Der morbide Charme von Bridgetown

Barbados, 11. Februar 2022

Heute wollen wir einen kleinen Rundgang durch das Zentrum von Bridgetown machen. Eine Touristeninfo wäre da durchaus hilfreich. Gibt es aber nicht. Weder bei Google Maps, MapsMe oder auf Nachfrage bei einem freundlichen Bajan. So sind wir auf die in einem online gefundenen Rundgang genannten Höhepunkte einer Stadtwanderung angewiesen. Also los. Ausgangspunkt ist natürlich der alte Hafen The Careenage, in dessen altem Blackwoods Screw Dock wir das Dinghy lassen.

Unser Dinghy liegt weiter hinten im Blackwoods Screw Dock

Nur kurz durch den Independence Arch über die Brücke erreichen wir den zentralen National Heroes Square. Hier wir der aus Barbados stammenden Gefallenen der zwei Weltkriege gedacht. Es ist immer wieder ebenso erstaunlich wie unfassbar, welche Nationen in diesen zwei großen Sünden des 20. Jahrhunderts Leben gelassen haben.

Independence Arc
Independence Square

Direkt daneben zeugt das Parliament of Barbados vom schon 1639 gegründeten und damit (nach Westminster und Bermuda) drittältesten Parlament im Commonwealth. Naheliegend ertönen vom benachbarten Uhrenturm die bekannten Klänge des Big Ben. Offensichtlich ist es nicht die einzige Uhr mit dem einprägsamen Glockenspiel. Schließlich schlägt diese Uhr im Gegensatz zu den von Bord aus vernommenen Klängen pünktlich!

Die Cathedral Church of Saint Michael and All Angels ist heute leider geschlossen. So bleibt nur ein Spaziergang über den rundherum angelegten Friedhof. Sein besonderer Charme harmoniert gut mit den bisherigen Eindrücken der Stadt.

Cathedral Church of Saint Michael and All Angels

Viele Städte haben eine sogenannte „grüne Lunge“. Tiergarten, Jardin des Tuileries, Hyde Park, Central Park… und natürlich der Queen’s Park von Bridgetown. Ja, natürlich ist hier alles etwas kleiner. Aber wir sind hier ja auch nicht in eine Millionenmetropole. Die ehemalige Heimat des britischen Truppenkommandanten von Westindien ist eine erholsame Oase zwischen den geschäftigen Straßen der Stadt.

Queen’s Hourse im Queen’s Park

Danach stürzen wir uns ins Gewühl. Die Swan Street ist Fußgängern vorbehalten und dicht an dicht von kleinen und großen Geschäften gesäumt. Es ist voll hier. Für heutige Zeiten eigentlich schon ein bisschen zu voll. So etwas haben wir zuletzt in den kolumbianischen Städten Santa Marta, Bogotá und Medellín erlebt. Und davor ganz lange gar nicht.

Durch die Swan Street

Über den kleinen, zentral gelegenen Jubilee Garden spazieren wir weiter zur St. Marys Anglican Chruch. Hier ist es etwas ruhiger. Doch die Aushänge über Basar und Gottesdienste zeugen von einer Normalität, von der viele andere Länder weit entfernt scheinen.

Jubilee Garden
St. Marys Anglican Church

Unser letzter Zwischenstopp gilt dem Gelände der Nidhe Israel Synagogue and Museum, das auch einige historische Hinterlassenschaften bietet. Doch die Kinder sind müde und die Eintrittspreise für den kleinen, selbst geführten Rundgang erstaunlich hoch. So begnügen wir uns mit einem Blick von außen.

Damit findet dieser kleine Rundgang so allmählich sein Ende. Durch Straßen mit „besonderem Flair“ schlendern wir zurück zum Dinghy. Immer wieder fällt der Blick auf Kleinigkeiten. Der Gemüsestand hier, die Gesprächsrunde dort, aber auch der ins Leere starrende Bettler daneben… viele ungewohnte Eindrücke. Das Panoptikum eines Lebens, das sozialisierten Europäern fremd und faszinierend zugleich ist.

