Isla de Chiloé (2) – Caleta Añihué & Puerto Hueihue

11. – 15. August 2020

Canal Hudson und Dalcahue

Zwischen Caleta Rilán und dem nächsten Zwischenstopp liegt quer die Isla Quinchao. Mit anderen Worten bleibt die Wahl zwischen einem Umweg rechts oder links herum. Wir entscheiden uns für letzteres. Die Gezeitenströmung sollte uns schnell durch den Canal Hudson schieben und so kommen wir zumindest auch mal in Sichtweite einer chilenischen Stadt. Nun gut, ehrlich gesagt ist Dalcahue mit seinen etwas über 7.000 Einwohner wohl doch eher ein Großdorf. Trotzdem haben wir seit Ushuaia keine vergleichbare Menschenansammlung in weniger als ein paar Meilen passiert. Doch vorher passieren wir erst einmal ein paar der hier fast allgegenwärtigen Fisch-und Muschelfarmen. Und neben normalen Fahrwassertonnen sind auch gerade die Begrenzungstonnen dieser Farmen ein beliebter Ruheplatz für Seelöwen.

Ungewöhnlicher Liegeplatz ;-)

Bei Dalcahue sichten wir zur ausgesprochenen Freude von La Skipper dann auch gleich mal regen Fährverkehr. Natürlich fahren sie kurz vor uns quer. Als Freizeitsegler und Gast lassen wir sie selbstverständlich unbehelligt passieren.

Mitten im Ort selbst ragt eine der 17 zum Weltkulturerbe Chiloés gehörenden Holzkirchen heraus, nicht weit entfernt bildet der Friedhof eine Landmarke mit Wiedererkennungspotenzial. Insgesamt präsentiert sich ein uns fast schon fremd gewordenes Treiben.

Iglesia de Nuestra Señora de los Dolores
Cementerio Parroquial
Cocineria Dalcahue

2.8 Caleta Añihué (Grupo Chauques)

Tagesziel ist eine kleine Inselgruppe vor der Ostküste Chiloés. Das Hauptdorf bietet zwar eine Ankerbucht, doch wir ziehen es vor, das Grundeisen eine etwas ruhigere Ecke weiter, nördlich der Isla Añihué zu werfen. Zumindest dachten wir, dass es ruhiger sei.

Hmmm… ist das nicht Salzwasser?!?

In der Tat liegen wir jedoch dicht bei der Hauptverbindungsstrecke zweier kleiner Insel-Ortschaften. Immer wieder, auch noch nachts, fahren kleine Boote und Fähren dicht an uns vorbei. Trotzdem ist es ein netter Ankerplatz. An Land weiden Kühe und laut blöckende Schafe. Hier warten wir gut geschützt den kurzen Durchgang der angesagten Schlechtwetterfront ab.

2.8 Caleta Añihué

Schon zwei Nächte später können wir bei angesagtem Westwind weiter Richtung Norden segeln. Das ist zumindest der Plan. Tatsächlich weht es leider wieder einmal teils kräftig gegenan aus NNW. Manchmal fragen wir uns schon, ob der über Kurzwelle bzw. Satellitentelefon abgeholte Wetterbericht wirklich diese Mühe Wert ist. Nun ja, da wir ja ohnehin allabendlich unseren Positionsbericht an die Armada schicken müssen, holen wir die Ergüsse der Kristallkugel halt auch weiterhin ab.

2.3 Puerto Hueihue

Begrüßt von einigen großen Delfine erreichen wir am Nachmittag unser Ziel. Puerto Hueihue präsentiert sich auf dem Detailplan der „blauen Bibel“ mal wieder als kleiner Leckerbissen. Die schmale Ausbuchtung mit Ihren Untiefen vor der Küste wird fast vollständig von Muschelfarmen eingenommen. Am Ende öffnet sich eine schmale, flache Durchfahrt in eine abgesehen von der Mitte ebenso flache Lagune. „There was reported the possibility to enter the inner bay from half tide.“ Keine Frage, wo der Skipper die Nacht verbringen möchte.

