In Paradise Harbour gibt es gleich zwei Stationen. Im Norden betreibt Chile die (wohlgemerkt militärisch besetzte) Gonzales-Videla-Station. Die hatten wir zunächst nur passiert. Weiter im Süden, aber noch gut in Sichtweite, findet sich die lange verlassene, nun aber wieder besetzte Almirante-Brown-Station von Argentinien. Und davon südlich um die Ecke gibt es eine kleine, nahezu kreisrunde Bucht, die wegen Ihrer flachen Einfahrt auch gut vor Eis geschützt sein soll. Man muss halt nur die Durchfahrt finden… rechts halten soll helfen.
Gut geschützter Ankerplatz
Doch bevor wir einfahren können, müssen wir noch durch das Weiß des südlichen Paradise Harbour. Der große Petzval Gletscher sorgt ständig für eisigen Nachschub und der wenn auch nur schwache Wind sorgte dafür, dass dieser auch dort unten blieb. Langsame Fahrt voraus mogelten wir uns durch die Brocken bis sich an Backbord die Sicht in die Bucht öffnete. Rund? Ja. Gut geschützt? Sieht so aus. Eisfrei? Mitnichten. Allerdings war dies wohl auch wieder nur eine Frage der Definition. Ja, da schwamm reichlich Krümelzeug und einige Brocken umher, aber die größeren Growler blieben tatsächlich draußen. Nur die Abbruchkante war uns nicht ganz geheuer… wir hielten uns doch lieber auf der anderen Seite. 40m Kette auf 10m Wassertiefe hielten uns bei lokaler Windstelle auf der Stelle und bescherten eine ruhige Nacht.
Am letzten Morgen kam die Sonne raus!
Am nächsten Tag dann die Ausfahrt mit dem Dinghy zur Brown-Station. Und hier warfen aktuelle Ereignisse ihren Schatten. Die davor ankernde Sarah wurde nach einer maritimen Gesundheitsbescheinigung Ihrer Gäste gefragt. Der Corona-Virus lässt grüßen. Wir landeten einfach mal am Strand an, werden dann aber auch gleich von der – wie sich herausstellt – Stationsärztin heran gewunken. Ein nettes Gespräch, bei uns als schon über ein halbes Jahr segelnder Familie sei keine Bescheinigung nötig, freundliche Empfehlung für unsere Besichtigung der Umgebung, die Station mit Ihrer Pinguinkolonie sei aber weitgehend tabu.
Argentinische Brown-Station…… mit Pinguinen.Links der Rutschberg!
Kein Problem, die Hauptattraktion hier ist ohnehin eine andere. Ok, wir wurden gewarnt auf den Hügel zu steigen. Da gebe es Spalten, wir müssen vorsichtig sein… allerdings wurde auch bestätigt, dass die Dame am Vorabend selbst dort oben war. Wir machten es uns also einfach und folgten einfach den frischesten Spuren im Schnee. Also die Kinder mit dem Skipper. La Skipper traf leider eine ausgesprochen unglückliche Schuhauswahl. Auf Schnee gab es für sie kaum ein voran- und schon gar nicht hinaufkommen. Der Rundumblick war wie erwartet wunderschön… wie auch die Jüngste mit verträumten Blick sitzend feststellte:
„Ich genieße die Aussicht!“
Paradise Harbour
Und dann wurde gerutscht. Fast wie eine kleine Bobbahn gut vorgezeichnet führte der Weg nach unten. Auf Tüten hatten wir lieber verzichtet, auch auf dem Hosenboden ging es schnell genug nach unten.
Noch ein Blick auf die von Pinguinen umgebene Station sowie ein kurzer Plausch mit den inzwischen auch ohne Bescheinigung angelandeten Gäste der Sarah und wir machten uns wieder auf zum Dinghy.
Umgeben von den vollbesetzt umherbrausenden Zodiacs eines inzwischen eingetroffenen Kreuzfahrers machten wir noch eine kurze Sightseeingfahrt zum Strand mit Robben, durch das Eis vor einem nahen Gletscherabbruch, zu einer Eisscholle mit Robbe und schließlich wieder zurück zur Samai.