Eindrücke…

Insgesamt ist es wirklich interessant und nett hier, aber irgendwie auch nicht viel mehr. Ja, die Menschen sind sehr freundlich und aufgeschlossen. Und Liebhaber morbid-romantischen Ambientes wissen nicht, wo sie zuerst hinschauen oder -gehen sollen. Trotzdem packt es uns nicht so richtig. Vielleicht haben diverse, fast schon hochjubelnde Empfehlungen zu große Erwartungen in uns geweckt? Nun ja, wenn Barbados wirklich ein Highlight der Karibik ist, dann sind wir wohl verwöhnt… oder verdorben… oder es ist einfach nicht unser Ding. Trotzdem schön, hier zu sein und diesen Winkel der Welt zu erkunden.

Zurück am alten Hafen

Lecker Muräne

Barbados, 15./16. Februar 2022

Skipper: Wir haben schon seit Monaten eine kleine Harpune zum Speerfischen an Bord. In Deutschland ist deren Nutzung natürlich streng verboten. Da fällt ja schon eine ohne Angelschein ins Wasser gehaltene Schnur mit Haken in den Straftatbestand der Fischwilderei. Doch in vielen anderen Ländern gehört die schonende Art des Fischfangs mit Speer zur lokalen Tradition und wird selbstverständlich praktiziert. So auch in Barbados.

Unser Free Diver Samuel schnappt sich also das Handwerkszeug und ist schnell im Wasser verschwunden. Kurz vor dem Davonschwimmen murmelt er noch etwas davon, was wir denn mit einer Muräne machen würden. Der Skipper murmelt zurück: „Grillen!“ La Skipper nimmt das alles nicht wirklich ernst. Ganz im Gegensatz zu unserem Sohn. Er hat ein klares Ziel vor Augen.

Samuel: Ich gehe ins Wasser, mit der Harpune, den Flossen und der Taucherbrille ausgerüstet. Ich suche und suche, kann aber keine Muräne entdecken. Auch andere Fische sehe ich nicht. Nach gefühlten Stunden mache ich mich auf den Rückweg. Plötzlich sehe ich unter mir eine Stelle, wo sich erfahrungsgemäß gerne Muränen verstecken. Ich tauche hinab um nachzusehen. Erst sehe ich keine, doch dann sehe ich den schwarz-weißen Körper einer Muräne. Ok, eigentlich sehe ich nur den Kopf und ein kleines bisschen vom Schwanzende.

Ich ziehe die Harpune auf. Meine Lunge beginnt zu brennen, als mir auffällt, dass mein Herz rast wie bei meiner ersten Autofahrt. Also schnell wieder an die Oberfläche. Ich atme tief durch und tauche erneut ab. Die Harpune ist noch immer gespannt. Die Spitze der Harpune zielt auf den Kopf der Muräne. Ich lasse los und die tödliche Waffe schnellt vor. Trotz der enormen Wucht der Harpune treffe ich die Muräne nicht. Sie kann ihren Kopf noch zurückziehen. Ich wundere mich und tauche auf. An der Oberfläche ziehe ich die Harpune wieder auf und tauche erneut ab. Sie schaut wieder aus der Höhle, aber dieses mal an einer anderen Stelle. Ich ziele wieder und lasse erneut los.

Dieses mal treffe ich. Als ich auftauche, hängt die Muräne am tödlichen Ende der Harpune. Doch habe ich sie nur mit einem der insgesamt drei „Harpunenhaken“ getroffen. Also tauche ich wieder ab. Am Boden drehe ich die Harpune, bis die Muräne sich unter den anderen Haken befindet. Da steche ich zu. Die Harpune durchbohrt die Muräne und gräbt sich in den Boden. Das Beutetier verkrampft sich und klammert sich an die Harpune. Dann schwimme ich zurück. Ab da an sollte Papa weiter erzählen.

Skipper: Es dauert letztlich gar nicht mal so lange, da taucht Samuel wieder am Heck der Samai auf. Am Speer in seiner Hand hängt eine Gefleckte Muräne. Na toll. Ich hätte es wissen müssen. Dann mal ran ans Werk. Arbeitshandschuh angezogen, Messer gezückt und die Muräne von ihrem Leid befreit. Das gestaltet sich schwieriger als gedacht. Sie ist nicht nur richtig glitschig, sondern hat dazu noch eine erstaunlich feste Haut.

Von unserer ersten Erfahrung mit frittierter Muräne in Cabo Verde haben die Jungs in guter Erinnerung, wie grätig dieser Fisch ist. Filetieren kommt da nicht in Frage. Also klassisches Ausnehmen. Erwähnte ich schon die glitschig-zähe Haut? Die Aktion zieht sich. Doch irgendwann sind die Innereien raus und die Haut auf griffiges Normalmaß abgewaschen. Ja, damit kann der Grillmeister was anfangen.

