Kanarische Inseln voraus!

Skipper: Bei schönstem Wetter und mit recht guter, raumer Windvorhersage für die nächsten Tage, wagten wir uns auf den langen Schlag zu den Kanarischen Inseln. Über 600sm am Stück hatten wir mit unserer Samai bisher noch nicht vor dem Bug. Doch wenn man mal ein wenig an die nächsten Monate und Jahre denkt, dann sollte uns das nun wahrlich nicht schrecken… sonst können wir das mit dem Pazifik auch gleich bleiben lassen.

So lässt es sich leben!

Maila: Es war heute ein schöner, sonniger Tag. Die Welle kam von schräg hinten und es hat geschaukelt. Deswegen mussten wir uns auch erst daran gewöhnen an das Geschaukel und konnten kaum gut schlafen. Der zweite Tag war eigentlich schon ein bisschen besser als der erste und uns war nicht übel. Dann konnten wir auch besser schlafen, aber nicht am besten. Papa hat natürlich die ganze Zeit Nachtwache gehalten und Mama hat so um sechs mit ihm getauscht. In der zweiten Nacht wurde Papa plötzlich angesprungen.

Skipper: Ich war gerade auf einen allgemeinen Kontrollblick nach oben hinter das Steuerrad gegangen, als ich in der linken Seite etwas merkte. Es war wie ein leichtes, freundschaftliches Knuffen eines Kumpels. Allerdings war ich ja nun mal alleine hier oben. Haben wir einen Klabautermann an Bord?

Maila: Nein, es war ein kleiner Tintenfisch! Wir haben uns auch gewundert, weil Tintenfische eigentlich nicht jemanden anspringen. Ich habe vermutet, dass sie gespielt haben und Papa nicht gesehen haben.

Unerwarteter Besuch an Bord

Skipper: Vielleicht ist aber auch ein tintenfischiges Männlichkeitsritual, dass die Jugend erst ein vorbeifahrendes Segelboot überspringen muss um in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen zu werden… und das klappt halt nicht immer.

Maila: Papa hat erstmal eine Taschenlampe geholt und geguckt, was das war. Und da war ein Tintenfisch. Er hatte Tentakel und man konnte in ihn reinsehen, weil er ganz durchsichtig war. Und dann hat Papa ihn in einen Eimer voller Wasser getan, weil er uns den zeigen wollte.

Skipper: Allerdings hat sich der Kleine offensichtlich nicht sehr wohl gefühlt. Schon nach wenigen Sekunden sah ich eine kleine schwarze Wolke im Wasser. Mehrere Male gab er seine Tinte ab, bis in dem Eimer nur noch eine dunkle, undurchsichtige Flüssigkeit zu sehen war.

Maila: Als wir dann aufgewacht sind, war der Tintenfisch leider irgendwie gestorben und Papa hat mir das Foto, als er noch dursichtig war, gezeigt. Und dann wollte ich ihn erst nicht sehen, aber dann habe ich ihn angeguckt und da lag er in einer Box mit Wasser drin und er war gar nicht mehr durchsichtig, nämlich ganz dunkel.

Am nächsten Morgen

Skipper: Das Wasser strahlte im Sonnenschein dagegen alles andere als dunkel, sondern in einem wunderschönen, tiefen Blau. Es ist ja keine große Neuigkeit, dass das „Blauwassersegeln“ genau deswegen so genannt wird. Aber all dieses Wissen kann einem nicht die Schönheit vermitteln, die ebenso wenig auf einem Foto festgehalten werden kann, wie die Höhe von Wellen… diese Farbe muss man mit den eigenen Sinnen wahrnehmen.

Maila: Es war so tief, dass unser Messgerät, wie tief es ist, es gar nicht mehr anzeigen konnte, weil das Signal nach unten geht und dann wieder nach oben. Das dauert dann so lange, dass wir schon weg sind, weil wir schon weiter gefahren sind.

Blau

Skipper: Unterwegs haben wir auch erstmals unsere große Angel benutzt, allerdings noch ohne Erfolg. Wir waren zwar schnell genug unter Segeln unterwegs, allerdings passte der Köder wohl nicht wirklich. Auf den Kanaren werden wir mal nach den uns empfohlenen Hochseewobblern Ausschau halten. Damit sollt es dann auf dem weiteren Weg zu den Cap Verden hoffentlich mal klappen. Trotzdem hatten wir nicht nur den einen, oben beschriebenen Tintenfisch gefangen. Unglaublich, aber wahr: in der darauffolgenden Nacht hat tatsächlich noch ein zweiter Tintenfisch den Weg an Bord gefunden… dieses mal auf das seitliche Laufdeck!

