Das Insel-Wrack Edith Cavell

Saint-Laurent-du-Maroni, April 2022

Vor Saint-Laurent-du-Maroni liegt eine kleine Insel. So sieht es zumindest aus. Sowohl aus der Ferne, als auch auf der Seekarte. Zwei Tonnen markieren die Gefahrenstelle. Und wenn man in die Karte reinzoomt, sieht man auch den Namen der Insel: Edith Cavell. Komischer Name für eine Insel.

Insel voraus?!?

Die Auflösung ist einfach: Es ist ja auch keine Insel, sondern ein Wrack. Beziehungsweise war es nicht zuletzt auch eine britische Krankenschwester. Geboren 1865 ist sie Anfang des 20. Jahrhunderts in Belgien tätig. Während der Besatzung im ersten Weltkrieg wird sie von einem deutschen Militärgericht wegen Fluchthilfe für alliierte Soldaten zum Tode verurteilt und am 12. Oktober 1915 hingerichtet. Ein Vorfall, der dem ohnehin angeschlagenen Ruf der Deutschen damals nicht wirklich zuträglich ist.

Schon im gleichen Jahr erhält ein 1898 gebautes, britisches Dampfschiff in ihrem Gedenken den Namen Edith Cavell. Im Jahr 1924 bricht es in Marseille auf seine letzte Reise auf. Am 27. November verlässt es den Zwischenstopp Cayenne und erreicht am nächsten Tag den Fluss Maroni. Zwei Tage später läuft es vor Saint-Laurent-du-Maroni auf Grund. Wassereinbruch im Maschinenraum, Pumpen kämpfen vergeblich, knapp ein Drittel der Ware wird geborgen, am 30. Dezember bricht die Edith Cavell in zwei Teile.

Der vermeintliche Unfall schlägt hohe Wellen, auch auf diplomatischer Ebene. Eine Schuld des französischen Piloten oder falsche Markierung der Untiefe sind schnell verworfen. Am 13. Januar 1925 werden Kapitän, erster Offizier und Chefmaschinist vor Ort verhaftet, der Rest der Mannschaft dagegen kurze Zeit später nach Europa verschifft.

Blick vom Mooringfeld

Der Maschinist kommt schnell wieder frei. Der Vorwurf an Kapitän und 1. Offizier lautet dagegen auf „vorsätzliches Verlassen des Schiffes“. Die Engländer intervenieren. Zur von Französisch-Guyana angestrebten Anklage kommt es damit nicht. Am 6. Februar 1925 kommen die Offiziere gegen Kaution frei. Einige Monate nach Ihrer Rückkehr nach England sterben sie. Todesursächlich seien die Haftbedingungen gewesen. Dafür erhalten deren Familien dann 1927 auch hohe Entschädigungen. Natürlich zu zahlen von der lokalen Regierung in Französisch-Guyana. Irgendwie schon alles recht komisch. Da liegt der hier vor Ort offen ausgesprochene Gedanke eines Versicherungsbetruges durchaus nahe.

Heute ist das Wrack eine markante Landmarke vor Saint-Laurent-du-Maroni. Komplett mit Bäumen und Büschen überwachsen braucht es mehr als einen flüchtigen Blick, um die Reste des Dampfschiffes zu erkennen. Auch die gelben Markierungen sind eher gut gemeint als sichtbar. Insgesamt ein wirklich beeindruckender Anblick.

Atlantik Tag 4-7: Es wird ruhiger

Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantiküberquerung.

Mittwoch, 18. Mai 2022 – Auf dem Weg der Besserung

Morgens geht es La Skipper leider immer noch nicht wirklich gut. Die kurze, hohe Welle von schräg vorne macht ihr zu schaffen. Eine erneute Opfergabe. Trotzdem müssen wir auch mal an das Ankommen denken. Ich ziehe das Groß aus dem 3. in das 1. Reff. Das macht sich gleich deutlich in Geschwindigkeit bemerkbar und bringt zumindest nach meinem Empfinden dadurch auch etwas mehr Stabilität ins Schiff. Trotzdem schaukelt es uns immer noch ganz schön umher. Immerhin haben wir weiterhin 5 Bft., jedoch weniger oft und dazu noch weniger starke Böen. Selbst die Welle scheint sich gaaaaanz langsam abzubauen. Das würde ja zur Vorhersage passen, nach der es sich die nächsten Tage insgesamt etwas beruhigen soll. Das gilt hoffentlich auch für die Wellen.

Morgenstimmung auf dem Atlantik
Die Kinder sind fit!

