Alltagsprobleme in hohen Breiten: Geduld

Wie war das mit Plänen? Ursprünglich wollten wir schon im Januar in die Antarktis, letztlich war es der Februar. Danach wollten wir recht schnell nach Valdivia hochfahren, ja fast schon hetzen. Doch dann kamen die Grenzschließungen. Wir brauchten zum ersten Mal auf dieser Fahrt so richtig Geduld. Irgendwann sind wir dann doch losgekommen. Schon bei der Abfahrt hatten wir uns von der ursprünglich angedachten Eile verabschiedet und rechneten nun mit mindestens zwei Monaten bis Valdivia. Eher etwas länger. Bekanntermaßen waren Zwischenstopps in anderen Häfen dabei nicht vorgesehen. Für so einen langen Zeitraum hatten wir uns bisher noch nie verproviantieren müssen. Eine gute Übung. Und durchaus erstaunlich, wie lange es dauern kann, das Boot mit entsprechenden Vorräten für vier Personen einige Zentimeter tiefer ins Wasser zu legen.

Nein wir sind nicht durch die chilenischen Kanäle gehetzt und ganz ehrlich: es war gut so! Wir hatten eine tolle Zeit mit tollen Eindrücken in einer tollen Gegend unserer immer kleiner werdenden Welt. Natürlich machten wir das nicht ganz freiwillig. Ok, die Fahrt an sich schon. Aber die Dauer war ganz wesentlich durch zwei externe Parameter beeinflusst: Tageslicht und Wetter.

Nachtfahrten sind Seglern in den chilenischen Kanälen offiziell nicht erlaubt. Man bracht Geduld, bis die Sonne aufgeht. Gerade im Winter. Dazu kommen Winde in einer Stärke, bei der in anderen Gegenden längst alle Boote im Hafen verschwinden. Die sind hier halbwegs normal, aber daran gewöhnt man sich. Mit 30kn Wind und entsprechenden Böen lockt man hier unten jedenfalls keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Doch oft weht es eben auch noch das kleine Bisschen mehr, das laue Lüftchen zu viel. Da bleibt man halt länger am Liegeplatz. Geduld ist gefragt.

So übten auch wir uns immer wieder in Geduld. Das ursprüngliche Ankunftsdatum vom 30. Juli war bei Abfahrt eine Ewigkeit weit weg und wurde doch nach und nach verschoben. Letztlich kamen wir am 20. August in Valdivia an. Über 80 Tage waren wir unterwegs. Andere sind da mehr als einmal um die Welt, wir ganz geduldig von Usuhaia nach Valdivia gefahren.

Tja, und dann ist da noch die aus ganz anderen Gründen notwendige Geduld. Ich weigere mich weiterhin, diesen C-Namen hier zu schreiben. Unbestritten ist zwar nicht die Welt (der ist das Ganze im Grunde herzlich egal), wohl aber die menschliche Gemeinschaft (so es sie denn wirklich geben sollte) aktuell etwas aus den Fugen geraten. Das hat an sich nichts mit unserem Aufenthalt in diesen immer noch „halbhohen“ Breiten zu tun. Doch die Auswirkungen spüren wir auch hier.

Unglaublich. Inzwischen ist es fast ein halbes Jahr her, dass wir die Grenze von Argentinien nach Chile überquert haben. Und genau so lange haben wir keinen Stempel im Pass, sind offiziell irgendwo im Nirgendwo zwischen den Grenzen. Da braucht man schon viel Geduld. Doch haben wir hier Menschen kennen lernen dürfen, denen unsere Situation herzlich egal ist. Im positiven Sinne! Wir bekamen Hilfe, Einladungen, ganz oft mehr als nur nette Worte. Als „gute Deutsche“ sind wir davon offen gesagt hin und wieder mehr als überrascht, ja fast schon grenzwertig überfordert. Und doch ist es unglaublich schön. Wenn schon derartig viel Geduld notwendig ist, dann doch am Liebsten in dieser Gesellschaft.

