Über Honda und Bogotá zurück nach Cartagena

12./13. September 2021

Von den ganz speziellen Freuden des Autofahrens in Kolumbien werden wir noch berichten. Die Fahrten von Salamina nach Honda und weiter nach Bogotá verdienen jedoch auch hier schon besondere Erwähnung. Wie so oft in Kolumbien hat man die Wahl zwischen einer längeren, dafür leidlich besser ausgebauten Straße, auf der dann aber auch entsprechend viel (LKW-)Verkehr unterwegs ist. Oder man nimmt die einsameren, kurvigen und wahrlich nicht immer befestigten Serpentinen der Nebenstraßen. Wie man es dreht oder wendet, die Fahrt dauert immer länger als gedacht. Wenn dann noch ein sich leerender Benzintank hinzukommt, kann es schon mal richtig spannend werden. So auch auf dieser Strecke. Unser Weg von Salamina über das Tal der Wachspalmen hat uns bis zur nächsten Tankstelle rund 100km Serpentinen eingebrockt. Meist hoch und runter, selten befestigt. Google Maps veranschlagt dafür gut 3,5h Stunden. Und das ist durchaus noch optimistisch! Mit dem letzten Tropfen erreichen wir die Tankstelle in Manzanares und atmen durch. Die letzten 90km sollten wir nun auf Asphalt in gut 2 Stunden schaffen…

Eine der besseren Passagen…
Ein bisschen Schmutz bleibt nicht aus!
Immer wieder grandiose Ausblicke…

Honda selbst wirkt für seine nur knapp 25.000 Einwohner erstaunlich groß und liegt strategisch günstig am Río Magdalena. Der 1.612km lange Fluss fließt ausschließlich durch Kolumbien und war zwischen 1850 und 1910 der einzige Transportweg zwischen der Karibikküste und der Hauptstadt Bogotá. Die etwa 1.000km vom Küstenort Barranquilla bis hierher sind schiffbar. Dann kommen die Stromschnellen von Honda. Die Güter müssen mal kurz über Land transportiert werden, bis weitere 240km Richtung Süden wiederum schiffbar sind. Das macht den Ort natürlich zu einem wichtigen Binnenhafen und Umschlagplatz. Für uns ist es ein letzter, erholsamer Zwischenstopp (mit Swimmingpool!) vor der finalen Etappe zum Flughafen von Bogotá.

Blick auf den Río Magdalena
Badespaß!
Blick vom Balkon
Bischofstangare

Auch diese Etappe wird noch einmal unerwartet und wahrlich unerwünscht spannend. Die letzten Kilometer zieht sich die Straße gefühlt ewig bergauf. Schließlich müssen von Honda auf 225m bis zum Hochplateau von Bogotá auf 2.640m einige Höhenmeter überwunden werden. Unser Auto ist jetzt nicht gerade übermotorisiert und so quält es sich schon ein wenig. Passenderweise praktisch direkt am Ende der kilometerlangen Steigung gibt es auf. Die Drehzahl geht runter, ein oranges Warnzeichen an und der Motor aus. Wir rollen an den Straßenrand. Laut spanischer Bedienungsanleitung sollen wir umgehend in die Werkstatt. Na die sind lustig.

Noch 33km bis zum Flughafen. Zum Glück haben wir reichlich Zeitpuffer bis zum Abflug eingeplant. Die Kollegin von KonTour-Travel kontaktiert umgehend den Vermieter für uns. Während wir warten, beschließt die Warnleuchte eine Pause, selbst der Motor geht wieder an… und nach kurzer Fahrt wieder aus. Egal, den Schwung bergab muss ich nutzen, auch ohne Lenkkraftverstärker und Bremshilfe. Schnell sind wir fortan sowieso nicht mehr unterwegs.

Nach einer weiteren Zwangspause geht der Motor wieder an. Kurz danach kommt eine Nachricht vom Mechaniker der Vermietung. Das alles sei nicht so schlimm und wir können problemlos weiterfahren. Sein Wort in des Autos Brennkammern. Es scheint zu wirken. Die letzten Kilometer tasten wir uns so langsam voran, wie ich hier in Kolumbien wirklich noch nie gefahren bin, doch es klappt. Wir erreichen den Flughafen und irgendwann kommt sogar jemand von der Vermietung zum vereinbarten Treffpunkt, um den Wagen zu übernehmen.