Eis-Nachschub!
Schließlich ist noch festzuhalten, dass wir hiermit jetzt Antarktisches Festland betreten haben. Finden sich die meisten Anlandungsplätze ja auf vorgelagerten Inseln, so sind die zwei Stationen von Paradise Harbour tatsächlich auf der Halbinsel selbst gelegen.
Schon um 6 Uhr hieß es Leinen los und (gemeinsam mit einem russischen Segler) weiter Richtung Süden. Sehr weit kamen wir nicht bis zu unserem ersten kleinen Stopp. Nur gut eine Stunde später hatten wir 2 Wale am Boot. Das sollte an diesem Tag auch nicht das einzige Mal bleiben. Einzeln oder auch in kleinen Gruppen tauchten sie immer wieder mehr oder weniger nahe bei uns auf. Wirklich schön, faszinierend, ja fast schon majestätisch, das so hautnah miterleben zu dürfen.
Einen nächsten kurzen Abstecher legten wir in Orne Harbour ein. Hier lebt eine kleine Kolonie der von den Kindern geliebten Zügelpinguine, die grandiose Landschaft gibt es gratis dazu.
Orne Harbour
Allerdings mussten wir dann auch sehr schnell lernen, dass ein „Harbour“ (Hafen) in der Antarktis normalerweise so rein gar nichts mit dem erlernten Wortsinn zu tun hat. Im Grunde bezeichnet es nur einen mehr oder weniger geschützten Bereich. Nicht mehr und nicht weniger. Wir hofften eigentlich auf einen kurzen Ankerstopp in Orne Harbour, allerdings hätte das Grundeisen bei der vorherrschenden Wassertiefe von über 100 m Probleme gehabt, den Grund überhaupt zu berühren.
Zügelpinguine bei Orne Harbour
So blieb es also bei einer Vorbeifahrt an den Zügelpinguinen und ging danach gleich weiter um die Ecke nach Cuverville Island. Hier ist die größte Kolonie Eselspinguine der Antarktischen Halbinsel beheimatet.
Ein kleiner Ausschnitt der Eselspinguinkolonie auf Cuverville Island
Und das riecht man schon von weitem. Man erinnere sich an die leichten Duftaromen in der Nähe der Pinguinbereiche im heimischen Zoo und multipliziere dieses mit einer beliebigen Zahl größer 100… dann bekommt man so eine erste Ahnung davon, wie sehr solche Kolonien zum Himmel und über das Wasser stinken können.
Kinderstube be den EselspinguinenOhne Worte…
Nicht ganz unschuldig sind natürlich die Jungtiere, die mit ihren Flauschefedern noch nicht ins Wasser können. Nicht zuletzt (aber auch nicht ausschließlich) Ihre Überbleibsel bilden die Grundlage des in weiten Teile rötlich-schlammigen, von weißlichen Bahnen durchzogenen Bodens.
Noch nicht ganz erwachsen.
Der Anker fiel in der Südbucht auf entspannte knapp 10m Wassertiefe und wir erkundeten die Kolonie in einem ausgedehnten Landgang. Endlich „Pinguine „satt“… ja, wir waren offensichtlich in der Antarktis!
Vor Anker bei Cuverville IslandDas Dinghy wird bewacht!Erste Anlandung in der SüdbuchtPinguine sind erstaunlich gute und passionierte Kletterer!Nistplatz mit Ausblick.Gäste liegen immer mal wieder herum…Zweite Anlandung am Touristen-StrandHier liegen auch ein paar dekorative Walknochen.
Heute hatten wir ein richtiges „Kreuzfahrerprogramm“. Am Nachmittag ging es weiter, vorbei am touristenüberschwemmten Danco Island in den Errera Kanal. Und hier bekamen wir es dann auch das erste Mal so richtig mit Eis zu tun. Schon von weitem präsentierte sich die relativ enge Durchfahrt weiß und mit Eisbergen gefüllt.
