Bürokratie in Mittelamerika: Panamakanal

Panama, Anfang Juni 2021

Viele Segler der norddeutschen Küste kennen den Nord-Ostsee-Kanal. Man spart sich den Weg rund Dänemark. Die Passage ist denkbar einfach. Man kommt vor und irgendwann auch durch die Schleuse, zahlt einen kleinen Obolus, denkt an das Nachtfahrverbot und kommt nach ca. 100km auf der anderen Seite Schleswig-Holsteins wieder raus.

Viele Blauwassersegler auf der sogenannten „Barfußroute“ kennen den Panamakanal. Man spart sich den Weg rund Südamerika. Auch wenn wir diesen nicht gescheut haben, wählen wir für den Weg vom Pazifik zurück in den Atlantik die künstliche Wasserstraße. Die Passage ist… nun ja, sagen wir mal ein klein wenig aufwändiger und nicht zuletzt teurer.

Am Anfang steht die Grundsatzfrage, ob man für die Formalitäten einen Agenten bemühen möchte. Derer gibt es viele, die offiziellen sind nach allem was wir gehört und gelesen haben durchweg zuverlässig und preislich nehmen sie sich nicht viel. Ja, man kann das alles natürlich auch in Eigenregie machen. Nicht zuletzt aufgrund eher dürftiger Kenntnisse der spanischen Sprache, anderen unerlässlichen 2DOs sowie auch einer gewissen Bequemlichkeit war das für uns jedoch keine echte Option. Auf Empfehlung der SY Thula kommen wir mit Rogelio de Hoyos (Panama Cruiser Connection) zusammen. In Personalunion ist er Trans Ocean Stützpunktleiter in Panama City. Neben all den Formalitäten für unsere Einreise ins Land, kümmert er sich auch um alle formalen und praktischen Voraussetzungen für eine Passage zwischen den Ozeanen und hilft bei allen Fragen, Problem, Besorgungen und was noch so anfällt. Danke Rogelio!

Unser guter Geist Rogelio ist immer zur Stelle!

Schiffsinspektion

Jedes Boot, inklusive kleiner Segler, bekommt vor seiner ersten Passage durch den Kanal persönlichen Besuch von einem offiziellen Inspektor. Am vereinbarten Termin wird dabei zunächst penibel die Gesamtlänge des Schiffes aufgenommen. Basis sind die Bootspapiere zuzüglich darin nicht verzeichneter Überhänge wie z.B. Dinghy oder Solarpanel. Wichtig ist dabei, möglichst unter der „magischen Grenze“ von 65 Fuß zu bleiben, doch dazu später mehr. Weiterhin werden die Ausrüstung aufgenommen, Klampen begutachtet und wertvolle Hinweise gegeben. Bei uns läuft das in einem sehr entspannten Gespräch im Cockpit ab. Zum Abschluss bekommen wir einen Zettel mit unserer „Ship Identification Number“. Diese bleibt fortan dem Schiff erhalten, so dass es bei weiteren Passagen nicht erneut inspiziert werden muss.

Linehandler

Wir dürfen die Passage nicht alleine machen. Vorgeschriebene Mindestbesatzung sind der Skipper am Ruder sowie vier sogenannte „Linehandler“. Voller Optimismus besetzen wir den zweiten Platz neben La Skipper mit Samuel, so dass uns nun nur noch zwei Personen fehlen. Natürlich könnten wir diese (kostenpflichtig) über den Agenten besorgen. Doch vorher folgen wir wiederum dem Tipp der SY Thula und schreiben die deutsche Botschaft in Panama City an. Vielleicht hat ja jemand Lust mitzukommen? In der Tat melden sich Rudi und Natalija. Sie hatten bei der letzten Anfrage keine Zeit und sind überglücklich, mit uns die Passage machen zu können. Segel- oder gar Bootserfahrung haben sie zwar nicht, aber das wird kurioserweise auch nicht verlangt. Damit sind wir vollzählig.