Der Rest ist schnell erzählt. Wir essen noch einen Happen, bevor uns der Flieger dieses Mal ohne nennenswerte Verspätung nach Cartagena bringt. Hier merken wir schnell die doch ganz andere Atmosphäre dieser Stadt im Vergleich zu unseren Erfahrungen der letzten zwei Wochen.

Es geht wieder nach Hause… :-)

Eine tolle Rundreise liegt hinter uns. Natürlich kann man ein Land nicht in so kurzer Zeit wirklich kennen lernen. Das ist selbst uns klar. Und doch haben wir in dieser kurzen Zeit so viel gesehen, erlebt, gelernt, tolle Menschen getroffen und damit dann wohl doch ein kleines bisschen mehr als nur einen oberflächlichen Eindruck von diesem Land bekommen. Ein sicherlich kompliziertes, unserer Meinung nach aber gerade in Europa oft unterschätztes Land, das in unseren Erinnerungen einen besonderen Platz bekommt: Kolumbien!

Salamina… im Krankenhaus und bei Wachspalmen

10. – 12. September 2021

Die 1801 von Alexander von Humboldt entdeckte Quindio-Wachspalme gilt nicht nur als höchste Palmenart der Welt, sondern ist seit 1985 zugleich der Nationalbaum Kolumbiens. Da stellt sich natürlich die Frage, wo wir sie finden können. Natürlich im Valle del Cocora! Das wird die Antwort vieler Kolumbienbesucher sein. Es gibt aber auch noch einen anderen, weniger überlaufenen Ort, an dem diese durchaus beeindruckenden Bäume zu sehen sind. Nicht zufällig liegt dieses Valle de la Samaria recht nahe bei Salamina… dem nächsten Ziel unserer kleinen Rundreise. Doch es kommt anders als geplant.

Nach einer gerade im letzten Drittel sehr kurvigen Fahrt mit tollen Ausblicken erreichen wir nachmittags Salamina. Der Ort mit gerade einmal 20.000 Einwohnern quetscht sich auf einen Berggrat auf gut 1.800m Höhe. Freundlich werden wir in unserer privat geführten Unterkunft „La Casa de Lola Garcia“ empfangen. Die spanischsprachige Hausherrin hat extra einen entfernten, englischsprachigen Verwandten Germán aktiviert, der uns hier vor Ort behilflich sein soll. Wow!

Die zwei Hauskatzen…
… bekommen natürlich Streicheleinheiten.

Doch zunächst machen wir den obligatorischen Rundgang. Erwähnte ich schon, dass praktisch alle kolumbianische Dörfer einen zentralen Platz mit Kirche haben? Salamina macht da keine Ausnahme. Auffällig oft werden wir hier neugierig, jedoch niemals unfreundlich beäugt. Später treffen wir uns mit Germán zum Abendessen und besprechen den nächsten Tag. Wir wollen zu den Wachspalmen und dort auch einen kleinen Ausritt machen. Er erklärt uns auch, dass wir seit Monaten die ersten ausländischen Touristen im Ort seien. Ein Umstand, der natürlich auch ihm als lokalen Guide arg zu schaffen macht. Glücklicherweise ist er „breiter aufgestellt“. Die Gesellschaft ist toll, das Essen ist lecker und wie fast immer im Kolumbien ausgesprochen günstig… ein netter Abend.

Die Aliens im Dorf?! ;-)
Gerade wird der Rosenkranz gebetet

Am nächsten Tag läuft dann alles anders als geplant. Der Skipper war ja vor einigen Tagen bei der Höhlentour mit Samuel mal kurz unachtsam… und abgerutscht. Nein, es ging nicht den ganzen Abhang hinunter, aber das lag auch nur an einer (Achtung: Selbstlob ;-) schnellen Reaktion meinerseits. Trotzdem wurde dabei die linke Wade aufgeschrammt… und das alles andere als antiseptische Wasser in der Höhle tat offensichtlich sein übriges. Die Wunde entzündet sich. Schon die letzten Tage war das Laufen für mich nicht immer ein schmerzfreie Freude. Doch in dieser Nacht fiebere ich auf gut 39° hoch, kann morgens kaum auftreten. So ein Sch…!

