Port Lockroy (1) – Wenn Profis ankern…

Antarktis, Ende Februar 2020

Neben Deception Island und Petermann Island ist Port Lockroy der touristisch überlaufenste Ort der Antarktis. Hier wurde eine alte britische Station wieder in den Zustand von 1962 zurückversetzt und steht nun als Museum (mit Postamt) zur Besichtigung offen. Dazu noch eine große Kolonie Eselspinguine und ein grandioses Bergpanorama. Und schließlich wurden wir auch noch mit strahlendem Sonnenschein empfangen, als unser Anker in der Mitte dieses Naturhafens mit 80m Kette auf gerade mal 11m Tiefe fiel. Hintergrund waren die recht stark angesagten Ostwinde, vor denen wir hier recht gut geschützt sein sollten. Das sahen unter anderem zwei deutsche „Australis“-Charteryachten, die kurz nach uns eintrafen, offenbar genau so.

Traumhafter Ankerplatz in Port Lockroy

Der Wind legte in der Nacht wie vorhergesagt zu, die Böen gingen regelmäßig über 30kn, aber unser gut eingefahrener Anker hielt wie gewohnt perfekt. Eine der anderen Yachten hatte bei slippendem (also nicht fest haltendem) Anker leider eine weniger ruhige Nacht. Folgerichtig wurde dort auch eine menschliche Ankerwache eingeteilt. Bei über 10 Personen an Bord kein Problem. Bei uns übernimmt das der automatische Ankeralarm des Plotters. Auch dieser schlug in der Nacht zwar mehrmals an. Grund war jedoch immer eine aufgrund wechselnder Winde seitliche Bewegung. Nach hinten zeichnete der Track einen nahezu perfekten Kreisausschnitt um den markierten Anker. Da sollte eigentlich auch dem für den nächsten Nachmittag geplanten Museumsbesuch nichts entgegenstehen. Doch dann kam Christian auf eine grandiose Idee.

Ausblick nach vorne…

Da sein Anker nicht hielt, wurde sich verholt (also an eine andere Stelle in der Bucht gewechselt). Ich wurde schon etwas stutzig, als die deutlich größere Segelyacht dicht an uns vorbeifuhr. Ich rief zur Sicherheit unsere Kettenlänge hinüber, aber das wurde vielleicht auch als Aufforderung für das folgende Manöver missverstanden. Zielstrebig steuerte man auf den geschätzten Standort unseres Ankers zu und warf direkt daneben das eigene Grundeisen ins Wasser. So ganz genau konnten wir das leider nicht nachvollziehen, da diese Charteryacht nach eigener Angabe (sic!) und unserer Ansicht nach fahrlässiger Weise keinen AIS-Sender an Bord hat. Wie auch immer, die Crew holte große Fender raus, Skipper Christian schaute kurz hervor, rief und zeigte etwas von „längsseits gehen“ und war wieder verschwunden. Ungläubig verfolgte ich das Geschehen. Teilweise weniger als einen Meter trieben sie vorbei und kamen schließlich unmittelbar hinter uns zu stehen.

… und nach hinten (ohne Nachbarn ;-)

Und dann endlich wurden wir auch mal über Funk angerufen. Wir könnten doch noch 20m Kette geben und längsseits gehen. Ihr Anker halte 15t mehr. Nein danke!!! Keiner kann vorhersagen, welcher Anker wie belastet wird, wenn zwei so unterschiedliche Schiffe daran hängen und schwojen. Schließlich schaffte es ihr eigener Anker letzte Nacht ja nicht einmal das eigene Boot sicher zu halten. Da werde ich den Teufel tun und uns in Abhängigkeit daneben legen. Das lehrt mich die Erfahrung!

Na dann sollten wir doch bitte 10m Kette einholen um etwas mehr Abstand herzustellen. Da blieb mir ehrlich gesagt der Mund offen stehen. Ich käme nie und nimmer auf die Idee, einer anderen ankernden Yacht in einer wahrlich nicht überfüllten Bucht so etwas zu sagen… schon gar nicht, wenn ich mich gerade direkt daneben geworfen hätte (was ich allerdings ohnehin nicht tun würde). Immerhin gaben sie dann noch den Rest Ihrer Kette.

Außerdem hatte Christians Manöver auch noch den Effekt, dass sich unser Schwojkreis nach hinten(!) veränderte. Offensichtlich hatten sie den sicheren Sitz unseres Ankers beeinflusst. Gaaaaaaanz toll. Und zu allem Überfluss hatte man uns nun der Möglichkeit beraubt, die als Sicherheitsreserve noch im Ankerkasten vorhandenen 20m Kette zu stecken. Die Krönung war schließlich die Empfehlung an unsere kleine Familiencrew, doch auch eine Ankerwache einzurichten. „Wir sprechen aus Erfahrung!“. Im Grunde verständlich wenn man so ankert, ansonsten aber ohne Worte…

An diesem Tag waren wir wieder alleine in der Bucht.

Wie auch immer, der Test mit Motor rückwärts erbrachte zwar, dass der Anker in der neuen Position anscheinend fest saß und uns auch bei erneuten Böen über 30kn sicher im neuen Schojkreis hielt. Trotzdem waren wir mit der Situation nicht wirklich glücklich. Wenn Christian mal einen Perspektivenwechsel vollzöge, käme er sicher zu der gleichen Ansicht. Daher sagten wir den für den Nachtmittag vorgesehenem Besichtigungstermin ab und waren glücklich zu hören, dass wir sicher auch am folgenden Mittag noch eingeschoben werden könnten. Bis dahin würde es in der Bucht, sicherlich aber direkt hinter uns, hoffentlich wieder etwas leerer sein.

Epilog: Am nächsten Morgen war es endlich so weit. In einem sage und schreiben 30-minütigen Manöver (mit dem Unterhaltungswert einer Wiederholung der Golden Girls bei SAT1 Gold) holte unser Nachbar seinen Anker ein. Hin und wieder schob ich uns mit dem Bugstrahlruder etwas zur Seite und seine zahlende Crew stand mit Fendern in der Hand an Deck. Dabei ergab sich durchaus noch das ein oder andere nette Gespräch. Nur der andere Skipper selbst würdigte uns keines Blickes, Grußes oder gar einer Entschuldigung ob seiner Aktion. Wahrscheinlich waren wir es, die da etwas grundsätzlich falsch gemacht hatten… manchmal genügt dafür ja auch schon die bloße Existenz.