Es gibt nahezu unendlich viele mehr oder weniger geistreiche Sprüche über Geduld. Einer gefällt mir besonders gut:

„Geduld ist das Ausdauertraining für die Hoffnung!“

Und bekannter Maßen stirbt die Hoffnung ja stets zuletzt. Insofern schauen wir geduldig und hoffnungsvoll in die vor uns liegende Zeit…

Mit Strom im Canal Pulluche zur geschäftigen Caleta Jacqueline

22. – 24. Juli 2020

Canal Pulluche

So ist das mit den guten Vorsätzen. Das Wetter war ruhig, der Tidenkalender vorteilhaft und nicht zuletzt wollte La Skipper weg aus dieser winzigen Nische. Und wer ist schon der Skipper, solchen Argumenten widersprechen zu können. Folgerichtig ging gleich am nächsten Morgen bei strahlendem Sonnenschein der Anker hoch.

Das mit dem Tidenkalender war allerdings auch ein echt gutes Argument. Der Canal Pulluche ist in dieser Hinsicht ziemlich konsequent. Schon aus einiger Entfernung zeigten sich die Stromverwerfungen, durch die wir dank richtigem Timing mit bis zu 9,6 kn Fahrt über Grund förmlich rasten. Es ist immer wieder faszinieren, solche Effekte so richtig live und in Farbe auf dem Wasser zu sehen… also zumindest immer dann, wenn es nicht gegenan geht.

Der Wind blies zwar wieder einmal einiges stärker als angesagt, bewegte sich im Gegensatz zum Vortag aber in absolut vertretbarem Rahmen. Lediglich kurz vor dem Ziel im Canal Chacabuco wurde es etwas unangenehmer, als der auf 5 Bft. kanalisierte Gegenwind im Zusammenspiel mit dem uns schiebenden Strom auch ganz ohne Fetch mal wieder für ein bemerkenswertes Wellenbild sorgte.

4.6 Caleta Jacqueline (Isla Humos)

Die Bucht ist zwar recht groß, mit ihrer vorgelagerten Insel gerade in der hinteren Ecke aber trotzdem gut geschützt. Davon zeugten auch die wieder einmal quer über die Nische ausgebrachten langen Leinen. Vor Anker mit vier Leinen festgemacht sollten wir hier sicher liegen. Doch dann kam abends noch die „Maria Solidad“ rein. Einiges größer als wir, wollte sie die Nacht anscheinend an der Fischerleine festmachen. Dort war sie nun und wartete geduldig, bis wir unsere quer gespannet Landleine eingeholt hatten… da waren es nur noch drei. Solange kein starker Wind von Steuerbord käme, war das aber ok.

Der empfohlene Ankerplatz bleibt durch die Fischerleine unerreichbar

Der nächste Tag verwöhnte uns mit viel Sonne und damit der Möglichkeit, unseren (Klo-)Papierabfall zu dezimieren. Wir machten ein schönes Lagerfeuer auf den Felsen, Samuel sammelte wieder einmal Feuerholz und Maila machte wieder einmal Stockbrot.

Da hinten lockt der Strand…
Erst die Arbeit…
… dann das Stockbrot!

Lediglich der reichlich zugemüllte Strand trübte dann doch etwas den Gesamteindruck.

Aus der Nähe dann doch kein Badestrand :-(

Noch während wir an Land waren, kam die „Chacabuco“ rein und legte sich hinter die Samai an die Fischerleine. Und nach Sonnenuntergang schaute auch wieder die „Maria Solidad“ vorbei, man winkte freudig und legte sich längsseits daneben. Nach einem verregneten Tag war es in der dritten Nacht die kleine „Andrea“, welche uns Gesellschaft leistete. Rush hour!

Die Vorhersagen waren sich bis auf die Stärke der Böen (Saildocs 3 Bft. vs. Wetterwelt 6-7 Bft.) einig… es drehte auf West. Genau davor hätte uns die vierte Landleine schützen sollen. Doch wir waren ohnehin lange genug hier… und wollten auch gerne mal wieder eine Nacht alleine sein.

Ausblick zum Eingang der Caleta
4.6 Caleta Jacqueline

Vorhersage-Theorie und Wind-Praxis auf dem Weg zur Caleta Saudade

21. Juli 2020

Wenn Segler etwas zu schätzen wissen, dann ist das ein guter Wetterbericht. Insbesondere die darin enthaltene Windvorhersage ist für uns von größtem Interesse. Schließlich wollen wir ja segeln. Und wenn der Wind schon nicht so richtig zum Segeln passt, dann sollte er zumindest nicht zu sehr stören. Auch wir versorgen uns selbstredend regelmäßig mit aktuellen Informationen.