Kurz spielen wir mit dem Gedanken, dass die Familie mit Germán zu den Palmen fährt. Doch dann kommt die Nachricht, dass die Straße ob der Regenfälle schwer bis kaum bis gar nicht passierbar sei. Damit ist nun also endgültig der mehr oder weniger entspannte Hoteltag beschlossene Sache. Doch erst einmal soll ein Arzt den Blick auf das Bein werfen. La Skipper ist zwar selbst Ärztin, möchte vor dem Hintergrund des bevorstehenden Inlandsfluges jedoch im lokalen Krankenhaus eine Thrombose ausschließen lassen. Sicher ist sicher.

Dankenswerter Weise erklärt sich Germán bereit, uns als Dolmetscher zu begleiten. Vielleicht auch mit Toristenbonus kommen wir schnell zu einer netten Ärztin. Sie fragt, ob die Schmerzen das ganze Bein hinaufziehen. Nein. Ok, dann ist es keine Thrombose. La Skipper schaut erstaunt. Sie hätte jetzt eigentlich eine Sonografie erwartet. Zumindest in Deutschland hätte man das fraglos gemacht. Aber wir sind nun einmal in Kolumbien.

Haupteingang vom Krankenhaus
Wir werden nach hinten geschickt
Wirkt schon etwas provisorisch.
Man beachte das rote Verbotsschild!

Das merken wir dann auch in der Apotheke. Die Antibiotika kosten umgerechnet keine 10€ und sind auch ohne Rezept zu bekommen. Der Skipper schluckt gehorsam seine Pille und zieht sich zurück. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal nahezu einen ganzen Tag im Bett verbracht habe… hier und jetzt ist es notwendig. Immerhin komme ich zur am Abend bestellten Pizza mal rausgekrochen.

Der nächste Morgen sieht den Skipper wieder lächeln. Ok, ein bisschen gequält, aber immerhin bin ich wieder so leidlich einsetzbar. Bei unserem wieder einmal leckeren und entspannten Frühstück schaut auch Germán noch einmal zu einem Abschiedsbesuch vorbei.

Wir unterhalten uns und natürlich frage ich auch mal vorsichtig nach, was wir ihm für all seine Hilfe schulden. Lächelnd schüttelt er den Kopf. Er freue sich über den netten Kontakt und die anregenden Gespräche. Das sei ihm mehr als genug. Noch einmal von Herzen vielen Dank für alles!

Vielen Dank Germán!
Vielen Dank unseren Gastgebern!

Bald darauf machen wir uns auf den Weg. Gestern haben wir die Palmen verpasst, aber mit einem kleinen Umweg liegen sie dann doch schon irgendwie auf dem Weg. Die Fahrt ist eigentlich entspannt. Wir fragen uns warum die Straße gestern so schlecht gewesen sein soll. Wiederkehrende Abschnitte mit kürzlichen Erdrutschen belehren uns eines Besseren.

Unbeschadet erreichten wir das Valle de la Samaria und werden von Alex empfangen. Gestern hätten wir hier noch einen kleinen Ausritt und sicher die längere Wanderung gemacht. Heute bleibt nur Zeit (und schmerzarme Ausdauer) für einen kurzen Spaziergang. Trotzdem bekommen wir einen tollen Eindruck von den nur in Kolumbien heimischen Quindio-Wachspalmen.

Wachspalmen im Wald…
… und auf freier Fläche

Bis zu fast 60m hoch können die Wachspalmen werden. Und dieses Wachstum braucht seine Zeit. Uns werden Züchtungen gezeigt, für die man auch eine Adoption übernehmen kann. Nach 12 Jahren sind die Palmen noch so klein, dass sie sich geschützt unter den nebenbei gepflanzten Olivenbusch ducken. Erst nach 50 Jahren bildet sich der Stamm und für die ersten Früchte braucht es dann gleich noch einmal 50 Jahre. Die großen Wachspalmen, die wir hier sehen, sind gut und gerne 200 Jahre jung… sie haben durchaus noch eine lange Lebenszeit vor sich!

So sehen wir also nicht nur Kolumbiens Nationalbaum aus der Nähe, sondern dazu auch noch ein kolumbianisches Krankenhaus von innen. Um diese Erfahrungen reicher machen wir uns auf den Weg zu unserem letzten Zwischenstopp vor dem Heimflug zu unserer Samai in Cartagena. Es wird eine lustige Fahrt…

Piedra de Peñol & Guatapé

9. September 2021

Nach einem intensiven Tag in Medellín zieht es uns heute in die Umgebung. Zwei auch bei Kolumbianern sehr beliebte Ausflugsziele locken uns an die Ufer des Guatapé-Stausees.