Maila: Im Laufe des Tages haben wir auch Delfine gesehen und die haben vorne mit dem Schaum gespielt. Wir durften mit Rettungsweste auch nach vorne und wir wurden manchmal auch ein bisschen nass. Und da waren Delfine und haben gespielt. Dann, als wir zurückgehen wollten, war hinter uns auch noch die Gruppe und Samuel hat gesehen, wie einer eine Schraube in der Luft gemacht hat. Das ist, wenn ein Delfin hoch springt und sich um seine eigene Achse dreht. Am letzten Abend beim Sonnenuntergang, als Papa gerade geschlafen hatte, sind relativ kleine, aber schöne Delfine gesprungen. Richtig aus dem Wasser. Leider waren sie nur kurz da, aber trotzdem war es wunderschön, die Delfine am Sonnenuntergang zu beobachten.

Skipper: Nach ziemlich genau 4 1/2 Tagen kamen wir schließlich auf La Graciosa an. Im Hafen waren wir sogar schon ein kleines bisschen früher fest. Doch hier braucht man eine „Authorisation“. Ich hatte zwar entsprechende Emails abgeschickt, aber nie eine Antwort erhalten und somit nichts in der Hand. Folgerichtig schickte uns die Security auch um halb zwei nachts gleich wieder raus. Wir könnten ja erstmal vor der Playa Francesca ankern. Ok, da braucht man zwar auch eine Erlaubnis und auch hier hatte ich auf meinen Antrag nie eine Antwort erhalten. Aber wenn das den netten Spanier nicht störte, sollte uns das auch egal sein.

Lissabon (3) – Belém

Die Einfahrt nach Lissabon wird uns in lebhafter Erinnerung bleiben. An der Küste noch mangels Wind gemotort, hatten wir erst am Kap wieder ausreichend achterlichen Wind, um die Fock rauszuholen. Für das Groß war ich in dem Moment zugegebenermaßen zu faul, hatte eben dieses1 aber auch nicht bereut, als uns kurze Zeit später aus dem Nichts Böen mit bis zu 38kn (also guten 8 Windstärken) beglückten. Dazu noch ein kräftiger Ebbstrom des Tejo, die letzten Meilen hatten sich echt gezogen. Doch bei maximal 3kn Fahrt über Grund hatten wir wenigstens genügend Zeit, eine über den ganzen Fluss reichende Rauchwolke ebenso zu bestaunen, wie uns die passierten Sehenswürdigkeiten in Belém vom Wasser aus anzuschauen. Andere müssen dafür extra eine Bootstour oder auch Sightseeing im Amphibien-Bus(!) buchen.

Rauch über dem Tejo

Auch wir waren einige Tage später als klassische Touristen in Belém. Die Kinder verfolgten am Torre Krebse…

… auf die kleine Plattform des Padrão dos Descobrimentos (Denkmal der Entdeckungen mit Heinrich dem Seeefahrer) brachte uns glücklicher Weise ein Fahrstuhl…

… und dazu war auch noch Markt, auf dem unser Nachwuchs – wenig überraschend – fündig wurde. Und natürlich gab es wieder abschreckend lange Menschenschlagen bei von uns dann wieder einmal nur von außen betrachteten Attraktionen. Aber mal ehrlich, selbst wenn eine Patisserie in fast allen Reiseführern für Ihre ganz besonderen Pastéis gelobt wird… so gut kann dieses kleine, überteuert Leckerli nicht sein, dass wir uns an eine bestimmt 50m vor das Geschäft reichende Schlange anstellen.

Und dann begab es sich auch noch, dass wir in der Straßenbahn von Belem zum Hafen dieselben deutschen Touristen wie am Vorabend in der U-Bahn trafen. Da waren sie noch zu Winken zu „Mein Schiff 3“ gefahren, jetzt hatten sie eine Patisserie-Tüte in der Hand. So langsam wurde es echt Zeit, hier weg zu kommen.

