Von der Isla Redonda nach Chile

27. – 28. Mai 2020

Am Tag der Abfahrt war der Weg bis nach Chile schlichtweg nicht machbar. Aber wir wollten trotzdem einfach nur raus. Nicht, dass es sich noch irgendjemand anders überlegt. Die 12sm zur Isla Redonda waren schnell zurückgelegt, die uns empfangende Ruhe grandios (s. „Wir sind wieder unterwegs“ vom 28. Mai… schon wieder ;-).

Der Grenzübertritt am Folgetag verlief ebenfalls problemlos (s. „Grüße aus Chile“ vom 29. Mai). Man ließ uns passieren und erbat lediglich den in Chile obligatorischen, täglichen Positionsreport.

Chile…

Gegen Starkwind und einer trotz der Enge des Kanals unangenehmen Welle fuhren wir bis zur Caleta Olla. Ich wollte einfach ein paar Meilen weit rein ins Land. Hier fiel der Anker. Die Crew atmete durch. Wir waren endlich wieder unterwegs.

Hoffen in Valdivia

Valdivia, 28. August 2020

Die Situation in Chile zeigt sich landesweit recht unterschiedlich. Jede der über 300 Gemeinden befindet sich in einer von vier Stufen:

  1. Cuarentena (49)
  2. Transición (35)
  3. Preparación (206)
  4. Apertura Inicial (55)

Offenkundig bringt Stufe 1 die meisten Restriktionen mit sich. Wir befinden uns in einem Landesteil mit vielen Gemeinden der Stufe 4. Im Grunde also alles gut. Im Gegensatz zum föderalistischen Deutschland ist Chile jedoch ein ausgeprägter Zentralstaat. Dementsprechend sind den lokalen Behörden auch die Hände gebunden, solange Santiago kein grünes Licht für unsere Einreise gibt.

Folglich haben wir unseren Fall nun der Deutschen Botschaft geschildert, die daraufhin in einer Verbalnote an das Chilenische Außenministerium um eine Sondergenehmigung ersucht hat. Wir sind tatsächlich der erste (deutsche) Fall dieser Art, so dass alles Weitere schwer vorherzusehen ist. Vielleicht greift ja auch Plan B?! Die aktuellen Information zur Grenzschließung nennen immer noch Sonntag, den 30. August als letzten Tag… drückt die Daumen!

Inzwischen ist es gut eine Woche her, dass wir hier in Valdivia angekommen sind. Wobei wir ehrlich gesagt ja noch gar nicht in Valdivia selbst, sondern eine Handvoll Meilen davor in La Estancilla, also der „Außenstelle“ des Club de Yates Valdivia, liegen. Das ist im Grunde aber auch ganz gut so, da wir hier etwas weiter „ab vom Schuss“ sind. Offiziell dürfen wir immer noch nicht das Boot verlassen, doch hier draußen haben wir vom Club die Erlaubnis, uns auf dem Gelände frei zu bewegen. Natürlich immer mit Mundschutz und angemessenem Abstand. So nutzen wir die Zeit dazu, Waschmaschine und Trockner im Dauerbetrieb haltend, einmal die gesamte Wäsche an Bord wieder in einen erträglichen Zustand zu bringen. Selbst bei sparsamem Kleiderwechsel sammelt sich mit vier Personen in knapp drei Monaten ganz schön was an.

Eines müssen wir jetzt aber doch mal gestehen: Wir halten die Abstandsregeln nicht ausnahmslos ein! Ok, von anderen Menschen halten wir uns natürlich fern. Die zwei Hunde hier werden von den Kindern jedoch vollkommen rücksichtslos gestreichelt.

Der kleine Loki, gerne auch „Wuschel“ genannt, ist noch sehr jung und verspielt, springt gerne mal am Bein hoch und sieht bei Regen dem Wetter angemessen aus. Das bei Nachwuchs unwiderstehliche „Planschen in Pfützen“ scheint ein artübergreifendes Phänomen zu sein.

Die ältere Samatha ist da schon etwas gesetzter. Sie trottet gerne mal hinterher auf den Steg und sitzt dann neben dem Boot um lautstark ihre Streicheleinheiten einzufordern. Dem kommen die Kinder natürlich gerne nach.

Katzen gibt es auch, gleich vier an der Zahl. Jedoch sind diese sehr zurückhaltend. Und dann sind da noch zwei keine, weiße Plüsch-Baby-Schwäne, die anscheinend ihre Eltern verloren haben. Erstmals sahen wir sie im Wasser. Später dann lagen sie zusammengekuschelt in einer Decke auf den Armen eines der Clubmitarbeiter und genossen die Heizlüfterwärme im kleinen Büro. Sehr süß!!!