Doch heute lernten wir eine weitere Lektion. Mag das das Wasser aus der Entfernung auch weiß sein, so ist da doch ganz oft noch ausreichend Platz zum Bootfahren… also zumindest für so einen kleinen Segler wie uns. Trotzdem lassen sich Eisberührungen des Schiffes natürlich nicht ganz vermeiden. Erstmals hören wir dieses markante Geräusch von schabendem Eis an Aluminium.
Irgendwo da vorne geht es schon durch!
Auf dieser Fahrt sahen wir dann auch unsere ersten auf Eisschollen vor sich hin dösende Robben. An Bord herrschte volles Verständnis für die Notwendigkeit, sich vom anstrengenden Dasein in dieser unwirtlichen Gegend ausgiebig erholen zu müssen (bei uns heißt das auch „Segelmodus“ ;-).
Unsere erste „Robbe on the rocks“
Nach einem weiteren kurzen Zwischenstopp zum Auffüllen unseren Vorrats an „Knistereis“ fuhren wir in Paradise Harbour ein. Wiederum kein Hafen, sondern eine ca. 6sm x 3sm große Bucht. Umgeben von über 1000m hohen Bergen und mächtigen Gletschern hervorragend vor Wind und Welle geschützt, ist auch diese malerische Ecke der Antarktis ein Pflichtbesuch für Kreuzfahrer und Segler gleichermaßen. Für eine ruhige Nacht vor Anker wurde uns von der Sarah eine Bucht ganz im Süden empfohlen… doch warum war das Wasser voraus schon wieder so weiß?
Die IAATO hat sich den Schutz der Antarktis auf die Fahnen geschrieben. Ein löbliches und uneingeschränkt zu unterstützendes Anliegen. Es werden diverse Guidelines und Verhaltensregeln erstellt, aktuell gehalten und jedem Interessierten unter anderen in einer App zur Verfügung gestellt. Darin finden sich nicht nur Empfehlungen zu allgemeinen Themen wie rücksichtsvolles Verhalten bei Landgängen oder Abstand bei Tierbeobachtung. Für fast alle potenziellen Anlandeplätze gibt es Site Guidelines mit detaillierten Information, aber auch Vorschriften beispielsweise für Kreuzfahrtschiffe. So darf grundsätzlich nicht mehr als eines gleichzeitig vor Ort sein. In Funksprüchen wird in diesem Zusammenhang dann gerne erwähnt, dass der Platz „gebucht“ worden sei.
Moment mal, das sind dann also im Wesentlichen die Anbieter von Antarktis-Kreuzfahrten, die sich hier ihre eigenen Regeln geben?! Und vor Ort spielen sich manche dann auch noch wie die Herren der Antarktis auf…
Beim Einlaufen in Enterprise Island wurden wir von dem davor liegenden Kreuzfahrer angefunkt. Angeblich sprach der Kapitän höchstpersönlich zu uns. Wow, das musste ja wichtig sein. Bei der IAATO versuche man sich gegenseitig nicht zu stören. Sie würden Ihre „Operations“ (also touristenbeladene Zodiacs, Kajaks etc.) in 1 ½ Stunden beendet haben. So lange sollen wir doch bitte davon absehen, am Wrack festzumachen und uns irgendwo weit weg rumtreiben (oder am Besten verschwinden). Na das ist doch mal eine Ansage! Der Skipper einer gerade ankernden Kojencharteryacht meinte daraufhin nur: „Lass Dich von der IAATO nicht vertreiben. Die haben Dir nichts zu sagen!“ Und das stimmt auch. Weder bin ich Mitglied, noch gem. ihrer eigenen Definition überhaupt ein „Schiff“ im Sinne der Site Guidelines. Folglich ist es mir im Grunde gar nicht möglich, zu stören.
Operations!!!
Auf dem Weg zum Wrack dann die Ansprache vom mit Zodiac herangeeilten Expeditionsleiter. Ob wir denn auch alle aktuellen IAATO-Richtlinien dabei hätten. Er müsse uns das fragen. Ja, wir haben die App mit allen aktuellen Infos natürlich dabei. Aber warum nur muss er uns das fragen und was geht es ihn eigentlich an? Ach ja, eine Site Guideline zu Enterprise Island habe ich bis heute übrigens nicht gefunden, aber vielleicht habe ich ja auch nur nicht intensiv genug gesucht.