In der schönen Seno Pico-Paico hatten wir drei Nächte auf diesen Tag gewartet. Standen zuvor 3-4 Bft. Nordostwind eher ungünstig für unsere nächste Etappe, sollte dieser nun schnell auf 1 Bft. abnehmen. Zwar immer noch aus Ost, also von vorne. Aber bei dieser Stärke selbst dann nicht weiter wild, wenn die eine obligatorische Windstärke oben drauf gerechnet wird. Dazu sollte uns noch der Flutstrom schieben, so dass wir eine schnelle Passage unter Motor erwarteten und entspannt losfuhren.

Ausfahrt Seno Pico-Paico

Schon im von Bergen eingerahmten Fjord blies es dann um einiges stärker. Das war aber eigentlich auch zu erwarten, da die Winde hier ja gerne mal kanalisiert werden. Als bei der Ausfahrt allerdings plötzlich bis zu 30kn Wind von hinten kam, hätte man eventuell schon mal stutzig werden können. Doch kaum um die Ecke der Peninsula Skyring Richtung Norden abgebogen, war der Spuk auch schon wieder vorbei. Nun hatten wir unsere eine Windstärke und motorten weiter zum Cabo Taitao. Dort mussten wir dann für die verbleibenden 25sm Richtung Osten in die Bahía Anna Pink abbiegen. Und dann kam der Wind.

Pazifik voraus
Peninsula Skyring an Steuerbord

Am Cabo Taitao selbst waren es noch 4 Bft. gegenan. Nun gut, das wird dann wohl einer dieser berüchtigten „Kap-Effekte“ sein, die den Wind an exponierten Stellen schon mal kräftig verstärken können. Das geht sicher vorbei. So dachten wir zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch. Gut 1½ Stunden später hatten wir 6 Bft. (also um die 25kn bzw. knapp 50 km/h) von vorne. Und dann war da ja auch noch der Flutstrom. Geplant als unser beschleunigender Freund stand der nun gegen diese Windsee und sorgte für locker 2m hohe, sehr kurze und steile Wellen. Weiße Schaumkronen wohin das Auge blickte. Da wurde uns langsam aber sicher klar, dass dieser Tag anders werden könnte als geplant.

Nochmal zur Erinnerung: die Windvorhersage prophezeite für den Nachmittag 1-2 Bft., also gut 3kn Ostwind. Ok, die Richtung stimmte. Nur die Stärke passte um den Faktor 10 nicht, lagen unsere beobachteten Spitzenwerte doch bei 33kn. Genau von vorne. Zunächst entschloss ich mich zu einer kleinen Routenänderung um dichter unter Land zu kommen. Das sollte zumindest für etwas weniger Welle sorgen. Außerdem brachte uns das dichter an Puerto Refugio und somit die einzig halbwegs plausible Ausweichmöglichkeit. Doch was ich im Fernglas sah, gefiel mir auch nicht so richtig. Dazu versprach die Topologie bei den aktuellen Bedingungen wahlweise Schwell, kanalisierte Winde und/oder Fallböen. Also weiter, schließlich sollte der Wind ja im Laufe des Tages abnehmen, nicht wahr?

Doch das war eben diesem Wind wohl nicht so richtig bewusst. Es blies weiter mit konstant 6 Bft. und 7’er Böen von vorne. Wenigsten nahm die Welle wie erwartet etwas ab. Trotzdem schafften wir kaum die notwendigen 4kn Fahrt über Grund. Das nächste Problem war schließlich der winterlich frühe Sonnenuntergang gegen halb sechs. Spätestens um 18 Uhr sollten wir am Ziel sein, ansonsten würden wir im Dunkeln tappen. Als wir um halb vier die erste Fischfarm dieser Reise passierten, lagen noch knapp 10sm vor uns.

Die erste Fischfarm passieren wir natürlich an einer Engstelle

Immer noch 5-6 Bft. Gegenwind und so langsam setzt auch noch der nun entgegenkommende Ebbstrom ein. Das würde knapp.

4.7 Caleta Saudade (Isla Guerrero)

Für das Versprechen „enjoy complete protection“ solle man tief in der „tiny NW indentation“ festmachen.