Das einzige Problemchen ist jedoch unsere tageslicht-bedingte Ankunft kurz nach Niedrigwasser. Wie empfohlen halten wir uns dicht an der Muschelfarm. Das denken wir zumindest, als die Bojen eine gute Bootslänge an Steuerbord vorbeiziehen. Das sehen die lokalen Fischer anders. Sie winken und bedeuten uns, doch besser noch etwas dichter zu passieren. Nun gut, auch 2-3m Seitenabstand reichen locker aus. Doch wie sieht es mit der Zufahrt zur Lagune aus? Mit unseren bei aufgeholtem Schwert gerade mal 1,1m Tiefgang bin ich eigentlich zuversichtlich. Trotzdem folgen wir, nicht zuletzt auf Wunsch von La Skipper dem Angebot der Fischer und machen erst einmal an der vorgelagerten Boje fest. Hier könnten wir gerne 2-3 Stunden auf ausreichend Wasser warten. Ernsthaft? Natürlich nicht. Schließlich ist es schon fast 17 Uhr und der Tag neigt sich dem Ende zu.

Dinghy auf Sondierungsfahrt.

Das Dinghy geht zu Wasser und die Crew macht sich mit Handtiefenmesser auf Erkundungsfahrt. Dem an Bord gebliebenen Skipper werden via Handfunke knapp drei Meter Wassertiefe bestätigt. Keine zwei Minuten später ist der Motor an, die Samai von der Boje los und ich fahre dem Dinghy hinterher durch die Einfahrt. Lustigerweise ist jedoch nicht die Einfahrt die wirkliche Herausforderung. Dahinter bleibt es erst einmal eine ganze Zeit lang unter drei Meter Wassertiefe. Deutlich zeichnet sich der sandige Grund ab. An Backbord, da wo die elektronische Seekarte auf dunkelblauem Grund nur eine schlichte 1 anzeigt, schauen sogar einige Sandbänke heraus. Doch so kann und wird es nicht bleiben. Schließlich liegen vor uns ganze vier Segelboote an ihren Bojen. Plötzlich zeigt der Tiefenmesser 10m an. Wir markieren die mit Radar georteten Nachbarn auf dem Plotter, fahren den Rand der tiefen Stelle ab und werfen schließlich mitten rein den Anker.

grün: Ankunft mit Zwischenstopp an Boje und Sondierung der Lagune
rot: Kreisausschnitt vor Anker bei Frontdurchgang
blau: Abfahrt

Ein idyllischer Sonnenuntergang beschließt den Tag gegen 18 Uhr.

Wir bleiben drei Nächte. Wieder einmal ist der Durchgang einer kräftigen Westwindfront angesagt. Hier kann sie uns wenig anhaben. 50M Kette halten das Boot bei allen Böen sicher im Kreisausschnitt. Schneller als angesagt beruhigt es sich. Plötzlich haben wir statt angesagten 4-5 Bft. entspannte Windstille bei schönstem Sonnenschein. Auch die inzwischen häufiger anzutreffenden Schwarzhalsschwäne schauen vorbei.

Als Randnotiz ist nur noch zu bemerken, dass unsere Antenne am Heckträger hier erstmals seit Ushuaia wieder Internet empfängt. Eines der Häuser am Ufer, anscheinend ein kleines Hotel, hat ein offenes Netz. Damit sind wir der Wildnis wohl endgültig entronnen und wieder in der Zivilisation angekommen.

2.3 Puerto Hueihue

Isla de Chiloé (1) – Estéro Huildad & Caleta Rilán

09. – 10. August 2020

Die Isla de Chiloé ist ein tolles Segelgebiet und einen Besuch mehr als wert. Die Insel beherbergt einen Nationalpark, ihre Holzkirchen gehören zum Weltkulturerbe und die Inselhauptstadt Castro lockt mit bunten Pfalbauten (Palafitos). Wir haben uns schon lange auf den Besuch gefreut. Umso ernüchternder war natürlich die Erkenntnis, dass wir das alles nur vom Wasser aus werden besichtigen können. An Landausflüge war in Zeiten der Quarantäne nicht zu denken, schon gar nicht ohne chilenischen Stempel im Pass. Zu dem leise lächelnden Auge, es hierher auf eigenem Rumpf geschafft zu haben gesellte sich dementsprechend ein laut donnernde Tränenströme ausweinendes Auge. Da half auch die gut gemachte Chiloé-Dokumentation von mareTV nicht wirklich… manchmal liegt die Schönheit um die Ecke allzu fern.

