Planänderung in Johannessen Harbour

Antarktis, Mitte Februar 2020

Die Fahrt nach Johannessen Harbour verlief recht ereignislos. Zumindest bis unser geplanter Unterschlupf für die Nacht in Sicht kam. Irgendwie war da nur eine weitgehend komplett mit Eis überzogene flache Insel zu sehen. Wir kamen näher und es wurde nicht besser. Sollte voraus inzwischen nicht die Ankerbucht (also der Bereich innerhalb einer 20m-Tiefenlinie) im Süden zu erkennen sein? Doch da waren nur ein paar Eisberge vor hoher Abbruchkante. Nicht sehr Vertrauen erweckend. Anscheinend ein typischer „Antarktischer Harbour“. Und als wir einfuhren, blies es auch noch entgegen aller Vorhersage mit 5Bft. durch die Bucht. Ganz ehrlich: Ich hatte schon ein etwas mulmiges Gefühl bei der ganzen Sache. Die Alternative wäre, gleich weiter nach Detaille Island durchzufahren, aber wir konnten uns das Ganze ja mal aus der Nähe anschauen.

Kleiner Gletscher auf dem Weg nach Johannessen Harbour…

Wo war sie denn nun, die 20m-Grenze? Wir waren schon an den anscheinend fest sitzenden Eisbergen vorbei und die Eiswand kam immer näher. Und dann passierte es tatsächlich. Hinter einem großen, von zwei Robben besetzten Eisberg ließ der Wind plötzlich nach, es wurde flacher und nach einer prüfenden Runde fiel der Anker auf inzwischen gewohnte gut 20m. An so einem Platz hatten wir tatsächlich noch nie übernachtet. Aber es sollte ja ein kurzer Zwischenstopp bis zum ersten Tageslicht sein… und das kann hier unten zu dieser Jahreszeit durchaus schon mal um 3-4 Uhr morgens durchscheinen.

Vor Anker in Johannessen Harbour.

Also theoretisch. So schnell kann es gehen. Die Ursprünglich geplante Abfahrt um 3 Uhr fiel wegen Dunkelheit aus. Ohne Wolken hätte es sicher gereicht, allerdings fiel leichter Schneeregen aus geschlossenem Grau. Da hatte es auch die Morgensonne schwer. Um halb fünf saßen Skipper und La Skipper also (leicht fröstelnd) unter Deck, beratschlagten das weitere Vorgehen… und trafen nun doch die Entscheidung gegen Detaille Island.

  • Draußen blies es schon jetzt um einiges stärker als vorhergesagt
  • Für diesen und die nächsten zwei Tage waren im Süden Regen und Schnee angesagt…
  • … bei Temperaturen um den Gefrierpunkt
  • An eine Ankunft bei Tageslicht war nicht mehr zu denken…
  • … und wir hatten keine Ahnung, wie die Eissituation dort unten im Süden tatsächlich ist.
  • Schließlich bedeutete der Abstecher über den Polarkreis einen „Umweg“ von über 120sm.

Wir machten es uns sicher nicht leicht, aber die Abwägung zwischen dem weitgehend bekannten Aufwand, der zu erwartenden Unsicherheit und den nun doch unbestreitbar verpassten Erlebnissen brachte den Ausschlag, heute „nur“ noch bis Mutton Cove nach Süden zu fahren. Mit dieser Entscheidung ging es wieder ins Bett.

Ankern hinter einem Eisberg – vorher

Nun endlich fand nun auch La Skipper etwas mehr als nur Sekundenschlaf. Die ganze Nacht über war sie unruhig ob unseres speziellen Ankerplatzes zwischen dieser Abbruchkante („Wenn sich da was ablöst…!“) und dem Eisberg („Wenn der auseinanderbricht…!“). Die Ohren gespitzt auf die kleinsten Geräusche lauschend, immer wieder ein prüfender Blick nach draußen, ständig latente Angst ob der gefühlten Unsicherheit. Noch Wochen später stellt sie fest:

„Das war für mich die schlimmste Nacht in der Antarktis!“

Doch nun endlich fand sie etwas Ruhe. Bis Maila neben ihr liegend um halb neun leise sagte: „Das war aber ganz schon laut!“ – „Von wo?“ – „Von vorne!“. Da war La Skipper in Sekundenbruchteilen hellwach und sorgte lautstark für eine umgehende Beendigung der Ruhe des Skippers. Ein Blick nach Draußen brachte die Gewissheit. Von dem Eisberg, hinter den wir uns verkrochen hatten, war nicht mehr viel zu sehen… dafür schwammen reichlich Überreste umher. Wo war doch gleich unser Anker? Klar doch… Richtung Trümmer. Sitzen diese noch fest? Sie sollten wahrlich nicht über unseren Anker treiben. Logische Konsequenz: Motor an und Anker hoch… sofort!

Ankern hinter einem Eisberg – nachher

So begab es sich also tatsächlich, dass die gerne schnubbelnd-düselde Crew der Samai schon vor neun Uhr wieder unterwegs war… ein letztes Mal ging es Richtung Süden.