Ja, das ist wirklich „tiny“

Diese Empfehlung brachte bei unserer Einfahrt im Dämmerlicht gleich mehrere Problemchen mit sich:

  • Der Ostwind blies genau in die Bucht. Ja, in der kleinen Ecke war er natürlich abgeschwächt, doch fühlten wir uns in der Ansicht bestärkt, dass der Fokus der Empfehlungen tendenziell auf den (insbesondere im Sommer) vorherrschenden Westwinden liegt.
  • Das brachte natürlich auch eine kleine, aber doch vorhandene Welle mit sich.
  • Der flache Grund war nicht mehr richtig auszumachen, lediglich ein großer Stein am Rand war offensichtlich.
  • Die unten schon winzige Ausbuchtung wird oben durch überhängende Bäume weiter verkleinert.
  • Wir mussten uns etwas beeilen bevor es stockfinster sein würde.

La Skipper und Samuel fuhren mit der ersten, nach hinten führenden Landleine los. Kaum war diese fest, begann Maila am Bug damit, den Anker runter zu lassen. Das macht sie inzwischen nicht nur sehr gerne, sondern auch wirklich sehr gut! Der Skipper zielte rückwärts fahrend auf die kleine Einbuchtung, holte dabei die erste Landleine dicht, vermied möglichst Geäst im Rigg, fuhr den Anker ein und freute sich über die zeitnah vom Dinghy angereichte zweite Landleine in Luv (also Windrichtung).

Da wir es im Sinne eines ruhigen Schlafes lieber etwas übertreiben, wurden noch zwei weitere Landleinen ausgebracht. Das sollte uns eigentlich sicher halten. Doch so richtig toll war das hier bei den aktuellen Bedingungen wirklich nicht. Kaum eine Stunde zuvor sagte ich noch im Brustton der Überzeugung, am nächsten Tag nirgendwo hinzufahren. Dieser Vorsatz kam schon jetzt ins Wanken. Doch irgendwie passte das alles doch zusammen in den bei der ganzen Crew gefestigten Gesamteindruck: Ein Tag zum Vergessen!

Ausblick zum Canal Pulluche
4.7 Caleta Saudade

Segelnd zum nächsten Badespaß in der Seno Pico-Paico

18. – 20. Juli 2020

Nach zwei Nächten neben unserem knatternden Nachbarlieger machten wir uns noch vor Sonnenaufgang wieder auf den Weg. Damit hatten wir für die geplanten knapp 50sm gut 9 Stunden Zeit. Angesagt war mäßiger Wind aus Ost-Südost, mit dem wir vielleicht sogar wieder segeln könnten. Die Richtung stimmte dann auch, nur die Stärke hatte mal wieder nicht viel mit der Vorhersage gemein. Mit bis zu 5-6Bft. (7’er Böen) ablandigen Wind von Steuerbord und über 2kn auflandigen Seitenstrom von Backbord schaukelten wir uns gereffte durch die unangenehm kurze Welle.

La Skipper im „Segelmodus“
Die Kinder haben heute Schulfrei :-)

Und wieder zeigte sich zwischen Karten- und Radarbild ein recht deutlicher Versatz. Das ist insbesondere dann ärgerlich, wenn auf dem Weg eine zwar in der Karte verzeichnete, ansonsten aber nicht weiter gekennzeichneten Untiefe liegt. Diese hier hatte sogar einen Namen: „Ras Hellyer“. Zur Sicherheit wollten wir außen herum fahren, die Steine also an Steuerbord (= in Fahrtrichtung rechts) lassen. Und natürlich hielten wir gut Ausschau. Der mit Fernglas geschärfte Blick wanderte umher. Sollte man bei dem Schwell nicht allmählich etwas sehen können? Moment mal… was war das da Backbord (= in Fahrtrichtung links) voraus? Brecher auf dem offenen Wasser! Ja, das war dann ein recht untrügliches Zeichen für einen zu meidenden Bereich. Wir bogen also ab und fuhren (zumindest auf der Karte ;-) einmal quer über die Steine…

