*-Situation nirgendwo lieber wären, als hier auf unserem Boot.

In diesem versöhnlichen Sinne gilt unser Dank all den lieben Menschen, die immer für uns da waren, sind und sein werden… sei es nun zu Hause in Deutschland oder zu Hause bei unserer Samai.

Euch behalten wir im Herzen!

Alltagsprobleme an Bord: Außenbordmotor

Wie fast alle Boote ab einer gewissen Größe hat auch unsere Samai ein kleineres Beiboot. Über die Schreibweise kann man streiten, ich habe mich jetzt mal mit „Dinghy“ angefreundet. Dieses Dinghy hat natürlich Ruder. Damit kann man unkompliziert kleinere Strecken zurücklegen. Beim Ausbringen der Landleinen reicht das völlig aus. Für längere Strecken nimmt man aber doch lieber die Hilfe eines Außenbordmotors in Anspruch. Wir hatten uns damals für einen Tohatsu 9.8 entschieden. Ja, er ist mit seinen knapp 10PS zugegebener Maßen kein Leichtgewicht, aber letztlich ein recht guter Kompromiss zwischen Handhabbarkeit und Leistung.

Anfang Oktober 2019 hatten wir unseren Außenborder in Mindelo (Kap Verde) für die Atlantiküberquerung im Heck unter Deck verstaut. Dort lag er dann auch, wir hatten ihn einfach nicht wirklich benötigt, bis in die Antarktis. Erst Anfang Februar 2020 in Deception Island (erster Ankerplatz im antarktischen Vulkan) holten wir ihn frohgemut wieder raus. Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass es einen Moment gedauert hat, bis er wieder lief. Doch er lief. Ja, da waren anscheinend einige Tropfen Benzin in das Gehäuse (nicht ins Wasser!) gelaufen. Doch er lief. Die ganze Zeit im Eis ließ er uns nie im Stich.

Anfang Juni machten wir uns in der chilenischen Caleta Beaulieu mit dem Dinghy auf dem Weg zur Gletscherkante. Es war etwas windig, leichte Wellen, doch an sich kein Problem. Bis der Motor plötzlich anfing, nicht mehr so richtig rund zu laufen. Der Skipper fühlte sich an den Klang seines ersten Autos (79‘er Golf) erinnert, als diesem ein bis zwei Zündkerzen versagten. Wir brachen unseren Ausflug ab. Es war einfach zu riskant. Wäre der Außenborder ganz ausgefallen, hätten wir eine – ich sage mal – herausfordernde Ruderstrecke vor uns gehabt. Der Außenborder kam an die Heckreling, die Ruder waren fortan Kurzstecken-Antrieb der Stunde.

Ich hatte mir also einen Zündkerzenwechsel auf die 2do-Liste geschrieben. Sollte kein Problem sein, schließlich sind in meinem Werkzeugkoffer auch zwei Zündkerzenschlüssel. Beide zu groß. Mist. In einem der Care-Pakete aus Deutschland kam Nachschub, neben zwei weiteren Zündkerzen nun auch der passende Schlüssel. Ja, sicher hätte ich den auch in Chile bekommen… gestaltet sich halt nur etwas schwierig, wenn man den Hafen nicht verlassen und selbst einkaufen gehen darf.

Egal. Im November habe ich endlich die Zündkerzen gewechselt, dann den Motor gestartet. Hey, das klingt gut. Zur Sicherheit lasse ich ihn noch etwas laufen. Doch dann geht die Drehzahl runter. Der Motor stirbt ab und lässt sich auch nicht wieder starten. Vielleicht erwähnte ich es ja schon: Mist! Da sollte wohl doch einmal ein Profi rein schauen.

Wo tropft es nur so still und heimlich?!

Unser Honorarkonsul hat uns dann einen (deutsch und englisch sprechenden) Schulfreund seines Sohnes vermittelt. Dessen Eltern betreiben in Valdivia den kleinen aber feinen Ausrüster und Außenborder-Spezialisten Fibronaval. Ein kurzer Anruf und die Schilderung unserer Situation reichten aus, um ihn uns helfen lassen zu wollen. Er kam also im Hafen vorbei, um sich das mal anzuschauen. Ja, Suzuki und Tohatsu können sie reparieren und warten. Bingo! Er packte den Außenborder gleich auf seinen Pickup. Ich sagte noch, dass sie bei Bedarf ja auch gerne das Öl wechseln könnten. Schließlich lag die letzte Wartung in Rostock schon eine Weile zurück. Was das ganze kosten würde? Keine Ahnung. Ich hatte nur das Vertrauen, dass sie uns nicht über das Ohr hauen würden.