Immer mal wieder Pelikane…

Golfo de Corcovado

Wenigstens konnten wir auf der Überfahrt vom chilenischen Festland zur Isla de Chiloé endlich mal wieder so richtig schön segeln. Nach verhaltenem Anfang nahm der Wind immer mehr zu, kam zwar mehr von vorne und natürlich auch stärker als angesagt, ließ aber die Segel darum betteln rausgeholt zu werden. Dem gab der Skipper gerne nach und ließ das Vollzeug (also ungerefftes Groß- und Vorsegel) auch bei 5-6 Bft. (leicht vorlichem) Halbwind noch stehen. Die Samai flog vom Wind getrieben und leicht vom Strom unterstützt mit locker über 9kn SOG (speed over ground) der Inselküste entgegen. Für unsere kräftige Alu-Dame ist das echt flott und Balsam auf die von langen Motorfahrten geschundene Seele eines Seglers!

Als sich bei unserer Fahrt über den Golfo de Corvodado die Wolken im Laufe des Tages etwas verzogen, zeigte dann auch noch der namensgebende Volcán Corcovado zumindest Schemen seiner imposanten 2.300m. Der Gipfel blieb leider im Grau versteckt.

2.22 Estéro Huildad

Als ersten Zwischenstopp legten wir uns in die etwas nördlich von Quellón gelegene Estéro Huildad. Die Segel mussten erst in der Abdeckung kurz vor der engen Durchfahrt eingeholt werden. Dahinter versprach eine große Bucht mit dichtem Wald guten Schutz.

Über das Fehlen der im Revierführer genannten Fischfarm waren wir nicht böse. Trotzdem bezeugte reger Schiffsverkehr überdeutlich, dass wir nach einsamen Wochen im wilden, patagonischen Süden nun endgültig wieder in die „Zivilisation“ zurückgekehrt waren. Für die Nacht legte sich dann noch ein kleiner Fischer an die benachbarte Boje.

2.22 Estéro Huilad

Golfo de Corcovado

Der nächste Tag war ein Paradebeispiel für „wechselhaftes“ Wetter. Immer wieder zogen Zellen mit Regen, Graupel und kräftigem Wind durch. Jedes Mal holten wir die Fock raus und fast jedes Mal hing sie wenig später wieder schlaff am Vorstag. Nur einmal lohnte es sich für eine Stunde den Motor auszuschalten und das Segelboot seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen. Den Abschluss dieses schönen Intermezzo bildete ein ebensolcher Regenbogen.

Auch mussten wir wieder einmal auf die Gezeiten achten. Strömt es schon durchaus merklich im offenen Golfo Corcovado, so sollte zumindest ein kleines Boot seine Durchfahrt in den angrenzenden Kanälen zeitlich gut planen.

An der Küste dominierten mehr und mehr Häuser, Felder, Wiesen, Kühe und Schafe das Bild. Doch die Bewirtschaftung endete nicht an Land. Auch auf dem Wasser zeigten sich immer häufiger Bojen von Auster- und Netzgehege von Lachsfarmen. Sie geben Zeugnis davon, dass Chile es mittlerweile zum weltweit zweitgrößten Lachsproduzenten gebracht hat.

2.10 Caleta Rilán

Auch in der Caleta Rilán hielten wir uns besser frei von den die Einfahrt dominierenden Zeichen der Zivilisation.

Austerfarmen in der Einfahrt zur Caleta Rilán

Doch wo ist hier am Ufer diese Rampe auf deren Höhe man den Anker werfen sollte. Die angegebenen GPS-Koordinaten lagen sowohl auf der Karte auch der Realität ohnehin wieder einmal an Land. Der hintere Teil der Bucht ist selbst für unsere Samai grenzwertig flach. So fuhren wir bei herrschendem Hochwasser die 4m-Tiefenlinie ab und warfen das Grundeisen davon entsprechend der geplanten Kettenlänge entfernt. Kaum waren wir fest erspähten wir endlich diese ominöse Rampe. Besser gesagt deren Überreste, von denen kaum etwas aus dem Wasser schaute. Das ist dann wohl eher eine nur bedingt geeignete Landmarke.

Diese Landmarke ist nur bei Niedrigwasser eine Hilfe.

Erstmals seit Ushuaia ankerten wir in Nachbarschaft eines richtigen kleinen Ortes. So mit mehreren Häusern, Autos, Menschen und auch vielen anderen Fischerbooten an ihren Bojen. So noch nicht gesehen hatten wir allerdings die maritime Müllabfuhr.