Gruß von Maila aus Lissabon

In Lissabon sind Papa und Franz zur Post gegangen, weil wir keinen Briefkasten gefunden haben. Als sie an der Post ankamen, hat Franz die Postkarte abgegeben, die an meine Klasse war.

Ich habe besonders toll gefunden, dass wir mit der Straßenbahn gefahren sind. Wir konnten leider erst sehr spät mit der Straßenbahn fahren, weil die immer brechend voll waren. In Lissabon sind ganz schön kleine und alte, aber auch große und neue Straßenbahnen unterwegs. Wir sind einmal mit der alten Straßenbahn zurück zum Boot gefahren. Am Ende war eine lange Straße, die lange geradeaus ging und da haben wir richtig Gas gegeben und wir waren schneller als ein paar Autos. Am nächsten Tag sind wir mit einer neuen Straßenbahn gefahren, die größer war aber brechend voll. Ich habe kaum gemerkt, dass wir in einer Straßenbahn waren, weil es hat sich angefühlt wie in einen Bus. Trotzdem hat es Spaß gemacht.

Natürlich machen wir auf der Weltreise auch regelmäßig Unterricht. Wir haben in Lissabon mit Kunst weitergemacht. Ich habe eine sehr große Brücke abgemalt… natürlich in bunt!

Maila

Lissabon (2) – Ausflug mit ehrlichen Touristen

In einer Stadt wie Lissabon kann man natürlich seine Zeit nicht ausschließlich an Bord verbringen, und sei der Hafen auch noch so schön. So begab es sich also, dass die Crew der Samai gesammelt aufbrach um mal so richtig die Touristen raushängen zu lassen: Sightseeing. Doch vor das Vergnügen stellte die Unwissenheit der infrastrukturellen Möglichkeiten erst einmal einen langen Marsch ins Stadtzentrum. Leidlich informiert wanderte die tapfere Truppe weiter in die ebenso verwinkelten wie steilen Gassen von Alfama. Ja natürlich wollten auch wir die berühmte historische Straßenbahn 28E nehmen. Alleine kamen wir zweimal nicht mehr in den völlig überfüllten Wagen und der dritte fuhr dann gleich durch.

Also weiter zu Fuß. Die Kathedrale „Sé de Lisboa“ wurde besucht, die Kinder waren im inzwischen bekannten aber bei weitem noch nicht ausgereiften Souvenir-Shopping-Wahn (mal sehen, wie lange das Geld der Großeltern bei diesem Durchsatz reicht ;-), der Blick ging von Aussichtspunkten über die Stadt, der Schweiß spiegelte sich im gleißenden Sonnenschein, es gab Eis und die Straßen waren voll. Aber ebenso wenig, wie man sich über einen Stau beklagen sollte, den man alleine durch seine Anwesenheit ja faktisch mit verursacht, rege man sich auch nicht über Touristenmassen auf, deren Teil man hier nun mal ist… ob gewünscht oder nicht.

Unser Ziel war das Castelo de São Jorge, welches hoch über der Stadt thronend auch für die Kinder lohnend zu sein versprach. In der Tat war es sehr schön und interessant. Und dann wollte der Skipper ein Foto der Aussicht machen. Mit seinem Fotoapparat, einer Nikon-Spiegelreflex! Immer trägt er sie bei sich, den Tragegurt mehrfach um das Handgelenk gewickelt. Ja natürlich beschleicht ihn hin und wieder der Gedanke, dass es echt blöd wäre, die Kamera zu verlieren. Man müsse auch unbedingt mal wieder die Bilder auf Festplatte wegsichern. So ein Bild, wie es jetzt eigentlich gemacht werden sollte. Alleine die Kamera war nicht mehr da! Das Handgelenk ebenso unbelastet wie der Rucksack dämmerte die Erkenntnis, dass das gute Stück abhandengekommen ist. Sofort schwärmte die ganze Crew aus. Einige Minuten vorher hatten wir an einem Steintisch eine kleine Trinkpause eingelegt. Jeder Zentimeter bis zu diesem Platz wurde abgesucht, selbst die Mülleimer gesichtet… ohne Erfolg. Etwas Mut machte dann ein kurzes Gespräch mit einem der Sicherheitsleute vor Ort. Er habe nichts gesehen, aber da kam was über Funk. Ich solle mal den kräftig gebauten Chef fragen. Diesen fand ich am Eingang und dann geschah das Unglaubliche: er holte meine Kamera aus dem kleinen Eingangshäuschen heraus. Ein Tourist habe sie auf einem Tisch liegen sehen und beim Personal abgegeben. Was für ein Riesenglück!!!