Ein paar Tage später kam die Nachricht, dass unser Außenborder wieder schnurrt. Sie haben das Benzinleck abgedichtet, den Vergaser gereinigt sowie Getriebe- und Motoröl gewechselt. Letzteres hatte es auch echt nötig. Anscheinen war da einiges an (Kondens-?)Wasser rein gekommen. Was das Getriebeöl angeht wurde mir gesagt, dass wohl noch das Original vom Kauf des Motors (vor fast sechs Jahren!) drin war. Erwähnte ich schon, dass ich den Außenborder zwischenzeitlich für einen Service bei Volvo Penta bei Rostock hatte? Man nennt die Jungs in Blau (sorry, habe noch kein Mädel gesehen) wohl nicht umsonst die „modernen Piraten der Ostsee“ ;-)

Für diese Leistungen wurde uns, wie es nur recht und billig ist, natürlich auch eine Rechnung aufgemacht: 25.000 Chilenische Pesos! Dazu muss man jetzt den Umrechnungskurs kennen. Das sind nicht einmal 30€. Mir klappte im positiven Sinne die Kinnlade runter. Kurz danach wurde der Motor zu uns in den Hafen gebracht (dieser Service ist selbstredend inklusive!) und hängt jetzt nach einem netten Plausch wieder am Dinghy.

Endlich wieder einsatzbereit!

Als nächstes stand eine kleine Probefahrt an. Was soll ich sagen?! So schön hat er wirklich schon SEHR lange nicht mehr geschnurrt. Schnell und unkompliziert angesprungen, runder Lauf (sagt man das so?! ;-), kein nennenswerter Qualm… der Skipper ist glücklich! Das Ziel für die nächste Ausfahrt steht auch schon fest. Fehlende Stempel im Pass und Quarantäne hin oder her will der Skipper endlich mal wieder einkaufen. Also wird es zum Steg von Fibronaval gehen. Ja, ich darf immer noch nicht an Land herumspazieren… aber wenn der Ausrüster auch einen Wasserzugang hat… ;-)

Wir durften hier in Chile wirklich unglaublich nette und hilfsbereite Menschen kennen lernen. Was für ein Kontrast zu der ihren Rücken freihaltenden offiziellen Stelle in Santiago (nennen wir sie „Herr V.“), die uns monatelang eine Ausnahmegenehmigung für die Einreise verweigert. Doch das ist hier nicht die Norm. In dieser Hinsicht hatte uns schon Brasilien überrascht, auch in Argentinien hatten wir tolle Begegnungen, nun also Chile. Es scheint sich tatsächlich um ein südamerikanisches Phänomen zu handeln, von dem sich so manche Ecke der Welt eine Scheibe abschneiden könnte. Eine unglaublich schöne Erfahrung!

Und ewig lockt die 2do-Liste

Valdivia, (Süd-)Frühling 2020

Nicht nur wenn man auf längerer Fahrt ist, führt man an Bord eines Segelbootes selbstredend eine „2do-Liste“. Das ist nicht immer schön. Schon gar nicht, wenn sich mal wieder ein neuer, absolut unerwarteter Punkt einreiht. Aber es hilft ja nichts.

Der Kühlschrank an Bord war ja schon mehrfach Thema. Einmal rauschte er im Seegang einfach aus seiner Verankerung. Ein anderes Mal bemerkten wir, dass das Licht auch bei geschlossener Tür brennt (… das muss ich mir in der Tat nochmal anschauen). Nun also der Griff. Man zieht daran und entriegelt damit die Tür. Doch nach einem unachtsamen Abrutschen hatte dieser Griff plötzlich ungewöhnlich viel Spiel. Schlimmer noch, er verriegelte die Tür nicht mehr richtig. Grmpf!

Der Griff an sich war ja schnell ausgebaut. An die Innereien kam ich aber nicht im Guten ran. Erst nachdem ich mit der Akku-Flex vorsichtig den Knubbel der Haltestange weggefräst hatte, lag das Schloss in seinen Einzelteilen vor mir und bestätigte meinen Verdacht: gebrochene Feder. Und nein, so eine spezielle Feder war hier nicht zu finden. Nun gut, wenn die Feder nun kürzer ist, was liegt dann näher als auch den Spielraum der Feder zu verkürzen. Ich klebte also eine kleine Mutter in das Schloss, so dass das nun so halbwegs passen sollte. Was soll ich sagen, zu meiner eigenen Überraschung hat es funktioniert. Der Griff hat kein Spiel mehr und die Tür schließt fest. Trotzdem haben wir zur Sicherheit ein neues Schloss bestellt… es sollte mit dem nächsten „Care-Paket“ aus Deutschland bei uns eintreffen.