Piedra de Peñol

Das erste Ziel ist der Fels von Guatapé. Mitten in der zwar hügeligen, an herausragenden Landmarken jedoch eher armen Landschaft ragt unvermittelt ein wie von einem Titan dort fallengelassener Stein in die Höhe. 220m erhebt sich der Granit über seinen Fuß, insgesamt bis auf 2.137m über Normalnull.

Ein Fels in der Landschaft!

Die Felsspalten sind sicher ein Leckerbissen für Kletterer. Das wäre aus touristischer Sicht allerdings suboptimal. Folgerichtig hat man in eine davon eine Treppe gebaut. Ach was, es sind derer gleich zwei. Eine führt hinauf, die andere wieder herunter. Mithin kann nun auch der ungeübte Alpinist vielleicht nicht mühelos, aber doch mit absehbaren Aufwand die 659 Stufen bis zum Gipfel erklimmen. Machen wir natürlich auch.

Zwischenstation…

Wie so oft auf einer Berg- bzw. auch Felsenspitze entschädigt der Ausblick für alle Mühen. Das verästelte Ufer des großen Stausees reicht fast bis zum Horizont. Dazwischen wogen grüne Hügel und baumbestandene Inseln. Schnell ist klar, warum die Gegend so ein beliebtes Ausflugsziel ist.

Endlich ganz oben…
Guatapé
Stolze Bezwinger des Piedra de Peñol :-)

Guatapé

Danach geht es in das benachbarte Guatapé. Das historische Zentrum des vor 220 Jahren von den Spaniern gegründeten Ortes ist in dieser Gegend bekannt und beliebt. Kopfsteinplasterstraßen führen zwischen bunt angemalten Häusern, deren Sockel (Zócalos) oft mit Reliefkunst gestaltet, zumindest aber schön bemalt sind.

In einer besonders herausgeputzten Gasse stellt sich dann die übertragene Frage nach der Henne und dem Ei. Wieder einmal gehen wir im Schatten über uns aufgehängter Regenschirme. Cartagena rühmt sich dessen in Getsemaní, auch in anderen Orten unserer kleinen Rundreise haben wir sowas schon in kleinem Maßstab gesehen und nun also hier in Guatapé. Es wird sich wohl nie abschließend klären lassen, wer die Idee zuerst hatte und ob das überhaupt ein Kolumbianer war.

Nach kurzem Weg öffnet sich der von fast schon absurd bunten Häusern umgebene Plazoleta de Los Zócalos. Hier sind die namensgebenden Zócalos besonders liebevoll ausgeführt. Und sich auf der ebenfalls fast schon blendenden Treppe fotografieren zu lassen, ist erste Touristenpflicht. Dem kommen wir brav nach. Und als Entschädigung gönnt sich die Familie ein leckeres Eis.

Natürlich gibt es auch in Guatapé einen zentralen Dorfplatz und natürlich steht da eine schmucke Kirche, die Parroquia Nuestra Señora del Carmen. Treue Leser kennen sie schon aus den kolumbianischen Kreuzwegen

Nach dem Dorfrundgang und dem obligatorischen Besuch von Andenkenläden, wobei Maila ihre immer noch heißgeliebte Tasche findet, schlendern wir noch etwas am Ufer entlang. Ein kleines Klettergerüst weckt Jugenderinnerungen des Skippers. Arbeitslose Touristenboote reihen sich aneinander. Mehrmals werden wir auf Seerundfahrten angesprochen, aber als Segler hat das dann doch nur einen geringen Reiz. Bald machen wir uns auf den Rückweg nach Medellín.

Der Andenkenhandel ist vorbereitet!
Meine tolle neue Tasche!!! :-)

Medellín

Den Abend lassen wir auf Empfehlung und Einladung(!) unserer Reiseorganisatorin von KonTour-Travel im besten Dönerladen der Stadt, wenn nicht des Landes ausklingen. So sitzen wir im deutsch-türkisch geführten Turab Kebab und genießen unseren ersten (dazu wirklich guten) Döner seit Berlin, während im Hintergrund unüberhörbar das kolumbianische Länderspiel in der südamerikanischen WM-Qualifikation läuft. Wir fühlen uns wohl in diesem Land!