Diese Leinen sind zu „handlen“

Leinen und Fender

Für die Ausstattung gibt es klare Vorschriften. Es müssen mindestens sechs richtig große Fender an Bord sein. So in der Art unserer zwei (inzwischen Lieblings-)Fender „Charly und Charleen“ aus Ushuaia. Alternativ gehen auch Autoreifen. Des weiteren müssen vier mindestens 2,2cm (7/8“) dicke Leinen mit mindestens 38m (125ft) Länge dabei sein. Die hat auch nicht jeder immer an Bord. Hier hilft wiederum unser Agent Rogelio. Er bringt alles vorab zum Boot und holt es nach der Passage wieder ab.

Charly und Charleen in guter Gesellschaft

Gebühren

Nichts auf der Welt ist umsonst. Schon gar nicht die Passage durch den Panamakanal. Für Schiffe bis 19,81m (65ft. – darüber wird es teuer) fallen Stand Juni 2021 an…

  • Transit Tolls – $1.600
  • TVI Inspection – $75
  • Security Charge – $165

Das macht dann also $1.840 nur für die Passage. Dazu kommen $350 für den freiwillig genommenen Agenten. Dann ist noch eine Sicherheit von ca. 900$ zu hinterlegen, die nach erfolgreichem Transit erstattet wird. Nur Bares ist Wahres… bei Kartenzahlung kommen 1,5% Bankgebühren oben drauf. Ist aber immer noch günstiger als Barzahlung. Beim Geldabheben am Automaten mit ausländische Kreditkarten werden bei max. 250$ pro Transaktion satte 5,25$ Gebühr, mithin über 2% aufgeschlagen.

Solarpanel schützen

Man erkennt ein Segelboot, dass vom Panamakanal kommend den Hafen anläuft, meist schnell am geschützten Solarpanel. Eine der Optionen beim Schleusen beinhaltet, dass man mit einer „Affenfaust“ (einem festen Knoten) versehene Seile an Bord geworfen bekommt. Dabei ist wohl schon mehr als ein Solarpanel zu Bruch gegangen. Es ist unbedingt angeraten, den Energiespender zu schützen. Manche legen Matten drauf, auch eine Holzplatte soll helfen. Doch als Familienboot, das wir nun mal sind, gibt es eine besonders ästhetische Variante. So binden wir also zwei bunte Luftmatratzen nebst Schwimmbrett auf das schützenswerte Gut. Hoffentlich wird das nicht als Zielscheibe missverstanden.

Gut geschütztes Solarpanel

Termin

Je nach Andrang ist bei der Terminvergabe mit einer gewissen Vorlaufzeit zu rechnen. In der Hauptsaison (Jahresanfang) auf der üblichen Route (Start Atlantik) können das schon mal Wochen sein. In der Nebensaison (jetzt) auf der unüblichen Route (Start Pazifik) reichen wenige Tage. Am 15. Juni beantragt unser Agent den Transit für den 19. Juni. Die finale Bestätigung kommt am Vortag zusammen mit einem vorläufigen Termin für die frühmorgendliche Übernahme des Advisors.

Pilot vs. Advisor

Eine kurze Erklärung zu Pilot und Advisor. An gefährlichen Einfahrten, in Kanälen oder sonstigen kniffligen Stellen besteht insbesondere für die Berufsschifffahrt die Pflicht, einen Pilot an Bord zu nehmen. Dieser trägt dann die Verantwortung und übernimmt damit auch faktisch die Kommandogewalt an Bord. Das ist natürlich auch im Panamakanal so. Zumindest bei Schiffen über 65ft. Darunter, also auch bei unserer kleinen Samai, kommt ein sogenannter Advisor an Bord. Dieser steht mit wertvollem Rat und helfender Tat zur Seite. Die letzte Entscheidungsgewalt verbleibt aber beim Skipper.