Eingeklebte Mutter verringert das Spiel der gebrochenen Feder… und das klappt sogar!

Und dann ist da noch der Abluftschlauch unserer Dieselheizung. Der führt im Heck hinter dem Ruderquadranten durch einen wirklich schönen Stauraum und er wird wirklich schön heiß. Über den Atlantik hatten wir da unten unseren Außenborder gestaut. Er lag auf der Abdeckplane des Dinghys. Tja und eben diese Abdeckplane hat von eben diesem Abluftrohr seitdem ein schönes Loch eingebrannt bekommen. Später hatten wir da unten Dieselkanister gestaut. Natürlich hatte ich auf das Abluftrohr geachtet. Doch im Seegang kam es anders. In der Antarktis bemerkten wir plötzlich Diesel in der Bilge. Grmpf!

Das wird heiß… da kann es schmoren :-(

Ja, einer der Kanister war diesem Abluftrohr zu nahe und bekam ein kleines Loch eingeschmolzen. Also mal ehrlich, so konnte das doch nicht weiter gehen. In Valdivia besorgte uns unser Honorarkonsul schließlich eine große Holzplatte… von der Resterampe für gerade mal gut 2€! Perfekt!!! Mit der Akku-Stichsäge tastete ich mich und das Holz langsam an die passenden Formen.

Das ist mal wieder Geduld gefragt ;-)
Das sollte reichen…

Nun endlich ist diese leidige Rohr abgedeckt, den Brennpunkt von Holz wird es dann mutmaßlich (hoffentlich ;-) doch nicht erreichen. So kann nun auch dieser Stauraum endlich richtig ausgenutzt werden. Auf so einem – zumindest für Blauwassersegler – so kleinen Boot wie unserer Samai ist das eminent wichtig.

… und der knappe Stauraum ist endlich gefahrlos nutzbar :-)

Ein weiteres Problem war einer unserer Cockpit-Plotter. Erst ging er nur hin und wieder mal unmotiviert aus. Dann immer öfter. Schließlich blieb der Schirm konstant dunkel. Ehrlich gesagt war das aber auch kein Wunder, wenn man mal einen Blick in den Stromstecker wirft. Einer der vier Anschlüsse war recht offensichtlich korrodiert. Auch hier kam Ersatz aus Deutschland… zur Sicherheit gleich zweimal.

Leider stellte sich beim Verkabeln dann heraus, dass auch einige der Stromkabel sich nach dem Abisolieren eher grau-schwarz als metallisch-glänzend präsentieren. Man braucht nicht viel Phantasie für die ernüchternde Feststellung, dass sich hier die nächste Baustelle ankündigt. Doch dazu hatte ich an diesem Tag nun wirklich keine Lust mehr ;-)

Der Antennenadapter für das Satellitentelefon hatte sich ja schon vor einiger Zeit verabschiedet. Aber jetzt mal ehrlich… diese dünne Kabelchen ist doch an Bord einer Langfahrtyacht doch auch alles andere als alltagstauglich, oder?! Ersatz bekamen wir im letzten „Care-Paket“ aus Deutschland und mit ausreichend vulkanisierendem Tape um die Sollbruchstelle ist das nun auch deutlich stabiler.

Auch der Kohlebehälter von unserem Lotus-Grill hatte sich nach intensiver Nutzung, nicht zuletzt in den kalten Kanälen Patagoniens, seinen Lebensabend redlich verdient!

Und mit dem rechten haben wir noch bis zuletzt gegrillt!!!

So arbeiten auch wir uns durch die allgegenwärtige 2do-Liste. Zumindest immer dann, wenn der innere Müßiggang genug Motivation dafür erübrigt. Jeder durchgestrichene Punkt bringt Erleichterung, ein Lächeln auf die Lippen und manches Mal sogar so etwas wie ein kleines wenig Stolz mit sich.

Trotzdem wird mir jeder Skipper darin beipflichten, dass es letztlich ein Kampf gegen Windmühlen ist. Beruhigend und auch motivierende ist jedoch der Gedanke, dass diese Windmühlen nicht irgendwo in Spanien stehen, sondern unmittelbar unser Boot betreffen… unser Zuhause… und für dieses lohnt sich jeder Griff und jede Mühe… letztlich ist es doch für uns!

