Lissabon (1) – Einkaufen nicht barrierefrei

Wir genossen den Hafen, sowie das wankelmütige Internet an Deck natürlich in vollen Zügen. Während wir mit der Post uneins waren, unsere Wäsche mit „White Magic“ wuschen (waren dann so 10 Trommeln, alles wurde per Hand an die Reling und andere auffindbare Leinen gehängt, bis uns die Klammern ausgingen) und natürlich viele aus Sicht der Kinder unsinnige Schulaufgaben bei gefühlten 30 Grad machen mussten, hatten wir natürlich auch Hunger. Die in Hafennähe erreichbaren „Night Bars“ waren jetzt keine Option, also mussten wir kochen. Mein Mann wird wieder schmunzeln, es ist doch das gemeinschaftliche bzw. medizinische „wir“ gemeint. Also Micha musste kochen. Zum Glück kocht er gern und manchmal essen wir es auch – er hat sich schon gut an unsere (der weibliche Part) Chili-sensiblen Geschmacksnerven angepasst und es schmeckt mittlerweile auch für uns. Wobei der Geschmack nicht das Problem ist, sondern die Schärfe. Aber das Chili wird dann auf den Tisch gestellt und jeder kann nachwürzen. Samuel eifert dem Papa in Sachen „abgestorbene Geschmacksnerven“ nach und würzt auch gern großzügig und viel nach. Also während die Mädels an Board bereits Feuer speien, pallabern die Herren über die nur milde Würze in dem Gericht.

Schlussendlich, wir müssen dann mal einkaufen gehen. Der Bequemlichkeit eines Autos entflohen, nahmen wir unseren orangenen Bollerwagen und zogen bei Sonne und heißen Temperaturen los, etwas Essbares zu finden. Via Handy wurde ein Lidl ausfindig gemacht und die Eltern wollten sich erstmal umschauen, während der Nachwuchs in den Genuss einer unbegrenzten Strommenge und damit der Benutzung von iPad & Co ohne Einschränkung kam. Der Hinweg war kein Problem. Zuerst ging es eine Unterführung hinunter, die gleichzeitig zu Eisenbahngleisen führte. Wir sind ja aus Berlin einiges gewohnt und fühlten uns auch gleich zu Hause. Der Geruch war sehr ähnlich, die Wände nur deutlich bunter und die Bilder gar nicht so schlecht. Die Obdachlosen hatten sich allerdings nicht nur mit einem Einkaufswagen voll mit Hab und Gut bequem gemacht, sondern gleich eine ganze Ecke mit Couch und Sessel sowie Tischecke eingerichtet. Es blieb aber für uns keine Option. Also zuerst eine lange Treppe hinunter und nach dem quasi geraden Weg an der Wohnecke und dem Fahrkartenautomaten vorbei, ging es wieder eine Treppe rauf. Gut, der Bollerwagen wurde einfach getragen. Zurück, mit dem vollen Wagen, wird sich schon ein anderer Weg finden, dachte ich. Wir sind ja in Lissabon und Micha hängt ja eh immer am Handy-Routenfinder… das wird schon.

Frohgemut kauften wir neben Lebensmitteln auch diverse alkoholfreie und natürlich nur wenige alkoholhaltige Getränke ein. Lustig war, dass es gar keine großen Einkaufswagen, sondern nur kleine Einkaufskörbe gab. Aber wir haben ja unseren Bollerwagen. Also alles rein und noch hoch gestapelt. Im angenehm kühlen Lidl war das auch kein Problem, aber als wir dann draußen waren, war zu mindestens ich in der Wirklichkeit angekommen. Es war heiß, ging über einen schlechten Fußweg bergab und die Steuerbarkeit des Wagens war leerer besser als voll. Oh weh, und das Fleisch!!! Micha fand einen Weg, der nicht durch die Unterführung führte. Aber das war’s auch schon. Die meiste Zeit war er mit dem Wagen auf der Straße, da die Fußwege im Grunde nur so breit waren, dass man schon ohne Wagen kaum nebeneinander gehen konnten. Und die Pflastersteine waren recht uneben. Und es ging eng an Häuserwänden vorbei. Wenn einem Leute entgegenkamen, musste einer von beiden auf die Straße ausweichen. Toll. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie das als Rollstuhlfahrer funktionieren soll. Ständig nur hohe Bordsteinkanten, unebene und unglaublich enge Fußwege (wobei sie den Namen nicht verdienen).

