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Drake Passage (6) – Zahltag!

Dienstagnachmittag begann der Wind wie angesagt über eine Anfangs noch schwache Westbrise auf nördliche Richtung zu drehen. Der Abend erinnerte dann an ein Stück von Samuel Beckett. Mit dem gravierenden Unterschied, dass er kam… der Wind. Er drehte weiter auf die Nase und wurde stärker. Das regnerische Maximum war in der Nacht zwischen 1 Uhr und 3 Uhr mit 7 Bft. (über 30kn) erreicht. Da lag der scheinbare Wind schon bei 8 Bft.

Ich sah drei Alternativen:

  • auf direktem Kurs bleibend direkt gegen Wind und Welle motoren
  • vom Kurs (möglichst in westliche Richtung) abweichend hoch am Wind segeln
  • eine Mischform als Kompromiss

Ich entschied mich für letzteres. Das Großsegel Abends ins 2. Reff genommen fuhren wir unter Motor SEHR hoch am Wind. Also zu hoch zum reinen Segeln, aber das Groß konnte trotzdem etwas helfen und gleichzeitig das Boot in der gut 3-4 m hohen Welle stabilisieren, was durchaus hilfreich war. Dafür lagen wir nur gut 20 Grad neben unserem Zielkurs und zielten nun im Grunde direkt auf Kap Horn.

Trotzdem war die Nacht natürlich alles andere als ruhig und der morgens aktualisierte Wetterbericht versprach, dass es den ganzen Tag mit 5 Bft. Gegenwind weiter gehen würde. Keine guten Nachrichten für die immer noch leidende La Skipper. Die immer kürzere 3m-Welle von schräg vorne war dabei auch keine besondere Hilfe. Aber wir machten inzwischen wieder etwas mehr Geschwindigkeit und verloren nicht allzu viel Höhe. Ein Ende war also in Sicht.

Und es war immer noch bei Weitem besser als das, was ich an jenem Morgen über einen anderen Skipper gelesen hatte… dieser bekam mit einer Vorhersage von 6-7 Bft. (25-30kn) und 9er Böen (45kn) bei Kap Horn unglaubliche 120kn (ja, das sind über 200 km/h!!!) um die Ohren geblasen. Da hatte der Kreuzfahrer in Melchior mit seinen 100kn Wind auf der Drake Passage wohl doch nicht übertrieben. Nochmal tief durchatmen und sich über die richtige Entscheidung freuen!

Am späten Nachmittag war es dann endlich soweit. Der Wind fing an auf West zu drehen, so dass wir endlich guten Gewissens auf direkten Kurs zum Beagle Kanal gehen konnten. Zwar lagen da nun auch einige Seemeilen Chilenische Hoheitsgewässer vor uns, aber das sollte eigentlich kein Problem sein. Nur unter (ab 22 Uhr sogar gerefftem) Großsegel brachten uns die inzwischen stabilen 6 Bft. ungefährer Halbwind zügig nach Norden.

Nachts nahm der Wind wieder ab, dafür schob uns der Strom, so dass schon eine leichte Motorunterstützung für ausreichend Geschwindigkeit sorgte. Da konnte der am Vormittag einsetzende Gegenwind auch nicht mehr verhindern, dass es Donnerstagvormittag dann endlich soweit war. Gut vier Tage nach Start von den Melchior Islands hatten wir den Beagle Kanal erreicht. Die Drake Passage war geschafft. Wir hatten unseren Antarktisbesuch sozusagen „seglerisch abbezahlt“.

Patagonien in Sicht!

Drake Passage (5) – Die Sonne vor dem Wind!

Der Montag stand im Zeichen des Motorsegelns und wir kamen gut voran. Zum Abend dann die inzwischen nutzlosen Segel eingeholt ging es in eine entspannte Nacht. Keine Schiffe weit und breit, das Radar ebenso leer… aus der Eisbergzone sollten wir ohnehin schon längst raus sein. Damit gönnte sich auch der Skipper eine größere Mütze Schlaf als sonst auf Nachtwache üblich.

Um 1:50 Uhr Bordzeit (UTC-3) war es dann soweit. Wir überquerten den 60. Breitengrad Süd und verließen damit den Geltungsbereich des Antarktisvertrages. Damit lag auch dieses Kapitel unserer Reise nun offiziell hinter uns.