So versuchen wir die Zeit also sinnvoll zu nutzen und hoffen auf eine baldige Klärung unserer Situation. Wenigstens lädt das ausgesprochen (schnee-)regnerische Wetter der letzten Tage nicht wirklich zu Außeneinsätzen ein. Doch so nett hier auch alle zu uns sind wäre es schon schön, mal wieder selbst in einen Supermarkt gehen zu können. Es liegt uns irgendwie nicht, anderen so viel Aufwand und Umstände zu bereiten… aber welche Wahl haben wir aktuell schon?! Es bleibt beim Prinzip Hoffnung!

Warten in Valdivia

Valdivia, 22. August 2020

Die gute Nachricht vorweg: Gestern Abend gab es mal wieder lecker Asado! Jorge war so lieb, für uns ein paar Einkäufe zu erledigen und die Sachen zum Steg zu bringen. Zumindest kurzfristig sind wir also gut versorgt.

Und dann hatten wir auch noch Besuch von unserem ausgesprochen netten Honorarkonsul. Auf unsere Anmerkung, dass wir momentan darauf warten würden, dass die offiziellen Stellen vorbeikommen, schüttelte er jedoch nur den Kopf: Die werden nicht kommen!

Wie jetzt… was ist da los? Wir haben uns ja nicht heimlich hierher geschlichen, sondern ganz brav jeden Tag unsere Position berichtet und jede Anfrage gewissenhaft beantwortet. Demnach wussten eigentlich auch alle involvierten Stellen hier vor Ort, dass wir kommen würden. Bevor man uns einreisen lässt, bedarf es jedoch einer offiziellen Bestätigung des Gesundheitsministeriums in Santiago. Die wurde erstmals kurz nach unserem Grenzübertritt und dann nochmal vor gut einer Woche angefragt… und abgelehnt. Entscheidung streng nach Vorschrift: die Grenze ist geschlossen, Einreise nicht möglich.

Irgendwie habe man es wohl versäumt, uns von dieser Entscheidung zu unterrichten (… eine ganz andere Frage ist, ob das irgendetwas geändert hätte ;-). Zur Erinnerung: Wir treiben uns seit fast drei Monaten geduldet in den chilenischen Hoheitsgewässern umher und haben dabei über 2600 km zurückgelegt. Da beißen sich Theorie und Praxis dann wohl schon ein wenig.

Nun gut, auch wenn Teile der Crew das weniger entspannt sehen, ist es im Grunde ja nicht weiter wild. Wir dürfen uns (halb offiziell) in der Marina frei bewegen, die Männer haben gestern sogar noch geduscht, nachher wird Wäsche sortiert und wir haben wirklich einiges an Bord zu erledigen, wofür eine offizielle Einreise nicht wirklich notwendig ist. Ja, wir können das Boot erst einmal nicht rausholen (Propeller braucht neue Opferanoden) und das Einkaufen gestaltet sich umständlich. Allerdings sind wir hier von lauter ausgesprochen lieben und hilfsbereiten Menschen umgeben. Nach Jorge hat auch der Honorarkonsul angeboten für uns einzukaufen und das Füllen der Gasflaschen läuft wohl ohnehin immer über die Marina. Im Grunde ist also erst einmal alles soweit in Ordnung.

Wie geht es nun weiter? Der aktuelle Termin für die Grenzöffnung ist zwar nicht mehr fern, nur noch bis zum 30. August ist sie definitiv geschlossen. Eine Verlängerung dieser Frist ist aber natürlich nicht ausgeschlossen. Unabhängig davon werde ich jetzt also eine Nachricht an unsere Botschaft in Santiago schicken um noch einmal persönlich unsere Situation und Absichten zu schildern. Nächste Woche geht für eine Handvoll anderer Fälle ohnehin eine Anfrage an das für die notwendige Sondergenehmigungen zuständige chilenische Außenministerium raus und da wird man uns einfach mit rein schieben. Mal schauen, ob das klappt.

