Alltagsprobleme in der Antarktis: Wassertiefe

Dieses Thema hat mehrere Aspekte, von denen einige jedoch an anderer Stelle besprochen werden:

  • Wie tief liegt der Anker? → Alltagsproblem Ankern!
  • Wie tief soll es hier sein? → Alltagsproblem Seekarten!
  • Wie tief ist es hier nun eigentlich? → Darum soll es gehen!

Wenn man auf dem Ozean segelt zeigt der Tiefenmesser üblicherweise einfach nur „—“ an. Das liegt doppelt in der Natur der Messung begründet. Zur Tiefenbestimmung wird ein Signal nach unten geschickt und die Zeit gemessen, bis das am Grund gespiegelte Echo wieder beim Boot angekommen ist. Zu diesem Zeitpunkt des Empfangs sollte sich das Boot dann natürlich so ungefähr noch dort befinden, wo es beim Senden war. Wenn es nicht allzu tief ist, stellt das kein Problem dar. Dafür ist ein Segelboot einfach nicht schnell genug. Wenn es an größere Tiefen geht, kann es aber durchaus passieren, dass das Boot einfach schon weg ist und das relativ lang unterwegs gewesene Signal den Empfänger nicht mehr findet. Und dann ist Meerwasser (auch mit allem, was darin kreucht und fleucht) natürlich auch noch ein Medium mit gewissem Potential zu Widerstand und Ablenkung. Ab einer gewissen Wassertiefe kommt also nicht mehr genug gespiegeltes Signal (wenn es denn überhaupt den Grund erreicht hat) beim Boot an, um gemessen zu werden. Bei nicht allzu schneller Fahrt und sauberen Wasser kann man daher schon mal Tiefenangaben über 200m sehen, aber das war es dann eigentlich auch schon.

Nun gibt es aber auf den Meeren der Welt das gar nicht so seltene Phänomen, dass die angezeigte Tiefe nicht so ganz mit der Seekarte übereinstimmt. Anders gesagt: Es wird eine Tiefe angezeigt, obwohl es hier eigentlich mehrere tausend Meter runter geht. Diese Anzeigen zeichnen sich durch Sprunghaftigkeit aus. Die drei Striche wechseln beispielsweise auf 11m, dann auf 8m und dann wieder auf „—“. Ohne es mit eigenen Augen gesehen zu haben liegt die Vermutung nahe, dass da gerade irgendetwas unter dem Tiefenmesser herumschwimmt und das Signal reflektiert. Möglicherweise hatten wir ja genau das vor unserer Antarktischen Nachtfahrt, als wir Massen von diesen mit roten Kernen versehenen Glibberketten (Salp) im Wasser sahen. Wie auch immer, dieses Phänomen zeichnet sich dadurch aus, dass es wirklich sehr sprunghaft und eher kurzlebig ist.

In der Antarktis gibt es dann aber noch eine andere Spielart davon. Langlebiger. Man fährt minutenlang in entweder sicher oder (weil „unsurveyed“) höchstwahrscheinlich sehr tiefen Wasser, aber es wird sehr konstant eine Tiefe von beispielsweise 7m, gerne aber auch mal 3m angezeigt. Wenig Änderung. Nur selten springt es mal beruhigend auf „—“ und offenbart somit seine wahre Natur, die nichts mit dem Meeresgrund zu tun hat. Wir hatten dieses Phänomen insbesondere in der Nähe vieler großer Eisberge oder auch bei Gletschern. Des Rätsels Lösung ist dann auch deren Schmelzwasser, das im salzigen Meer Schichten bildet, von deren Rand wiederum das Signal reflektiert werden kann. Im Grunde also harmlos, aber ein komisches Gefühl ist es trotzdem… gerade wenn die 3m in der Nähe einer doch etwas flacheren Stelle in der ansonsten weißen Seekarte auftaucht. Glücklicherweise scheint es sich nur um eine recht schwache Reflexion zu handeln. Nach unserer Erfahrung wird es von echten Tiefenangaben überlagert, sobald es dafür flach genug ist.