Am Morgen kam dann sogar etwas Wind auf, aber um 4 Uhr auf der nächtlich-dunklen Drake Passage verzichtete der Skipper auf das Setzen der Segel. Das wurde dann kurz vor Sonnenaufgang um 6 Uhr nachgeholt. Wolken nur am Horizont, ein paar Delfine schauten vorbei und ein Albatros zog seine Runden. Ein wirklich schöner Morgen. Und inzwischen stieg auch das Barometer wieder. Hatten wir bei Abfahrt am Sonntag nur 978 mBar überschritten wir am Dienstagmittag schon die 1010 mBar. Solche Schwankungen sind uns aus der Ostsee eher unbekannt, aber vielleicht hatten wir auch nur nicht so sehr darauf geachtet.

Wellen wirken weder auf Foto noch Video so, wie sie sich anfühlen…

Im Laufe des Tages ließ bei weiterhin strahlendem Sonnenschein der Wind wie angesagt nach. Die Kinder machten Schule, La Skipper kämpfte in der Waagerechten ruhend gegen Migräne sowie 3-4m Schwell und wieder half der Motor beim schnellen Vorankommen. Diesel war nicht das Problem. Wir starteten vor einem Monat mit 400l im Tank und 490l in Kanistern. Aktuell hatten wir noch über 300l im Tank sowie gut 60l in Kanistern. Damit könnten wir in Marschfahrt bis Ushuaia durchmotoren.

Ansonsten nervte mal wieder die Toilette. Beim Spülen gab es vor ein paar Tagen so ein metallisch schabendes Geräusch und aus dem Pumpgehäuse kam Wasser. Also mal wieder aufgeschraubt, alles gereinigt, sogar ein offensichtlich in Mitleidenschaft gezogenes Teil ausgetauscht und ordentlich zusammengesetzt. Alles wieder ok. Doch gestern dann das gleiche Problem. Also nochmal auf, nachschauen, zu und wieder gut. Für einen Tag. Na so langsam hatte ich ja Übung. Das ausgetauschte Teil hatte ich separat in Buenos Aires gekauft. Gab es damit ein Problem? Also nahm ich das Teil aus einem noch in Deutschland erworbenen Service-Set und tauschte erneut. Mal sehen, wie lange es nun halten würde. Zur Not gibt es immer noch eine Pütz (also einen stabilen Gummieimer mit Seil daran)… die muss man zum Spülen nur durch das Wasser ziehen.

Drake Passage (4) – Auf ein Neues!

Man sagt, die Drake Passage sei der Preis, den man für einen Besuch der Antarktis (bzw. deren Halbinsel) bezahlen müsse. Nun ja, wir hier und hatten diesen Preis damit bisher nur zur Hälfte gelöhnt. Wir mussten auch noch zurück. Zwischen unserem Absprung und dem patagonischen Beagle Kanal liegen 560sm offenes Meer. Das kann natürlich auch mal ruhig sein. So war die Sarah W. Vorwerk auch Ihrem Rückweg wohl drei Tage nur gemotort, es war „so ruhig, wie noch nie“. Dieses Fenster hatten wir ja offensichtlich verpasst, so dass wir uns dann erst bei nächster zu verantwortender Gelegenheit am 1. März auf den Weg machten. Um sechs Uhr ging der Wecker, die Landleinen waren vor sieben Uhr gelöst, dann musste noch das Dinghy auf das Vordeck und sicher verzurrt werden. Um 8 Uhr waren wir endlich soweit. Umgeben von mehr als einem halben Dutzend blasender Wale in Nah und Fern verließen wir die geschützten Melchior Islands. Auf ein Neues!

Abfahrt mit schneebedecktem Boot…

Der Anfang versprach recht entspannt zu werden. Kurz nach dem Ablegen vermeldete das Logbuch die Marke von immerhin schon 10.000 zurückgelegten Seemeilen seit unserer Abfahrt Anfang Juli. Genau jetzt konnten auch das gereffte Groß sowie die Kutterfock gesetzt werden und den restlichen Sonntag segelten wir mit 5-6 Bft. Halbwind unerwartet schnell nach Norden. Erst am späten Abend ließ der Wind soweit nach, dass wir den Rest der ruhigen Nacht unter Motor weiter gefahren sind. Ich wollte nicht trödelt, denn für die Wochenmitte war die Vorhersage nicht wirklich schön. Demnach würden wir vor Südamerika 5-6 Bft. (in Böen 7 Bft. – also durchaus 30kn = knapp 60 km/h) genau auf die Nase bekommen. Vielleicht könnten wir ja vorher durchschlüpfen?

