Heute morgen, kurz vor dem Frühstück, ereilt mich die frohe Kunde:
Ich muss nach Manta!
Wie jetzt? Manta ist die nächste größere Stadt. Das sind zwar „nur“ etwa 90km. Trotzdem ist die Strecke mit dem Auto kaum in 1 ½ Stunden zu schaffen, der – aktuell ohnehin nicht zu empfehlende – Bus braucht wohl etwa 3 Stunden. One way! Warum muss ich da hin? Nun ja, es ist am Skipper, der dort ansässigen Migración persönlich gewisse Papiere vorzulegen. Und natürlich die Pässe. Moment mal… sollten wir wirklich?!?
Der Verteiler zeigt, dass wir bei den offiziellen Stellen anscheinend keine Unbekannten sind!
Über den Puerto Amistad wird kurzerhand ein Fahrer vermittelt. Der „offizielle Crewfahrer“ hier. Ein Neffe des Sicherheitschefs der Marina. Was für ein Zufall, aber letztlich egal. Er kommt aus Manta und sammelt mich im Bahía ein. Auf der Fahrt sammle ich erste Eindrücke von Ecuador. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit liegt anscheinend bei 90km/h. Mehrfach kratzen wir an der 120. Nur die „Abkürzung“ durch einen landwirtschaftlich geprägten Bereich schleichen wir um die mindestens knöcheltiefen Schlaglöcher. Reisfelder säumen den Weg, am Straßenrand wird Ware feilgeboten… sicher alles andere als ein leichtes Leben!
Hier geht locker 120!Hier nicht… Verkehr!Hier auch nicht: Schlaglöcher… und Kuh (später auch mal Esel)!
In Manta angekommen müssen wir uns in der Migración erst einmal gedulden…
Doch dann geht es recht schnell. Die Dame hat offensichtlich von unserem Fall gehört. Die Papiere werden vom Skipper persönlich übergeben, ein kleiner Schrank aufgeschlossen, ein Stempel mit der Aufschrift „Entrada“ hervorgeholt. „Uno – dos – tres – cuatro.“ Das war es dann auch schon. Unsere Pässe sind gestempelt! Wir sind offiziell eingereist!! Erstmals seit dem 28. Mai 2020 wieder legal in einem fremden Land!!!
Die ganze Aktion war dann aber auch kurz vor knapp. Schon sehr bald werden wir diese, in dezentem Neon-Pink gehaltenen Stempel brauchen. Ja, wir fliegen. Nur ein Inlandsflug in Ecuador, aber ohne Stempel trotzdem eine tendenziell Fragen aufwerfende Aktion. So sind wir zuversichtlich. Morgen früh geht es los. Die Crew der Samai geht auf Reisen. Ganz ohne Boot. Neugierig? Das nennt man dann wohl einen „Cliffhanger“. ;-)
Ach nööö… nicht schon wieder dieses langweilige Thema. Ja, ich hatte ernsthaft überlegt, ob ich dazu noch einen Beitrag schreiben soll, aber die Ergebnisse sind dann doch zu interessant… also meiner Meinung nach… bei Desinteresse einfach nur überfliegen oder auch wegklicken… oder auch als Einschlafhilfe missbrauchen… ;-)
Es wurde also gewählt. Erst einmal die Wahlbeteiligung: gut 81%. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass es in Ecuador kein Wahlrecht gibt, sondern eine gesetzliche Wahlpflicht für alle mündigen Bürger zwischen 18 und 65 Jahren, die keine Analphabeten sind! Da erscheint dieser Wert, von der westliche Demokratien nicht einmal träumen können, dann doch wiederum erstaunlich niedrig.
Das Ergebnis der Präsidentenwahl ergab einige Überraschungen.
Der linksgerichtete Arauz erreicht knapp 33% und damit etwas mehr als die letzten Umfragen prognostizierten. Er hat vor allem im bevölkerungsreichen Küstenabschnitt Ecuadors gewonnen. Das ist alles noch im Rahmen.
Zu diesem Kandidaten sollte ich vielleicht noch anmerken, dass er Schützling des ehemaligen Präsidenten Correa ist und tendenziell als dessen „Marionette“ gilt. In der Tat wurde der frühere Staatschef (2007-2017) nach seiner Amtszeit der Bestechlichkeit angeklagt und 2020 zu acht Jahren Haft verurteilt. Aktuell lebt er (natürlich aus persönlichen Gründen) im Heimatland seiner Frau: Belgien. Das hält Arauz jedoch nicht von der offensichtlich Stimmen bringenden Ankündigung ab, dass eben dieser Correa im Fall eines Wahlsieges sein erster und wichtigster Berater sein werde. Wow!