So bleibt also die beruhigende Erkenntnis, das bei aller Verwirrung dort, wo es wirklich darauf ankommt, doch ein gewisses Maß an Vertrauen in die angezeigte Tiefe gerechtfertigt ist. Also zumindest, wenn man dabei die Position des Tiefenmessers im vorderen Bereich des Schiffes bedenkt. Gerade bei engen Kurven oder gar Rückwärtsfahrt kann eine scheinbar sichere Angabe dann doch in einer (uns bisher jedoch noch nicht unterlaufenen) Grundberührung am Heck enden. Doch das ist ein anderes Thema, über das wir (abgesehen von beabsichtigtem Trockenfallen) hoffentlich nie etwas schreiben müssen.

Alltagsprobleme in der Antarktis: Temperatur

Nein, wir hatten keinen Dauerfrost und von den in der Antarktis gemessen Kälterekorden von fast -100°C waren wir glücklicherweise sehr weit entfernt. Immerhin besuchten wir sie ja im Hochsommer, und wenn die Sonne mal vom strahlend blauen Himmel schien, war es richtig gehend angenehm warm an Deck. Selbst wenn wir auch von dem zeitgleich gemessenen gut 20°C Wärmerekord der Antarktis weit entfernt waren, konnte man dann mal ohne Jacke raus gehen. Trotzdem sollte man sich von Fotos in vermeintlich leichter Bekleidung nicht täuschen lassen. Die Regel waren auch hier mehrere Lagen an Kleidungsschichten aus Thermo-Unterwäsche, Haushosen (Mehrzahl!), T-Shirts, Pullis und Jacken verschiedener Dicke etc. … Zwiebelprinzip halt.

Nachts pendelte sich das Thermometer in der Regel so um den Gefrierpunkt ein. Wenn man sich morgens dann endlich überwunden hatte, aus Schlafsack und/oder mehreren Deckenlagen zu kriechen, empfingen einen so um die 10°C unter Deck. Tagsüber ging es dann meist auf bis zu 15°, bei Sonne etwas mehr, bei Schnee auch mal weniger. Wohlgemerkt hängt das Thermometer bei uns im Salon ca. 30cm unter der Decke. Entsprechend frischer ist es im Bereich der von mehreren Lagen (Winter-)Socken so leidlich warm gehaltenen Füße.

Ja, habt ihr denn keine Heizung an Bord? Doch, eine Dieselheizung ist vorhanden. Und warum heizt ihr dann nicht einfach? Na, das haben wir ja durchaus hin und wieder mal gemacht. Allerdings muss man zweierlei bedenken.

  • Erstens braucht eine Dieselheizung, wie der Name schon sagt, Diesel. Das braucht aber auch die Maschine, die hier unten sehr oft angeworfen werden muss. So kräftig es in der sommerlichen Antarktis auch blasen kann, so ruhig ist es auf der geschützten Seite der Antarktischen Halbinsel an schönen Tagen. Es fehlt einfach ganz oft dieser schön segelbare, mittlere (bevorzugt Halb-) Wind. Folglich sollte man mit dem Diesel haushalten, schließlich liegt die nächste Tankstelle ein paar hundert Seemeilen weiter nördlich.
  • Zweitens bleibt die Wärme ja auch nicht sonderlich lange im Schiff. Die Samai hat zwar eine Isolierung am Rumpf, allerdings wird so etwas nur über Wasserhöhe gemacht. Das GFK-Deck mit den großen Fenstern ist ebenso wenig isolierend wie der Bodenbereich. Der Rumpf nimmt praktisch Wassertemperatur an… also der Flüssigkeit, in dem das ganze Eis schwimmt.

Das hat jedoch auch unbestritten Vorteile. Der Kühlschrank verbraucht bei niedrigen Außentemperaturen weniger Strom und wird für Getränke praktisch nicht benötigt. Alles was in der Bilge (also unter den Bodenbrettern) verstaut ist kommt automatisch auf Kühlschranktemperatur. Lebensmittel halten sich allgemein einfach länger und Probleme mit lebendigen Inhaltsstoffen in Gewürzen, Mehl oder anderem gibt es bei diesen Temperaturen auch nicht.