Medellín

7./8. September 2021

Gegensätze. Die Stadt des ewigen Frühlings. Die gefährlichste Stadt der Welt. Ersteres wird Medellín mit seinem sonnig-warmen Klima auf absehbare Zeit bleiben. Letzteres ist inzwischen Geschichte. Zu Beginn der 90‘er Jahre wurden über 6.000 Tötungsdelikte verzeichnet. Pro Jahr! Das letzte Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts steht mit insgesamt über 45.000 in den Büchern. Nach der Vertreibung paramilitärischer Milizen Anfang der 2000‘er Jahre sank die Zahl und pendelt sich nach einigen Schwankungen bei inzwischen ca. 600 Fällen pro Jahr ein. Auf gut 2,5 Mio. Einwohner. Das ist immer noch recht ordentlich, im internationalen, gerade amerikanischen Vergleich aber durchaus vorzeigbar niedrig. Zum Vergleich schwankt Deutschland so um die 3.000 Tötungsdelikte pro Jahr. Wohlgemerkt insgesamt. Einigen wir uns mal darauf, dass ein touristischer Besuch in Medellín nicht mehr mit unmittelbarer Lebensgefahr verbunden ist. Nicht einmal in der berüchtigten Comuna 13. Ehemaliges Kriegsgebiet! Doch dazu später mehr.

Die Stadt des ewigen Frühlings

Schon bei der Anfahrt zeigt sich die zweitgrößte Stadt Kolumbiens von seiner beeindruckenden Seite. Im Tal ragen die Hochhäuser des Zentrums empor, an den umliegenden Hängen ziehen sich die äußeren Bezirke = Comunas hinauf. Unser Hotel befindet sich in El Pobaldo, der südöstlichen Comuna 14. Ein vergleichsweise ruhiger und vor allem überdurchschnittlich sicherer touristischer Hotspot der Stadt. Davon wollen wir uns gleich am ersten Abend auf einem kleinen Spaziergang überzeugen…

Am nächsten Tag holt uns Guide Andres auf einen Stadtrundgang ab. Einmal quer durch das Viertel marschiert, erreichen wir endlich die nächste Station der Metro de Medellín. Die einzige Hochbahn Kolumbiens. Herzstück sind die zwei Linien A und B mit insgesamt knapp 30 Haltestellen. Made in Germany! Siemens war federführend.

Umringt werden die Schienen der Metro von einer Tramnvía (Straßenbahn) sowie sechs Cable-Linien. Ja, hier ist die Seilbahn seit gut 12 Jahren ein öffentliches Nahverkehrsmittel. Unser Ziel ist die Linea J am westlichen Stadtrand. Kaum eingestiegen schweben wir leise über San Javier… Comuna 13. Wenig erstaunlich ist das hier nicht die beste Gegend der Stadt. Die meist flachen Häuser ziehen sich den Hügel hinauf und auf der anderen Seite wieder hinab. Meist aus roh belassenen Ziegeln, manchmal auch nur Brettern, fast ausschließlich von Wellblechdächer bedeckt erstreckt sich ein sehr improvisiert erscheinendes Viertel unter uns. Wir sehen einige Straßen, meist sind es jedoch Fußwege und vor allem Treppen, die der Fortbewegung im Viertel dienen. Fast schon außerirdisch wirken da die modernen Stationen der Seilbahn, die wir nur für einen Rundfahrt nutzen. Drei Stationen nach Norden, bei der Kehrtwende einfach sitzen geblieben und wieder zurück.

An der südlichen Endstation San Javier steigen wir dann erst einmal in einen Bus mit dem Ziel des herausgeputzten Touristenzentrums der Comuna 13. Noch vor 6-7 Jahren wäre unser Spaziergang dort lebensgefährlich gewesen. Kriminelle „Combos“ kämpften in diesem für den Drogentransport strategisch günstigen Viertel um die Vorherrschaft. Schießereien und Tote waren an der Tagesordnung.

Das ist nicht der nette Onkel Pablo von nebenan!

Vor etwa 30-40 Jahren begannen die Häuser der Comuna 13 am Berg hochzuwachsen. Natürlich illegal. Und ebenso natürlich hatte ein Mann seine Finger im Spiel, dessen Name in einem Bericht über Medellín nicht unerwähnt bleiben kann: Pablo Escobar. Letztlich der Erfinder des industrialisierten Drogenhandels, was ihn zu einem der reichsten Menschen der Erde macht. Einer der skrupellosesten und brutalsten war er ohnehin schon. Doch den Ärmsten half er, finanzierte Krankenhäuser, Sozialwohnungen und Schulen. Das brachte ihm nicht nur in diesem Viertel einen durchaus guten Ruf und ganz nebenbei auch noch Schutz. Niemand hier hätte ihn jemals verraten!

