Neues Land, neue Währung. Einer der ersten Wege führt da üblicherweise zu einem Geldautomaten. Zumindest ein paar lokale Scheine holen. Leider ist der einzige ATM im Umkreis einiger Kilometer bei unserer Ankunft gerade leer. Nun gut. Man kann ja fast überall mit Karte bezahlen und ich brauche nur ein paar Kleinigkeiten aus dem Supermarkt. Doch hier gilt der Grundsatz, dass nur Bares auch Wahres ist. Ein Mantra, dem wir noch oft begegnen werden.
Tatsächlich können wir hier in Suriname nicht ein einziges Mal mit der Visa-Karte bezahlen. Selbst große Supermärkte und mehrstöckige Kaufhäuser haben entweder aktuell defekte oder auch gleich gar keine Kartenterminals. So führt also der Weg regelmäßig zu unserem inzwischen zum Glück wieder aufgefüllten ATM unseres Vertrauens.
Der maximale Betrag, den wir mit einer Abhebung bekommen beschränkt sich dabei auf 2.000 Suriname-$. Das klingt viel, sind aber gerade mal 100 US-$. Und das kommt dann auch konsequent in 50‘er-Scheinen aus dem Automaten. Da macht die Beschränkung auf 2.000 SRD plötzlich Sinn.
Mehr Schein als Sein…
Mit anderen Worten bezahlen wir hier auch größere Familieneinkäufe grundsätzlich mit Stapeln von knapp-2,50€-Scheinen. Da lohnt es sich, gleich mal 1.000‘er-Stapel bereitzuhalten. Dann kann die Kassiererin schon mal zählen, während man aus einer anderen Tasche den nächsten Stapel zieht. Wieso nicht aus dem Portemonnaie? Nun ja… zumindest meine Geldbörse kommt bei zentimeterdicken Geldbündeln schnell an seine Grenzen.
Nach dem Peperpot Nature Park sind wir zwar alle etwas erschöpft, aber wenn wir schon mal hier sind, besteht der Skipper darauf, auch noch das Fort Nieuw Amsterdam zu besuchen. Strategisch günstig am Zusammenfluss von Suriname River und Commewijne gelegen, ist es eines der ältesten erhaltenen niederländischen Gebäude in Suriname. Pläne gab es schon länger, doch sie wurden aus Kostengründen lange nicht realisiert. Den Ausschlag gab dann ein Überfall des Franzosen Jacques Cassard. Nach 13-jähriger Bauzeit wurde die Festung 1747 fertig gestellt. Da sie vor allem dem Schutz der Plantagen diente, mussten die Plantagenbesitzer sie mitfinanzieren und auch Sklaven zum Bau abstellen.
Im Jahr 1863 verliert das Fort seine militärische Bedeutung. Zeitgleich mit der Abschaffung der Sklaverei. Ein Nebeneffekt von letzterem ist, dass die Plantagenbesitzer das bis dahin bestehende Recht zur Bestrafung ihrer Arbeiter (=Sklaven) verlieren. Dafür ist nun die Kolonialregierung zuständig. Eine Gefängnis muss her und wird in einer der Baracken der Festung eingerichtet. Es hat von 1872 bis 1982 Bestand.
Parallel dazu wird 1907 die Administration des Bezirks Commewijne in das Fort verlegt. Dort befindet es sich noch heute. Direkt dahinter führen Wege über die Befestigungsanlagen direkt am Fluss. Immer noch zeigen die Läufe glücklicher Weise nicht mehr funktionsfähiger Kanonen auf den Fluss und bezeugen ihre alte Funktion. Ein beliebter Ort zum Schlendern und Erholen… wohl auch als Mittagspause von der anstrengenden Behördenarbeit. ;-)
Im Jahr 1968 wird zusätzlich ein Freilichtmuseum eingerichtet. Damals noch direkt neben dem Gefängnis gelegen, ist letzteres heute Teil des Komplexes. Die Einzelzellen sind bedrücken klein. Die Gemeinschaftszellen informieren über die Herkunft und Geschichte der verschiedenen Ethnien Surinames.
Bemerkenswert ist die Kutschensammlung. Sie zeigt auch Begräbniskutschen, die die soziale Ungleichheit bis nach den Tod fortschreibt.