Trotzdem kam die Natur nicht zu kurz. Besonders die hier erstmals so richtig bewusst gesichteten, ihrem Namen alle Ehre machenden Schwarzhalsschwäne zauberten ein Lächeln auf die Gesichter der Crew.

Immerhin durften wir einen wirklich schönen Sonnenuntergang genießen :-)

Doch auch hier hielt es uns nur eine Nacht. An soviel Geschäftigkeit werden wir uns wohl noch etwas gewöhnen müssen. Selbst die Wettervorhersage verführte nicht zum Verweilen. Irgendwann müssten wir ja auch mal in Valdivia ankommen und die nächsten Ankerplätze schienen ruhiger zu sein. Also los…

2.10 Caleta Rilán

Alltagsprobleme in hohen Breiten: Kelp

Kelp… ja, das ist auch so eine Sache. Erstmals begegneten wir den bis zu 50m langen Unterwassergewächsen im südlichen Argentinien. Da schwamm hin und wieder so ein offensichtlich pflanzliches Zeug im Wasser. Ab dem Beagle-Kanal wurde eben dieser Kelp dann sogar in den Seekarten verzeichnet. Ist schon irgendwie lustig, dass da nicht nur Küste, Tonnen, Steine, Tiefenlinien und Verkehrstrennungsgebiete zu sehen sind, sondern auch Wasserpflanzen. Sinn macht es allemal. Wenn in der Karte Kelp verzeichnet ist, dann ist da normaler Weise auch Kelp.

Wd = Weed = Kelp (zumindest in einer Seekarte ;-)

Für Segler ist dieser Seetang mit atemberaubenden Wachstumsraten (bis zu 50cm am Tag!) Fluch und Segen zugleich. Die Grundregel lautet: „Bleib weg vom Kelp!“ Einerseits leistet es gute Dienste beim Finden von Untiefen und Steinen in engen Einfahrten und schlecht kartierten Buchten. Mehr als einmal wies es auch uns einen besseren Weg als den über den felsigen Untergrund. Andererseits lässt es sich selbst in offenen Kanälen nicht immer vermeiden, gelegentlich in mehr oder weniger große Felder von losgerissenem Kelp zu geraten. Mit energischem vor-, zurück- und im Kreis fahren bekommen wir Schraube und Ruder aber fast immer schnell wieder frei. Schließlich ist es nicht ungewöhnlich, beim Aufholen des Ankers zugleich einen Haufen Kelp abzuernten (z.B. in der Caleta Alakush). In diesem Fall hilft nur noch die schon in Brasilien zugelegte Machete. Auf eine Nutzung des Ertrags als jodhaltiges „Superfood“ aus eigener Ernte verzichten wir dann aber doch.

Nördlich vom Golfo de Penas wird Kelp seltener. Nun muss man die Steine wieder althergebracht mit Karte, Lot und Gefühl umschiffen. Trotzdem vermissen wir ihn nicht wirklich. Ja, es sieht sicher lustig aus, wenn der Skipper kopfüber vom Bugspriet hängt um das Zeug vom Anker abzuhauen. Ja, irgendwann hat man auch ein Gefühl für dem richtigen Winkel beim Durchbrechen der um die Landleinen gewickelten Stängel. Und die Kinder trugen nicht nur Verantwortung im Ausguck (z.B. im Beagle-Kanal), sondern hatten auch ihren Spaß, in den großen Blätter kleine (Königs-)Krabben zu finden. Trotzdem reicht es einem irgendwann dann auch mal.

Wir sind eine Erfahrung reicher. Es ist eine Erfahrung, die wir in Erinnerung behalten werden. Doch so richtig vermissen werden wir ihn trotzdem nicht. Nicht einmal kulinarisch.

Kelp kann man auch angeln…

Alltagsprobleme in hohen Breiten: Nachtfrost

Wir hatten ja schon das ein oder andere Mal darauf hingewiesen, dass wir dieses Jahr nicht unbedingt mit den Freuden immerwährenden Sommers gesegnet waren. Zwar hatten wir hier unten einen durchaus schönen Südsommer. Doch wenn man diesen in der Antarktis verbringt, dann bleibt das T-Shirt selten einzige Oberbekleidung. Auch der Sprung vom Boot ins erfrischende Nass bleibt meist nicht mehr, als eine verblassende Erinnerung.