Touri-Tauchen an einem angeblich nicht sicheren Wrack
Kaum am Wrack angelegt, wir waren noch dabei die Leinen zu sortieren, lag dann ein weiteres Zodiac hinter uns und bat um einen Plausch. Von Landsmann zu Landsmann. Ob wir denn wirklich am Wrack liegen wollen. Natürlich frage er das nur zu unserer Sicherheit, der Status der Governoren sei nicht bekannt, und das sei damit doch sehr gefährlich für uns. Viel sicherer ist es doch gegenüber am Felsen festzumachen. Also dort, wo jederzeit Eis oder Stein von oben auf unser Schiff fallen kann. Da habe ich dann doch ein etwas anderes Verständnis von Sicherheit. Zumal in allen einschlägigen Segelführern der Liegeplatz längsseits am Wrack empfohlen wird. Wir blieben natürlich wo wir waren.
Nochmal: DAS WRACK IST DOCH NICHT SICHER!!!
Wenn ich mich richtig erinnere, war das die „Scenic Eclipse“ (in ihrer ersten Antarktis-Saison!). Es war jedenfalls eben dieser Kreuzfahrer, der bei den Melchior Islands die gleiche Show mit einem anderen, gerade einfahrenden Segelboot abzog. Großzügig erklärte sie schließlich, dass es für sie in Ordnung sei, wenn der Segler (wie geplant) die hiesige Station besuche. Allerdings solle er sich doch bitte etwas „verstecken“, also nicht in der für Segler üblichen geschützten Bucht vor der Station, sondern in dem offenen Melchior Harbour dahinter bleiben.
Mit welcher Berechtigung maßt sich dieser Kreuzfahrer solch ein unseemännisches Verhalten an? Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn dann das Argument vorgebracht wird, sich „nicht stören“ zu wollen, während man am Himmel Hubschrauber-Rundflüge veranstaltet und die eigenen Zodiacs mit knapp 15kn Vollgas vor uns durch den engen Kanal (oder wie ein anderes mal passiert dicht neben unserem Dinghy vorbei) rasen… „Sog und Wellenschlag vermeiden“ gilt offensichtlich nicht für die IAATO.
Rush Hour bei Petermann Island
Insgesamt drängt sich der Verdacht auf, dass es der IAATO doch eher um andere Dinge als den Schutz dieses einmaligen Naturraumes geht. Vielmehr möchte man wohl seiner kräftig zahlenden Kundschaft die Illusion (und nichts anderes ist es leider) einer exklusiven, einsamen Kreuzfahrt in unberührter Natur geben. Dazu passt auch die aufgeschnappte Äußerung eines Expeditionsleiters, dass „wir [Kreuzfahrtschiffe] sehr von der IAATO profitieren“. Und das soll natürlich auch noch ein paar Jahre so bleiben. Da stören diese kleinen, renitenten Segler nur. Dass wir für ihre Kundschaft ein bevorzugtes Fotomotiv abgeben, wird geflissentlich ignoriert.
Yalour Island
Zumindest die Antarktische Halbinsel ist inzwischen alles andere als unberührt. An vielen Orten dürfen sich pro Tag bis zu drei Kreuzfahrer „einbuchen“ und jeweils bis zu 100 ihrer maximal 500 Passagiere gleichzeitig anlanden.
Maximal 100 Passagiere auf Danco Island
Wohlgemerkt können nacheinander durchaus alle an Land kommen und vollbeladene Beiboote auf dem Wasser zählen ja auch nicht mit. Entsprechend geschäftig geht es zu. Das ankommende Schiff ist noch in Fahrt, da gehen schon die Zodiacs zu Wasser und düsen kurz danach mit jeweils 10 Passagieren und einem Guide umher. Zweifelsfrei immer im Einklang mit den selbst gegeben Regeln. Darin findet sich natürlich nichts zum Thema „Unter-Wasser-Lärm“.