Tanken in Valdivia

Valdivia, Anfang Oktober 2020

Das mit dem Diesel an Bord ist ja so eine Sache. In europäischen Gewässern ist man es gewohnt, an einem Tanksteg festzumachen und dort den begehrten Energieträger unkompliziert einfüllen zu können. In Südamerika ist das hin und wieder auch der Fall. Und doch muss man sich ganz oft nach Alternativen umschauen. Der Klassiker sind Kanister. In Cabedelo (Brasilien) wurde der Diesel in Kanistern zum Boot gebracht. In Buenos Aires habe ich unsere eigenen Kanister geschnappt und bin mit einem Uber-Fahrer zur Shell-Tankstelle gefahren… er war entspannt und fuhr mich und den Diesel wieder zum Hafen zurück. In Ushuaia bin ich selbst im Mietwagen mit Dutzenden Dieselkanistern zur Tankstelle gefahren… trotz aller Sprachbarrieren (ja, mein Spanisch ist leider immer noch absolut unzureichend) hatte ich mit dem Tankwart ein nettes Gespräch. Ein Höhepunkt war natürlich Tanken in Rawson :-)

Nun also Valdivia. Ich wäre ja auch mit dem Mietwagen zur Tanke gefahren, aber das durfte ich ja nicht. Also fragten wir beim Club de Yates Valdivia… alles kein Problem… „tranquillo“ Man bestellte kurzerhand eine Tankwagen zum Hafen. Da sah ich dann auch erstmals die Bemalung des Außentores…COOL!

Der Tankwagen tastete sich vorsichtig durch an Land stehende Boote und der Schlauch reichte natürlich auch bis zum Boot. Er passte dann zwar auch in unsere Tanköffnung, aber leider nicht in alle unsere Kanister. Lustiger Weise sind es gerade die noch in Deutschland gekauften Kanister, deren Öffnungen zu klein sind. So füllte der mobile Tankwart also unseren Tank und die Kanister mit großer Öffnung, während ich den Diesel mit dem Schüttelschlauch von letzteren in die Kanister mit kleinerer Öffnung umfüllte. War ein „Groß-Loch-Kanister“ leer, kümmerte er sich wieder darum… so ging das eine ganze Weile. Aber auch hier kein Murren oder Maulen… nur freundliches Lächeln, Verständnis und Hilfsbereitschaft.

Es dauerte eine Weile und ja, es ging auch der ein oder andere Tropfen daneben. Doch irgendwann waren Tank und alle Kanister gefüllt. Gut 800 Liter hatten wir gebunkert… und dafür – jetzt mal kurz festhalten – gerade mal umgerechnet 460 Euro bezahlt. Da bekäme jeder Autofahrer an einer deutschen Tankstelle feuchte Augen.

In diesem Zusammenhang mache ich mich dann auch endlich an ein anderes, lange überfälliges Thema. Vor unserer Abfahrt hatten wir uns noch einen Doppeldieselfilter einbauen lassen. Sehr praktisch. Sollte ein Filter zugesetzt sein, kann man schnell auf den anderen wechseln und die klare Bowle lässt keinen Zweifel daran, ob eine Reinigung ansteht. Ich sage mal so… die Nachricht war mehr als deutlich.

Lange Zeit sah es im Filter eigentlich richtig sauber aus. Doch in Argentinien war das dann wohl doch nicht so toll mit der Dieselqualität. Natürlich haben wir immer die schwefelarme Version gekauft, trotzdem schimmerte es beim Umfüllen vom Kanister in den Tank immer so leicht grünlich. Aber wenigstens hatte sich nichts weiter im Tank abgesetzt… der berüchtigte Bioschleim blieb uns also erspart.

Dunkel, aber ohne Ablagerungen!