Manch einer mag sich bzw. uns fragen: „Warum seid ihr dann überhaupt losgefahren?“ Einfache Antwort: „Das war die auf Sicht beste Vorhersage für die Passage!“ Selbst unter Berücksichtigung des schon in wenigen Tagen Vorhersage eintretenden Kristallkugelfaktors. Vielleicht würde dieser ja auch zu unseren Gunsten wirken und die Situation entschärfen? Doch leider verschlechterten sich die Aussichten mit dem aktuellen Wetterbericht am Montag früh noch etwas. Zwar würden wir bis Dienstagabend bei entspannten Verhältnissen mit halben, raumen oder auch mal fast gar keinem Wind gut unter Segeln und Motor vorankommen, aber dann müssten wir uns etwas überlegen…

Meilensteine in Chile

Isla Vittorio, 7. Juli 2020

Erst einmal ganz liebe Grüße aus Chile! Ja, wir segeln (besser motoren) immer noch entspannt die chilenischen Kanäle Richtung Norden. Gestern haben wir Puerto Edén passiert und damit in gut secheinhalb Wochen so in etwa die halbe Strecke von Ushuaia nach Valdivia zurück gelegt. Wir haben noch ausreichend Vorräte und der zugegebener Maßen leicht fröstelnden Familie geht es gut. Die Gegend ist wirklich wunderschön und es ist eine Wohltat, diese Zeit hier genießen zu dürfen. Abgesehen von ein paar Fischern und wenigen Frachtern sind wir weitgehend einsam unterwegs. Erst ein einziges Mal kamen wir nicht in einer leeren Bucht an. Da lag schon seit einer Woche ein amerikanischer Segler mit Motorschaden, der auf seine Schlepphilfe wartete. Ansonsten Ruhe und Natur pur. Gleichwohl wissen wir, dass sich das große Thema des Jahres weiterhin auf der Welt, nicht zuletzt auch in Chile austobt. Natürlich stimmt uns das nachdenklich und motiviert auch nicht gerade zur Eile. Unsere ETA (also erwartete Ankunftszeit) in Valdivia haben wir mittlerweile auf den 16. August geschoben. Mal sehen, was uns dort erwartet.

Und dann gibt es da heute kurz vor Mitternach Bordzeit (UTC-3) auch noch einen anderen Meilenstein: Am 8. Juli 2019 um 4:40 Uhr Ortszeit warfen wir in Bremerhaven die Leinen los. Ein ganzes Jahr sind wir inzwischen unterwegs, haben viel erlebt und gesehen, netten Menschen kennen gelernt und eine unvergessliche Zeit genießen dürfen. Dafür sind wir dankbar!

Schließlich noch zur Erinnerung, dass wir mit dem täglichen Bericht an die chilenischen Autoritäten auch unsere Position auf Spotwalla aktualisieren. Unter (wenn ich mich richtig erinnere ;-) „Reiseinformationen – Position – Spotwalla 2020“ kann man sich darüber aktuell informieren. Allerdings wird sich hier in den nächsten Tagen wohl ausnahmsweise nicht so viel ändern. Nachdem wir fast zwei Wochen lang jede Nacht in einer anderen Bucht verbracht haben, werden wir nun wohl mal einige Tage verweilen. Abgesehen davon, dass sich die Gezeiten (und damit Strömungen) für uns ungünstig verschieben, sind für die nächsten Tage Nordwinde angesagt. Diese sollen zwar nicht allzu heftig werden, kanalisieren sich hier zwischen den Bergen aber sehr schnell zu einem sehr unangenehmen Gegenwind. Darauf können wir gerne verzichten.

Passt gut auf Euch auf und bleibt gesund!!!

Alltagsprobleme in der Antarktis: Körperhygiene

„Körperhygiene an Bord eines Segelbootes wird total überbewertet!“ So sprach vor Jahren Segellehrer Uwe und die anwesenden Männer nickten wissend. Sicher, mit diesem Thema geht jeder auf seine Art und Weise um, von der mindestens täglichen Dusche bis hin zur wochenlang vor sich in modernden Duftbombe gibt es jede erdenkliche Spielart. Doch eines muss an dieser Stelle mal festgehalten werden: Eine „robuste“ Einstellung zu diesem Thema ist an Bord eines Segelbootes auf Langfahrt manchmal unumgänglich.