Andererseits nehmen selbst in den normalen Schapps verstaute Lebensmittel gerne eine für die Verwendung eher hinderliche Konsistenz an.

Nutella wird nicht geschmiert sondern gebröckelt.
Die Wurst links ist Olivenöl.

Und nach dem Essen kommt bekanntlich der Abwasch. Schon mal mit kaltem Wasser abgewaschen? Also so richtig kaltem Wasser? Da hilft selbst Spülmittel kaum noch. Ok, wir haben einen Boiler an Bord und damit auch einen gewissen Vorrat warmes Wasser. Zumindest immer dann wenn der Motor läuft oder vor nicht allzu langer Zeit für Nachschub gesorgt hat. Direkt aus dem Tank sind wir dagegen wieder beim Thema der umgebenden Wassertemperatur.

Ein anderes Thema waren die Batterien. Die mögen Kälte sogar noch weniger als die Crew. Mehr als einmal ist es passiert, dass die Heizung gar nicht erst ansprang, sondern eine dafür zu geringe Spannung meldete… obwohl die Verbraucherbatterien laut Anzeige alles andere als leer waren. Da mussten wir dann erst einmal den Motor anmachen, damit die Lichtmaschine für die der Heizung genehmen Rahmenbedingen sorgen konnte. Wenn er denn anging. Damit hatte er nämlich auch manchmal seine Probleme. Nun gut, teilweise war es unsere eigene Nachlässigkeit, den Starterknopf nicht lange genug gedrückt zu halten. Aber manchmal lag es auch an der Starterbatterie, die ob der niedrigen Temperaturen selbst ungenutzt hinreichend Spannung verlor und es nach einer gewissen Zeit einfach nicht mehr schaffte, den Motor alleine zu starten. Dann mussten mal wieder die nicht allzu weit weggelegten Starthilfekabel ran, damit die Verbraucherbatterien helfen konnten.

Warmer Kaffe und Kleidungsschichten machen es erträglich.

Zusammenfassen war es also kalt. Insbesondere was die Wohlfühltemperatur von La Skipper angeht sogar deutlich zu kalt. Allerdings war das natürlich auch keine Überraschung. Schließlich sind wir durchaus in Kenntnis der einschlägigen Klimadiagramme (falls man diese für den Zusammenhang Antarktis = kalt überhaupt benötigt) hier runter gesegelt. Und eines kann und wird jeder an Bord einer noch so kalten Samai bestätigen: Es hat sich gelohnt!

Alltagsprobleme in der Antarktis: Ankern

Die Zahl der Yachthäfen hält sich in der Antarktis naturgemäß doch arg in Grenzen. Die Governoren bei Enterprise Island kommt nach allgemeiner Ansicht einer Marina hier noch am nächsten. Folglich herrscht Hochsaison für den Anker.

Schon in Deception Island lernten wir recht schnell die kleinen Besonderheiten des Ankerns in der Antarktis kennen. Man fährt – gerne auch an einer in der Karte ausgewiesenen Ankerstelle – auf das Land zu und beobachtet ungläubig den Tiefenmesser… warum stehen da noch 100m obwohl man das Gefühl hat, schon rüber springen zu können. Sehr oft ist es an der Küste hier einfach nur richtig steil und man muss seine Scheu vor Ankern unter Land etwas verlieren. Aber bloß nicht unvorsichtig werden, denn die Tiefe kann auch gaaaaanz schnell mal von 20m auf 2m ansteigen. Wählt man also diese Option zum Ankern, kommt dem Thema Schwojkreis (das ist der Bereich, in dem sich ein ankerndes Boot bewegen kann… einfach gesprochen ein Kreis mit Anker in der Mitte und Kettenlänge als Radius) eine besondere Bedeutung zu.