Doch vorher müssen wir noch das Thema „Ciguatera“ klären. Dabei handelt es sich eine in tropischen Breiten durchaus häufige Fischvergiftung. Ciguatoxin und Maitotoxin reichern sich über die Nahrungskette vor allem in den großen Riffräubern an. Das sind insbesondere Barrakudas und Zackenbarsche, aber halt auch Muränen. Die Fische selbst stört das hitzebeständige und somit auch vom Kochen bzw. Grillen unbeeinflusste Gift nicht. Beim Menschen können schon weniger als 100g belastetes Fischfleisch zu schweren Symptomen führen. Darunter eine Störung von Wärme- und Kälteempfinden. Die Letalität beträgt immerhin ca. 0,1%. Eine Therapie gibt es nicht, der Körper muss das Gift selbst wieder loswerden. Da ist Vorsorge die beste Medizin!

Wir fragen also beim alteingesessenen TO-Stützpunktleiter an. Er gibt Entwarnung. Ciguatera sei hier kein Problem. Dazu ist unsere Muräne ja auch nicht besonders groß. Damit steht der Speiseplan für den nächsten Abend fest: Muräne vom Grill!

Der saftige Fisch ist wirklich grätig und wirklich lecker. Selbst unsere Mädels lassen es sich nicht nehmen, mal zu kosten. Zumindest ein winziges Stück. Ansonsten halten sie sich lieber an den gegrillten Alternativen und Bratkartoffeln. Kein Problem. So bleibt für die Jungs mehr übrige von diesem nicht alltäglichen Gaumenschmaus: Lecker Muräne!

Bürokratie in der Karibik: Barbados

8./9. Februar 2022

Das offizielle Einreiseprotokoll von Barbados sieht zurzeit eigentlich vor, dass man vor Abreise eine Health Declaration inklusive negativem PCR-Testergebnis übermitteln muss. Das Problem ist der Zeitrahmen: innerhalb von 1-3 Tagen vor Ankunft. Wir planen für die Überfahrt von Bonaire nach Barbados gut eine Woche. Und ehrlich gesagt sehen wir es auch nicht so richtig ein, mehrere hundert Dollar für eine familiäre PCR-Testrunde „auf Verdacht“ rauszuwerfen. Letztlich beruhigt uns das vorab angeschriebene „Visit Barbados“, dass wir das alles auch vor Ort erledigen könnten. Wir fahren also einfach mal los.

Insgesamt sind wir dann ja acht Tage unterwegs. Und irgendwie haben wir bei Ankunft auch nicht so richtig Lust, gleich zu den offiziellen Stellen zu hetzten. Erst einmal eine Nacht schlafen. Das erweist sich als gute Entscheidung. Unser belgischer Ankernachbar macht sich abends auf den Weg zum Ausklarieren. Dabei fragt das nette Pärchen für uns nach, ob wir mit der ganzen Familie antanzen müssen, oder der Skipper die Formalitäten auch alleine erledigen kann. Die gute Nachricht: der Skipper kann!

So steige ich am nächsten Vormittag in das Dinghy und rausche zum Zollpier in den großen Hafen. Der Weg ist recht weit, doch alleine bekomme ich unser Beiboot in schnelle Gleitfahrt. Das macht Spaß! Mit einem Grinsen im Gesicht mache ich direkt vor einem >300m-Kreuzer an einer Piertreppe fest und gehe frohgemut zu den Autoritäten.

Blick vom Zollpier in das neue Hafenbecken.

Health

In der heutigen Zeit führt der erste Weg normaler Weise zu den Gesundheitsbehörden. Im kleinen Büro fülle ich allerlei Formulare aus. Darunter scheint auch die obligatorische Health Declaration zu sein. Dann führt mich der nette Mann zu einer Krankenschwester. Sie soll unsere Impfnachweise prüfen. Ich zeige ihr die Dokumente aus Aruba auf dem Handy, die sie mit sicherem Auge und ganz ohne QR-Scanner schnell als echt und gültig anerkennt.