In wärmeren Region mag das alles ja kein Problem sein. Nach dem täglichen Sprung in das badewannenwarme Meer geht es kurz mit der Heckdusche über den gebräunten Leib… da bleibt maximal etwas Salzaroma haften. Eine andere Sache ist das, wenn die Temperaturen sinken. Das kann durchaus schon in Argentinien der Fall sein. Ende 2019 im Yacht Club Buenos Aires frisch geduscht musste das dann auch erst mal eine Weile reichen. Sage und schreibe am 11. Januar nahm die Crew der Samai in einer konzertierten Aktion ihre erste Dusche des Jahres 2020. An Bord. Ja, wir nennen den Luxus einer separaten Borddusche unser Eigen. Warmes Wasser gibt es allerdings nur mit Landstrom oder wenn der Motor läuft… und auch dann nicht unbegrenzt. Ansonsten nimmt der Wassertank nahezu die Temperatur des den Rumpf umgebenden Meeres an.

Tja, und dann fährt man für einen Monat in die Antarktis. Natürlich waren wir alle in Ushuaia nochmal unter die Dusche gegangen. Das war am 31. Januar. Und heute ist der 3. März. Warum wir nicht alle regelmäßig an Bord duschen? Dagegen sprechen im Eis einige Argumente:

  • Es gibt hier zwei Möglichkeiten, den Wassertank zu füllen. Mit Kanistern zu einem der eher seltenen Gletscherschmelzbäche paddeln (haben wir bei den Melchior Islands tatsächlich gemacht!) oder der bei kaltem Wasser deutlich weniger effiziente Wassermacher (für den allerdings der Motor laufen muss).
  • Wir sind im Geltungsbereiches des Antarktisvertrages und haben damit unter anderem die Auflage, dass auch Grauwasser nur mindestens 3sm von Land entfernt eingelassen werden darf sowie genauer Ort, Zeitpunkt und Menge in einem Nachreisebericht dokumentiert werden müssen. Die Dusche pumpt direkt ins Meer.
  • Die Temperatur unter Deck pendelt sich am Tag bei ca. 10°C ein. Da kostet es schon etwas Überwindung, sich aus den zwiebelartig getragenen Kleidungsschichten zu pellen, frohgemut unter die (anfangs natürlich eiskalte) Dusche zu hüpfen und anschließend, möglicherweise gerade mal so halbwegs angewärmt, triefnass wieder rauszukommen.

Kurz und gut: In der Wasserbilanz des Monats Februar spielt die Position „Dusche“ keine Rolle.

Na dann werden wir aber doch sicher regelmäßig, wenn nicht täglich unsere Wäsche gewechselt haben?! Hand aufs Herz: Wie viele Schlüppies liegen im heimischen Schrank? An Bord eines Langfahrtschiffes sind es mit Sicherheit weniger! Und nochmal… wir reden hier von gut 30 Tagen. Also nein, Wäschewechsel erfolgte ausschließlich nach Bedarf. Ob das nun so selten sein muss wie beim Skipper (war das wirklich wöchentlich oder noch seltener?! ;-) sei mal dahingestellt.

Einziger Vorteil in der kalten Umgebung ist, dass man nicht soviel schwitzt. Also eigentlich gar nicht. Daher stinkt man auch nicht ganz so schnell. Aber Fakt ist, dass wir sicherlich in einem für Außenstehende olfaktorisch relevanten Umfang müffeln. Nicht alle gleich intensiv, natürlich gibt es nicht zuletzt hormonell bedingte Abstufungen. Ich sage mal, dass die einsetzende Pubertät eines Teens in dieser Hinsicht sicher kontraproduktiv ist, wohingegen sich in noch jüngeren Jahren das Stinkpotential im Wesentlichen auf die Ausscheidungen beschränkt. Damit sind dann auch die Eckpunkt unserer internen Mief-Tabelle definiert, die Eltern reihen sich dazwischen ein.

Aber so ist das nun einmal. Ich betone immer wieder, dass wir hier auf Weltumseglung ja nicht in einem 3-jährigen Dauerurlaub sind, sondern eigentlich „nur“ unseren Lebensstil für eine gewisse Zeit geändert haben. Das bringt im Wortsinn Veränderung mit sich Eine davon ist unbestritten das Thema Körperhypgiene… aber die ist, wie eingangs ja schon erwähnt, ohnehin völlig überbewertet.