Erfahre Antarktis-Segler empfehlen daher auch, nicht zu dicht unter Land und mit gut Tiefe unter dem Rumpf zu ankern, das sei entspannter. Da wären wir dann also so bei 20m Wassertiefe… mindestens. Zum Vergleich: In der Ostsee ankern wir gerne mit 30m Kette auf 3m Wassertiefe!

Pleneau Island: Anker liegt auf gut 20m, 100m Kette, Böen locker über 30kn… plus Growler.

In dieser Situation lässt sich dafür die Frage, wie viel Kette man denn stecken (also rauslassen) solle recht einfach beantworten: ALLES! Wie sagte ein anderer Skipper kürzlich so schön: „Im Kasten nützt die Kette nichts!“. Es gehen bei uns also 100m Ankerkette raus und dann kommt gleich der nächste spannende Moment: Hält der Anker denn auch? Ja sicher, die Kettenlänge spielt eine wesentliche Rolle bei der Haltekraft, aber bei den hier gerne mal spontan auftretenden Böen von 30-40 Bft. freut man sich schon, wenn der Anker nicht nur auf einem steinigen Untergrund rumliegt. Genau diese Situation hatten wir in Whalers Bay gehabt, als der Anker dreimal nicht hielt und erst beim letzten verzweifelten Versuch in dieser Bucht dann doch noch griff…

Deception Island / Whalers Bay: Anker liegt auf 5m, erst 60m dann 80m Kette, Tiefe unter dem Rumpf 36m und der (inzwischen wieder recht schwache 5er) Wind darf nicht drehen, da es auf der anderen Seite des Ankers sehr schnell richtig flach wird!

Unseren bisher persönlichen Rekord stellten wir dann bei den Yalour Islands auf. Ich hatte den Ankerplatz der Sarah markiert und war dann ob der dort herrschenden Wassertiefe doch etwas überrascht. Aber nun gut, es schien sich um eine größere, gleichmäßige Ebene zu handeln. Also ging der Anker runter auf sage und schreibe 32m! Natürlich gingen die kompletten 100m Kette raus und was soll ich sagen… es hielt! Sogar so gut, dass wir alle entspannt die Pinguinkolonie besuchten ohne uns Sorgen um unsere Samai zu machen.

Yalour Islands: Anker liegt auf 32m, 100m Kette und auch hier sollte der Wind besser nicht drehen.

Und dann gibt es noch das Thema „Landleinen“. Hier scheiden sich die Geister. In den einschlägigen Führern sind sie für die meisten Ankerstellen empfohlen, ja geradezu erwartet. Bei unserem größeren Päckchenlieger am Wrack machten sie absolut Sinn um Druck von uns zu nehmen. Ansonsten sorgen sie aber auch dafür, dass man nicht so flexibel ist und schnell verschwinden kann, selbst wenn man die einfach nur vom Schiff loswirft (oder -schneidet) um sie später zu bergen… und sie sich dabei hoffentlich nicht in den Propeller holt. Andere erfahrene Antarktis-Segler schütteln bei diesem Thema daher auch nur den Kopf.

Wir sind bis hin zu unserem Wendepunkt im Süden immer noch ohne Landleinen ausgekommen, doch dann kamen wir nicht mehr drum herum. Die nächsten Übernachtungsbuchten waren zu eng, kein Platz zum Schwojen, daher nun also auch öfters mal mit Landleinen. Übung macht den Meister und spätestens in den Chilenischen Kanälen, wo man ohne Landleine wohl gar nicht erst anhalten sollte, werden wir das Thema wohl im Halbschlaf beherrschen. Doch das ist dann ja ein anderes Alltagsproblem.

Alltagsprobleme in der Antarktis: Seekarten

Wir Segler von heute sind ja ziemlich verwöhnt. Alles ist vermessen, für die Ostseekarten gibt es monatlichen Berichtigungsservice und wer nutzt in Zeiten elektronischer Plotter noch Papierseekarten? Im Grunde ist es bei halbwegs seemännischen Verhalten kaum möglich, irgendwo in eine Gegend mit unbekannten Informationen aus der Seekarte zu geraten.