Doch so richtig kalt wurde es eigentlich erst in den patagonischen Kanälen. Der Südwinter brachte zumindest an der Küste zwar wenig Schnee (Ausnahme: Caleta Brecknock), dafür aber regelmäßig gefrorene Buchten und Nachtfrost.

Bahía Woods
Caleta Paroquet

Dieser Nachtfrost bringt einerseits ein ausgesprochen frisches Schlaferlebnis. Eingehüllt in mehrere Lagen sowohl Kleidung als auch Decken schaut kaum mehr als die Nase raus. Das Aufstehen kostet bei unter Deck normalerweise locker einstelligen Temperaturen einiges an Überwindung. Wenigstens tropft nicht soviel Kondenswasser auf die schlafende Crew. Stattdessen zählt man kleine Eisknubbel an der Decke. An diesen Anblick möchte man sich aber eigentlich genauso wenig gewöhnen, wie an von innen gefrorenen Scheiben.

Andererseits gibt es bei einem ersten Rundgang an Deck wunderschöne Formen zu entdecken. Daher will ich jetzt auch gar nicht weiter rumjammern, sondern einfach nur einige Impressionen teilen.

Wohl jeder Segler versucht wohl das Erlebnis von Nachtfrost an Bord eines Bootes zu vermeiden. Das ist ehrlich gesagt auch eine richtig gute Idee, doch nicht überall möglich. Schon gar nicht im Winter, noch dazu in hohen Breiten. Doch letztlich war die Route ja selbstgewähltes Schicksal. Also dicken Schal umgeworfen, Sonnenbrille auf und lächeln… das war alles so geplant ;-)

Das hatten wir dann wohl oben liegen lassen ;-)

Alltagsprobleme in hohen Breiten: Landleinen

Ich hatte in Schweden mal gesehen, wie ein Boot seine Landleine nur gefiert und damit auf Grund gelegt hatte, um ein anderes Boot durchzulassen. „Gute Idee“… dachte ich… damals. Ja, das mit den Landleinen haben wir hier im tiefen Süden sozusagen „von der Picke auf gelernt“. Über die kleinen und großen Fallstricke beim praktischen Ausbringen hat Samuel ja schon berichtet. Daher beschränke ich mich an dieser Stelle auf ein paar eher „technische“ Gedanken .

200m Schwimmleine

Nicht umsonst werden hier unten als Landleinen bevorzugt Schwimmleinen verkauft. In Ushuaia hatten wir uns mit einer 200m Schwimmleine ausgestattet, die sehr schnell auch den essentiellen Kern unserer Landleinen-Ausrüstung bildete. In kleineren Buchten verwendeten wir sie parallel an bis zu drei Haltepunkten. Also ein Ende kam von Baum/Stein zum Boot auf Klampe, von dort über andere Klampe an zweiten Baum/ Stein und wieder zurück zum Boot auf Klampe, das andere Ende schließlich von einer dritten Klampe an einen dritten Baum/Stein.

Ein anderes Thema ist die Unterbringung dieser Leine. Oft sieht man große, gerne in Mastnähe angebrachte Rollen. Das ist sicherlich eine gute Sache, wenn das Heimatrevier regelmäßig nach Landleinen verlangt. Für uns kam das eher nicht in Frage. In der Antarktis hatte ich die 200m Leine mehr schlecht als recht um eine dicke Metallstange gewickelt. Nicht schön. Doch dann sah ich zurück in Ushuaia beim (einzigen) Ausstatter eine Plastikrolle mit kleinem Leinenrest rumstehen und habe nett gefragt. Tatsächlich schenke man mir kurzerhand die Rolle, sowie auch die 4m Leinenrest . Dabei spielte sicher mit rein, dass ich gerade für mehrere hundert Euro unseren zwei neuen, richtig großen Fender kaufte. Wie auch immer, diese Rolle achtern am Cockpittisch angebracht, war für uns eine nahezu perfekte Lösung:

+ als erste Leine schnell ausgebracht

+ lang genug um schon während des Ankermanövers an Land zu kommen

+ lang genug für mehrere Haltepunkte

+ schwimmt und somit sehr leicht mit Dinghy handhabbar

+ Knoten grundsätzlich gut zu lösen

+ als letzte Leine keine Gefahr von „Leine in der Schraube“

+/- nach Benutzung zwar sauber, aber recht aufwändig aufzurollen

–> Note: 1

Die Allzweckwaffe ist im Dauereinsatz!