Nun muss ich noch zum Arzt. Wiederum ein sehr netter, dieses Mal etwas älterer Herr. Ich erzähle ihm unsere Geschichte. Ganze neun Tage waren wir alleine auf dem Boot. Das erkennt er durchaus an. Allerdings wären 10 Tage wohl besser gewesen. Ich schlage vor, einfach morgen wiederzukommen. Er lächelt. Mehrmals fragt er nach unseren letzten PCR-Tests. Nun ja, die waren bei Einreise in Aruba Ende Oktober. Noch vor unserer Impfung! Hmmm… das hilft nicht. Doch ganz offensichtlich bemüht er sich um eine unkomplizierte Lösung für uns.

Schließlich fragt er, ob meine Frau und ich einen Schnelltest machen können. Für mich kein Problem, Sandra ist allerdings an Bord in der Ankerbucht. Soll ich sie jetzt extra dafür ranholen? Wir leben auf einem 12m-Boot. Wenn einer es hat, dann haben es alle! Er muss wiederum lächeln und nickt. Zusammen gehen wir zu seinem Auto. Vom Rücksitz holt der einen Schnelltest, der seinem Namen alle Ehre macht und schnell ein negatives Ergebnis anzeigt. Das reicht dem Doktor. Wir bekommen die offizielle Erlaubnis zur Einreise nach Barbados. Schriftlich!

Nicht schwanger… ;-)

Ach ja, normalerweise werden für den Schnelltest 60$ berechnet. Nicht nur, dass er darauf netter Weise verzichtet. Zusätzlich bietet er uns seine Hilfe an, falls wir vor unserer Weiterreise noch Tests benötigen. Die bekommt man zwar auch bei diversen Stellen in der Stadt, muss dort aber um einiges mehr dafür bezahlen. So nett!

Migration

Mit der gesundheitlichen Freigabe ist der Rest schnell erledigt. Die nette Dame im Migration-Büro ist zu einem Plausch aufgelegt. Wir unterhalten uns nett, sie freut sich über meine mitgebrachte Crew-Liste und interessiert sich für unsere Geschichte. Auf einer Karte zeige ich ihr unsere bisherige Route. Nebenbei werden unsere Pässe gestempelt. Alles ganz entspannt.

Customs

Genau so geht es eine Etage höher bei der netten Dame im Customs-Büro weiter. Kein Wort darüber, dass ich in ihr Mittagessen rein platze. Sie hatte mich schon gesehen und erwartet. Auch hier sind noch ein paar Dokumente auszufüllen, für das sonst immer kopierte Schiffszertifikat interessiert sie sich nur aus der Ferne, die Dame von der Migration bringt noch eine Kopie meiner Crew-Liste, ich bekomme ein Papier ausgehändigt und schon ist alles erledigt. Wir sind offiziell in Barbados eingereist.

Wähle den richtigen Weg!

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass ich mehrfach gefragt werde, wie ich hergekommen sei. Offiziell (so auch auf Noonsite geschrieben) hätten wir wohl mit der Samai direkt an den Zollpier kommen müssen. Damit soll vermieden werden, dass die Einreisewilligen ohne Test und Prüfung potenziell infektiös quer durch die Stadt laufen. In der Tat machen das wohl einige gedankenlose Segler. Umso erfreuter sind alle, dass ich den langen Weg mit dem Dinghy zurück gelegt habe. Da macht sich rudimentäres Mitdenken gleich als klares Plus im persönlichen Umgang bemerkbar.

Ausreise

Für die Ausreise werden ich ich wieder an den Zollpier müssen. Als erstes sind dann 50$ Gebühr zu bezahlen. Die anschließenden Besuche bei Migration uns Customs sollten mindestens so unkompliziert ausfallen wie heute.

Insgesamt gestalten sich die Formalitäten in Barbados (die aktuell nur zum Ausklarieren alternativ zu Bridgetown auch im nördlichen Port St. Charles erledigt werden können) also erfreulich entspannt und pragmatisch. Eine schöne Erfahrung in den heutigen Zeiten!

Endspurt nach Barbados

7./8. Februar 2022

Nur noch gut 100sm. Der kräftige Wind verspricht eine schnelle Überfahrt. Doch erst einmal werfen wir noch einen kurzen Blick in die benachbarte Ankerbucht vor Sainte-Anne. Es war eine gute Entscheidung, diese bei Nacht nicht anzulaufen. Schnell weg hier. Segel im zweiten Reff, Fock und los geht es auf direktem Kurs nach Barbados.

Unsere Bucht ist vergleichsweise vereinsamt…
… zumindest im direkten Vergleich mit Sainte-Anne!