Kochen

Der Advisor muss, die Leinenhandler sollten (fairer Weise) an Bord beköstigt werden. Original verschlossene Wasserflaschen sind Pflicht. Für das Essen kocht man am Besten vor. Als alter Berliner entscheide ich mich für Bouletten und Kartoffelsalat. Der Vorabend steht also im Zeichen der Pantry.

Sollte für ein paar Bouletten reichen!

Funkwache

Parallel dazu muss am Vorabend des Transits das Funkgerät auf Kanal 12 empfangsbereit sein. Darüber wird der Reihe nach allen Schiffen der folgenden Nacht vom Port Entry Coordinator (am Pazifik „Flamenco Signal“) der Zeitpunkt der Pilot-Übernahme angekündigt. Für die Samai bestätigen wir frühe 0345.

Advisor an Bord nehmen

Unsere Linehandler Rudi und Natalija schaffen es trotz nächtlicher Ausgangssperre pünktlich um 3:15 Uhr in die Marina. Halb vier verlassen wir den Hafen und treiben davor am „La Playita Anchorage“. Hier erwarten wir den Advisor. Kurz nach unserer Funkbestätigung, dass wir bereit sind, kommt das Pilotboot angebraust. Rick hüpft an Bord und verschafft sich einen Überblick. Moment mal… ein 13jähriger Linehandler? Eigentlich müsse er mindestens 15 Jahre alt sein. Doch unser kräftiger Samuel besteht die Sichtprüfung und wird akzeptiert. Damit sind wir komplett.

Los geht es durch den Panamakanal

… aber davon ein anderes Mal mehr!

So noch nicht gesehen: Zäh gepellte Würstchen

Mittelamerika, Mai/Juni 2021

Schon klar, die Pelle einer Weißwurs(ch)t kann man nicht mitessen. Pulen oder zuzeln… tertium non datur. Aber in Frankfurter, bzw. Wiener, bzw. sonstige Würstchen kann man zumindest in Deutschland beherzt reinbeißen. Hier nicht.

Erstmals fällt es uns beim Grillen auf. Die frischen Chorizo sehen lecker aus und riechen gut. Allerdings schneiden sie sich etwas zäh. Beim ersten Bissen im Mund wird auch klar warum. Diese Pelle ist ganz offensichtlich nicht zum Verzehr geeignet. „Mit Darm oder ohne Darm?“. Am Berliner Imbiss gleichbedeutend mit „Hast Du noch eigene Zähne?“, geht es hier schlicht um elementare Genießbarkeit. Und nein, eine Chorizo vom Grill kann man nicht im Guten zuzeln!

Nun gut, das haben wir gelernt und darauf achten wir jetzt. Nächstes Mal gibt es ohnehin Hot Dog Würstchen. Da haben wir zwar auch schon interessante Variationen gesehen und gekostet. Ich sage mal so… wenn die Pelle einen Werbeaufdruck ziert, ist sie mutmaßlich nicht essbar. Diese Würstchen sehen aber aus, wie zu Hause. Doch wer (bevorzugt spanisch) lesen kann, ist klar im Vorteil.

So fällt es uns erst wieder beim ersten Bissen auf, dass die Pelle nicht viel mehr ist, als eine weitere ungenießbare Hülle. Im erhitzten Zustand ist das Abpellen wenig appetitlich. Da schon lieber gleich nach Öffnen der Verpackung ans Werk gegangen.

Handarbeit

Nun ähneln sie nicht nur geschmacklich sondern insbesondere in der Konsistenz viel mehr dem, was wir schon so oft gehen haben: zart gepellte Würstchen.

Wie weiter nach Panama?

Panama City, Anfang Juni 2021

Wir haben in unserer „offiziellen Bekanntmachung“ ja schon kurz die alternativen Routen nach dem Panamakanal erwähnt. Das ist keine leichte, bzw. leicht zu nehmende Entscheidung, auf der wir dementsprechend viel herumgedacht haben.