Arm = Naniwagi = einfache Kutsche ohne Glasfenster = keine Grabprozession
Reich = Anitriwagi = aufwendige Kutsche mit Glasfenstern = Grabprozession
Auch das alte Pulverhaus aus dem Jahr 1740 ist einen Blick wert. Seine Wände sind 60cm dick. Im Falle einer Explosion wird damit zwar das Dach weggeblasen, doch der Rest hält stand und schützt das Fort. Besonders schön ist, dass die alten Kanonen hier im Museum mal nicht aufwändig auf- und ausgestellt sind, sondern sich da befinden, wo sie meiner Meinung nach letztlich hingehören… im Dreck!
So neigt sich ein langer Ausflug dem Ende zu. Müde fahren wir den langen Weg über die Jules Wijdenboschbrug zurück nach Domburg. Der Weg zieht sich… wieder einmal. Der Weg lohnt sich… wieder einmal. Zurück auf unserer Samai. :-)
Die Hauptstadt Paramaribo liegt am westlichen Ufer des Suriname Rivers. Gegenüber war früher Plantagenland. Im Osten und Süden durch den Suriname River, im Norden durch den einmündenden Commewijne begrenzt schlug das Herz von Kaffee-, Kakao- und Zuckerrohranbau sowie -verarbeitung. Unnötig zu sagen, dass diese Geschichte auch hier von Sklaverei geprägt ist. Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute verfallen vielerorts Gebäude und der Dschungel holt sich sein Land zurück. Manche Plantage wurden aber auch restauriert und in Hotels und Unterkünfte mit teils durchaus gehobenem Anspruch umgewandelt.
Der Weg dorthin führt für uns über den Fluss. Mit dem Auto gibt es nur eine Option… die beeindruckende Jules Wijdenboschbrug. Mit ihren 41m Durchfahrtshöhe liegt sie nur einen Meter unter der Norm des Nord-Ostseekanals. Das Ausblick von hier oben über den Suriname River ist wirklich beeindruckend. Und ganz oft hat man ausreichend Zeit, diese zu genießen. Mangels Alternative gibt es hier recht häufig Stau. Stadteinwärts steht die Blechschlange regelmäßig bis über den Bogen. Wir haben ein gutes Timing (oder auch einfach nur Glück) und kommen flott rüber.
Unser erster Stopp gilt eben so einer alten Plantage, heute der Peperpot Nature Park. Ein Reiseführer nennt ihn „wunderschön, aber gespenstisch marode“. Ersteres können wir bestätigen. Die ehemaligen Felder sind seit Jahren sich selbst überlassen. Der fast schnurgerade Hauptweg führt etwa 3km durch sekundären Regenwald. Deutlich sind die alten Bewässerungskanäle zu sehen. Immer wieder gehen Seitenwege ab. Die wirken tatsächlich abenteuerlich. Es hat in letzter Zeit ungewöhnlich viel geregnet. Da wären eigentlich Gummistiefel angesagt. Wir wagen es trotzdem. Mal kommen wir nicht sehr weit, mal entdecken wir einen kleinen Rundweg durch das Unterholz…
Modelle der alten PlantagenhäuserStachelpalmeSackgasse…
Wir erreichen den „Vogeltoren“. Auf Höhe der Baumwipfel entdecken wir hier zwar nicht sonderlich viele Vögel, genießen aber die schöne Aussicht. Auf Vogelpirsch ist Samuel ja ohnehin schon die ganze Zeit.
GrünmanteltrogonSchwefelmaskentyrann
Jetzt halten wir uns auf dem Hauptweg. Es gibt wie immer viele kleine und größere Tiere und Pflanzen zu entdecken. Höhepunkt ist natürlich eine hungrige Gruppe Totenkopfäffchen, die sich an den Früchten beiderseits des Weges bedient.
Der Weg zieht sich ganz schön. Maila lässt mehr als einmal das Wort „endlos“ fallen. Doch wir laufen tapfer weiter bis zum verschlossenen Tor am Wendepunkt. Zeit für eine kleine Pause. Das gleich nebenan nistende Pärchen Schwarzgesichtameisenwürger lässt sich von uns nicht stören.
So, jetzt müssen wir eigentlich nur noch die 3km wieder zurück. Vielleicht hätten wir doch Fahrräder mieten sollen? Nicht wirklich. Damit wäre uns sicherlich viel entgangen. So auch eine ganz spezielle Begegnung von La Skipper. Plötzlich ertönt ihr lauter Ruf. Sie springt zurück. Eine Green Striped Vine Snake… und fast wäre sie drauf getreten.