Nun gut, neue Filterelemente sind an Bord (Danke Nils!) und letztlich doch erstaunlich schnell gewechselt… selbst beim ersten Mal. Somit ist also das allgemeine Dieselthema erledigt. Die Kanister stehen zwar erst einmal noch an Deck. Doch bevor ich sie wieder runter Deck wegstauen kann, steht noch ein anderer Punkt auf der 2do-Liste an… doch davon das nächste Mal mehr…

Samai auf Landgang

Valdivia, Anfang Oktober 2020

Hin und wieder sollte man ein Segelboot auch mal aus seinem angestammten Element, dem Wasser holen. Einfach mach schauen, wie es da unten aussieht, eventuell das eine oder andere ausbessern und natürlich ist auch das Anti-Fouling (also der zugegebener Maßen üblicherweise wenig umweltfreundliche Anstrich zur Vermeidung von Bewuchs) ein Thema. Bei Metallschiffen kommen ganz oben auf der Liste dann auch noch die Opferanoden hinzu. Gerade Aluminium ist bei all seinen Vorzügen was das Verhältnis von Stabilität und Gewicht angeht leider doch ein im elektrischen Sinn recht schlechte Wahl. Anders gesagt gehen Elektronen bei einer anliegenden Spannung grundsätzlich vom „minderwertigen“ zum „höherwertigen“ Metall. Tja und in dieser Hierarchie ist Aluminium zwar nicht ganz am Ende, aber doch recht weit unten. Darum ist bei einem Boot wie unserem auch die elektrische Installation so wichtig. Es darf weder Strom noch Masse am Rumpf liegen, sonst geht das schnell an die Substanz.

Glücklicher Weise kommt unsere Samai von einer Werft, die in dieser Hinsicht ihr Handwerk versteht. Trotzdem sind sogenannte Opferanoden unverzichtbar. Dabei handelt es sich um in der elektrischen Hierarchie noch minderwertigeres Material als Aluminium, das im Zweifel an Stelle des Rumpfes seine Elektronen abgibt. Doch nicht nur der Rumpf, insbesondere auch der Propeller hat solche Opferanoden um seine Substanz zu schützen.

Bei meinen Tauchaktionen im patagonischen Eiswasser hatte ich ja schon festgestellt, dass eben diese Opferanoden unseres Propellers durch schlichte Abwesenheit glänzten. Natürlich haben wir Ersatz an Bord, doch dieser lässt sich unter Wasser, noch dazu ohne Taucherausrüstung doch allzu arg umständlich installieren. Daher war es in Valdivia von vorneherein ein wichtiges Anliegen, das Boot aus dem Wasser zu holen. In Deutschland bemüht man dafür einen Kran. Entweder die Variante, für dass das sogenannte stehende Gut (also insbesondere die metallenen Wanten, die den Mast halten) gelöst werden, eventuell sogar der Mast vorher weggenommen werden muss. Alternativ gibt es den sogenannten Traveller-Kran, der Boot auch mit stehendem Mast und Gut rausholen kann. Mit der Samai so geschehen vor einer gefühlten Ewigkeit in Rostock.

In Südamerika geht man das Thema eher pragmatisch an. In Brasilien wurde ein Karren ins Wasser gelassen, ein Hafenmitarbeiter ging hinterher und sorgte für sicheren Halt bevor ein Traktor das ganze Gespann raus zog. Hier in Valdivia ist es nicht sehr viel anders. Ok, kein Traktor. Aber letztlich ist es dann doch ein recht einfacher Karren. Vorab wurden nach unseren Angaben ein paar Holzblöcke darauf festgenagelt, auf denen unsere Samai (hoffentlich) sicher aufliegen kann. Dann wird dieser Karren ins Wasser gelassen und das Boot, je nach Tiefgang bevorzugt bei Hochwasser, zwischen die Metallstreben buchsiert. Von der Seite schaut ein Hafenmitarbeiter, ob das passt. Das Wasser ist so flach, dass er das problemlos erkennen kann. Die Leinen fest, also richtig fest, und dann geht es los. Der Karren wird rausgezogen. Das Boot kommt mit. Wir oben drauf. Irgendwann sitzen wir auf und es geht weiter raus. Ein echt komisches Gefühl, doch es funktioniert. Warum auch nicht, schließlich ist das Procedere hier lang erprobt.

Vorbereitungen.
Leinen fest im Karren und los…

Eigentlich wollten wir ob der Windvorhersage erst einen Tag später rausgeholt werden. Doch der Zeitplan ist eng, die Warteliste lang. So verbrachten wir einen ersten unruhigen Abend. Ja, im Gegensatz zu anderen Ländern kann die Besatzung hier selbstverständlich auch dann im Boot bleiben, wenn dieses an Land steht. In Deutschland würde jede Versicherung in unkontrollierten Kreisen laufen. Wir dagegen „genossen“ auf dem Trockenen seitlich Böen von bis über 40kn. In einem mindestens 12t schweren Schiff, das in einem nur bedingt vertrauenswürdig anmutenden Karren stand. Doch der Schein trügt, alles gut!