Dann sahen wir endlich den Hafen. Uns trennten nur noch eine S-Bahn- und eine Straßenbahn-Trasse. Kein Problem, es führte ja eine Straße hinüber und ein Fußweg. Ach, die Stufen zur Brücke… das kann doch nicht alles sein. Da muss es einen Fahrstuhl geben. Wie sollen denn die mit Gehhilfen oder Rollstuhl oder Kinderwagen da rüber oder allein zum Bahnsteig kommen. Die schlichte Antwort: Gar nicht!!! Schlussendlich schleppten und zerrten wir den Bollerwagen die Treppen rauf und dann wieder runter. Am Rand waren wenigstens Schienen für ein Fahrrad. Also kamen wir nach einer gewissen Zeit, schweißgebadet auf der Hafenseite an. Zur großen Freude von Micha erklärte ich ihm, dass wir bevor wir zu den Kanaren (immerhin 4-5 Tage) aufbrechen, noch einmal einkaufen müssen, da bestimmt die Hälfte noch fehle. Ich erntete Begeisterungsstürme. Man darf nicht vergessen, es müssen ja 4 Leute durchgefüttert werden.

Einige Tage später war es dann soweit. Wir nahmen diesmal die Kinder als Schlepphilfe mit. Kinderarbeit klappt an Bord ja eigentlich ganz gut, vor allem beim Anlegen mit ungünstigem Wind, also warum nicht auch zum Einkaufen. Immerhin essen sie ja auch mit. Ehrlich habe ich da natürlich auf Samuel und nicht ganz so doll auf Maila gebaut. Also, es war wieder gefühlt 30 Grad und Sonne, los. Hin zu ging es durch die bekannte Unterführung. Kein Problem. Einkaufen ging auch noch. Zusätzlich hatten wir blaue Ikea-Taschen (ich liebe!!!! Ikea-Taschen), um z.B. die Müsli (Micha meint, dass wäre ja wohl kein Müsli… also Choco Crossis) rein zu tun. Sollte ja nicht so schwer sein. Der Lidl wurde weitgehend leer gekauft, die Kinder rannten dabei ca. 50x durch den Laden, und so war die Crew bereits fix und fertig, nachdem wir bezahlt und alles eingepackt hatten.

Dann raus in die Hitzewand. Micha schulterte den Seesack und zerrte am Wagen, Maila hielt erst das Toilettenpapier, legte es dann aber auf den Wagen (verhinderte immerhin das Herunterfallen), Samuel trug tapfer, die Tasche mit den 15 „Müsli“ Packungen, deren Riemen ihm zunehmend ins Fleisch schnitten und ich trug auch eine Ikea Tasche mit zu viel drin. Also alles entspannt. Wir dachten, wir kriegen den Wagen schon durch die Unterführung, da wir dort Fahrrinnen am Rand gesehen hatten. Also kein Problem. Hinunter haben wir es unter der Beobachtung von mehreren Obdachlosen, die dann doch zur Seite gingen geschafft, den Wagen hinunter zu bekommen. Also halb zog es uns und halb sanken wir hinab. Rauf war dabei deutlich schwieriger. Wir führen zwar den linken Reifen in die Fahrradführung ein, aber er war zu hoch und hing fest. Ich in meiner unkonventionellen Art, fluchte laut das Wort mit Sch…. Da hörte uns ein junger Mann aus Deutschland und fragte uns, ob alles ok sei. Wir haben gleich die Chance ergriffen und gefragt, ob er mit anpacken könnte. Er wirkte etwas überrumpelt, aber half super mit. Dann sah uns noch jemand anderes (ich vermute ein Portugiese) und auch er packte mit an. Und im nu waren wir oben. Nochmal vielen lieben Dank an die unbekannten Helfer. Ob das jemand in Berlin gemacht hätte?!

Zum Schluss konnten wir alle nicht mehr und entkamen nur knapp einem Sonnenstich. Wir murmelten etwas von nie wieder, aber wussten, dass das erst der Anfang von langen Einkaufswegen war. Aber vielleicht wird es ja auch mal wieder kühler.