Der vorgeschriebene Sicherheitsabstand bei der Beobachtung von Robben beträgt 5m… und natürlich darf man Tiere grundsätzlich nicht einkreisen.
Auch Empfehlungen und Vorschriften der IAATO zur Luftreinhaltung finden sich aus naheliegenden Gründen nicht.
Abfahrt von Cuverville Island
Dagegen gibt es durchaus „Leitlinien zur Minimierung des Einflusses von Licht“, deren Beachtung auch uns zur Auflage gemacht wurde. Mithin haben wir bei Dunkelheit unsere Fenster abzudunkeln, um Vögel und andere Tiere nicht zu irritieren. Kreuzfahrer handhaben dieses Thema naturgemäß etwas lockerer.
Im Gespräch mit Skippern von Charteryachten oder auch schon im Yachtclub von Ushuaia wird sehr schnell klar, dass das Ansehen der IAATO bei diesen vor Ort lebenden und arbeitenden Menschen nicht sehr hoch angesiedelt ist. Sinngemäße Zitate:
„Sobald die bei uns in der Bucht von Ushuaia liegen vergessen sie, dass sie Naturschützer sind und lassen ihr Bilgenwasser und anderes Zeug ein.“
„Die spielen sich hier unten als große Bestimmer auf, haben aber im Grunde nichts zu sagen.“
„Was die verlangen steht nicht im Antarktisvertrag.“
„Selbst wenn wir [Segler] nicht gegen die Regeln verstoßen, melden die uns wegen jeder Kleinigkeit… wir haben diese Möglichkeit leider nicht.“
„Ich habe absolut keinen Respekt vor der IAATO!“
Bitte nicht falsch verstehen. Ich bin uneingeschränkter Befürworter des Schutzes der Antarktis. Allerdings sehe ich die Verantwortung dafür weniger bei Parteien mit primär monetärem Interesse, die Ihre eigenen Regeln gegebenenfalls auch mal einer steigenden Nachfrage anpassen könnten. Ich bevorzuge eine neutrale, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen entscheidenden Stelle. Erst dann wird wirklich der Schutz im Vordergrund stehen! Und das sollte letztlich unser Ziel sein!!!
Ja, hier handelte es sich wohl tatsächlich um eine Marina. Zumindest so nahe man einer solchen in dieser Gegend kommen kann. Neben der Spirit of Sidney (einem französischen Kojencharter-Schiff) längsseits und der Sarah W. Vorwerk (auch Kojencharter) vor Anker kam noch das russische Segelboot, an dem wir in Ushuaia lagen, auf die andere Seite des Wracks.
Samai längsseits an der GovernorenLeinenkontrolle
Dann entlud noch der tägliche Kreuzfahrer seine Zodiacs, Kajakfahrer und teilweise sogar Wracktaucher (… die trotz freundlicher Nachfrage dann doch nicht unser Unterwasserschiff putzen wollten ;-). Rush-Hour in der Antarktis! Wir ruhten uns aus, plauschten mit den anderen Seglern und begutachteten eingehend die Governoren neben uns. Der hoch aufragende Bug wird von ein paar Antarktischen Seeschwalben beansprucht und vehemennt verteidigt.
Im Bauch des Schiffes sieht man Reste alter Maschinen, einen umgestürzten Schornstein sowie auch (hoffentlich nicht mehr) explosive Harpunenköpfe.
Ein kurzer Ausflug stand auch auf dem Programm. Einmal quer über die Bucht an einer Eisabbruchkante entlanggefahren, einige auf dem Felsen liegende hölzerne Reste von kleinen Schiffsrümpfen passiert weiter zu dem mit einigen Pelzrobben bevölkerten Felsen gingen wir nicht weit davon entfernt an Land.
Weitere hölzerne Reste einer Hütte(?) und von Fässern lagen direkt am Fuß des eigentlichen Ziels… eine wunderbare Schneerutsche. Die paar Schritte den Hügel hinauf waren schnell erklommen und alleine der Ausblick von oben die Anstrengung schon wert.
Doch dann lockten da auch noch die von Vorgängern bereits gezeichneten Rutschbahnen. Oben noch eher zäh, kam man im steileren Abschnitt weiter unten richtig in Fahrt.