Wir wollten den Landurlaub unserer Samai möglichst kurz halten und machten uns wann immer es halbwegs trocken war ans Werk. Zunächst wurden alle Opferanoden erneuert. Die zwei kleinen am Bugstrahlruder waren echt nervig, die drei großen dagegen am Rumpf fast schon Routine. Samuel war eine gute Hilfe. Schließlich haben wir Jungs dann auch dem Propeller neue Anoden sowie eine gründlich Schmierung gegönnt. Dieses Thema war damit abgehakt.

Der Propeller sieht auch wieder fein aus.

Ein anderes Thema ist das Anti-Fouling. Im Eis der Antarktis hatten wir uns den Anstrich an der vorderen Bootshälfte auf Wasserlinie bis auf das Aluminium abgeschabt. Da wollte ich dann doch etwas nachbessern.

Andenken aus dem ewigen Eis.

Allerdings durften wir in „freiwilliger Quarantäne“ ja den Hafen nicht verlassen und waren daher auf die restlichen Farbvorräte an Bord angewiesen. Tja, was soll ich sagen. Ich hatte zwar noch einen ganzen Topf für Aluminium taugliches Trilux 33 dabei. Allerdings nur in Weiß! Zur Erinnerung… eigentlich ist unsere Samai unten herum eher dunkel gehalten. Und ein Topf Farbe reicht auch nicht für den ganzen Rumpf. Nun gut, ich hatte wenig Alternativen und was ist Farbe schon anderes als die sprichwörtlichen „Schall und Rauch“. So elegant wie es meinem eingeschränkten Talent möglich war, klebte ich den übelst zugerichteten Bereich des Vorschiffes ab. Die bis auf das Aluminium abgeschabten Bereiche wurden mit einem glücklicherweise ebenfalls an Bord gefundenen „Propeller-Primer“ übergesprüht. Dann kam die Malerrolle zum Einsatz. Ich sage mal: „Nicht schön, aber selten!“. Wir trösten uns mit dem Gedanken, dass es garantiert noch keine Allures mit auch nur ansatzweise vergleichbarer Kreativität bei der Farbgebung des Unterwasserschiffes gab. Wichtiger noch ist allerdings, dass wir das Kunstwerk an Bord stehend nicht wirklich sehen können.

Nachdem ich den vorderen Rumpf fertig hatte, half mir Samuel bei den letzten Baustellen. Die untere Schwertkante hatten wir uns schon im niederländischen Watt abgeschabt, nun strahlt sie weiß. Und auch die Ruder waren über einen neuen Anstrich dankbar… mehr noch, da sie keine Augen haben. Ja, das ist schon ein besonderes optisches Erlebnis, aber ehrlich gesagt… EGAL! Wichtig ist, dass der Rumpf geschützt ist und dass die Anoden ihren Dienst verrichten. Der Rest ist Kosmetik. Und ebenso, wie einen schönen Mann oder natürlich auch eine schöne Frau nichts entstellen kann, so kann auch ein schönes Boot… ;-)

Nach nur zwei Nächten kamen wir wieder ins Wasser. Der Karren wurde langsam-ruckend ins Wasser gelassen. Wieder war es ein komisches Gefühl, dabei an Deck zu stehen. Endlich schwammen wir auf, lösten die Leinen und wollten rückwärts aus dem kleinen Hafen fahren. Doch warum kommt da kein Kühlwasser vom Motor raus? Das ist doch nicht wahr! Motor aus, Ventile kontrolliert, Sitz des Filters und sogar den Impeller geprüft. Alles gut. Ok… tief durchatmen. Klar, beim Rausholen waren die Leitungen trocken gelaufen. Also zur Sicherheit noch etwas Wasser über den Filter nachgekippt, dann den Motor an und einfach mal mit der Drehzahl hoch… schon kam auch wieder das Kühlwasser. Einfach mal Ruhe bewahren!

Nun liegen wir also wieder im kühlen, hier im Valdivia-River sogar süßen Nass. Unter Wasser ist der Rumpf, wenn schon nicht ästhetisch, so doch wieder gut geschützt und die Zeit wird zeigen, was wir unserem Boot als nächstes Zumuten. Korallen der Südsee oder sogar nochmal ins Eis? Wie auch immer, wir haben volles Vertrauen, dass unsere Samai und natürlich auch wir alles, was noch kommen mag, heile und gesund meistern.