Eure La Skipper

P.S. Nachtrag vom Skipper. Bei der „Perle“ Lissabon wurde versäumt, auf die besondere Ästhetik des Sanitärbereiches einzugehen… das wurde nun wie folgt ergänzt:

„Abhängig von Schweißproduktion und (In-)Kontinenz, führt der Weg früher oder später zum Sanitärbereich eines Hafens. Im Herrenbereich der hiesigen Wellnessoase finden sich dann auch je zwei Toiletten und Pissoirs sowie vier Duschkabinen. Wohlgemerkt für eine Marina mit offiziell 370 Liegeplätzen! Da ist es gar nicht weiter schlimm, dass das Klopapier fehlt. Ein Blick auf die undefinierbaren Pfützen am Boden und den sonstigen Allgemeinzustand der Örtlichkeit lassen Mitleid mit den eigenen Stoffwechselendprodukten aufkommen. Man möchte seinem Urin einfach nicht zumuten, hier abgeschlagen zu werden. Dafür fällt die Wahl der Dusche ob des zur Verfügung gestellten Entscheidungskriteriums leicht: ich nehme die Kabine, bei der der Vorhang nur im unteren Viertel verschimmelt ist… bei den anderen reichen die ästhetischen Muster deutlich höher. Glücklich die Damen, welche auch eine Option ganz ohne Vorhang haben. Ob dort dann aber auch fünf(!) leere Flaschen Duschzeug und angefangene Seifen rumliegen? In der Tat fühlt man sich hier an viele Orte der Welt versetzt. Orte mit einem anderen Verständnis für Sauberkeit und Hygiene. Orte, für die der (zufällig auf meinen Geburtstag fallende) Welttoilettentag eingeführt wurde. Orte, die man oft noch nie gesehen hat und im Grunde auch gar nicht sehen möchte.“

Perlen der Weltmeere (3): Marina Alcântara in Lissabon (Portugal)

An manchen Orten findet man eine ganz besondere Magie. Rio de Janeiro, San Francisco, Hamburg, Nigeria und noch viel mehr versammelt in nur einer Marina! Solche Internationalität haben wir selbst in der portugiesischen Hauptstadt nicht erwartet, doch das Unerwartete traf uns wie ein Donnerschlag.

Schon in der Einfahrt erwartete uns die „Agat“ , eine leider nur schwache Ahnung der visuellen Macht moderner Schiffsfriedhöfe, deren mit über 70 Wracks weltgrößter Vertreter vor der Küste von Lagos (Nigeria) liegt.

Kaum sind die Leinen in dieser alles andere als überfüllten Marina belegt, schweift der Blick nach Südamerika. Vom gegenüberliegenden Ufer grüßt die von Rio de Janeiro (Brasilien) inspirierte Cristo-Rei Staute. Auf einem 82m hohen Sockel steht dieser 28m hohe Dank an Gott dafür, dass Portugal vom zweiten Weltkrieg verschont blieb.

Direkt daneben werden zumindest für ältere Semester Kindheitserinnerungen an Karl Malden und den jungen Michael Douglas  wach. Deren Revier waren die Straßen von San Francisco (USA), deren wohl berühmteste über die Golden Gate Bridge führt. Wer jedoch auf die Details achtet, findet mehr noch das eigentliche Vorbild, die San Francisco Bay Bridge in der den Tejo überspannenden Ponte 25 de Abril wieder. Über mehr als 3km lang, davon 2.278m als Hängebrücke, verbindet sie Lissabon mit dem lange im Abseits liegenden Süden auf zwei Etagen: unten fahren täglich rund 160 Schienenfahrzeuge, darüber täglich ca. 150.000 Straßenfahrzeuge (Zahlen von 2006). Letztere, ob nun fehlenden Geldes oder eingeschränkter Tragkraft wegen, müssen sich auch nicht über schnöden Asphalt quälen. Die Fahrbahn aus Stahlgitter schüttelt nicht nur das Fahrzeug schön durch, sondern sorgt auch für eine weit reichende, unvergleichliche Geräuschkulisse.

Vor diesem grandiosen Hintergrund stapeln sich an der Südseite des Hafens die Container. Erinnerungen an große Häfen in Hamburg (Deutschland) oder Rotterdam (Niederlande) steigen auf, selbst wenn hier nur bescheidene drei Frachtschiffe längsseits liegen und von großen Kränen be- und entladen werden.