4.19 Seno Pico-Paico (Peninsula Skyring)

Die letzten sieben Meilen mit Kurs zur Einfahrt des Seno Pico-Paico hatten wir dann wieder kräftigen Gegenwind. Entsprechend langsam kamen wir voran… und der Sonnenuntergang immer näher. Schon aus einiger Entfernung sah man die Gischt der recht und links aufbrandenden Wellen, doch wir hatten kaum eine echte Alternative, Plan B wäre auf eine Nachtfahrt hinausgelaufen. Doch im Fjord selbst beruhigte es sich dann glücklicher Weise recht schnell. Wir entschieden uns für die nördliche Liegeplatzoption, verzichteten ob der Dämmerung sowie beachtlichen Wassertiefe auf den Anker und machten im letzten Tageslicht längsseits an der quer über die Bucht gespannte Fischerleine fest. Dazu kamen zwei mit Taschenlampen ausgebrachte Landleinen mit kleinem Kollateralschaden. Ein Sturz, etwas Blut, doch Maila war sehr tapfer…

Das Lösen der Landleine verlief unfallfrei.

Beim Festmachen hatte ich schon wieder mal so eine komische Vibration gespürt. Vorwärts eingekuppelt passierte zunächst nichts. Das kam mir bekannt vor. Bitte nicht schon wieder! Etwas mehr Gas, ein kurzes Rucken und es ging wieder. So ein Mist, da würde ich wohl nochmal baden gehen dürfen. Erstaunlicher Weise kostete es deutlich weniger Überwindung als beim ersten Mal. Der Trockenanzug wurde routiniert übergeworfen und schon lag ich wieder einmal im Wasser. Die gute Nachricht war, dass sich lediglich etwas Kelp ästhetisch um den Propellerschaft gewickelt hatte. Das war schnell entfernt.

Doch dann fiel mir auf, dass das da insgesamt irgendwie komisch aussah. War das beim letzten Mal auch schon so? Mist… hätte ich doch mal Vergleichsfotos gemacht. Nun gut, geändert hätte das ohnehin nichts an der sich schnell festigen Erkenntnis: die Opferanoden am Propeller waren restlos verschwunden. Lediglich die Schrauben ragten noch raus. Nun gut, Ersatz ist natürlich an Bord, die Erneuerung stand nach einem Jahr ohnehin auf der Liste und eine kurze Sailmail-Rückfrage bei der Marina in Valdivia bestätigte die grundsätzliche Möglichkeit, die Samai dort für die Arbeiten aus dem Wasser holen zu können. Also wenn die Autoritäten uns das in der aktuellen Situation denn machen lassen würden. Ansonsten müssten wir uns wohl mal eine schöne Stelle zum Trockenfallen suchen. Doch darum kümmern wir uns dann, wenn es soweit kommen würde… in diesen speziellen Zeiten…

Blick zum abzweigenden Westarm
Blick nach Süden Richtung Ausfahrt
Blick voraus Richtung Osten
4.19 Seno Pico-Paico (Detail)
4.19 Seno Pico-Paico
Ausfahrt am Morgen…

In allen Grenzen ist auch etwas Positives

Valdivia, 11. November 2020

So sprach dereinst Immanuel Kant. Dass er damit auch die chilenische Grenze gemeint haben könnte, darf allerdings wohlwollend bezweifelt werden. Das unsere aktuelle Situation dominierende Thema sind natürlich eben diese für Touristen immer noch geschlossenen Grenzen von Chile. Mehrfach wurde unsere Anfrage nach einer Ausnahmegenehmigung zur Einreise abgelehnt. Schließlich wurde uns als Antwort auf eine Note unserer Deutschen Botschaft ja erlaubt, Proviant und Diesel zu bunkern. Wir dürfen gerne jederzeit in ein anderes Land weiter fahren. Wer jedoch schon mal versucht hat, für eine vierköpfige Familie Vorräte für mehrere Wochen und Monate anzulegen ohne seine Wohnung zu verlassen, ahnt die Ironie dieser Feststellung.

Leider hat sich auch die Deutsche Botschaft seitdem vornehm zurück gehalten. Nur unser Honorarkonsul in Valdivia ließ nichts in seiner Macht stehende unversucht. Anscheinend landen aber wohl alle Anfragen auf dem gleichen Tisch im Gesundheitsministerium… und jener Kollege ist offensichtlich nicht gewillt uns reinzulassen. Zuletzt hieß es von den Gesundheitsbehörden tatsächlich, dass wir bisher keine stichhaltigen Gründe für die Notwendigkeit zur Einreise vorgelegt hätten. Nun gut, spielen wir also die Gesundheitskarte. Schließlich waren wir Mitte 2019 letztmals bei einem Arzt. Die in Argentinien (selbstverständlich ;-) geplanten Routine- und Vorsorgeuntersuchungen fielen der Quarantäne zum Opfer.