Uns geht es jedenfalls soweit gut, wir versuchen die Situation locker und optimistisch zu nehmen (Einwurf von La Skipper: der weibliche Teil der Crew arbeitet da noch dran ;-) und machen uns an die lange 2do-Liste. Langeweile sollte eigentlich nicht aufkommen…

Ankunft in Valdivia

21. August 2020: Marina La Estancilla (Valdivia)

Am 27. Mai 2020 haben wir das argentinische Ushuaia verlassen, um am nächsten Tag über die offiziell geschlossene Grenze in chilenische Gewässer zu fahren. Am 20. August 2020 sind wir in Valdivia angekommen. Das macht eine Reisezeit von 85 Tagen und Nächten. Dabei haben wir in 48 verschiedene Buchten übernachtet, allerdings keine Häfen oder Städte besucht, zwei Nachtfahrten gemacht und insgesamt über 1300sm zurück gelegt… leider meistens unter Motor. All das ohne offizielle Einreise in Chile und ohne das hier eigentlich notwendige „Zarpe“… nicht ganz alltäglich!

Und jetzt liegen wir hier am Steg der Außenstelle des Club de Yates Valdivia und warten. Wenigstens haben wir (noch) schönstes Winterwetter!

Eigentlich sollten Armada und Co. schon gestern vorbei kommen, doch alles, was wir bisher bekommen haben, ist ein Schreiben vom Hafenkapitän, dass wir aufgrund der aktuellen Situation das Boot nicht verlassen dürfen. Erst müssen uns die „autoridades competentes“ freigeben. Vielleicht brummt man uns tatsächlich noch eine 2-wöchige Quarantäne auf?! Wenn man bedenkt, dass wir seit 12(!) Wochen ohne einschlägigen Menschenkontakt unterwegs sind, wäre das reichlich absurd.

Wir haben aber tatkräftige Unterstützung von Jorge. Er hat nicht nur schon vor Wochen ein Paket für uns angenommen (und dabei sogar die Zollgebühr vorgestreckt!). Er steht auch in Kontakt mit den offiziellen Stellen, kennt und kommuniziert dort unsere Situation. Schließlich hat er vorhin angeboten, für uns in den Supermarkt zu gehen… vielleicht gibt es heute Abend ja sogar ein kleines Asado mit chilenischem Bier?!

Auch der deutsche Honoraronsul in Valdivia hat seinen Besuch bei uns schon angekündigt. Dann können wir uns endlich persönlich für seine Hilfe bedanken… letztlich war es ja die von der Gobernatión Marítima de Valdivia ihm gegenüber gemachte Aussage, dass wir gerne von Ushuaia nach Valdivia kommen dürfen, welche uns die Ausreise aus Argentinien überhaupt erst ermöglichte.

Die Marina La Estancilla liegt etwas außerhalb von Valdivia, hat aber alles, was wir aktuell brauchen: Duschen, Waschmaschine, gutes WiFi am Steg, Strom und Wasser… da die Armada bevorzugt vormittags „arbeitet“, werden wir uns nachher also wohl mal ganz diskret an Land schleichen und etwas für die Körperpflege tun. Zumindest für den Skipper wird das tatsächlich die erste Dusche seit Ushuaia werden.

Da hinten sind irgendwo die Duschen!

Ansonsten merkt man durchaus, dass das hier so eine Art „deutsche Hochburg“ in Chile ist. Schon am ersten Abend werden wir von einem älteren Herrn am Steg in lupenreinem Deutsch angesprochen. Auch die Tochter von Jorge spricht nach 10 Jahren Schulunterricht unsere Sprache nahezu perfekt und war sogar schon mal zum Austausch in Münster. Und wenn wir dann irgendwann mal offiziell an Land dürfen, führen uns unsere Schritte sicher zeitnah in das nächstgelegene Restaurant: „La Ceverceria“ Kunstmann… nicht nur die Kinder können es kaum erwarten!

Und doch wollen wir hier möglichst schnell wieder weg. Also uns zumindest die 5sm flussaufwärts in die stadtnahe Club-Marina verlegen. Dort können und dürfen es dann durchaus ein paar Wochen werden. Einkaufen, Durchputzen, 2do-Liste und auch etwas Sightseeing stehen auf dem Programm, bevor wir uns dann so richtig auf den Pazifik wagen…

Wir halten euch natürlich auf dem Laufenden!

Inzwischen in Chile

Caleta Poza de Oro, 31. Juli 2020

Inzwischen sind seit unserer Abfahrt aus Ushuaia über zwei Monate vergangen. In 64 Nächten haben wir an 40 verschiedenen, in aller Regel wunderschönen Orten die Nacht verbracht… plus eine Nacht auf See. Dabei haben wir laut Logbuch 999sm zurückgelegt. Inzwischen liegen wir Luftlinie nur noch gut 250sm südlich von Valdivia, auf dem Wasser werden das gut 350sm sein. So gesehen ist ein Ende in Sicht.