An andere große Häfen, genauer Flughäfen der Welt erinnert der Umstand, dass wir hier direkt unter der Einflugschneise liegen. Tagsüber schweben die Touristenbomber fast im Minutentakt anmutig über unsere Köpfe. Und dass das portugiesische Wörterbuch eine Übersetzung für „Nachtflugverbot“ findet, überrascht schon etwas. Zumindest in Lissabon handelt es sich dabei offensichtlich um ein unbekanntes Konzept. Damit verbietet sich natürlich auch ein Vergleich mit unserem allseits beliebten und bekannten Hauptstadtflughafen in Berlin (Deutschland), so dass ich in diesem Fall den internationalen Vergleich dem Erfahrungsschatz des geneigten Lesers (m/w) überlasse.

Die Sonne sinkt zum Horizont, der Tag neigt sich dem Ende zu, und mit etwas Traurigkeit vernimmt das Ohr ein wenn auch nur leichtes, so doch merkliches Abnehmen des ständigen Hintergrundrauschens der internationalen Eindrücke rundherum. Zumindest vorübergehend, schließlich finden sich rund um den Hafen einige der bekanntesten und beliebtesten Tanzclubs und Discos der Stadt. Und natürlich feiert es sich bei diesen Temperaturen am besten im Freien, zumindest aber doch bei geöffneten Fenstern und Türen. Der Ballermann auf Mallorca (Spanien) lässt grüßen. Für den nach Entspannung suchenden Segler ist es ein ganz besonderer, bis zum Morgengrauen angebotener Service: sollte sich wider jeglichen Erwartens eine leichte Schlafstörung einstellen, braucht man einfach nur hoch ins Cockpit um sich dezent belgleitet müde tanzen zu können…

Abhängig von Schweißproduktion und (In-)Kontinenz, führt der Weg früher oder später zum Sanitärbereich eines Hafens. Im Herrenbereich der hiesigen Wellnessoase finden sich dann auch je zwei Toiletten und Pissoirs sowie vier Duschkabinen. Wohlgemerkt für eine Marina mit offiziell 370 Liegeplätzen! Da ist es gar nicht weiter schlimm, dass das Klopapier fehlt. Ein Blick auf die undefinierbaren Pfützen am Boden und den sonstigen Allgemeinzustand der Örtlichkeit lassen Mitleid mit den eigenen Stoffwechselendprodukten aufkommen. Man möchte seinem Urin einfach nicht zumuten, hier abgeschlagen zu werden. Dafür fällt die Wahl der Dusche ob des zur Verfügung gestellten Entscheidungskriteriums leicht: ich nehme die Kabine, bei der der Vorhang nur im unteren Viertel verschimmelt ist… bei den anderen reichen die ästhetischen Muster deutlich höher. Glücklich die Damen, welche auch eine Option ganz ohne Vorhang haben. Ob dort dann aber auch fünf(!) leere Flaschen Duschzeug und angefangene Seifen rumliegen? In der Tat fühlt man sich hier an viele Orte der Welt versetzt. Orte mit einem anderen Verständnis für Sauberkeit und Hygiene. Orte, für die der (zufällig auf meinen Geburtstag fallende) Welttoilettentag eingeführt wurde. Orte, die man oft noch nie gesehen hat und im Grunde auch gar nicht sehen möchte.

Die letzte Inspiration in diesem unvergleichlichen Hafen sprengt jede Internationalität. Trotz laut Hafenmeister korrekt angegebener Adresse war es zwei Transportdienstleistern unabhängig voneinander absolut unmöglich, unsere Pakete hier zuzustellen. So fühlt es sich an, im postalischen Vakuum der unendlichen Weiten des Weltraums, das zu befahren uns dann aber doch eine etwas zu große Herausforderung ist. Wir bleiben auf der Erde, wir bleiben auf dem Wasser, immer auf der unfreiwilligen Suche nach diesen speziellen Orten… Perlen der Weltmeere.

Alltagsprobleme an Bord: Post (1)

Ein Drama in vier Akten

Ironischerweise war es bei uns so, dass gerade am Anfang die Notwendigkeit bestand, einige Sachen aus der Heimat zu erhalten. Pässe, an Bord nicht mehr auffindbare bzw. in letzter Minute erst als notwendig identifizierte Ausrüstung oder auch nur vergessenes Entertainment… doch glaubt man einschlägigen Erfahrungsberichten, so ist es ja nicht schwer auch auf einem Segelboot „in transit“ Post zu bekommen. Nahezu jeder Hafen sowie insbesondere auch die weltweit verteilten Trans Ocean Stützpunktleiter helfen gerne. Warum sollte das also nicht klappen?!?