Das Piraterie-Präventionszentrum (PPZ) der Bundespolizei bietet den für Segler kostenlosen Service, auf Anfrage eine Gefährdungsbewertung zu erstellen. Das haben wir schon einige Male wahrgenommen und folgerichtig auch für unsere Optionen nach Panama erbeten. Wie immer kam die Antwort schnell und freundlich in Form eines ausführlichen Berichtes.

Schon in der Einleitung wird darauf hingewiesen, dass der ganze Bereich der Karibik mit den angrenzenden Küsten im Fokus des PPZ liegt und als erhöht gefährdet eingestuft ist. Außerdem wird auf eine mutmaßliche Dunkelziffer mit dem Faktor 10 hingewiesen. Na das fängt ja gut an.

Im betrachteten Zeitraum seit Anfang 2020 wurden für Venezuela zwar keine einschlägigen Vorfälle bekannt. Doch das liegt wohl nur daran, dass dort keine Freizeitsegler unterwegs sind. Dem werden wir uns definitiv anschließen.

Für Kolumbien und die Dominikanische Republik wurden jeweils 10 Fälle berichtet. Allerdings gab es an der kolumbianischen Pazifikküste einen sehr schweren Fall mit Todesfolge. Wohl auch deshalb wird für Segelreisen nach Kolumbien (wie auch Venezuela) keine Gefährdungsbewertung gegeben, sondern prinzipiell abgeraten.

Jamaika ist immer noch geschlossen und die (nicht nur maritime) Kriminalität in Haiti gut dokumentiert. Dazu ist in der Karibik (im Gegensatz zur südamerikanischen Nordküste) gerade Hurrikan-Saison. Na toll. Da klingen unsere Routenoptionen ja nach einer Wahl zwischen Pest und Cholera.

Wir haben also noch weitere Informationen eingeholt. Einerseits sind andere Segelboote vor gar nicht so langer Zeit entspannt an der kolumbianischen Küste entlang gefahren. Ihre Berichte sind sehr ermutigend. Natürlich werden immer mal wieder Dinghys und Außenborder gestohlen. Nicht wirklich anders, als in der „klassischen“ Karibik. Doch wenn man diese bei Dunkelheit an der Leine hinter dem Boot treiben lässt, trägt man durchaus eine gewisse Mitschuld.

Dankenswerter Weise hat auch Volker von Salsareisen (Organisator unserer Rundreise in Ecuador) seine Kontakte in Kolumbien für uns aktiviert. Von denen kommt prompt eine gewisse Entwarnung. Wir haben auch gleich eine Ansprechpartnerin von Kontur-Travel bekommen. Die Dame sitzt direkt vor Ort in Cartagena, unserem ersten potenziellen Hafen in Kolumbien. Ja, es gibt aktuell soziale Spannungen im Land, doch die Karibikküste sei ruhig und sicher. Also so sicher, wie es in diesem Land halt sein kann. Ja, man muss Vorsichtsmaßnahmen treffen und sollte sich nachts nicht alleine draußen rumtreiben. Doch das war schon in Brasilien so.

Kurz und gut, die Entscheidung ist gefallen: Wir planen mit Kolumbien.

Von dem panamaischen Archipiélago de San Blas geht es nach Cartagena. Der sehr gute „Guide for Cruisers“ des ansässigen Club Nautico lässt kaum eine Frage offen. Darüber gibt es auch einen sehr ausführlichen, offiziellen „Cruising Guide to Colombia“. Wohl schon bald unsere tägliche Pflichtlektüre.

Von Cartagena aus fassen wir auch eine – dieses Mal wirklich – kleine Rundreise ins Auge. Vielleicht eine Woche oder so. Danach geht es eventuell über Barranquilla weiter nach Santa Marta. Dort warten wir auf das Wetterfenster für den großen Bogen um Venezuela zu den ABC-Inseln.