Entgegen aller Prognosen, bei der 13 der 16 Kandidaten keine 3% erreichen würden, spielt dann doch noch ein vierter Name mit: Hervas (¡Atrévete! Somos Gente Nueva – Traut euch! Wir sind neue Leute) erreicht fast 16%. Damit hat der Unternehmer zwar keine Chance auf die Stichwahl, aber dem neoliberalen Lasso wohl einiges an Stimmen weggenommen.
Eben dieser Lasso, reicher Banker und Vorstand mehrere Finanzholdings, hat in seinem dritten Anlauf bei Präsidentschaftswahlen (auch das bei uns unvorstellbar!) eben nicht den sicheren zweiten Platz und damit das Ticket für die Stichwahl klargemacht. Zwar hat der die Provinzen rund um die Hauptstadt Quito gewonnen. Doch statt zuletzt prognostizierter locker über 20% erreichte er nach aktueller Auszählung „nur“ 19,6%. Aktuell ist alles andere als sicher, dass das reicht.
Lachender Gewinner der Stunde und unabhängig vom letztlichen Ausgang großer Sieger der ersten Wahlrunde ist der indigene Rechtsanwalt Pérez. Er bezeichnet sich als „ökologischer Linker“ und hat praktisch alle östlichen (Regenwald-)Provinzen des Landes für sich entschieden. Auch er liegt bei 19,6%. Ob das für die Stichwahl reicht?
Zwischen den Kandidaten auf den Plätzen 2 und 3 liegen nur wenige tausend Stimmen. Ständig wechselt die Führung. Die amtlichen Endergebnisse werden im schlechtesten Fall erst in einigen Tagen erwartet. Zahlreiche Beschwerden verzögern die Auszählung. Unklar ist natürlich, ob der zweite Kandidat der Stichwahl überhaupt einen großen Unterschied macht und tatsächlich einen Wahlausgang zugunsten von Arauz in Frage stellen kann. Falls Pérez antritt stellt sich die Frage, zu wem bei zwei tendenziell linken, sich trotzdem wenig freundschaftlich gegenüberstehenden Kandidaten die ohne echte Option dastehende Wählerschaft von Lasso/Hervas neigt. Anders herum ist kaum zu orakeln, wohin es die Pérez-Wähler bei einer Stichwahl zwischen links und rechts zieht. Zur Erinnerung: Wahlpflicht! Es bleibt spannend.
Schließlich gibt es bei der Wahl noch ein ganz anderes, auf Regierungsvorschlag initiiertes Referendum, dass nach aktueller Zählung wahrscheinlich auch angenommen wurde. Demnach ist es öffentlichen Angestellten und Politikern zukünftig untersagt, Geld auf Konten in Steueroasen liegen zu haben. Das lasse nicht nur, aber auch die deutsche Politik bitte gerne mal sacken!
Über einen befreundeten Blog sind wir auf das Projekt „Wöchentliche Fotochallenge“ von ROYUSCH-UNTERWEGS aufmerksam geworden. Jede Woche gibt es den Aufruf, zu einem vorgegebenen Thema (genau) ein Foto zu verlinken. Aktuell geht es um „Tiere“.
Na das wäre doch gelacht, wenn sich da in unserem Archiv nicht was schönes findet. Natürlich denke ich sofort an unseren Familienausflug in die Antarktis. Die Grundsatzfrage „Pinguin oder nicht?“ wird letztlich zugunsten eines flugfähigen Verwandten entschieden.
Vor etwa einem Jahr waren wir im antarktischen Paradise Harbour und statteten der argentinischen Brown-Station einen Besuch ab. Dabei gelang mir der Schnappschuss einer gerade startenden Skua (Raubmöwe). Ich hatte es zwar darauf angelegt, war dann aber doch positiv überrascht, den richtigen Moment so gut getroffen zu haben.
Jahrelang wird in Deutschland schon über die Einführung einer sogenannten Lebensmittelampel diskutiert. Viele sind dafür und trotzdem wurde sie von gesetzgebender Seite (selbstredend ohne jeden Einfluss von Lobbygruppen?! ;-) immer wieder abgelehnt und verschoben. Doch seit unserer Abfahrt Mitte 2019 hat sich anscheinend tatsächlich etwas getan: Nutri Score ist da!