Die restliche Crew hatte sich die Zeit im Café mit Getränken, Erdbeeren und pfauenähnlichen Vögeln vertrieben. Diese kletterten auf den Bäumen und stolzierten ungezwungen umher. Zwar fehlte das bunte männliche Federkleid, aber sonst passte das. Mal abgesehen davon, dass wir selbst auf der Berliner Pfaueninsel noch nie einen dieser Vögel auf einem großen Sonnenschirm umherwandern sahen. Und hier saßen sogar noch Menschen (ok… Touristen ;-) unter dem Schirm.

Schließlich liefen wir den Berg wieder hinunter in Richtung Endhaltestelle der legendären 28E. Hier wollten wir unser Glück versuchen, doch noch eine Stadtrundfahrt damit zu machen, aber diese Idee hatten ganz offensichtlich auch schon andere vor uns. Wir haben letztlich freudig darauf verzichtet, uns in die Warteschlage einzureihen.

Das ist doch nicht Euer Ernst?!?

Stattdessen haben wir noch mit der U-Bahn dem Colombo Shopping Center, dem größten Einkaufszentrum der Iberischen Halbinsel, einen Besuch abgestattet. Der Skipper machte sich nach dem Wasserschaden seines iPhone ein vorgezogenes (wasserdichtes!) Geburtstagsgeschenk bei Samsung, die Kinder wurden großvolumig Playmobil-fündig, es gab ein kleines Keyboard für den Musikunterricht, dazu noch ein paar andere Punkte der Einkaufsliste und der allgemeine Hunger wurde wenig landestypisch bei Burger King gestillt.

Nur ein ganz klein wenig erschöpft!

Auf dem Heimweg zum Boot wurde dann schließlich doch noch ein sehnlicher Wunsch der Tochter erfüllt. Irgendwo in den inzwischen dunklen Straßen, bedroht von einem weiteren langen Marsch zur geliebten Marina, tauchte eine der alten Straßenbahnen auf. Nein, es war nicht die 28E, aber sie fuhr in die richtige Richtung. Schnell reingestürmt kamen wir somit doch noch in den Genuss einer Fahrt, dazu in einem nicht überfüllten Wagen, der uns schließlich wohlbehalten an der vom Einkauf bereits bekannten Brücke entließ, über die wir kurz zuvor noch den Bollerwagen gezerrt hatten. Erschöpft aber glücklich klang der Tag an Bord aus… begleitet von einem Schluck Wein, Playmobil und dem sonstigen, bereits bekannten nächtlichen Hintergrundrauschen.

Lissabon (1) – Einkaufen nicht barrierefrei

Wir genossen den Hafen, sowie das wankelmütige Internet an Deck natürlich in vollen Zügen. Während wir mit der Post uneins waren, unsere Wäsche mit „White Magic“ wuschen (waren dann so 10 Trommeln, alles wurde per Hand an die Reling und andere auffindbare Leinen gehängt, bis uns die Klammern ausgingen) und natürlich viele aus Sicht der Kinder unsinnige Schulaufgaben bei gefühlten 30 Grad machen mussten, hatten wir natürlich auch Hunger. Die in Hafennähe erreichbaren „Night Bars“ waren jetzt keine Option, also mussten wir kochen. Mein Mann wird wieder schmunzeln, es ist doch das gemeinschaftliche bzw. medizinische „wir“ gemeint. Also Micha musste kochen. Zum Glück kocht er gern und manchmal essen wir es auch – er hat sich schon gut an unsere (der weibliche Part) Chili-sensiblen Geschmacksnerven angepasst und es schmeckt mittlerweile auch für uns. Wobei der Geschmack nicht das Problem ist, sondern die Schärfe. Aber das Chili wird dann auf den Tisch gestellt und jeder kann nachwürzen. Samuel eifert dem Papa in Sachen „abgestorbene Geschmacksnerven“ nach und würzt auch gern großzügig und viel nach. Also während die Mädels an Board bereits Feuer speien, pallabern die Herren über die nur milde Würze in dem Gericht.