Abends geht es La Skipper wieder besser. Sie hat Appetit auf etwas mit Geschmack. Der Skipper zaubert organische Pasta original aus Italien, überzogen von einer feinen Creme Legere de Normandie (von da wo unsere Samai herkommt!) an geräuchertem Bacon und Champignons, harmonisch abgeschmeckt mit frischem Knoblauch und Koriander (sowie einer zarten Andeutung von Asia-Fusion-Kitchen). Ok, man könnte natürlich auch schreiben, dass ich zu einer Tüte Nudeln eine improvisierte Pseudo-Carbonara (mit einem Schuss Soja-Soße) hingeschustert habe. Aber das klingt nicht halb so lecker, wie es uns geschmeckt hat. :-)

Wird lecker… :-)

Die Nacht verläuft absolut ereignislos. Wie schon am Tag haben wir die Segel nicht ein einziges Mal angefasst. Keine AIS-Signale, Lichter schon gar nicht. Nur der ein oder andere Fliegende Fisch verirrt sich an Deck.

Zu klein für den Grill ;-)

Donnerstag, 19. Mai 2022 – Die Sache mit dem Wasser

Der Wind hat weiter nachgelassen. Morgens ersetze daher ich die kleinere Kutterfock durch unsere normale Fock. Das Groß bleibt weiterhin im ersten Reff. Mit dem Absetzen unserer Positionsmeldungen auf Spotwalla holen wir neue Wetterinformationen. Die gute Nachricht ist, dass der starke Wind erste einmal vorbei ist. Das sollte insbesondere La Skipper gut tun. Tja und dann ist da die Sache mit den Doldrums. Aber davon ein anderes Mal mehr.

So allmählich scheint sich unser Wassertank zu leeren. Der Eindruck wird dadurch verstärkt, dass der Wind von Steuerbord (rechts) kommt, die Samai also beständig auf der linken Backbordseite liegt. Messstab und Wasserentnahme sind nun mal auf der anderen Seite. Eigentlich ist das ein guter Zeitpunkt, den Wassermacher anzuwerfen. Dazu muss aber auch der Motor laufen. Und wir segeln gerade so schön. Das heben wir uns also möglichts für die nächste Flaute auf. Damit ist erst einmal Wassersparen angesagt. Die größten Verbraucher fallen auf den meisten Segelbooten auf dem Ozean ohnehin weg. Die Klospülung holt sich das Wasser grundsätzlich von draußen. Bei einem so schön blauen Meer machen wir auch den Abwasch mit Salzwasser. Und eine plus-minus tägliche Dusche ist nun (insbesondere aus Sicht der Jungs ;-) wirklich nicht nötig. Sollte also noch etwas reichen. Das Trinkwasser haben wir ohnehin in separaten 5-6l Flaschen.

Wenn wir schon das Thema Klospülung ansprechen da ist uns doch tatsächlich etwas passiert, das wir so noch nicht hatten. Man sitzt ob der Schräglage so leidlich gemütlich auf dem stillen Örtchen, da kommt eine große Welle von der Seite. Das Boot wird kräftig durchgeschaukelt. Und plötzlich schwappt es aus der Kloschüssel unter der Brille nach vorne auf den Badboden. Lesson learned: Bei kräftigem Seegang immer zwischenspülen!!!

Wenn wir schon beim Thema Wasser im Boot sind, gibt es leider auch weniger schöne Neuigkeiten. Einerseits ist eines der kleinen Deckenfenster in der Vorschiffkoje über die Jahre etwas undicht geworden. Spült eine Welle über das Deck, tröpfelt es rein. Nicht viel, aber trotzdem nervig und ein neuer Punkt auf der 2do-Liste. Tja und dann sammeln wir beim Segeln seit unserem Karibik-Törn (Bonaire-Barbados) etwas Salzwasser in der Bilge. Keine Ahnung, wo das herkommt. Die Ventile sind alle ok. Außerdem passiert es ja auch nicht (nennenswert) vor Anker. Dem muss ich bei Gelegenheit auch nochmal auf den Grund gehen. Zur Beruhigung an alle besorgten Leser und wohl nicht zuletzt Leserinnen: Nein, das stellt KEINE Gefahr dar. Dazu ist es viel zu wenig. Es ist nur nervig, alle paar Tage die Bilge durchzuputzen. Zumal bei Seegang.

