Markttag in Zumbahua

27. Februar 2021

Heute Vormittag machen wir eine der gaaaaaanz wenigen negativen Erfahrungen in Ecuador. Auf einer kurvigen Straßen biegen wir durch ein offenes Tor dicht am Abgrund, um die Aussicht zu genießen. Doch schon kurze Zeit später kommt ein aufgeregter Mann laut schimpfend auf uns zu. Natürlich echauffiert er sich auf Spanisch. Ich verstehe rein gar nichts. Der Hinweis auf meine fehlenden Sprachkenntnisse ändert auch nichts an seinem Auftreten. Schließlich schnappe ich das Wort „privado“ auf und es wird klar, was er will: 1$. Mit der Münze in der Hand trollt er sich und hinterlässt ein unschönes Gefühl bei uns. Das wäre sicher auch anders, freundlicher gegangen. Aber wie gesagt, war das eine ganz große Ausnahme!

Kurzer Zwischenstopp…
… für die Aussicht!

Den ersten richtigen Zwischenstopp des Tages machen wir in Zumbahua, ein kleines Städtchen im Hochland. Dort wird jeden Samstag ein authentisch-indigener Markt abgehalten, den nicht selten auch Touristen besuchen. So wie wir. Aber nicht heute. Augenscheinlich sind wir die einzigen nicht-Ecuadorianer weit und breit. Manchmal ist es schon ein komisches Gefühl, aber es ist nicht das kleinste Anzeichen von Argwohn oder Unfreundlichkeit uns gegenüber zu spüren.

Hmmm… wo sind hier die Touristen?!? ;-)

Schon auf dem Weg vom Parkplatz zum eigentlich Markt kommen wir in den Nebenstraßen an kleinen Lastwagen vorbei, von denen Händler ihre Ware anbieten. In der Regel handelt es sich um lebende Tiere, mit denen sehr zum Leidwesen unserer Jüngsten nicht gerade zimperlich umgegangen wird. Die Hühner hängen an zusammengebundenen Beinen und werden so auch nach Hause getragen. In Deutschland aus durchaus nachvollziehbaren Gründen undenkbar, hier dagegen gelebter Alltag.

Wir schlendern durch die Stände und schauen in das Haus mit dem bereits geschlachteten Fleischangebot. Im Obergeschoss ist ein lautes, volles Restaurant. Wie auch auf dem Markt selbst, tragen nur wenige einen Mundschutz. Dafür präsentierten aber viele ihre anscheinend schönste Ausgehkleidung. Insbesondere die Frauen sind oft mit Poncho und Hut typisch herausgeputzt. Ganz wie es Tradition ist. Hier ist tatsächlich nichts gekünstelt oder touristisch aufgebauscht. Es ist ein ganz normaler, authentischer Mark und wir sind letztlich froh, ihn erleben zu dürfen.

Mitad del Mundo

26. Februar 2021

Die für den Morgen geplante Birdwatching-Tour im Nebelwald sagen wir kurzfristig ab. Ein hustender Guide ist in diesen Tagen nicht die erste Wahl. Wir können also entspannt packen, frühstücken und in Mindo noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Insbesondere hat Samuel sich einen Schokoladennachschub aus dem El Quetzal gewünscht.

Das erste Ziel in der Sierra, dem zentralen Hochland von Ecuador, ist ein touristischer Pflichtbesuch. Das in seiner heutigen Form 1979-82 gebaute Äquatormonument „Mitad del Mundo“ markiert nördlich von Quito die „Hälfte der Welt“. Also genau dort, wo sie von Charles Marie de La Condamine im Jahre 1736 das erste Mal vermessen wurde. Er war schon ziemlich gut, doch heute weiß man es besser. Der echte Äquator geht etwa 240m nördlich so in etwa durch den Rinnstein einer Umgehungsstraße.