Nach Escobars Tod im Jahre 1993 nahm die Gewalt nicht ab. Unser Guide Andres zeigt uns die Müllhalde „La Escombrera“ am Hang gegenüber. Ein Massengrab. Wer hier in der Gegend getötet wurde, dessen Überreste endeten meist dort. Zu Hunderten. Die offizielle Mordrate lag jahrelang bei knapp 400 je 100.000 Einwohner. Es war wirklich ein Kriegsgebiet, in das kein Fremder freiwillig seinen Fuß setzte.

Die Wende begann am 16./17. Oktober 2002 mit der vom frisch gewählten Präsidenten Álvaro Uribe Vélez angeordneten Operación Orion, einer großangelegten Intervention der nationalen Armee zur Rückeroberung des Viertels. Zwei grausame Tage mit Verschleppungen, Folter und sonstigen Gräueltaten seitens des Militär und der paramilitärischen Guerillas markierten erst den Anfang eines langjährigen Prozesses.

Nach einem knappen Jahrzehnt des „kalten Krieges“ im Viertel begannen 2011 auf Initiative des Bürgermeisters Aufklärungs- und Baumaßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität. Während es im Hintergrund immer noch Schießereien gab, bauten fast 300 vorwiegend lokale Arbeiter Gehwege, Wasserleitungen, Abwassersystem, Stromnetze, Grünflächen, Abgrenzungsmauern und Rolltreppen! Letztere stehen heute im Mittelpunkt der touristischen Graffiti-Tour durch das Viertel. Gesäumt von Andenkenläden sowie bunten Bildern und beeindruckt von einer andererseits wiederum beklemmenden Aussicht, flanieren die vorwiegend ausländischen Gäste den extra für die geschaffenen Weg entlang. So empfinden wir trügerische Sicherheit, denn abseits dieses Gebiets rund um die Rolltreppen oder gar nachts sollte sich immer noch kein Fremder oder gar Ausländer hier herumtreiben.

Hier beginnt die Touristenzone
Unser Guide Andres bei einem leckeren Eis
Ein traditioneller „Blumenstuhl“ namens Silleta
Hinauf mit der Rolltreppe
Die Polizei wacht auch hier oben…
Schön zu erkennen ist der Touri-Pfad in der Mitte…
Mittig die berüchtigte Müllkippe „La Escombrera“
Da zieht Regen auf :-(

Plötzlich beginnt es zu regnen. So richtig zu schütten. Sechs Personen, ein Freund des Guides begleitet uns um deutsch zu üben, und fünfmal Regenschutz. Der Skipper rennt im Hemd durch den himmlischen Wasserfall. Wir erreichen ein kleines, volles Café. Doch nur ein paar Worte später rutschen Menschen und Stühle umher, bis ein Tisch für uns frei ist. Auch das ist Kolumbien.

… in einem sehr stylischen Künstler-Café…
… dessen Besitzer stolz seinen berühmtesten Kunden präsentiert.
Das Café leert sich, als der Regen aufhört.

Zum Abschluss des Stadtrundgangs durch Medellín wollen wir noch in das Stadtzentrum La Candelaria. Auch wenn unsere Zeit eigentlich schon um ist, erklärt sich Andres bereit, uns zu begleiten. Er wolle uns dort nicht alleine hingehen lassen. Schnell wissen wir warum. Die Gegend ist fast schon ein Hexenkessel. Die Straßen sind voll und laut, fliegende Händler, Menschengruppen jeder Art, oft mit prüfendem Blick in unsere Richtung. Eine fremde Hand streicht um meine Hüfte, anscheinend auf der vergeblichen Suche nach einem Portemonnaie?! Höhepunkt ist der Plaza Botero. Hier stehen einige Skulpturen des und schon aus Bogotá wohl bekannten Künstlers, daneben bieten sich Transvestiten an. während die Touristenpolizei auch irgendwie Präsenz heuchelt. Andres erklärt uns, dass die Gegend fest in der Hand illegaler Flüchtlinge aus Venezuela ist. Die Situation im Nachbarland hat sich in letzter Zeit ins Katastrophale entwickelt. Eine Armutsrate von über 90% treibt die Menschen über die Grenze und verteilt sie in halb Südamerika. Da sind die mutmaßlich reichen Städte des großen Nachbars Kolumbien besonders betroffen, nicht zuletzt Medellín.