Da gibt es vor Martinique allerdings ein kleines Problem. Also eigentlich sind es viele kleine Probleme in Form von in der bewegten See kaum bis spät auszumachenden Plastikflaschen. Die schwimmen da aber nicht unmotiviert umher. Vielmehr geht von jeder einzelnen eine Leine zu einem Fischernetz ab. Rund um die 20m-Tiefenlinie wimmelt es davon. Im Slalom kurven wir so schnell wie möglich in tieferes Wasser. Puh… nochmal gut gegangen.

Martinique bleibt achteraus!

Im Saint Lucia Channel werden wir erst einmal von einigen Vögeln begleitet. Das machen die allerdings nicht ganz uneigennützig. Unsere Samai schreckt immer mal wieder kleine Fliegende Fische auf, die dann sogleich von mindestens einem hungrigen Schnabel verfolgt werden. Oft geht es für den Fisch gut aus, aber so manches Mal freut sich auch der Vogel über einen Snack.

Der Wind weht recht konstant mit 4-5 (in Böen 6) Bft. aus erfreulicher, weil nordöstlicher Richtung. Trotz gerefftem Großsegel kommen wir richtig schnell voran. Also durch Wasser. Das leidige Problem ist halt wieder oder auch immer noch, dass sich dieses Wasser insgesamt in die falsche Richtung bewegt. Das nennt man Strömung und geht uns inzwischen so richtig auf die Nerven. Im Schnitt mit 1,5kn, zeitweise aber auch gerne mal mit über 2kn bremst sie uns aus. Später dreht der Strom und sorgt zusätzlich für 20 Grad Kursversatz. Nur gut, dass die Windrichtung genug Spielraum bietet. Obwohl wir nun höher an den Wind gehen müssen, können wir Barbados immer noch direkt anliegen.

Das macht auch die „Seaview“. Der >300m-Kreuzfahrer ist noch meilenweit hinter uns, als ich ihn erst auf dem AIS, dann aber auch gleich als Lichtpunkt am dunklen Horizont erspähe. Einige Zeit später überholt er uns in etwa einer Seemeile Entfernung. Seine Beleuchtung ist so hell, dass ich bei uns im Cockpit fast ein Buch lesen könnte. Ok, das ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben, aber trotzdem kann ich meine Stirnlampe eine Weile lang abnehmen. Cockpit und Segeltrim sind auch so gut erkennbar. Ebenso wie der Lichtschimmer von Barbados am Horizont schon auf viele Kilometer Entfernung auszumachen ist.

Die „Seaview“ bei Nacht…
… und am Tag darauf in Barbados

Leider macht die Welle unseren Mädels etwas zu schaffen. Im Laufe der Fahrt baut sie sich auf etwa 3m auf. Eigentlich nicht so schlimm, aber irgendwie halt die falsche Frequenz für sie. La Skipper gibt sich dem Segelmodus hin und auch Maila lässt es heute ruhig angehen.

Die Fahrt zieht sich deutlich länger als erwartet, doch das Tageslichtfenster ist groß genug. Um 14 Uhr fällt der Anker in der großen Carlisle Bay vor Barbados Hauptstadt Bridgetown. Vom Ufer weht die bekannte Melodie des Big Ben aus London zu uns. Sie kommt nur 7 Minuten nach der angezeigten Stunde. Ja, die Insel ist ganz offensichtlich britisch geprägt. Wir lassen es ruhig angehen. Erst einmal Winnie ab- und Bimini aufbauen… dazu eine kühle Anlegergerstenkaltschale. Die Formalitäten können sicher auch noch bis morgen warten. Wir genießen das Gefühl, eine der eher unangenehmeren Passagen unserer kleinen Fahrt geschafft zu haben. Von Bonaire gegen Wind und Strom nach Barbados. Ein gutes Gefühl!