Egal, die Touristenströme kommen trotzdem genau hierher und stellen sich vermeintlich mit je einem Fuß auf die Nord- bzw. Südhalbkugel. Ein ebenso beliebtes wie falsches Fotomotiv. Obwohl wir auch das mit den Touristenströmen relativieren müssen. Laut Eigenwerbung das die meistbesuchte Touristenattraktion auf dem ecuadorianischen Festland und das ganze Gelände ist mit seinen Museen, Restaurants, Souvenirläden und sogar Planetarium offensichtlich für ganz andere Besucherzahlen ausgelegt, als in diesen Zeiten vorbei schauen. Uns soll es recht sein.

Zunächst besuchen wir den zentralen 30m-Monolithen mit krönender 4,5m-Weltkugel. Im Innern werden wir auf jeder Etage durch einen anderen Bereich Ecuadors geführt: Oriente (Regenwald), Sierra (Hochland), Costa und Galápagos werden kurz, knapp und kurzweilig vorgestellt.

Oben angekommen genießen wir den Ausblick.

Da irgendwo ist der echte Äquator

Wieder auf dem Boden der Südhalbkugel genießen die Kinder auf dem weitgehend verwaisten, zentralen Platz ein Eis. Hin und wieder wird versucht, uns in ein Restaurant zu locken, doch das haben wir in anderen Ländern schon zu normalen Zeiten um so viel aufdringlicher erleben müssen. Der Skipper wirft einen Blick in die kleine Kapelle und die ganze Familie macht noch einige Souvenirverkäufer glücklich. Insbesondere gönnen sich Maila und Papa (angeblich) authentische Ponchos. In der Sierra wird es kalt!

Zum Abschluss besuchen wir einen kleinen Bereich, in dem typische, historische Behausungen der verschiedenen Regionen als Nachbau vorgestellt werden. Wenig verwunderlich ist jedes Haus, jede Bauweise an ihre jeweilige Umgebung angepasst. Eine wirklich schöne Gegenüberstellung.

Altes Wohnen im Oriente
Altes Wohnen in der Sierra

Weiter geht die Fahrt einmal ganz an der ach so langgestreckten Hauptstadt Quito vorbei entlang Richtung „Avenida de los Volcanes“. Hier reihen sich die Vulkane aneinander und zumindest den beiden bekanntesten wollen wir in den nächsten Tagen einen Besuch abstatten.

Alles klar für die Sierra!

Abschied von der Angelito I

Galápagos-Inseln, Februar 2021

Etwas mehr als eine Woche waren wir Gast auf der Angelito I. Es war eine wirklich schöne Zeit. Dazu haben natürlich auch unsere Gastgeber beigetragen. Guide Maja habe ich ja schon das ein oder andere Mal erwähnt. Auch sie hat die Zeit mit unserer Gruppe, insesondere den fünf Kindern, offensichtlich sehr genossen.

Doch auch der Rest der Crew hat einen tollen Job gemacht. Der Kapitän lässt mich bei nächtlicher Fahrt gerne auf die Brücke und beantwortet geduldig meine spanisch-radebrechenden Fragen. Der Koch hat dafür gesorgt, dass alle Anstrengungen an Land und im Wasser keinerlei Chance auf einen diätischen Effekt haben.

Die Vorspeise wartet schon
Essen fassen…

Und jeden Mittag bietet die Rückkehr in die gemachten Kabinen eine neue Überraschung.

In mehreren Gesprächen erfahren wir auch einige Hintergründe zu der aktuellen Situation auf den Galápagos. Von den etwa einhundert Kreuzfahrtschiffen sind nur eine Handvoll unterwegs. Und um überhaupt Gäste zu bekommen, geht man mit den Preisen runter. Einiges an Konkurrenz ist eigentlich etwas teurer als die Angelito I. Es sind neue Boote mit Jacuzzi, flauschigen Teppichen und modern verspiegelter Inneneinrichtung. Ganz ehrlich, wer braucht das hier. Uns ist die schiffige Angelito I definitiv um einiges lieber. Wie auch immer, diese Luxusliner gehen jetzt mit dem Preis runter, so dass auch wir in den Genuss eines absoluten Sonderpreises gekommen sind. Dabei sollte man sich aber keinesfalls der Illusion hingeben, hier irgendwie billig davon zu kommen. Unsere Familie liegt (immerhin inkl. Flug) immer noch im fünfstelligen US$-Bereich.