Wünscht uns alles Gute! :-)

Alltagsprobleme in tropischen Breiten: Regenzeit

Eine Zeit mit überdurchschnittlicher Niederschlagsmenge also. Klingt eigentlich nicht weiter schlimm. Zumal dieser Niederschlag in der Regel mit durchaus angenehmen Temperaturen einhergeht. Und doch ist das nicht die ganze Geschichte. Wir genießen ja nun schon seit mehreren Wochen Regenzeit in Äquatornähe. In einigen Berichten klang das auch schon am Rande mal an. Trotzdem nochmal eine kurze Zusammenfassung aus Sicht der Samai an der ostpazifischen Küste Mittelamerikas.

So richtig los geht es auf dem Weg von Ecuador nach Costa Rica. Wetterleuchten ist für einen Segler nicht unbekannt. Immer mal wieder sieht man die Wolken durch darin zuckende Blitze erstrahlen. Aber so wie hier haben wir das vorher noch nicht gesehen. Es ist ein sich allnächtlich wiederholendes Schauspiel. Meist weit weg, manchmal aber auch recht dicht bei oder gar direkt auf dem Weg. Und wenn dann noch ein Blitz unter der sich mächtig auftürmenden Wolke den ach so schmal erscheinenden Spalt zum Meer überbrückt, denkt der verantwortungsvolle Skipper schon mal über einen Kurswechsel nach. Und ja, wir haben auf unseren Passagen hier wirklich JEDE Nacht dieses Naturschauspiel in mehreren Akten genießen dürfen.

In Costa Rica als auch Panama vor Anker (z.B. in der Drake Bay) oder in der Marina liegend ist das kaum anders. Nur verschiebt sich das Timing in Küstennähe ein wenig. Der Vormittag ist normaler Weise trocken. Oft sogar richtig sonnig. Spätestens am Nachmittag ziehen dann große Wolkenberge auf. Das krachende Gewitter ist meist unvermeidlich. Nach einem heißen Vormittag vor Anker ist das eine willkommen erfrischende Äquatordusche.

Typisches Wolkenbild nachmittags in Golfito (Costa Rica)…
… und natürlich Regen (gerne mit Blitz und Donner)
Typisches Wolkenbild nachmittags in Panama City…
… und natürlich Regen (gerne mit Blitz und Donner)

Bei Einbruch der Dunkelheit sehen wir auch am Liegeplatz hin und wieder Wetterleuchten. Dabei sind drei Dinge wirklich erstaunlich. Einerseits zucken die Blitze fast schon im Sekundentakt über den Himmel. Andererseits ist es gespenstisch still. Selbst als nachts vor Anker in der Drake Bay der ganze Himmel leuchtet, sich das Schauspiel also direkt über uns abspielen muss, ist außer dem Wind rein gar nichts zu hören. Schließlich ist das Ganze keine Sache von ein paar Minuten. Eine Stunde dauert die Show mindestens, gerne auch mal mehr. Unglaublich!

Passende Untermalung von H-Blockx ;-)

Nicht unerwähnt bleiben darf ein anderer Aspekt der Regenzeit: die Luftfeuchtigkeit. Es ist einfach nur schwül. Der Schweiß tropft nicht, nein er fließt in Strömen den Körper hinab. Getragene T-Shirts werden zum Trocknen in den Wind gehängt. Auch in der Besteckschublade hinterlässt es Spuren. Seit über zwei Jahren leistet auch einiges aus Holz bestehende Kochgeschirr gute Dienste an Bord. Doch wenn sie beim Herausholen unerwartet von leichtem Flaum umhüllt sind, füllt das nicht nur die Mülltüte, sondern setzt auch eine gründliche Schubladenreinigung auf die Liste der zu erledigenden Punkte.

Flaumig…

Kurz und gut… hier ist gerade Regenzeit. Das haben wir so nicht geplant, wie wir Mittelamerika ja grundsätzlich nicht auf dem Plan hatten. Aber nun ist es so, wir machen das Beste daraus und sind um eine Erfahrung reicher, die wir ohne unsere kleine Reise nicht gemacht hätten: Regenzeit in tropischen Breiten.