Ankerstopp im Süden von Martinique

7. Februar 2022

Einen ausgeschlafenen Morgengruß von der Samai! Die letzten Meilen Richtung Martinique waren nicht so doll. Mit (natürlich nicht angesagten) 5 Windstärken auf die Nase schaukeln wir uns (immer noch unter Motor) gegen den Strom und eine erstaunlich kurze, steile Hackwelle in Richtung „Saint Lucia Channel“. Das ist die Passage zwischen den bergigen Inseln Martinique im Norden und Saint Lucia im Süden. Da können sich lokal schon mal unangenehme Bedingungen einstellen. Auch unseren Mädels wird so langsam etwas unangenehm. Quälend langsam kommt die Insel näher. Schön ist anders. Da reift beim Skipper eine Idee. Ich schaue zur Sicherheit nochmal in die letzte Windvorhersage. Ja, das passt. Am Montag soll sich eine für die Weiterfahrt hilfreiche Nordkomponente in den Wind schleichen. Die Nacht davor dagegen kräftig direkt aus Osten blasen. Eine kleine Pause wäre also in mehrfacher Hinsicht willkommen. Und wie es der Zufall so will, liegt da ja eine Insel direkt vor dem Bug.

Quälend langsam nähern wir uns Martinique
Auch Hasi möchte heute Nacht gerne ankern!

Wir suchen uns eine Bucht im Süden von Martinique aus. Die liegt nicht nur fast genau auf dem Weg, sondern ist auch möglichst weit weg von den offiziellen Stellen in der großen Bate de Fort-de-France. Wir wollen schließlich nicht einklarieren, sondern am liebsten eine Nacht lang übersehen werden. Darum schalten wir auch frühzeitig unseren AIS-Sender („Automatic Identification System“) aus, bleiben aber natürlich weiter auf Empfang. Und wir empfangen einiges. Beim Näherkommen zeigt sich schnell, dass es kein Problem sein sollte, unauffällig in der Masse zu verschwinden.

Ausblick auf eine ruhige Nacht
Natürlich werden wir im Dunkeln ankommen
Unwillkürlich summt das Thema von Darth Vader im Hinterkopf

Im Süden von Martinique gibt es (unter anderem) eine größere Ankerbucht vor Sainte-Anne. Nach und nach zeigen sich darin immer mehr AIS-Signale von Ankerliegern auf dem Plotter. Es werden über vierzig! Dazu kommen dann noch die ganzen Boote ohne AIS. Wahrscheinlich gilt diese Bucht hier gerade mal als „nicht übermäßig besucht“?! Willkommen in der Karibik!

Wir nehmen die südliche Bucht…

Wir entscheiden uns für die kleinere Bucht weiter südlich. Hier sind nicht einmal 10 AIS-Signale zu sehen. Dicht an dicht. Obwohl es hier eigentlich recht weitläufig eine angenehme Ankertiefe von unter 5m gibt. Natürlich kommen wir mal wieder im Dunkeln an. Ist aber kein Problem. Etwas abseits werfen wir den Anker. Ruhe im Boot. Schön!

Der neue Tag beginnt ausgeschlafen, mit einem guten Kaffee, leckerem Früstück und aktuellen Wetterberichten. Es sieht sogar noch besser aus als gestern. Wenn wir mittags losfahren, sollten wir die gut 100sm bis Barbados eigentlich bei 4-5 Bft. am Wind durchsegeln können. Das wäre echt super. Doch vorher muss Samuel noch einmal in den Mast klettern. Nach dem legendären Sprung von Eike haben wir leider vergessen, die Maststufen wieder einzuklappen. Es kommt wie es kommen muss. Das Großfall hat sich verhakt. Aber für unseren erfahrenen Mastkletterer ist das nur eine Kleinigkeit.

Das Großfall ist klariert und die Stufen werden gleich eingeklappt

Zwischenbericht „Luftlinie Samai-Barbados“ nach gesegelten Meilen:

  • nach 100sm ca. 485sm (auf 94 Grad)
  • nach 200sm ca. 425sm (auf 95 Grad)
  • nach 300sm ca. 405sm (auf 108 Grad)
  • nach 400sm ca. 400sm (auf 121 Grad)
  • nach 500sm ca. 325sm (auf 122 Grad)
  • nach 600sm ca. 235sm (auf 120 Grad)
  • nach 700sm ca. 140sm (auf 128 Grad)
  • vor Anker in Martinique ca. 110sm (auf 137 Grad)

Der Mittag ist durch. Es gehen zwar immer mal wieder 5er oder auch 6er Böen durch die Bucht, doch der Wind kommt aus (ost)nordöstlicher Richtung. Das sollte passen. Motor an, Anker auf, Großsegel (gerefft) hoch, dazu die Fock, Motor aus und Kurs Richtung Barbados. Morgen sollten wir ankommen… jetzt aber wirklich! ; -)