Ein Aspekt der hohen Preise sind die Löhne auf Galápagos. Doppelt so hoch wie auf dem Festland. Dazu ein 13. sowie noch ein (vorab zu zahlendes!) 14. Monatsgehalt. Weiterhin müssen 15% des Reingewinns auf die Angestellten verteilt werden. Auf den Rest zahlt man Steuern und was übrig bleibt, ist für die Eigentümer. Im Fall einer Kündigung ist unabhängig von den Hintergründen eine Zwangsabfindung zu zahlen. Ein Monatsgehalt pro Jahr Zugehörigkeit. Das ist auch nicht verhandelbar. Wird nicht bezahlt, bekommt der Arbeitnehmer einen kostenlosen Anwalt gestellt. Und der gewinnt immer. Das verschärft die Situation bei einer langjährig erprobten Belegschaft.

Chefkoch bei der Arbeit

Wie gesagt, auch die Konkurrenz rüstet auf und so ist auch die aus den laufenden Einnahmen finanzierte Angelito II schon in den Startlöchern. Also eigentlich. Günstig in Europa gekauft, passiert bei der Überführung im Frachter ein Unglück. Schweißer an Deck denken nicht an die darunter lagernde Fracht… Funkenschlag… Feuer! Eigentlich eine klare Angelegenheit, doch die Versicherung macht, was sie immer macht. Bisher hat sie noch nicht einen Dollar bezahlt. Dafür ist die Einfuhrsteuer sofort in voller Höhe fällig. Das aktuell nicht einsetzbare Boot liegt nun in Puerto Lucia. Tatsächlich hatten wir bei unserem kurzen Zwischenstopp dort nur einen Steinwurf entfernt geankert.

Sonnendeck

Der Vollständigkeit halber ist darauf hinzuweisen, dass Geld im Grunde kein Problem ist. Auch größere Mengen stehen bei Bedarf bar zur Verfügung. Drogengeld auf der Suche nach einer Waschmaschine. Es ist wohl nicht abwegig zu vermuten, dass einige der neuen Kreuzfahrer dieser Dienstleistung nachkommen.

Abschied von der Crew am Schiff

Zeit für den Abschied. Ein letztes Mal steigen wir in die Zodiacs. Die Crew steht am Heck und winkt. Es geht wieder zum Flughafen, noch ein paar letzte Souvenirs, langes Warten erst in der Halle, dann auch bei der Zwischenlandung in Guayaquil und schließlich sind wir wieder auf 3.000 Höhenmetern in Quito angekommen. Wir übernehmen unseren Mietwagen und weiter geht es mit unserer kleinen Rundreise durch Ecuador. Ein Höhepunkt liegt hinter uns, viele tolle Eindrücke stehen uns bevor.

Abschied von Maja am Flughafen
Wichtiger Hinweis in der Wartehalle des Flughafens

Alle Hunde lieben Samuel

Normalerweise bin ich kein Hundefreund. Trotzdem scheinen die Hunde mich zu mögen. Ein Beispiel war ja schon Loki aus Valdivia, der mich sofort zu mögen schien. Ähnlich verhielt es sich bei den anderen Hunden in Valdivia, wie z.B. Dimon. Aber nun sind wir nicht mehr in Valdivia sondern auf Rundreise in Ecuador.

Dabei mieten wir uns zwei Zigeunerwagen im Nebelwald. Dort wo die Wagen stehen, gibt es auch drei Hunde. Den scheuesten von ihnen durfte ich als Erster streicheln und ein sehr belliger Hund bellt bei mir nicht ganz so viel.