Und dann ist da schon wieder einmal die Sache mit dem Wetter. Bisher hatten wir im Großen und Ganzen eigentlich Glück. Wir konnten zwar wenig segeln, aber das ist hier in der Gegend eigentlich normal. Wir mussten jedenfalls nie länger als 3 Nächte auf eine gute Vorhersage für die Weiterfahrt warten.

Genauso lange liegen wir jetzt in dieser schönen Caleta Poza de Oro vor Anker, doch dieses Mal ist an die Weiterfahrt noch nicht zu denken. Zwischen uns und der Isla de Chiloé liegt die zwar nicht sehr breite, trotzdem mit einen ausgesprochen schlechten Ruf versehene Boca del Guafo zum Golfo de Corcovado. Hier brauchen wir ruhige Bedingungen und eine günstige Tide. Doch für die nächsten Tage, wahrscheinlich sogar bis Mitte nächster Woche, sind nun einmal nördliche (also Gegen-)Winde mit teils heftigen Böen (weit über 30kn) angesagt. Somit zeichnet sich ab, dass das hier unser längster Stopp zwischen Ushuaia und Valdivia werden wird.

In unserer täglichen Positionsmeldung geben wir als geplante Ankunft noch den 16. August an… doch da gehören inzwischen wohl doch ein paar Fragezeichen angehängt. Aber das ist kein Grund zur Sorge. Die Crew müffelt gesund und munter vor sich hin hin. Auch bei den Vorräten sieht es gut aus:
Inzwischen sind das frische Obst und Gemüse zwar abgesehen von einem Apfel, einer Orange, ein paar Zitronen, einem Dutzend Gemüsezwiebeln und reichlich Knoblauch aufgebraucht, und auch unser letztes frisches Fleisch war vorgestern auf dem Grill. Damit wird der Essensplan nun wohl etwas eintöniger, aber nicht weniger nahrhaft. Denn wir haben noch reichlich Nudeln, Reis, Kartoffelbrei, diverse Konserven, Tomatenpüree und mehr in den Schapps. Mehl und Hefe reichen für viele Brote, nur beim Zucker waren wir etwas zu sparsam. Zum Frühstück gibt es noch Salami, Käse sowie eine große Auswahl an süßen Leckereien (Marmeladen, Nutella, Honig, Dulce de lece mit und ohne Schoki…). Wir werden also kaum verhungern. Sogar Bier, Wein sowie eine Flasche Shackleton-Whisky lassen sich noch finden!

Inzwischen sind unsere 25(!) Dieselkanister zwar in den Tank umgefüllt, dort finden sich aktuell aber auch noch etwa 300l. Damit könnten wir notfalls bis Valdivia duchmotoren.

Auch beim Gas sieht es gut aus. Erst eine unserer zwei großen (5kg) Flaschen ist leer und wenn die zweite aufgebraucht ist, haben wir immer noch eine kleine (2,5kg) Flasche in Reserve. Damit werden wir uns wohl sogar noch einmal Pizza gönnen…

Langeweile dürfte (zumindest theoretisch) auch nicht aufkommen. Die Kinder kämpfen mit den ungeliebten Überbleibseln des letzten Schuljahres, wir haben eine große Auswahl an Karten- und Brettspielen, (Hör-)Büchern und -spielen dabei, und Maila tanzt immer noch gerne musikalisch begleitet durch den Salon.

So warten wir hier aktuell eingeregnet also auf Wetterbesserung und genießen weiterhin die Abgeschiedenheit. Unsere Neugier hält sich zugegebener Maßen in Grenzen. Nur am Rande bekommen wir mit, was in der verrückten Welt inzwischen so vor sich geht. Ein Segen mit Verfallsdatum. Die Schwarmintelligenz der Menschheit scheint ja gerade mal wieder in Bestform zu sein. Doch das werden wir noch früh genug mit aller Wucht erfahren. Mal sehen wie es in Valdivia weiter geht, bzw. gehen kann…

In diesem Sinne passt alle gut auf Euch auf und bleibt gesund, munter sowie optimistisch!

P.S. Dieser Eintrag wurde per Kurzwelle eingestellt und beinhaltet daher keine Bilder. Auch Kommentare können wir erst wieder lesen, beantworten bzw. auch nur die zur Veröffentlichung notwendige Genehmigung erteilen, wenn mal wieder Internetzugang besteht ( das soll jedoch bitte niemanden vom Schreiben abhalten ;-).