Die Kinder waren kaum zu halten, auch der Skipper gönnte sich mehrere Abfahrten und sogar La Skipper erklomm die eisigen Meter für eine lustige Abfahrt auf dem Hosenboden. Man musste halt nur rechtzeitig vor der Eiskante abbremsen.
NOCHMAL!!!
Für das immer wieder zu sehende bunte Eis sind übrigens im Schnee lebenden Algen verantwortlich.
Und dann war da noch das Dieselproblem. Wir hatten ja insgesamt 24 Dieselkanister mit jeweils ca. 20l unter Deck verstaut. Der Großteil im Stauraum unter dem Cockpit. Und nun hatten wir da plötzlich so eine komische Flüssigkeit in unserer Bilge. Ja, da schwamm tatsächlich Diesel auf dem in diesem Klima selbstverständlich anfallenden Kondenswasser unter den Bodenbrettern. So ein Mist! Natürlich war es der am weitesten hinten verstaute Kanister, dessen Überdruckschraube sich gelockert hatte. Und natürlich war es einer der besonders guten, weil zertifizierten Kanister aus Ushuaia für umgerechnet wucherhafte 50€ pro Stück! Aber nichts, was sich nicht beseitigen lässt. Der Inhalt der an Steuerbord verstauten Kanister ging direkt in den Tank und die Bilge wurde endlich mal wieder ordentlich ausgewischt. Und ja, selbstverständlich haben wir das Bilgenwasser sowie verwendete Schwämme, Tücher und Gefäße für eine ordnungsgemäße Entsorgung beim umweltorientierten AFASyN in Ushuaia separat verstaut. (Grüße an das UBA!)
Marina Enterprise Island
Nach zwei Nächten in dieser Luxusmarina zog es uns dann weiter. Sehr zum Leidwesen der Kinder hatten wir immer noch keine Pinguine in nennenswerter Zahl gesichtet. Das musste sich ändern und das würde sich ändern… schon in wenigen Seemeilen!
Es gibt eine Sache, mit der man in der Antarktis ausgesprochen vorsichtig sein sollte: Nachtfahrten! Das hängt einerseits mit den notorisch ungenauen Karten zusammen, andererseits natürlich mit dem weiter südlich vermehrt auftretendem Eis.
Abschied von Deception Island
Doch Anfangs hatten wir eher mit komischen Tiefenangaben zu kämpfen. Karte und Tiefenmesser mit Anzeige „—“ waren sich soweit einig, dass da eigentlich genug Wasser unter dem Kiel sein sollte. Dann zeigte es plötzlich 11m… oder 6m… oder auch 3m! Irgendwann hielten wir einfach mal an und warfen ein Lot ins Wasser. Nein, da war (erwartungsgemäß) keine unkartierte Untiefe. Dafür aber lustige, durchsichtige Glibbergebilde mit roten Kernen. Wenn wir mal wieder online sind, müssen wir unbedingt herausfinden, was das eigentlich ist.
Im weiteren Verlauf zeigte sich, dass es Einsamkeit zumindest hier im Norden der Antarktischen Halbinsel nicht wirklich gibt. Im Umkreis von 6sm fuhren 3 „Fähren“ (also Kreuzfahrer) plus die Sarah W. Vorwerk hinter uns. Kurz danach kamen dann nördlich von Trinity Island die ersten Eisberge in Sicht. Mit Radar und Fernglas noch problemlos zu sehen, verdunkelte sich die Nacht zunehmend. Ja, die größeren Brocken waren immer noch gut im Radar zu sehen. Aber selbst wenn man durch das Fernglas immer noch scheinbar heller sehen kann als mit bloßem Auge, wurde es zunehmend schwierig, das nun häufiger auftretende kleinere Eis auszumachen. Interessanter Weise war es aber selbst in dunkelster Stunde kein wirkliches Problem, die großen, auf dem Radar angezeigten Eisberge auch auf einige Entfernung visuell zu bestätigen. Aber wer schon einmal nachts gesegelt ist weiß auch, dass das mit der Entfernungswahrnehmung im Dunkeln so eine Sache ist.