Gegen Mittag segelt die Samai auf Höhe des französischen Überseedepartements Martinique (341sm bzw. 632km Backbord querab). Das ist, abgesehen von den vorgelagerten Barbados und Tobago, die östlichste Karibikinsel. Damit haben wir immerhin schon den halben Antillenbogen links liegen gelassen. Ein gutes Gefühl! ;-)

La Skipper geht es heute endlich besser. Gut für sie, weniger gut für die Kinder, da damit auch die Bordschule stärker anzieht. Aber sonst wäre es auf dem Atlantik ja auch etwas langweilig… nicht wahr Kinder?!

Samuel paukt Französisch

Zum Abendessen gibt es feine ach lassen wir das einfach nur (natürlich nicht selbst gemachte) Gnocchi mit frischer Würstchen- und Restsoße von gestern. ;-) Satt segeln wir in eine weitere, ruhige Nacht.

Freitag, 20. Mai 2022 – Blauwassersegeln aus dem Bilderbuch

Nachts mal kurz ein-, am Vormittag wieder ausgerefft. So zieht die Samai unbeirrt ihren Kurs Richtung Nord. Wir passieren mit Guadeloupe (352sm bzw. 652km Backbord querab) das dritte der insgesamt fünf französischen Überseedepartements. Die verbleibenden zwei (Mayotte und Reunion) liegen im Indischen Ozean.

Inzwischen haben sich die Wolken weitgehend verzogen und die vom klaren Himmel scheinende Sonne verdeutlicht eindrucksvoll, warum das hier Blauwassersegeln heißt. So schön sieht das echt nur auf einem sonnigen Ozean aus! Wir klappen das Bimini wieder aus. Ein paar Meeresvögel schauen vorbei. Fliegende Fische tanzen über die Wellen, welche auf 1-2m runter sind. Eine angenehme Brise von 4 Bft. schiebt uns unter Vollzeug voran. So manch einer würde jetzt zu recht ins Schwärmen geraten es ist aber auch wirklich grenzwertig traumhaft.

Blauwassersegeln

Heute gönnen wir uns mal ein richtig deutsches Abendessen: In frisch gezapften Atlantikwasser gekochte Kartoffeln (aus Französisch-Guyana), Sauerkaut (aus Chile) und Würstchen (aus Suriname) mit Senf (aus Bonaire) wie gesagt: typisch deutsch!

Die Familie liegt schon im Bett. Der Skipper schaut im Cockpit noch einen Film auf dem Handy. Da frischt der Wind plötzlich auf. Ich schaue mich um und sehe hinter uns eine dunkle Wolkenwand durchgehen. Glück gehabt. Weiter geht es mit dem Film. Etwa 15min später schaue ich wieder auf und sehe hinter uns eine dunkle Wolkenwand durchgehen. Moment mal. Ist das dieselbe? Nein, sie zieht langsam ab. War wohl doch Nummer zwei. Etwa 15min später schaue ich wieder auf und sehe eine dunkle Wolkenwand an Steuerbord neben uns. Hmmmm. Wäre nicht schön, wenn die uns trifft. Was soll ich sagen. Sie geht direkt hinter uns durch. Und nein ich spinne nicht. Das Spiel wiederholt sich noch zweimal. Uns erreichen maximal ein paar frische Ausläufer. Nur etwas weiter hinten hätten wir dagegen fünfmal den Hauptgewinn gezogen. Ich bin sehr zufrieden so. Dann erst gibt die Nacht allmählich Ruhe.

Regenzellen am Tag und Nachts…

Samstag, 21. Mai 2022 – Das Klo braucht Liebe

Der Rest der Nacht verläuft wieder einmal absolut ereignislos. Leider kommen wir aber nicht mehr so schnell voran. Einerseits hatten wir das Großsegel im Sinne der Crew wieder im zweiten Reff. Andererseits scheinen wir auch eine kleine Gegenströmung erwischt zu haben.

Morgens gibt es dann keine Ausrede mehr. Der Wassermacher muss an die Arbeit. Leider ein bis zwei Tage zu früh, da wir demnächst wohl ohnehin den Motor anwerfen müssen. Aber was sollen wir tun? Der Tank ist nun einmal leer. Nach gut zwei Stunden haben wir erst einmal genug Wasser gebunkert. Wassermacher und Motor aus, Großsegel ausgerefft und mit Vollzeug machen wir weiter Strecke.

Einfach nur wunderschön blau!