Und dann gibt es die Seekarten der Antarktis. Wir haben insgesamt 16 Karten der British Admiralty an Bord. Natürlich auf Papier. Nur einer amerikanischen Zufallsbekanntschaft in Ushuaia ist es zu verdanken, dass wir die meisten dieser Karten auch für OpenCPN auf unserem Bordcomputer haben.

Diese Karten sind dann auch wirklich interessant. Normalerweise muss man den allgemeinen Anmerkungen höchstens kurz überfliegen. Hier ist das anders. Sind die Tiefen und Höhen nun in Metern oder in Fathoms (Faden) and Feet (Fuß)? Passen die Karten zu dem verbreiteten WGS84-Kartendatum?

Ebenso prickelnd sind die vielen weißen Flächen, in denen wahlweise „Unsurveyed (see notes)“ oder „Depths (see notes)“ steht. In diesen Notes finden sich dann Hinweise wie „Uncharted dangers may exist“ oder „Owing to the age and quality of the source information, some detail on this chart may not be positioned accurately“ und natürlich „Mariners are advised to navigate with caution“.

Typische Kartenlegende…

Dann gibt es auch schon mal inmitten von 400m-Tiefenangaben ein blau umrandetes Gebiet mit dem Hinweis „Shoal water probable“ (Flachwasser wahrscheinlich). Mein absoluter Favorit sind aber aber die „zweifelhaften“ Inseln.

Und dann gibt es noch Detailkarten, bei denen lediglich ein paar Tiefenangaben möglichen Zufahrtswege zum avisieren Ankerplatz markieren. Rundherum ist es einfach nur weiß. Das Beste hier sind allerdings die erläuternden Angaben (z.B. False Island):

Doch wie immer ist auch das „Jammern auf höchstem Niveau“. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie die Pioniere hier unterwegs waren. Karten? Höchstens für eine Runde Skat! Und bei aller Ungewissheit ist es doch nicht schlecht, mal wieder etwas „geerdet“ zu werden, die Komfortzone zu verlassen. Aber gerade letzteres ist hier in der Gegend zumindest für Segler wahrlich kein Problem!

Zufahrt zum Ankerplatzbei den Lippmann Islands

Sind wir eigentlich völlig bescheuert?

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit, da war man als Langfahrtsegler echt abgeschnitten von Familie, Freunden und Bekannten. Das hat sich grundlegend geändert. Viele Häfen, auch auf abgelegenen Inseln haben WLAN. Man kann sich eine Daten-SIM-Karte seines Gastlandes besorgen und hat WhatsApp, Skype, Threema, Facebook, Instagramm, Nachrichtenportale und vieles mehr. Selbst auf hoher See oder in der Antarktis besteht immerhin noch die Möglichkeit, über Kurzwelle oder Satellit Text-Emails zu schreiben, Wetterdaten zu empfangen oder auch zu telefonieren. Wunder der Neuzeit!

Dementsprechend stehen auch wir im Kontakt mit Familie und Freunden in Deutschland sowie auch (insbesondere) Seglern rund um die Welt, sei es über andere Blogs oder auch persönlichen Austausch. Die meisten Segler sind unserer Meinung, dass wir in der aktuellen Situation im Grund privilegiert sind. Ja, Pläne ändern sich, manch ein Vorhaben kann nicht durchgeführt werden, doch es geht uns letztlich überdurchschnittlich gut.

Das persönliche Feedback, das uns erreicht, ist auch zum absolut überwiegenden Teil ausgesprochen positiv. Manch einer verwendet sogar das Wort Bewunderung, welches unserer Meinung nach jedoch etwas zu hoch gegriffen scheint. Im Endeffekt hatten wir vor knapp 12 Jahren mal eine Idee, dann lange darauf hingearbeitet und sind nun endlich in der Umsetzung. Vielleicht abseits ausgetretener Pfade und zufälliger Weise zu einer besonderen Zeit, aber auch nicht die ersten oder gar einzigen. In jedem Fall scheinen sich fast alle mit uns darüber zu freuen, dass es endlich weiter geht… vielen Dank dafür!!!