Auf dem Rückweg sehen wir wieder eine (dieses Mal gemischte) Affengruppe und ein Aguti läuft uns auch noch über den Weg.
Und natürlich haben die Kinder auch wieder ein paar ganz besonders aufmerksame Augen für die kleinen Schönheiten des Dschungels.
Was haben wir denn hier?Termiten!
Ein anstrengender, aber absolut lohnenswerter Ausflug.
Ich war jetzt ja schon in einigen süd- und mittelamerikanischen Ländern sowie auch auf immerhin zwei karibischen Inseln mit dem Mietwagen unterwegs. Jedes Revier hatte seinen eigenen Reiz. Doch hier in Suriname kommen neue Komponente hinzu.
Klein, aber oho?!
Stell Dir vor, Du sitzt entspannt im Wagen. Die Sonne scheint vom blauen Himmel, das Seitenfenster ist geöffnet und dein rechter (sic!) Ellenbogen bekommt gerade Sonnenbrand. Aus dem klirrenden Radiolautsprecher tönen treibende, indische(!) Rhythmen. Du kommst ins Träumen. Und dann knallt Deine im Fond sitzende Ehefrau mit dem Kopf an die Decke, weil Du den Drempel verpennt hast.
Damit haben wir die wesentlichen Aspekte des Autofahrens in Suriname schon beisammen.
Erstens herrscht Linksverkehr
Zweitens sind wir hier im Land der Drempel.
Das klingt soviel schöner als „Schwelle“. Ok, die Dinger sind natürlich nicht neu. In Ecuador werden sie uns als „schlafende Polizisten“ vorgestellt. Auch in Kolumbien holpert es immer mal wieder. Erste Höhepunkte sind die (ebenfalls niederländisch geprägten) Aruba und Bonaire. Aber hier in Suriname ist es schon extrem. Gerade in bewohnten Gegenden, besonders aber auch vor der Ölraffinerie, reiht sich Drempel an Drempel. Immerhin sind sie zu fast 100% gut ausgeschildert. Irgendwann gewöhnt man sich an das gefühlte Stop-and-go so ganz ohne andere Autos.
Ein weiteres Phänomen des hiesigen Straßenverkehrs soll nicht unerwähnt bleiben. Ja, es gibt einige Ampeln und ja, die Autos halten (meist) bei Rot. Aber sonst herrscht hier ganz klar das Prinzip „first come, first serve!“. Natürlich auch an Ampelkreuzungen. Wer sich in Deutschland schon einmal darüber aufgeregt hat, dass dieser Idiot da bei Gelb noch auf die Kreuzung fahren musste und nun mit seinem Kofferraum einen Teil des Weges blockiert (Hand aufs Herz… wer hat weder das eine noch das andere bisher nie getan?!) sollte das mit dem Autofahren in Suriname eigentlich gleich bleiben lassen. Gnadenlos wird auf die Kreuzung gefahren. Ich stehe mitten drauf im Weg? Ist mir doch egal. Das Gleiche gilt bei Rechtsabbiegern (zur Erinnerung: Linksverkehr) und stockendem Gegenverkehr. Lücke lassen? Vergiss ist. Es geht Stoßstange an Stoßstange und wenn es sich hinter dem Abbieger staut, dann ist das doch dem Gegenverkehr egal. Einzige Lösung: Schneller sein.
Typische Kreuzungssituation im Berufsverkehr!
Ja, es ist wirklich so. Möchtest Du irgendwo durch, dann nutze die kleinste Lücke. Das einzig Gute ist, dass das wirklich jeder so macht und man daher (fast) sicher sein kann, dass der andere bremst. Leider verloren, aber nächstes Mal bist Du vielleicht wieder schneller.
Unnötig zu betonen, dass dieser landestypische Fahrstil nichts für La Skipper ist. Tapfer und konsequent sitzt sie auf der Rückbank. Meist habe ich Maila neben mir. Und sie ist ein braves Mädchen. Kommt gut mit dem Verkehr klar und schnallt sich meist sogar an. Denn das ist hier auch etwas, das in der allgemeinen Wahrnehmung eher als freundliche Empfehlung, nicht aber Notwenigkeit empfunden wird.