Dinghy auf der Intensivstation

29. Mai 2021 – Nachmittag

Heute ist kein guter Tag. Die Stimmung an Bord ist gedrückt. Das wie üblich trübe Wetter des Nachmittags tut sein Übriges. Wenigstens ist der Gewitterstarkregen schon durch. Der für gestern geplante Einkauf ist auch noch nicht erledigt. Also nimmt sich der Skipper Rucksack, Tasche, Portemonnaie sowie Handy, setzt sich ins Dinghy und paddelt los.

Wo soll ich anlegen? Die Wahl fällt auf den schon letztens benutzten Platz hinter einer der Mülleimer-Phalanxen. Hierzu eine kurze Erklärung: in Costa Rica wird konsequente Mülltrennung betrieben. Also zumindest was die Auswahl der überall bereitgestellten Abfallbehälter angeht. Hier in der Banana Bay Marina kommen sie immer im 6‘er-Pack: Glas, Plastik, Aluminium, Papier, Bio und Rest. Schön in stabilen Metallgestellen präsentiert, zieren die kleinen bunten Behälter den Schwimmsteg gleich an mehreren Stellen. Hinter so einer Müllsammelstelle parke ich also mit dem Dinghy.

Schnell sind zwei Leinen an dem Metallgestell festgebunden und Rucksack sowie Tasche liegen auf dem Steg. Jetzt fehlt nur noch der alte Skipper. Dieser nimmt die dargebotene Hilfe gerne an und hält sich an dem stabilen Rahmen der Mülleimer fest. Moment mal… sagte ich „stabil“? Weit gefehlt. Die offensichtlich schon gut durchgerostete Befestigung am Steg bricht. In gefühlter Zeitlupe falle ich rücklings und treffe immerhin das Dinghy. Die Mülleimer treiben zwischen mir und dem Steg. So ein Mist.

Schnell berappelt und dran gemacht, alles Treibgut wieder auf den Steg oder (im Fall von kleinerem Abfall) ins Dinghy zu zerren, werfen und holen. Bei einer stramm nach unten führenden Leine stutze ich zunächst ob des daran hängenden Gewichts. Aber natürlich, da ist ja noch das ganze Gestänge. Langsam ziehe ich es an die Wasseroberfläche. Das Ding soll ich jetzt vom wackligen Dinghy auf den Steg wuchten? An dem ich aktuell ja nicht mal mehr festgebunden bin??? Nun gut, also los…

Doch dann höre ich dieses unvergessliche Geräusch, dass kein Schlauchbootinsasse je hören möchte. Ein kurzes Reißen… gefolgt von beständigem Zischen. Der scharfkantig abgebrochene Fuß hat mir ein Loch ins Dinghy gemacht. Wenigstens ist nur die vordere und somit kleinste der drei Luftkammern betroffen. Trotzdem wäre jetzt durchaus der richtige Moment für einen fäkalen Kraftausdruck. Doch es kommt ja noch besser.

Erst mit dem Finger, dann mit dem Knie dichte ich das knapp 1cm große Loch ab und versuche weiter, das Metallgestell rauszubekommen. Bringt nichts. Und Hilfe kommt natürlich auch nicht. Die zwei Gäste auf der Restaurantterrasse können mich zwar schwerlich übersehen, unternehmen jedoch nichts. Na wenigstens zücken sie auch nicht ihre Handys…

Ich lasse das Loch also Loch sein und klettere auf den Steg. Von hier sollte ich das schwere Ding endlich rausbekommen. Klappt auch schon deutlich besser. Nur, dass der andere abgebrochene – ihr erinnert euch?! – scharfkantige Fuß sich nun am Heck verhakt. Schnell beginnt es zu blubbern. Offensichtlich gibt es nun also noch 1-2 weitere Löcher im Dinghy. Dieses Mal in einer der größeren Seitenkammern. Jetzt ist es endgültig Zeit für den Kraftausdruck!