Es gibt jedoch auch einige wenige Stimmen, die scheinen uns letztlich für völlig bescheuert zu halten. Das beginnt ja schon damit, dass wir entgegen aller Vernunft und gutem Ratschlag die Rückholaktionen nach Deutschland nicht genutzt haben. Wie konnten wir nur so blöd sein?! Ja, für manche mag der Weg Heim ins Reich richtig gewesen sein und wir hoffen, dass es ihnen und natürlich auch den zurück gelassenen Schiffen gut geht (besonders liebe Grüße an J.+S. :-).

Doch jetzt könnten wir uns der neuen Realität wirklich nicht mehr verschließen. Die einzig sinnvolle Entscheidung sei es, das Boot vollzupacken und auf direktem Weg nach Deutschland zu segeln… nach Hause! Mal abgesehen davon, dass das die Tatsache ignoriert, dass wir hier und jetzt auf unserer Samai zu Hause sind, scheinen sich diese (meist nicht segelnden) Apologeten offensichtlich nicht die Mühe des von mir sehr geschätzten Perspektivenwechsels gemacht zu haben. Mal angenommen, wir würden jetzt wirklich im kräftezehrenden Hau-Ruck-Verfahren nach Deutschland segeln…

  • Es beginnt damit, dass wir dort keinen Dauerliegeplatz haben, doch das ließe sich in der Annahme, dass die Häfen bis zu unserer (theoretischen) Ankunft wieder offen sind sicher irgendwie hinbekommen.
  • Wir haben keine Wohnung und unsere Möbel sowie sonstigen materiellen Habseligkeiten sind größtenteils eingelagert. Wo sollten wir hin? Die eigenen, betagten und damit der Risikogruppe angehörigen Eltern wären jedenfalls keine Option.
  • Wir müssten für die Kinder neue Schulen finden. Die wären neben den aktuellen Herausforderungen u.a. mit Homeschooling (das hier an Bord übrigens gar nicht mal so schlecht funktioniert!) sicher begeistert über unser Anliegen.
  • Wir müssten zeitnah zurück in den Arbeitsalltag. Das ist an sich ja nichts Schlimmes und steht uns ja irgendwann auch bevor. Allerdings würde La Skipper als Ärztin nicht nur recht schnell eine neue Stelle finden, sondern wäre da dann auch direkt an der für uns aktuell weit entfernten Infektionsfront.

Dabei handelt es sich neben vielen anderen Kleinigkeiten nur um die wesentlichen Punkte, die von manchen – unterstellen wir einmal gut meinenden – Menschen übersehen werden.

Doch woher kommt eigentlich diese feste Überzeugung, uns unbedingt zur Rückkehr bewegen zu wollen? Basiert sie auf einer ebenso fundierten, einschlägigen Informationslage, wie sie uns zur Verfügung steht? Wohl eher nicht. Da werden Berichte aus Zeitung und Fernsehen angeführt, über Kreuzfahrtschiffe und Einzelfälle. Mal angenommen, einem Redakteur werden vier Überschriften angeboten:

  • Deutscher Segler-Familie in Ushuaia geht es gut.
  • Südseesegler in letzter Sekunde vor dem Verhungern gerettet.
  • Karibik-Segler bedauern nur, nicht alle Inseln besucht haben zu können, bevor sie nun, wie zu dieser Zeit üblich, aus dem Hurrikangebiet fahren.
  • Karibik-Segler fliehen panische vor der stärksten Hurrikan-Saison aller Zeiten.

Hand aufs Herz: Welche zwei Geschichten werden gedruckt?