Im Zentrum
Bei der Iglesia de la Veracruz hatte ich plötzlich eine fremde Hand an der Hüfte…
Auf dem Plaza Botero…
… kein Foto kann die bedrückende Stimmung vermitteln!
Der Herr (sic!) an der Ecke bietet sich feil…

Trotzdem lassen wir uns einen Besuch des Museo de Antioquia nicht entgehen. Von präkolmbianischen Ausstellungsstücken bis hin zur Moderne wird hier ein breites Spektrum kolumbianischer Kunst präsentiert. Natürlich auch von einem der berühmtesten Kinder der Stadt: Fernando Botero.

Plaza Botero und Palacio de la Cultura Rafael Uribe (nicht zu verwechseln mit dem Präsidenten Uribe!)

Nach dem Museumsbesuch verzichten wir auf die angedachte Besichtigung der Kathedrale und flüchten uns in ein Taxi. Das war jetzt wirklich genug Medellín für einen Tag. Was für ein aufregender, beeindruckender, bedrückender und in jedem Fall in Erinnerung bleibender Tag in Medellín, nicht nur der Stadt des ewigen Frühlings…

… bleibt in Erinnerung!

Fotochallenge #35 – bunt

Aruba, 24. Oktober 2021

Immer sonntags gibt es im Projekt „Wöchentliche Fotochallenge“ von ROYUSCH-UNTERWEGS den Aufruf, zu einem Thema (genau) ein Foto zu verlinken. Aktuell geht es um „bunt“.

Klingt leichter, als es für uns dann letztlich ist. Herbstliche Farbenpracht fällt gleich aus doppeltem Grund weg. Einerseits zeigt Roland das schon in seiner schönen Vorlage. Andererseits sind wir seit Monaten in einer Region unterwegs, die nur zwei verschiedene Jahreszeiten kennt: Regenzeit und Trockenzeit.

Samuel schlägt natürlich umgehend einen bunten Vogel vor, zückt sein Handy und präsentiert den Schnappschuss eines Fischertukans in Costa Rica, der gerade aus seinem Baumhöhlennest schaut. Ja, das ist wirklich ein wunderschöner, bunter Schnabel. Auch wenn wir kürzlich (Thema: Drei) schon einen Vogel gezeigt haben, kommt das Bild in die engere Auswahl.

Der Skipper denkt an eine Kollage der bunten Bootsflaggen aller Länder und Regionen, die wir auf unserer kleinen Reise schon besucht haben. So bunt wie die Flaggen sind, ist auch die Welt selbst. Das wäre zugegebener Maßen dann aber nur eine kleine Auswahl unserer Flaggenbestände. Aus aktuellem Anlass durchgezählt kommen wir tatsächlich auf etwa 80 verschiedene Bootsflaggen an Bord. Natürlich finden sich da nicht nur Länder, sondern auch regionale Flaggen wie z.B. Patagonien. Ja, ich gebe zu einen kleinen Sammeltick zu haben. Aber wir wollten ja eigentlich auch mal um die Welt segeln und haben in deutscher Gründlichkeit schon mal alle geplanten Ziele vorbereitet. Nun gut, vielleicht können wir sie ja später einmal gebrauchen?!

Die Mädels sind sich darin einig, dass es vor allem bunt sein soll. Schon klar ;-)

Letztlich stellt unser Motiv nun doch eine gewisse Wiederholung dar. Vor einiger Zeit (Thema: offen) zeigten wir ein Graffiti aus Kolumbiens zentraler Hauptstadt Bogotá. Heute sind wir im Norden des Landes: Cartagena, die sogenannte „Perle der Karibik“. Ein Grund für diesen Ruf ist sicher das neben der Altstadt gelegene Barrio Getsemaní. Überall bunte Graffiti, kleine Kunsthändler, auch mal sonnenschützende Regenschirme über der Gasse und vor allem eine sehr entspannte Atmosphäre. Im Zentrum befindet sich der Plaza de la Trinidad. Und genau hier steht auch ein besonders farbenprächtiges Haus, von dem wir hier ein buntes Detail zeigen.

P.S. Der ausführliche Bericht über unsere Spaziergang in der Altstadt von Cartagena findet sich hier. Am Ende ist auch ein Bild des ganzen bunten Hauses zu sehen ;-)