Yoda muss sich mal strecken…

Später gehen wir zu einem kleinen Lodge Hotel im Hochland. Als wir zur Einfahrt kommen, werden wir von fünf Hunden begrüßt: Zwei große, 9 und 11 Jahre alte Bernhardiner, eine etwas ältere Mutter sowie deren zwei 7 Monate alte Kinder. Einer sieht mit dem rostroten Fell fast aus wie ein Fuchs. Er spielt aber viel lieber als ein Fuchs. Einer der großen Hunde beschnuppert mich und ich erschrecke, als er mir bis zur Hüfte geht. Er lässt sich aber gut streicheln, bellt fast nie und braucht manchmal beim gestreichelt werden die Stütze des Körpers des Streichlers.

Der Hund mit dem rostroten Fell heißt Anouk und hat stets ein Stöckchen bei sich. Das ist zwar ständig ein anderes, trotzdem erfüllt es seinen Zweck als Spielzeug. Das Spiel von Anouk ist eigentlich immer gleich, sie legt das Stöckchen vor einen Menschen (der Erste war ich) und entfernt sich ein paar Schritte (manchmal auch nur einen). Dann stellt sie sich lauernd hin und richtet den Blick auf das Stöckchen. Wenn sich eine Person nähert, sprintet sie vor und schnappt sich das Stöckchen. Nur wenn man es schafft, den Fuß vorher auf den Stock zu stellen, kann man ihn greifen und werfen. Anouk rennt sofort hinterher und bringt ihn zurück. Dann beginnt das Spiel von Neuem.

Anouk wäre dann bereit…

Die anderen Hunde halten sich mehr im Hintergrund. Ab und zu fordern die großen Hunde Streicheleinheiten ein und lehnen sich entspannt an mir an. Ich verstehe es zwar nicht, aber die Hunde scheinen mich zu mögen. Oder zumindest scheinen sie mir nicht zu misstrauen. Ich mag zwar Hunde nicht sonderlich, doch Hunde mögen mich! Merkwürdig aber wahr!!!

Samuel

Armes reiches Ecuador

Manchmal fragt man sich, warum etwas so ist, wie es ist. Zum Beispiel Ecuador. Es hat alle Voraussetzungen, eines der reichsten Länder Südamerikas zu sein, wenn nicht sogar unangefochten an der Spitze zu stehen. Nun steht es relativ gesehen vielleicht gar nicht mal so schlecht da, aber absolut gesehen bleibt es wohl weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Doch worauf gründe ich diese Aussage überhaupt?

Ecuador ist ausgesprochen fruchtbar.

Geerntet werden kann am winterlosen Äquator praktisch ganzjährig. Die Böden und das Klima bieten mehr als genug, um die gesamte Bevölkerung problemlos satt zu bekommen. Dazu ist das Angebot ausgesprochen vielfältig. Neben den Grundnahrungsmitteln (Reis, Kartoffeln, Maniok…) wächst hier eine fast unübersehbare Fülle an Früchten, von denen der durchschnittliche Supermarktgänger in Europa teils noch nie gehört hat. Nicht umsonst gehören frische Fruchtsäfte zu den leckersten Spezialitäten Ecuadors. Der Export landwirtschaftlicher Produkte, nicht zuletzt auch nach Deutschland, ist eine wesentliche Säule der heimischen Wirtschaft.

An der Küste erweitert die Fischerei sowohl Speiseplan wie Exportpalette. In Manta liegt eine große Thunfischflotte und vielerorts finden sich Garnelen- und Muschelfarmen. Auch hier übersteigt das Angebot den Eigenbedarf bei weitem.