Anders herum lesen wir hier ja auch die Nachrichten aus Deutschland, sogar von Deutschen Medien, und finden Überschriften wie…

  • Verantwortungslose Eltern bevölkern geschlossene Spielplätze.
  • Viele Neuinfektionen nach Gottesdienst oder wahlweise Restaurantbesuch.
  • Mit den Worten Nun habt ihr es auch! hustet ein Verdächtiger Polizisten an (das sollte sich in Südamerika mal einer erlauben!).
  • Supermarktmitarbeiter werden angepöbelt, weil die auf geltende Regeln hinweisen.
  • Schlägerei um letzte Klopapierrolle.

Nochmal Hand aufs Herz: Welchen Eindruck gewinnt man alleine aus den Schlagzeilen von Deutschland? Ich würde dort jedenfalls keinen Fuß reinsetzen wollen.

Ich möchte das bitte ausdrücklich nicht als die leider modern gewordene Medienschelte im Sinne von Fake News (schrecklich!) verstanden wissen. Medien haben neben ihrem Informationsauftrag ebenso ihre Zielgruppen und müssen ihre Euro reinbringen. Daher sollte man sich doch bitte nicht ausschließlich und unreflektiert auf die Schlagzeilen verlassen.

Schließlich noch eine ganz persönliche Einschätzung zu einer anderen, heutzutage oft zu lesenden Schlagzeile: Es wird nie so sein, wie früher!. Das zielt nicht zuletzt auf die Reisen der Zukunft ab.

Ja, die aktuelle Situation ist trotz Spanischer Grippe (die eigentlich aus den USA kam), Pest und Cholera so noch nicht da gewesen. Ja, aktuell ist das Leben fast aller Menschen nicht mehr so, wie es war. Und ja, viele glauben, dass es nie wieder so werden könne, wie in der guten alten Zeit. Doch ganz ehrlich: Mein Vertrauen in das kollektive Langzeitgedächtnis der Menschheit ist bei weitem nicht so gefestigt, als dass ich diese Ansicht teilen könnte. Irgendwann wird es einen Impfstoff geben, irgendwann wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben, irgendwann verblasst die Erinnerung und so werden die Menschen, die es sich leisten können und wollen sich auch irgendwann (wohl eher früher als später) wieder auf die Kreuzfahrtschiffe, Fernflieger und Urlaubsressorts stürzen. Und diese Nachfrage wird ihr Angebot finden. Auch die jetzt geschlossenen Urlaubsziele werden natürlich wieder öffnen, ironischer Weise macht ja gerade Italien demnächst den Anfang. Tourismus ist ein zu gewaltiger Wirtschaftsfaktor, für manche Länder gar überlebenswichtig, als dass hier nicht alles auf einen Weg zurück zur Normalität weisen würde.

Ja, ich kann natürlich falsch damit liegen. Doch wenn man bedenkt, dass sogar nach den katastrophalen Ereignissen des letzten Jahrhunderts und der damit einhergehenden, intensiven Erinnerungskultur inzwischen Rechtspopulisten weltweit im Aufwind sind, kann ich persönlich ein solch unerschütterliches Vertrauen in die kollektive Rationalität der Menschheit nicht teilen.

So, das war jetzt mal was ganz anderes auf diesem Blog und ich danke jedem, der es bis hierher geschafft hat durchzuhalten. Wie gesagt sind es persönliche Wahrnehmungen, Gedanken und Einschätzungen, die ausdrücklich keinen Anspruch auf vollständige Information, letzte Wahrheit, oder gar umfassende Weisheit erheben. Jedoch helfen sie dem aufgeschlossenen(!) Leser vielleicht ein wenig dabei, eventuell vorhandene Zweifel und Fragen über unser Handeln in dieser Situation besser zu verstehen. In diesem Sinne alles Gute und natürlich Gesundheit!

P.S. Dieser Eintrag wurde per Satellit eingestellt und beinhaltet daher keine Bilder. Auch Kommentare können wir erst wieder lesen, beantworten bzw. auch nur die zur Veröffentlichung notwendige Genehmigung erteilen, wenn mal wieder Internetzugang besteht ( das soll jedoch bitte niemanden vom Schreiben abhalten ;-).