Schlussendlich, wir müssen dann mal einkaufen gehen. Der Bequemlichkeit eines Autos entflohen, nahmen wir unseren orangenen Bollerwagen und zogen bei Sonne und heißen Temperaturen los, etwas Essbares zu finden. Via Handy wurde ein Lidl ausfindig gemacht und die Eltern wollten sich erstmal umschauen, während der Nachwuchs in den Genuss einer unbegrenzten Strommenge und damit der Benutzung von iPad & Co ohne Einschränkung kam. Der Hinweg war kein Problem. Zuerst ging es eine Unterführung hinunter, die gleichzeitig zu Eisenbahngleisen führte. Wir sind ja aus Berlin einiges gewohnt und fühlten uns auch gleich zu Hause. Der Geruch war sehr ähnlich, die Wände nur deutlich bunter und die Bilder gar nicht so schlecht. Die Obdachlosen hatten sich allerdings nicht nur mit einem Einkaufswagen voll mit Hab und Gut bequem gemacht, sondern gleich eine ganze Ecke mit Couch und Sessel sowie Tischecke eingerichtet. Es blieb aber für uns keine Option. Also zuerst eine lange Treppe hinunter und nach dem quasi geraden Weg an der Wohnecke und dem Fahrkartenautomaten vorbei, ging es wieder eine Treppe rauf. Gut, der Bollerwagen wurde einfach getragen. Zurück, mit dem vollen Wagen, wird sich schon ein anderer Weg finden, dachte ich. Wir sind ja in Lissabon und Micha hängt ja eh immer am Handy-Routenfinder… das wird schon.

Frohgemut kauften wir neben Lebensmitteln auch diverse alkoholfreie und natürlich nur wenige alkoholhaltige Getränke ein. Lustig war, dass es gar keine großen Einkaufswagen, sondern nur kleine Einkaufskörbe gab. Aber wir haben ja unseren Bollerwagen. Also alles rein und noch hoch gestapelt. Im angenehm kühlen Lidl war das auch kein Problem, aber als wir dann draußen waren, war zu mindestens ich in der Wirklichkeit angekommen. Es war heiß, ging über einen schlechten Fußweg bergab und die Steuerbarkeit des Wagens war leerer besser als voll. Oh weh, und das Fleisch!!! Micha fand einen Weg, der nicht durch die Unterführung führte. Aber das war’s auch schon. Die meiste Zeit war er mit dem Wagen auf der Straße, da die Fußwege im Grunde nur so breit waren, dass man schon ohne Wagen kaum nebeneinander gehen konnten. Und die Pflastersteine waren recht uneben. Und es ging eng an Häuserwänden vorbei. Wenn einem Leute entgegenkamen, musste einer von beiden auf die Straße ausweichen. Toll. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie das als Rollstuhlfahrer funktionieren soll. Ständig nur hohe Bordsteinkanten, unebene und unglaublich enge Fußwege (wobei sie den Namen nicht verdienen).

Dann sahen wir endlich den Hafen. Uns trennten nur noch eine S-Bahn- und eine Straßenbahn-Trasse. Kein Problem, es führte ja eine Straße hinüber und ein Fußweg. Ach, die Stufen zur Brücke… das kann doch nicht alles sein. Da muss es einen Fahrstuhl geben. Wie sollen denn die mit Gehhilfen oder Rollstuhl oder Kinderwagen da rüber oder allein zum Bahnsteig kommen. Die schlichte Antwort: Gar nicht!!! Schlussendlich schleppten und zerrten wir den Bollerwagen die Treppen rauf und dann wieder runter. Am Rand waren wenigstens Schienen für ein Fahrrad. Also kamen wir nach einer gewissen Zeit, schweißgebadet auf der Hafenseite an. Zur großen Freude von Micha erklärte ich ihm, dass wir bevor wir zu den Kanaren (immerhin 4-5 Tage) aufbrechen, noch einmal einkaufen müssen, da bestimmt die Hälfte noch fehle. Ich erntete Begeisterungsstürme. Man darf nicht vergessen, es müssen ja 4 Leute durchgefüttert werden.