Doch die ganzjährige Verfügbarkeit von Nahrung hat auch seine Schattenseite. Das typisch deutsche Sprichwort „Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not“ ist hier praktisch unbekannt. Man musste schlichtweg nie wirklich Vorsorgen. Und wenn man Vorsorge bei etwas so lebenswichtigem wie der Nahrung nicht lernen muss, welche Motivation gibt es dann in anderen Bereichen? In der Tat wurde uns berichtet, dass viele Ecuadorianer mehr oder weniger von der Hand in den Mund leben. Gedanken an die Zukunft macht man sich vor allem beim Hausbau: aus dem flachen Dach ragen oft schon die Pfeiler für ein weiteres Stockwerk, das sich später einmal die Kinder bauen sollen, um in der Nähe der Eltern zu bleiben. Die Familie hat einen sehr großen Stellenwert. Ohne echte Vorsorge ist das aber auch überlebenswichtig.

In letzter Zeit wird die Situation durch vielfältige Finanzierungsangebote noch verschlimmert. Du möchtest etwas kaufen? Dir fehlt das Geld? Kein Problem. Nimm einfach die Kreditkarte mit Ratenzahlung! So häufen sich ganz nebenbei Schulden an. Da kommt eine Pandemie natürlich zur absoluten Unzeit. Oft brechen eigene Einnahmen weg, die Anrufe der Bank kommen dagegen immer pünktlich. Und irgendwann werden die Schulden dann ggf. an ein Inkassounternehmen verkauft. Das funktioniert hier genauso gut, wie überall in der Welt.

Ecuador hat Bodenschätze.

Neben seltenen Erden und Metallen (Gold, Silber, Kupfer, Zink, Blei, Magnesium und Eisen) finden sich weitläufige Erdöl- und -gasreserven. Leider vor allem im Amazonasgebiet. Hier war auch Ecuador in der Vergangenheit nicht vor den Fehlern anderer Länder gefeit. Abbaurechte wurden oft an ausländische (nicht zuletzt US-)Firmen vergeben, deren primäres Interesse natürlich der Profit ist. Was kümmert mich die Natur eines fremden Landes, wenn deren Erhalt meine Rendite schmälert? Traurige, sich weltweit immer wiederholende – ich sage es bewusst so deutlich – moralische Verbrechen!

Ecuador hat wunderschöne, unglaublich vielfältige Naturlandschaften.

Beste Voraussetzungen für nachhaltigen Tourismus. Glücklicherweise wurden hier inzwischen wichtige Maßnahmen umgesetzt. Die Konsequenz im Galápagos-Nationalpark sowie vergleichsweise große Regenwaldschutzgebiete im Oriente gehen in die richtige Richtung. Doch natürlich leidet das Land auch hier unter den aktuellen, weltweiten Beschränkungen. Das bekommen wir auch auf unserer kleinen Rundreise immer wieder hautnah mit.

Ok, postulieren wir also mal, dass Ecuador in der Tat beste Voraussetzungen hat, ein in jeder Hinsicht reiches Land zu sein. Wo liegt das Problem? Neben den schon angesprochen Punkten sind wohl zwei wesentliche Aspekte zu nennen: Kolonisation und Korruption.

Ecuador war spanische Kolonie.

In dieser Zeit wurde das Land, wie fast ganz Südamerika, nicht nur nach allen damals bekannten Regeln der Kunst ausgebeutet. Darüber hinaus haben sich die auch heute noch gültigen Gesellschaftsschichten herausgebildet. Auf den Punkt gebracht: je heller die Haut, desto höher der Status. Bestenfalls gehört man zu den „Blancos“. Was für ein Sch…! Hintergrund ist natürlich, dass die wichtigen Posten einer Kolonie von direkt aus Europa kommenden Spaniern übernommen wurden. Auch heute noch versucht man sich in entsprechenden Kreise möglichst auf eine direkte und „unverfälschte“ Linie spanischer Vorfahren zu berufen. Faktisch sind es wohl nur eine gute Handvoll solcher Familien, die im Wesentlichen die Geschicke des Landes lenken. Die Qualifikation ergibt sich qua Definition aus der besseren (weil in Privatschulen und im Ausland genossenen) Bildung.