Hastig werfe ich alles Erreichbare auf den Steg, hechte ins Dinghy und paddel was das Zeug hält. Ziel ist die ankernde Samai. Schnell rutscht die Sitzbank aus ihrer Halterung im immer schlaffer werdenden Seitensegment. Auch die Benutzung des dort befestigten Ruders wird dadurch nicht gerade erleichtert. Ich versuche es anders herum stehend, komme jedoch nur noch langsamer voran. Also wieder „richtig herum“ auf den hinreichend gefluteten (zum Glück GFK-)Boden gesetzt und weiter gepaddelt. Immer mit Blick auf den am Heck befestigten Außenborder, dem ich heute definitiv nicht das Schwimmen beibringen möchte.

An Bord der Samai bemerkt man den hektisch paddelnden Skipper erstaunlich früh. Schnell geht der Davit runter, Dinghy ran und hochgezogen. Nun hängt es hoch und trocken und das übernommene Wasser läuft langsam ab. Geschafft. Durchatmen. Meine äußerliche Ruhe täuscht. Im mir brodelt es. Doch was soll ich meckern? Bringt ja nichts. So entsalze ich mich also erst einmal mit gesammelten Regenwasser und danke für das seit Lissabon wasserdichte Handy in meiner Tasche. Dann noch eine WhatsApp-Nachricht an Gabriela von der Marina. Ihre knappe Antwort lautet „Ok“. Nun gut, später sehen wir weiter.

29. Mai 2021 – Abend

Endlich hört es auf regnen. Es ist also Zeit, das Flickzeug rauszuholen. Zum Glück bringt ja jedes aufblasbare Gerät (Dinghy, iSUP, Kajak etc.) sein eigenes Reparatur-Set mit. Derer haben wir vier. Dazu kommt noch ein neutrales Set. Und mit der kürzlichen Reparatur der Ruderhalterung am Dinghy habe ich gerade mal die erste Klebstoff-Tube aufgebraucht. Heute mache ich fast die zweite leer.

Drei große Flicken und die Schadstellen werden jeweils dünn bestrichen. Fünf Minuten warten und das Ganze nochmal. Eigentlich soll noch eine dritte Schicht rauf, doch ich bin mal mutig und presse die Flicken nach erneuter Wartezeit auf die Löcher. Jetzt muss das Ganze nur noch aushärten. Morgen werden wir ja sehen, ob es hält.

30. Mai 2021 – der Morgen danach

Der Patient hat überlebt. Er wirkt zwar nicht taufrisch, die Ränder der Flicken müssen nochmal etwas nachbearbeitet werden und irgendwo verliert er auch noch ein klein wenig Luft. Aber die Alltagstauglichkeit des Dinghys ist wiederhergestellt und darf sich auch gleich auf einer kleinen Einkaufstour unter Beweis stellen. Mit Erfolg!

31. Mai 2021 – Nachspiel?

Wieder braucht es nur eine kleine Luftinfusion, bevor der Skipper für die Erledigung der Formalitäten an Land paddelt. Im Büro der Marina treffe ich Gabriela und spreche sie natürlich auch auf die lädierte Mülleimer-Phalanx an. Ihr wurde in dieser Hinsicht aber nichts zugetragen. Damit sei das erledigt. Habe ich auch kein Problem mit.

Fast nichts passiert ;-)

Nun hängt das Dinghy also wieder hoch und trocken am Heck. Mal sehen, wie der Luftdruck nach drei Tagen Fahrt in Panama aussieht. Wie auch immer, eine Nachuntersuchung wurde bereits angesetzt.

Anfang Juni 2021

Ich bin ein wenig überrascht. Das Dinghy hat anscheinend keine Luft verloren. Schön prall gefüllt hängt es immer noch am Heck. Na das sind doch mal gute Nachrichten. Wäre doch gelacht, wenn uns so ein kleines Malheur gleich ein ganzes Beiboot kosten würde!