Das 2017 in Frankreich gestartete Modell zur Benotung von Lebensmitteln wurde in sieben europäischen Ländern eingeführt. In Deutschland natürlich auf freiwilliger Basis, schon klar. Aber gerade lese ich, dass nach einigen Herstellern nun auch Rewe auf den Zug aufspringt. Sollte sich da wirklich etwas zum (meiner Meinung nach) Positiven verändern? Nun ja, der Lebensmittelverband Deutschland macht weiterhin Ärger, wir lassen die Sektkorken also lieber mal noch nicht knallen.
Wir nehmen dieses Thema erstmals in Chile praktisch wahr. Selbst zwar keinen einzigen Supermarkt betreten, bekommen wir unsere Einkäufe an den Steg geliefert. Dabei sehen wir nicht immer, aber doch regelmäßig so komische, große, schwarze Achtecke aufgedruckt.
Chile hat seit 2016 das weltweit strengste Kennzeichnungsgesetz. Anlass war die Feststellung, dass 60% der Bevölkerung übergewichtig sind. Es ist zwar keine farbige Ampel geworden, dafür aber viel mehr als nur freiwillige Bildchen:
Alle Produkte mit zu viel Zucker, Kalorien, Salz oder gesättigten Fetten müssen einen großen Warnhinweis vom „Ministerio de Salud“ tragen.
Diese Artikel dürfen nicht mehr an Schulen verkauft werden… mit entsprechenden Auswirkungen auf die Schulkantinen.
Des Weiteren gibt es ein (Fernseh-)Werbeverbot von 6-22 Uhr sowie das Verbot gezielter Werbung für unter 14jährige. Süßigkeiten mit dem Konterfei von Superhelden gibt es in Chile nicht.
Über eine Sondersteuer wird noch nachgedacht.
Chile
Ecuador
Ecuador hat sogar schon 2014 seine Lebensmittelampel eingeführt. Auch hier war eine verbreitete Übergewichtigkeit ein wichtiger Auslöser. Auf 15% der Verpackungsfläche werden Zucker, Fett und Salz mit bunten Farben gekennzeichnet.
Im Jahr 2021 gibt es so etwas in der Art also auch in Deutschland. Wie gesagt auf freiwilliger Basis. Wir haben ja auch noch Zeit. Nicht 60% sondern nur etwas mehr als die Hälfte der Deutschen ist übergewichtig (Stand 2019)… und ja, auch der Skipper kann nur einen das Optimum mehr oder weniger knapp verfehlenden Body-Mass-Index aufweisen. Wir sind also noch nicht so schlimm verfettet wie andere Länder. Kein Grund zur Eile. Nun ja, die Sache mit dem gesunden Menschenverstand hat aktuell ja ohnehin weitgehend Sendepause… aber das ist eigentlich ein anderes Thema.
Warnung: Dieser Beitrag enthält Bilder, die auf sanfte Gemüter schockierend wirken können. Der Autor übernimmt keinerlei Gewähr für die psychische und physische Unversehrtheit bei seelisch unvorbereiteter Betrachtung!
Eigentlich ist das mit dem Frisör ja kein Alltagsproblem AN Bord, schließlich hat man selten einen davon in der Backskiste versteckt. Na und? Dann geht man halt zum Haareschneiden an Land. Und wenn das monatelang nicht geht? Und wenn sich dann keiner so recht traut, selbst zur Schere zu greifen? Wahrscheinlich ist gerade letzteres das eigentliche Problem.
Den letzten Frisörbesuch absolviert die Familie im Südherbst, also etwa April/Mai 2020 in Ushuaia. Die Willkommenszeremonie umfasst Fragebogen, Temperaturmessung (die in diesem Laden interessanter Weise grundsätzlich weit unter 37°C ergab), Handdesinfektion und beim letzten Mal sogar das Einsprühen des gesamten Körpers mit was auch immer für einer Flüssigkeit. Dann erst kommen wir unter Wasserhahn und Schere. So weit, so gut.