Die große Bevölkerungsmehrheit bilden „Mestizen“. Sie sind aus der Vermischung zwischen Indígenas und spanischen Eroberern hervorgegangen und bilden heute mehr oder weniger die urbane Mittelschicht des Landes. Freilich ohne dabei einen mit europäischen Maßstäben vergleichbaren Wohlstand zu erreichen. Und selbstredend sind die gesellschaftlichen Ausreißer nach oben eher seltener zu finden sind, als die nach unten. In den unteren Schichten befinden sich auch heutzutage meist „Indígenas“ (Nachfahren der südamerikanischen Urbevölkerung) und Afroecuadorianer bzw. „Negros“ (Nachfahren der auch hierher verschleppten Sklaven). Abgerundet wird das Bild in den letzten Jahrzehnten durch (natürlich „weiß“ eingestufte) Zuwanderung aus Europa und Asien.

Chancengleichheit ist somit faktisch kaum gegeben. Man bleibt eher unter sich, versucht vielleicht einen bescheidenen Aufstieg nach oben, wehrt sich im Zweifel aber genauso gegen Aufsteiger von unten. Auch politisch ist man sich, wie so oft in der Welt, selbst am nächsten. Gewählt wird tendenziell nicht der langfristig beste Kandidat für das Land, sondern eher das beste, oft kurzfristige Versprechen. In den aktuellen Wahlen wären so etwas die vom Sozialisten Arrauz für den Fall des Sieges zugesagten Einmalzahlungen. Man braucht nicht viel Fantasie um zu erkennen, dass dieses gesellschaftliche Erbe der Kolonialzeit alleine schon ein großes Hindernis in der Entwicklung eines Landes darstellt.

Dazu kommen in Ecuador noch Korruption und Klüngel.

Hier haben wir wahrlich unglaubliche Geschichten gehört, gelesen und erlebt. Bei denen kommen einem die aktuellen (ausdrücklich verwerflichen!) Skandale in Deutschland wie Kindergartengezänk vor. Als Tourist sollte man sich da natürlich tunlichst zurückhalten. Trotzdem ist das Thema nahezu allgegenwärtig. Sei es nun der $-Handschlag nach einem ertappten Verkehrsdelikt, die überteuerte Beschaffung von Impfdosen (warum wohl hängt Ecuador bei diesem Thema abgeschlagen hinterher?!), dem Flughafenneubau in Quito (ja, so etwas verteuert sich auch in anderen Ländern), Vergabe von Schürfrechten oder auch Beamtenposten mit politischem Zuschnitt und Unterschlagung internationaler Hilfsgelder für Erdbebenopfer… um nur einiges zu nennen. Ich hatte mal geschrieben, dass der vorletzte Präsident nach seiner Amtszeit wegen Bestechlichkeit und Unterschlagung angeklagt wurde. An dieser Stelle muss ich das Bild vervollständigen: seit 1979 ist gegen die Hälfte der seitdem etwas mehr als einem Dutzend Präsidenten nach ihrer Amtszeit Strafbefehl erlassen worden.

Das kleine Geschwisterchen der Korruption ist die Vetternwirtschaft. Wird auch einerseits auf die korrupten Politiker geschimpft, herrscht andererseits in weiten Teilen der Bevölkerung absolut kein Unrechtsbewusstsein wenn es darum geht, offizielle Wege durch „Freunde“ abzukürzen. All das stellt im Grunde nicht viel mehr als eine Realisation des im Andenraum weit verbreiteten Prinzips der Gegenseitigkeit dar. Faktisch ist es in seinen vielfältigen Ausprägungen ein Grundpfeiler ecuadorianischer Wirtschaft und Lebensart.

Ein ausgesprochen positiver Aspekt dieser Einstellung ist die auch uns überall entgegen gebrachte, über reine, touristische Gastfreundschaft hinausgehende Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Letztlich ist in der an dieser Stelle nur kurz angerissenen negativen Ausprägung jedoch – neben anderem – ein nicht zu unterschätzender Grund zu sehen, warum dieser (zugegebener Maßen überlange) Artikel seinen Namen tragen muss…

Armes reiches Ecuador.