Vorspiel: Heimat

Wer kennt das nicht?! Man erwartet eine wichtige Lieferung. Die Sendungsverfolgung besagt, dass diese im Zustellwagen unterwegs ist. Gut, dass man zufällig den ganzen Tag zu Hause ist. Morgens, gleich nach dem Aufstehen werden zur Sicherheit Namensschild und Türklingel überprüft… alles ok. Beim Toilettengang bleibt die Tür offen, nichts soll überhört werden. So vergeht die Zeit, Minuten und Stunden verrinnen, aber nichts passiert. Nun gut, das kommt schon noch… heutzutage liefern die armen Mitarbeiter der einschlägigen Transportdienstleister ja bis spät abends aus.

Trotzdem führt der Weg am späten Nachmittag zum Briefkasten, der Briefträger war ja schon da. Und hier im Briefkasten fällt der ungläubige Blick dann auf eine Benachrichtigungskarte: „Leider haben wir Sie heute um 14:23 Uhr nicht persönlich angetroffen. Sie können Ihre Sendung ab dem nächsten Werktag in unserer Filiale abholen. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“ Nur mal grundsätzlich: man kann mich jederzeit gerne um Verständnis bitten, sollte jedoch niemals ungefragt dafür danken (die Bahn macht das ausgesprochen gerne). Zur Ehrenrettung der armen Menschen, mit deren Arbeitsbedingungen wir nicht tauschen möchten, sei gesagt, dass diese Darstellung sicher nicht der Regelfall ist… es sei denn, man wohnt im 5. Stock Altbau ohne Aufzug.

Erster Akt: Penzance – das gute Vorbild

Der flexiblen Terminvergabe Berliner Ämter sei Dank, konnten wir die melderechtlichen Notwendigkeiten nicht mehr vor unserer Abfahrt erledigen. Ist ja schön und gut, dass man sich innerhalb von zwei Wochen nach einem Umzug ummelden muss. Aber warum ist dann der nächste freie Termin im Portal erst in knapp zwei Monaten? Mit etwas Glück dauerte es bei uns zwar nicht so lange, zu spät war es trotzdem. Dankenswerter Weise war des Skippers Vater so lieb, uns diese Aufgabe bewaffnet mit umfassenden Vollmachten und Ausweisen der ganzen Familie abzunehmen. Damit mussten wir dann jedoch ohne die Pässe der Kinder losfahren… sozusagen eine illegale Einreise nach England!

Doch Adrian (der TO-Stützpunktleiter von Penzance) und sein Neffe halfen uns auf den Weg zur Legalität zurück. Wie telefonisch vorab besprochen wurden das Einschreiben sowie ein kleines Päckchen von Blue Sailing gerne angenommen und uns zum sogar Hafen gebracht, dazu ein netter Plausch… so sollte es sein. Und das ließ uns dann wohl etwas zu optimistisch werden.

Zweiter Akt: Leixões – die lange Suche

Ein „Care Paket“ von den Großeltern sollte dann nach Leixões gehen. Auch hier wurde vorab mit dem TO-Stützpunktleiter telefoniert. Rudolfo war zwar schlecht zu verstehen, sagte auch etwas von Krankenhaus, aber letztlich bestätigte er seine Postfach-Adresse und die Möglichkeit, darüber Post zu empfangen.

Kurz vor unserer Ankunft habe ich erneut versucht ihn anzurufen, ohne Erfolg. Auch meine Versuche per SMS blieben unbeantwortet. Also bin ich einfach mal zu der für den Stützpunkt angegebenen, glücklicher Weise nicht allzu weit vom Hafen entfernte Adresse gegangen. Es sah aus wie ein Wohnhaus, allerdings mit unbesetztem Pförtnertisch und diversen Firmenschildern im Eingangsbereich. Eines zeigte eine Firma mit dem Namen der Stützpunktleiters und ein anderes sogar den Trans Ocean Stander!