Vorne alles entspannt… hinten klammert sich La Skipper an ihr Leben! ;-)
Auch sonst ist es fast wie immer auf diesem Kontinent. Auf der Straße ist gerade in der Regenzeit mit einer gewissen Feuchtigkeit zu rechnen. Brücken müssen nicht schön sein, sondern halten. Die Stoßdämpfer unseres Kleinwagens sind auch schon arg runter… zumindest in Vollbesetzung setzen wir bei so manchem Drempel auf. Ist normal.
Irgendwann sitze ich wieder in Deutschland hinter dem Steuer. Und ich weiß jetzt schon, dass ich mich da furchtbar langweilen werden… ;-)
Ähnlich wie Guyana zeichnet sich die Bevölkerung von Suriname durch eine große ethnische Vielfalt aus: knapp 40% afrikanische, knapp 30% indische, gut 10% javanische, gut 10% gemischte und knapp 10% sonstige (inkl. indigene) Herkunft. Das spiegelt sich auch in den vertretenen Religionen wider, wobei knapp 50% Christen für missionarische Erfolge während der Kolonialzeit sprechen. Dazu kommen knapp 25% Hindus, knapp 15% Muslime sowie Sonstige. Und im Gegensatz zu unerfreulich vielen anderen Teilen der Welt gibt es praktische keinerlei religiöse Differenzen. Die christlichen Ostern und Weihnachten sind ebenso von allen begangene Feiertage wie die hinduistischen Holi und Diwali sowie das Islamische Opferfest und das Fest des Fastenbrechens. Auch hier zeigen sich Ähnlichkeiten zwischen Suriname und Guyana.
Eine andere Gemeinsamkeit der zwei Nachbarländer ist das friedlichen Nebeneinander der verschiedenen Gotteshäuser. Und beide Hauptstädte haben eine beachtliche, Ende des 19. Jahrhunderts gebaute, jeweils über 40m hohe Holzkathedrale! Heute besuchen wir die römisch-katholische Sint-Petrus-en-Pauluskathedraal in Surinames Hauptstadt Paramaribo.
Schon von weitem sehen wir die zwei Türme über die benachbarten Dächer ragen. Das tun sie nun schon über 100 Jahre lang. Kurioserweise wird der heutige Bau direkt über die noch stehende Vorgängerkirche (ein ehemaliges Theater) am 30. Januar 1883 begonnen, am 10. Juli 1885 geweiht und 1887 abgeschlossen. Erst kurz vor Ingebrauchnahme entfernt man die alte, im Bau als Stützgerüst genutzte Vorgängerkirche.
Das 20. Jahrhundert meint es nicht so gut mit dem Holzbau. Nach einer Renovierung in den 70‘er Jahren muss die Kathedrale schon 1989 wieder geschlossen werden. Einer der Gründe sind Termiten. Erst nach 21 Jahren ist die Wiederherstellung abgeschlossen und die Kirche wird am 13./14. November 2010 wieder in Gebrauch genommen.
Wir haben Glück. Der sonntägliche Gottesdienst scheint zwar schon eine Weile lange beendet, trotzdem stehen die Türen noch offen. So bekommen wir eine seltene Chance, die römisch-katholische Kathedrale im neuromanischen Stil nicht nur von außen, sondern auch von innen zu besichtigen. Es lohnt sich.
Der dreischiffige Innenraum empfängt uns in warmen, stimmigen Holztönen. Was für ein Kontrast zu dem bekannten Eindruck so vieler Kirchen mit kalten Steinwänden oder überbordenden Prunk. Einfach nur schön.
An dieser Stelle wollen wir auch wieder einmal die 14. Stationen des Kreuzwegs dokumentieren. Selten sind die Darstellungen so liebe- und kunstvoll detailliert ausgestaltet.
Neben dem Altar bezeugt der gelb-rot gestreifte Padiglione (Basilikaschirm) den Status des Gotteshauses als Basilica Minor. Über der Eingangspforte zeugt das Wappen von Papst Franziskus von der 2014 vorgenommenen Erhebung zur Basilika.
Leider bleibt uns nicht viel Zeit zur Besichtigung. Schon nach wenigen Minuten wirft uns ein wenig redseliger Mann raus. Direkt hinter uns schließt er die Pforte ab. Schade. Aber das kann den Gesamteindruck nicht schmälern. Die Sint-Petrus-en-Pauluskathedraal ist ein Ruhepol inmitten des zumindest unter der Woche oft chaotischen Paramaribo und wirklich ein wunderschönes Gotteshaus.