In den Folgemonaten wachsen wir dann unaufhaltsam zu. Erst schleichend und unbemerkt. Die zunehmende Wolle auf dem Kopf ist bei den winterlichen Temperaturen in Patagonien durchaus willkommen. Doch dann kommt der Südsommer, wir fahren irgendwann sogar weiter Richtung Äquator… es wird warm… und wärmer…
Jeder hat seine eigene Strategie mit dem Problem umzugehen. Allen gemein ist deren Beginn: weitgehende Ignoranz! So lange wie möglich „weglächeln“. Doch irgendwann kapituliert (fast) jeder von uns.
Noch vor unserer Ankunft in Ecuador ist es La Skipper, die auf dem Pazifik als erste an der Notbremse zieht. Sie hat das dichteste und kräftigste Haar der Familie und wie schon berichtet als einzige den Mut, das Problem bordintern anzugehen. Haare zusammengebunden, Schere an den Skipper und schon schwimmt ein derart dickes Büschel Haare im Pazifik, das es für ein ganzes Kunstsemester hätte Pinsel liefern können.
Ich habe die Haare schön!
Der Rest der Crew wartet lieber auf professionelle Hilfe. Maila hat ihre dünnen Haare vom Papa geerbt. Nicht nur, aber auch das macht es bei zunehmender Länge zu einer überproportional zunehmenden Tortur, diese durchzukämmen. Wie tapfer unser kleines Mädel doch ist. Auch beim Frisör. Nur mehr bis zur Schulter sollen die Haare reichen, da geht eine Menge runter. Doch Maila ist mit dem Ergebnis glücklich. Zitat: „Er hat einen ganz anderen Stil zu schneiden, aber gut.“ Worte einer 9-jährigen! Mir ist kein Mann bekannt, dem solche Worte über die Lippen kommen würden, aber vielleicht kenne ich auch nur die falschen Männer.
Da wird großzügig abgeschnitten.
Samuel ist haartechnisch ein Phänomen. Mit Mamas dicker Lockenpracht gesegnet, wächst er mit stoischer Ruhe zu. Das linke Auge inzwischen völlig bedeckt erinnert er, zumindest auf dem Kopf, an die Popper der für ihren Geschmack legendären 80‘er-Jahren und lässt sich auch nur unter Protest zu einer Änderung des optischen Gesamteindrucks bewegen. Muss wohl was mit der Pubertät zu tun haben. Wie auch immer, das widerwillig erduldete Ergebnis kann sich sehen lassen.
Toll!
Für den Skipper waren die letzten Wochen eine ungewohnte Erfahrung. Eigentlich bin ich jemand, der über seine Haare kein großes Aufsehen macht. Meine Wünsche beim Frisör sind grundsätzlich eher knapp gehalten: Kurz, aber noch ein bisschen was über den angehenden Geheimratsecken belassen, hinten Façon, Ohren frei… „Sie sind der Profi… wenn es Ihnen das Ergebnis gefällt, werde auch ich glücklich sein.“ DAS sind Worte eines Mannes?! ;-)
Umso erstaunlicher mein Unbehagen über die immer mehr ins Gesicht fallenden Strähnen. Ich muss offen zugeben, in einem mir selbst fast schon unangenehmen Umfang rumgejammert zu haben. So lang waren meine Haare das letzte Mal als Teenager… Pubertät halt. Was tun? An Bord, wo mich „sonst keiner“ sieht, räubere ich zunächst bei meiner Tochter. Zwei wirklich süße Mädchen-Haarspangen halten die Flusen aus dem Blick. Nur gut, dass ich mich selbst nicht sehen musste. Alternativ suche ich nach einem Stirnband. Die Auswahl an Bord ist jedoch eingeschränkt. Erste Wahl ist ein in dezentem Rot gehaltenes Mitbringsel von „Karls Erdbeerhof“.
Oh… mein… Gott!!!
Doch letztlich hat das Schicksal mit mir Erbarmen in Form der Schneidekunst einer netten Ecuadorianerin. Wie auch Samuel werde ich mit professioneller Leidenschaft wieder aufgehübscht, der Haaransatz rundum mit einer kleinen Klinge penibel genau nachgezogen, abschließend noch Waschen und Föhnen… das ganze Paket.
Das hat seinen Preis: 5,95US-$ pro Person. Dafür packt ein deutscher Frisör ja noch nicht einmal seine Scheren aus. Also wenn er denn geöffnet hätte. Das scheint in der aktuellen Situation ja das eigentliche Problem zu sein… sozusagen ein „Alltagsproblem im Lock(en)down“. ;-)