Also gut, einfach mal die Treppe hoch alle Stockwerke bis hinauf aufs Dach abgeklappert, doch die gesuchte Firma war nicht zu finden. Glücklich sind jene, die lesen können: auf dem Schild im Foyer stand ganz klein „5. Etage“, und mit dem Aufzug kam ich dann tatsächlich zur gesuchten Tür. Eine nette Dame im Büro sagte, dass Rudolfo nicht mehr so oft ins Büro komme und der Kollege, der sich darum kümmert in der Pause sei. Etwa eine Stunde später erzählte mir dieser nette Mann dann allerdings, dass das Postfach schon seit längerem nicht mehr bezahlt werde und geschlossen sei. In der Tat sei Rudolfo schon seit Monaten nicht mehr in der Firma gewesen. Durchaus nachvollziehbar wenn man bedenkt, dass er 85 Jahre alt ist und gesundheitliche Probleme hat. Einerseits von Herzen gute Besserung. Andererseits schade, das erst jetzt zu erfahren. Und schließlich: wo ist mein Päckchen? Hier sei es jedenfalls nicht, ich solle mal zur Post gehen.

Bei der Post wurde mir gesagt, dass das Postfach durchaus nicht geschlossen sei und gerade heute Morgen jemand den Inhalt abgeholt hat. Zurück ins Büro: nein das kann nicht sein, man habe zwar andere Postfächer, aber dieses sei geschlossen. Zurück zur Post: ja, das Postfach mit dieser (auch bei ersten Besuch schon angegebenen) Nummer sei geschlossen, das Päckchen müsste zurück an den Absender gegangen sein. Überflüssig zu erwähnen, dass es dort bis heute nicht angekommen ist. Und was ist mit einem Nachforschungsauftrag? Dazu bedarf es einer Sendungsnummer, und ausgerechnet dieses Mal wurde die Sendungsverfolgung vergessen. Das müssen wir dann wohl unter „Lehrgeld“ verbuchen.

Pause… Getränke stehen im Kühlschrank!

Portugal Richtung Süden

Die Fahrt nach Leixões genossen wir mal wieder unter Motor. Offensichtlich hatten sich die angesagte nördlichen Winde etwas verspätet… vielleicht wäre es ihnen ja am Folgetag genehm zu wehen!? Der gleich nördlich des völlig überteuerten Porto gelegene Hafen ist TO-Stützpunkt und sollte nach der guten Erfahrung in Penzance ein Päckchen für uns bereithalten. Über das ganze Drama wird noch zu berichten sein, vorweg nur so viel, dass dieses Päckchen nie bei uns ankam und auch nicht zum Absender zurückging. Der Yachthafen ist Teil einer größeren Hafenanlage und kein Schmuckstück, eher klein und voll und gleich nebenan liegen Frachter. Dafür sind die Menschen deutlich entspannter als anderswo wenn es darum geht, das Dinghy festzumachen. Alternativ kann man nämlich auch gleich den der Marina aber doch gut geschützt von den großen Wellenbrechern ankern. Der Ort selbst ist mit breitem Strand und dahinter gelegener Raffinerie touristisch-nett aber sicherlich kein Pflichtbesuch.

Im großen Hafen von Leixões

Weiter nach Figueira da Foz konnten wir dann endlich mal wieder so richtig schön segeln, sogar mit Delfinen. Die Einfahrt zum Hafen ist ja durchaus bekannt. Bei starkem Westwind ist sie schwierig bis unmöglich, da wird der Hafen auch schon mal gesperrt. Wenn man sich aus welchen Gründen auch immer nicht daran hält, kann das natürlich gut gehen. Es muss aber auch nicht gut gehen und kann durchaus zu Todesfällen führen. So geschehen am 10. April 2013, als die Deutsche Yacht Meri Tuuli vor der Einfahrt havarierte und einer der zwei Toten tragischer Weise ein Wasserschutzpolizist im Rettungseinsatz war. Details finden sich im Untersuchungsbericht der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung.

Nein, das sind keine mobilen Fahrwassertonnen!