Einige Tage später war es dann soweit. Wir nahmen diesmal die Kinder als Schlepphilfe mit. Kinderarbeit klappt an Bord ja eigentlich ganz gut, vor allem beim Anlegen mit ungünstigem Wind, also warum nicht auch zum Einkaufen. Immerhin essen sie ja auch mit. Ehrlich habe ich da natürlich auf Samuel und nicht ganz so doll auf Maila gebaut. Also, es war wieder gefühlt 30 Grad und Sonne, los. Hin zu ging es durch die bekannte Unterführung. Kein Problem. Einkaufen ging auch noch. Zusätzlich hatten wir blaue Ikea-Taschen (ich liebe!!!! Ikea-Taschen), um z.B. die Müsli (Micha meint, dass wäre ja wohl kein Müsli… also Choco Crossis) rein zu tun. Sollte ja nicht so schwer sein. Der Lidl wurde weitgehend leer gekauft, die Kinder rannten dabei ca. 50x durch den Laden, und so war die Crew bereits fix und fertig, nachdem wir bezahlt und alles eingepackt hatten.

Dann raus in die Hitzewand. Micha schulterte den Seesack und zerrte am Wagen, Maila hielt erst das Toilettenpapier, legte es dann aber auf den Wagen (verhinderte immerhin das Herunterfallen), Samuel trug tapfer, die Tasche mit den 15 „Müsli“ Packungen, deren Riemen ihm zunehmend ins Fleisch schnitten und ich trug auch eine Ikea Tasche mit zu viel drin. Also alles entspannt. Wir dachten, wir kriegen den Wagen schon durch die Unterführung, da wir dort Fahrrinnen am Rand gesehen hatten. Also kein Problem. Hinunter haben wir es unter der Beobachtung von mehreren Obdachlosen, die dann doch zur Seite gingen geschafft, den Wagen hinunter zu bekommen. Also halb zog es uns und halb sanken wir hinab. Rauf war dabei deutlich schwieriger. Wir führen zwar den linken Reifen in die Fahrradführung ein, aber er war zu hoch und hing fest. Ich in meiner unkonventionellen Art, fluchte laut das Wort mit Sch…. Da hörte uns ein junger Mann aus Deutschland und fragte uns, ob alles ok sei. Wir haben gleich die Chance ergriffen und gefragt, ob er mit anpacken könnte. Er wirkte etwas überrumpelt, aber half super mit. Dann sah uns noch jemand anderes (ich vermute ein Portugiese) und auch er packte mit an. Und im nu waren wir oben. Nochmal vielen lieben Dank an die unbekannten Helfer. Ob das jemand in Berlin gemacht hätte?!

Zum Schluss konnten wir alle nicht mehr und entkamen nur knapp einem Sonnenstich. Wir murmelten etwas von nie wieder, aber wussten, dass das erst der Anfang von langen Einkaufswegen war. Aber vielleicht wird es ja auch mal wieder kühler.

Eure La Skipper

P.S. Nachtrag vom Skipper. Bei der „Perle“ Lissabon wurde versäumt, auf die besondere Ästhetik des Sanitärbereiches einzugehen… das wurde nun wie folgt ergänzt:

„Abhängig von Schweißproduktion und (In-)Kontinenz, führt der Weg früher oder später zum Sanitärbereich eines Hafens. Im Herrenbereich der hiesigen Wellnessoase finden sich dann auch je zwei Toiletten und Pissoirs sowie vier Duschkabinen. Wohlgemerkt für eine Marina mit offiziell 370 Liegeplätzen! Da ist es gar nicht weiter schlimm, dass das Klopapier fehlt. Ein Blick auf die undefinierbaren Pfützen am Boden und den sonstigen Allgemeinzustand der Örtlichkeit lassen Mitleid mit den eigenen Stoffwechselendprodukten aufkommen. Man möchte seinem Urin einfach nicht zumuten, hier abgeschlagen zu werden. Dafür fällt die Wahl der Dusche ob des zur Verfügung gestellten Entscheidungskriteriums leicht: ich nehme die Kabine, bei der der Vorhang nur im unteren Viertel verschimmelt ist… bei den anderen reichen die ästhetischen Muster deutlich höher. Glücklich die Damen, welche auch eine Option ganz ohne Vorhang haben. Ob dort dann aber auch fünf(!) leere Flaschen Duschzeug und angefangene Seifen rumliegen? In der Tat fühlt man sich hier an viele Orte der Welt versetzt. Orte mit einem anderen Verständnis für Sauberkeit und Hygiene. Orte, für die der (zufällig auf meinen Geburtstag fallende) Welttoilettentag eingeführt wurde. Orte, die man oft noch nie gesehen hat und im Grunde auch gar nicht sehen möchte.“