Tatsächlich war es in Ushuaia so, dass außer in akuten Notfällen kein Arzt zu bekommen war. Ein französischer Segler am Steg hatte sich bei einem Segelmanöver in der Antarktis den Zeigefinger der rechten Hand gebrochen. Er wuchs schon langsam wieder zusammen, stand dabei aber ziemlich ab. Da musste definitiv noch etwas passieren, doch das Krankenhaus schickte ihn mit einem Verband weg. Er solle das regelmäßig selbst kontrollieren und wechseln. Ohne Worte!

So führten wir nun also für jedes Familienmitglied einen nachvollziehbaren medizinischen Grund zur Einreise in Chile an, ohne den eine Weiterreise nicht darstellbar ist. Das ist nun auch schon wieder über eine Woche her… ohne Antwort… und inzwischen ist ja auch in Valdivia Quarantäne-Zeit angebrochen.

Trotzdem glomm letzte Woche ein neuer Hoffnungsschimmer am Horizont. Gerade wurde Chile im Zuge der „World Travel Awards 2020“ zum besten Touristenziel in Südamerika gewählt. Und das obwohl die diesjährige Wintersaison praktisch ausgefallen ist und die sommerliche Hauptsaison eigentlich schon im Oktober begonnen hat. Die chilenische Grenze ist so dicht wie in keinem anderen südamerikanischen Land. Paradox?! Jedenfalls drängen die heimischen Tourismusverbände auf eine Lösung. Anfang dieser Woche kam nun das einschlägige Protokoll der Regierung.

Die gute Nachricht vorweg: anscheinend wurde beschlossen, die Grenze zum 1. Dezember wieder für Touristen zu öffnen. Die Sache hat nur einen ganz großen Haken: die Einreise darf ausschließlich über den Flughafen in Santiago erfolgen. Land- und Seegrenzen bleiben weiter geschlossen. Das würde zu der paradoxen Situation führen, dass die Crew eines befreundeten, hier liegenden Segelbootes einfliegen und sich dann auch frei in Chile bewegen dürfte. Wir dagegen müssten weiter in unserer – euphemistisch ausgedrückt – „freiwilligen Quarantäne“ verweilen. Da komme ich intellektuell echt nicht mehr mit. Vielleicht wäre es ja auch eine Lösung, wenn wir für die Ausreise aus Chile einen Transit zum Flughafen beantragen, kurz irgendwo hin um die Ecke fliegen (Ecuador ist offen) um danach ganz offiziell einreisen zu dürfen. Dieses Vorgehen würde das gesundheitliche Risiko Chiles sicherlich enorm mindern. Nun gut, ich werde sarkastisch.

Wie auch immer. Der Honorarkonsul hat noch einen weiteren Anlauf über die Deutsche Botschaft genommen. Mal sehen, was dabei raus kommt. Wir werden in der Zwischenzeit einer ganz lieben, schon vor einiger Zeit ausgesprochenen Einladung folgen. Die Ferienanlage auf der Islote Haverbeck gleich um die Ecke ist aktuell geschlossen. Der Eigentümer – er bringt auf dem Hafengelände gerade sein Boot auf Vordermann – wohnt mit Freundin und Tochter sowie einigen Tieren alleine auf der etwa 20ha großen Insel. Nun endlich werden wir uns mitsamt der Samai die halbe Seemeile Flussabwärts verholen und dort wohl die nächsten knapp 2 Wochen bleiben. Aktuell herrscht hier zwar auch auf dem Wasser „Quarantäne“, mithin Bewegungsverbot für Freizeitboote. Der Chef der Armada hat aber durchblicken lassen, in diesem Fall wegzuschauen.

Die Abwechslung und vor allem der Auslauf werden uns gut tun. Und dort machen wir uns dann auch endlich ernsthaft Gedanken über den weiteren Weg der Samai. So richtig klassisch mit Pro-Contra-Liste für die durchaus bestehenden Alternativen. Doch davon mehr, wenn es soweit ist.