Bei unserer Ankunft bestand die größte Gefahr allerdings wieder einmal aus weit hineinreichenden Angelschnüren. Die Ankunft war im Dunkeln, die Familie müde, viel vom Ort gesehen haben wir nicht… eigentlich fast nur den Blick vom Boot an Land. Warum wir dann überhaupt hier festmachen? Nun ja, eigentlich war ja auch ein längerer Schlag direkt bis Lissabon geplant. Doch dann ist da unser Respekt vor der unglaublichen, fast schon berüchtigten Zahl an Fischerfähnchen vor Portugals Küste. Im Dunkeln hat man absolut keine Chance sie zu sehen. Und so gering auch die Wahrscheinlichkeit eines „direkten Treffers“ sein mag. Wir können sehr gut darauf verzichten uns etwas in Schraube oder Ruder einzufangen. Da halten wir zwischendurch lieber irgendwo, bevorzugt natürlich unter Anken an, essen gemütlich und schlafen etwas.

Figueira da Foz in Sicht

Auf dem nächsten Schlag nach Peniche haben wir dann endlich mal wieder unseren Parasailor rausgeholt (s. Beitragsbild). Unglaubliche zwei Jahren lang ruhte er still und friedlich unter dem Kinderbett im Vorschiff und wurde so aktiv für unsere Weltumseglung geschont. Zumindest reden wir uns das ein. Aber dafür, dass wir offiziell aus der Übung waren, ging das setzen und auch spätere Bergen doch recht flüssig von der Hand. Wie wird das erst, wenn wir das regelmäßig mal machen? Von Peniche selbst haben wir dann allerdings auch mal wieder nichts weiter gehen. Ankunft war kurz vor 23 Uhr, vor der Hafenmauer wurde unter den Augen der auch zu dieser Zeit erstaunlich zahlreichen Angler der Anker geworfen um am nächsten Morgen dann gleich weiter nach Lissabon zu segeln. Doch davon beim nächsten Mal mehr…

Ankern vor Peniche

Warum hetzt ihr eigentlich so?

Die Frage ist uns nicht neu, daher eine kurze Erklärung, warum wir das schöne Galizien so wenig gewürdigt haben. Auf einem anderen Blog stand sinngemäß, dass jeder, der hier einfach nur vorbeifährt, einiges verpasse. Und ein anderes Familienboot schrieb uns, dass sie ausgiebig die vier großen Rias im Nordwesten Spanien erkunden wollen. Das ist alles legitim und auch wir würden uns hier sehr gerne bei (so vorhanden) schönstem Sommerwetter durch die Buchten treiben lassen. Ist ja auch kein Problem, wenn man entweder eine „Open-End-Weltumseglung“ macht oder im November von den Kanaren ob nun mit oder ohne der ARC über den Atlantik in die Karibik fahren möchte.

Beides trifft für uns jedoch nicht zu. Unser so gar nicht sozialistischer 3-Jahres-Plan sieht unter anderem vor, dass wir im November in Argentinien sind. Und auch wenn der Weg von den Kap Verden nach Brasilien die kürzest mögliche Atlantiküberquerung in Äquatornähe ist… Südamerika zieht sich. Nur mal als Vergleich. Bis Baiona haben wir in einem Monat knapp 1300sm zurückgelegt. Der anstehende Schlag von Lissabon zu den Kanarischen Inseln (ja, wir werden tatsächlich auch Madeira an Steuerbord liegen lassen!) umfasst gut 600sm. Der direkt Weg von Cabedelo (Landfall Brasilien) nach Usuhaia in Patagonien (Absprung Antarktis zum Jahreswechsel) ist ca. 3500sm lang. Und da sind allfällige Abstecher, nette Buchten und Häfen, Sightseeing oder auch einfach nur das Warten auf ein segelbares Wetterfenster noch gar nicht eingerechnet.

Dazu kommt noch der psychologische Aspekt, dass – ob es nun jemals in die Tat umgesetzt wird oder nicht – Ziele in Europa auch nach unserer Rückkehr relativ leicht zu erreichen sind. Nach Südamerika kommen wir dagegen bei weitem nicht so schnell wieder hin. Darum wollen wir uns dort lieber mehr Zeit lassen können. So sehr es schon hier in Europa reizt, einfach mal anzuhalten und manchmal auch schmerzt, an wirklich schönen Ecken einfach so vorbei zu segeln… es würde sicherlich noch mehr schmerzen, solche Gelegenheiten in Brasilien und Argentinien auslassen zu müssen, weil wir am Anfang zu sehr gebummelt haben. Und genau darum hetzen wir so… noch!