Letzte Sonnenstrahlen
Um 1:40 Uhr bei inzwischen verlangsamter Fahrt mit kaum Sicht holte ich das bis dahin noch als Unterstützung gesetzte Großsegel ein und stand gerade am Mast, als es hinter mir schnaufte. Was war das? Wale! Durch das Fernglas konnte ich tatsächlich 3-4 (mutmaßlich Buckel-) Wale ausmachen, die nicht weit entfernt immer wieder ihren Blas ausstießen.
Ich hatte inzwischen den Entschluss gefasst, auf die Sarah zu warten und mich hinter sie zu setzen. Zwei Argumente sprachen dafür:
Sie hatte einen erfahrenen Skipper und Wache gehende Crew, wohingegen ich alleine wach auf der Samai rumturnte.
Sie hatte oben im Mast einen Scheinwerfer, der das unmittelbare Umfeld voraus und insbesondere darin enthaltenes Eis gut ausleuchtet.
Da klingt es wie Ironie des Schicksals, dass mir der am Abend auf der Sarah Wachhabende später sagte, dass er sich zur Sicherheit an uns gehängt habe… frei nach dem Motto: „Der da vorne weiß sicher, was er tut!“ Tatsächlich war es dann so, dass es genau dann wieder begann heller zu werden, als ich der Sarah hinterher fuhr.
Erste richtige Eisberge!
Um 4:30 Uhr war ich nur kurz unter Deck, wurde beim Hochkommen ins Cockpit dann aber auf unglaubliche Weise empfangen. Direkt am Steuerbordheck (also keinen Meter daneben!) tauchte ein hell-dunkler Walrücken mit langer Finne auf. Orca!
Das beste Bild folgt erst in Samuels Tierwelten…
Insgesamt waren es 3-4 Schwertwale, die einige Minuten mit unserem Boot schwammen, immer mal wieder auftauchten und auch der Sarah voraus einen Besuch abstatteten (… dem derzeit Wachhabenden wurde die Geschichte bis zu unserer Bestätigung nicht geglaubt!). Unsere Mädels waren zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht erweckbar, aber Samuel hatte ich aus dem Bett bekommen, so dass auch er (ob der Eile selbstredend viel zu leicht bekleidet) diese auch in der Antarktis eher seltenen Begleiter beobachten konnte.
Der Rest der Fahrt verlief recht ereignislos. Maila war natürlich etwas betrübt darüber, die Schwertwale verpasst zu haben, wurde aber kurz vor unserer Ankunft mit ein paar Mink- oder Buckelwalen (die sind echt nicht leicht auseinander zu halten, wenn sie nicht gerade direkt neben dem Boot schwimmen) getröstet. Bei Enterprise Island lag dann natürlich auch wieder ein Kreuzfahrer, der sich durch die zwei ankommenden Segelboote offensichtlich massiv in seinen „Operations“ (aka Touristenbespaßung) gestört fühlte, doch davon ein anderes Mal im Rahmen meiner IAATO-Notizen mehr.
Nach gut 100sm lagen wir also nicht einmal 21 Stunden nach unserer Abfahrt von Deception Island längsseits an der Governoren, einem hier seit Jahrzehnten vor sich hin rottenden Walfängerwrack. Und da es sich um die beste „Marina“ der Gegend handelt, hatte wir schon kurz danach die „Spirit of Sydney“ längsseits im Päckchen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Nachtrag: Ich hatte zurück in Ushuaia echt lange erfolgos versucht herauszufinden, was dieses Glibberzeug mit roten Kernen denn sein kann. Doch erst meine Frage an Henk brachte die Antwort: Salp… genauer gesagt das in antarktischen Gewässern lebende „Salpa thompsoni“. Wir sind ihnen recht oft begegnet, doch das ist auch ein Problem. Viel Salp bedeuted weniger Krill… also weniger von DER Grundlage des reichen antarktischen Lebens. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie in der Natur alles zusammenhängt… und umso trauriger, wie der Mensch seine nicht selten zerstörerischen Spuren hinterlässt.