56m Ankarolina

Die Ankarolina wird in Skandinavien gerne als Leine für den Heckanker verwendet. Hier unten setzten wir sie als Landleine ein. Einerseits ist das sehr praktisch, da sie auf ihrer kompakten Rolle am Heckkorb schnell einsetzbar und leicht wieder einzuholen ist. Andererseits ist es letztlich ein Gurtband. Das kommt gerne mal ins Vibrieren. Das haben wir gerade bei stärkerem Wind deutlich zu hören, ja fast schon spüren bekommen. Und wenn man sich bei einstelligen Temperaturen mit nassen Händen an einem festgezogenen Gurtbandknoten versucht, schleicht einem definitiv kein Lächeln über die Lippen. Je länger wir unterwegs waren, umso seltener kam die Ankarolina als Landleine zum Einsatz.

+ schnell von Rolle einsetzbar und wieder einzuholen

– sinkt und somit (gerade bei voller Länge) schwer mit Dinghy handhabbar

– verhakt sich sehr gerne im Kelp (und zieht es gerne auch aus dem Wasser)

– bei starkem Wind teilweise heftige Vibrationen

– festgezogene Knoten sind sehr schwer zu lösen (Marlspieker nicht vergessen)

–> Note: 4

Die Ankarolina bleibt immer öfters verpackt…

Normale Festmacher

Ja, auch die normalen Festmacher versinken und sind somit nicht immer leicht im Dinghy handhabbar. Und doch haben sie unbestreitbar Vorteile. Zunächst einmal sind sie ohnehin an Bord, haben ihren Platz und sind schnell einsetzbar. Dazu kann man sie zusammenknoten und somit sehr flexibel an die benötigte Länge anpassen. Gerade wenn das Boot mit dem Heck dicht an einer von Fischern schon quer durch die Bucht gespannte Leine liegt, braucht es nur wenige Meter „Land“leine.

+/- recht unkompliziert im Einsatz

– sinkt und somit recht schwer im Dinghy handhabbar

+ flexibel in der Länge

+ auch festgezogene Knoten gut lösbar

–> Note: 2-3

Das volle Programm… Anker, Schwimmleine, (rosa) Festmacher und Ankarolina (Kettenvorläufer nicht im Bild)

Praxis

Übung macht den Meister. Diese Binsenweisheit gilt natürlich auch für den Einsatz von Landleinen. Es brauchte tatsächlich einige Anläufe, bis sich so etwas wie Routine einstellte und man auch an die Kleinigkeiten dachte. Dazu gehört einerseits der eigentlich allgemein bekannte Umstand, dass Leinen scheuern. Insbesondere an Steinen. Schon früh waren daher immer zwei kurze Kettenvorläufer mit im Dinghy. Die hatten auch den Vorteil, dass eine an einem beim nächsten Hochwasser spontan versinkenden Stein angebrachte Leine definitiv nicht aufschwamm.

Einen letzten Gedanken hatte ich schon recht früh, dann auch konsequent umgesetzt, aber glücklicher Weise niemals wirklich gebraucht. Wir haben die Leinen grundsätzlich so gelegt, dass sie einfach vom Boot loszuwerfen waren. Im Notfall müsste es schnell gehen und eine Abfahrt ohne Landgang möglich sein. Bevorzugt, ohne dabei eine Leine durchschneiden zu müssen. Insbesondere für die am Cockpittisch aufgerollte Schwimmleine bedeutete das also, immer hinten raus und dann außen um Heckträger und Achterstag nach vorne geführt zu werden. Ja, das ist manchmal etwas aufwändiger, meines Erachtens aber die Mühe Wert.

So, jetzt habe ich mich über dieses Thema doch länger als geplant ausgelassen. Allen, die diese Zeilen noch lesen gilt mein Dank für das Durchhalten. Doch ehrlich gesagt hätte ich mir mehr oder weniger genau solche Informationen schon vor unserer Abfahrt gewünscht. Insofern verzeihe man mir den Anflug von Sendungsbewusstsein und sei versichert, dass es an dieser Stelle schon bald mit auch für Nichtsegler (hoffentlich) interessanteren Artikeln weiter geht.