Nach einem wirklich schönen Segeltag blau-in-blau meldet am Abend die Toilettenspülung mal wieder ihre Sehnsucht nach Liebe und Fürsorge an. Sie spült nicht mehr. In Aruba hatten wir ja temporär den Abflussschlauch am Tank vorbei direkt an das Auslassventil angeschlossen. Ein Fehler, wie sich jetzt herausstellt. Beim Segeln kommt durch das vorbeiströmende Wasser Druck auf den Schlauch. Und wenn man dann noch mal vergisst, vor dem Spülen das Ventil zu öffnen, kommt richtig Druck auf den Schlauch. Wo soll der Druck hin? Auf der einen Seite das Wasser bzw. geschlossene Ventil, auf der anderen Seite dieses Gummiventil, dass dafür sorgt, dass das gerade gespülte Wasser nicht gleich wieder zurückspült. Jeder Segler, der schon mal sein Klo auseinandergebaut hat, weiß was ich meine. Tja und genau dieses Gummiteil hat die Grätsche gemacht. Das habe ich so noch nicht gesehen. Kein Wunder, dass die Spülung nicht mehr funktioniert.

Links kann dann wohl weg…

Nachdem der Skipper das Klo auseinander- und wieder zusammengebaut hat, funktioniert es wieder und ich kann mich um das Essen kümmern. Es gibt feine ach Quatsch deftige arme Ritter. Einfach zu machen und sehr beliebt an Bord der Samai.

Sehr zu unserer Freude weht es weiterhin beständig mit 4Bft. aus Nordost. Unter Vollzeug rauschen wir in die Nacht. Mal sehen, wie lange das noch geht. Mit dem Posten dieses Beitrags hole ich neue Wetterinformationen ab. Die Auflösung erfolgt an dieser Stelle am nächsten Wochenende. Ansonsten findet sich unsere Position wie gewohnt etwa alle zwei Tage aktualisiert auf Spotwalla (Reiseinformationen – Position).

Atlantik Tag 1-3: Windiger Auftakt

Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantiküberquerung.

Vorab: die Sache mit dem Etmal

Wir Segler rechnen ja gerne in Etmalen. Offiziell geht das von Mittag bis Mittag gem. Sonnenhöchststand. Beim Segeln in Nord-Süd- bzw. Süd-Nord-Richtung hat ein Etmal also gleichbleibend 24 Stunden. Beim Segeln in Ost-West- bzw. West-Ost Richtung ist es länger bzw. kürzer als 24 Stunden.

Wir machen es uns dagegen einfach und nehmen ganz frech immer 24 Stunden. Abfahrt war Ortszeit 8 Uhr (also 13 Uhr mitteleuropaeischer Sommerzeit). Ab hier machen wir alle sechs Stunden Positions- und Wettereinträge ins Logbuch. Der Reisetag und damit das Etmal endet nach genau 24 Stunden am nächsten Morgen um 8 Uhr. Besser gesagt um 13 Uhr mitteleuropaeischer Sommerzeit. Da wir bis zu den Azoren die Uhr dreimal um je eine Stunde vorstellen werden, endet unser Etmal also am Ende der Überfahrt gem. Bordzeit um 11 Uhr. Ist jetzt nicht im Sinne des Erfinders, doch auf welchem Schiff wird heutzutage noch der tägliche Sonnenhöchststand exakt gemessen?!?

Ach ja, dem bei vielen (vor allem, aber nicht nur schnellen) Seglern geliebten Ritual einer Bekanntgabe der in einem Etmal zurück gelegten (ich schreibe bewusst nicht gesegelten) Seemeilen verweigere ich mich weiterhin. Zumindest prominent auf dem Blog. Wer es unbedingt wissen will, kann ganz in der Nähe fündig werden…

Sonntag, 15. Mai 2022 – Squalls und Mondfinsternis

Um 8 Uhr holen wir vor Kourou im französischen Überseedepartement Guyana den Anker auf. Der Strom schiebt die Samai schnell den Fluss raus. Ein Pärchen Graubrustschwalben begleitet uns. Immer wieder versuchen sie an den unmöglichsten Stellen zu landen, verstecken sich auch schon mal im Baum. Irgendwann verlassen sie uns.

Wir motoren das enge Fahrwasser von Kourou Richtung Îles du Salut. Ausflugskatamarane überholen uns. Noch ein letzter Plausch mit einem Bekannten. Doch was ist das? Von Osten her zieht die Nacht auf. Zumindest sieht es so aus. Eine dunkelgraue Front kommt bedrohlich näher. Das Radar zeigt ein riesiges Regenfeld. Als ersten verschwinden die Inseln vor uns. Kurz danach sind wir dran. Mit gut 30kn fegt Starkregen über die Samai. Der Katamaran vor uns verschwimmt ebenso im Grau, wie die große Ansteuerungstonne des Kourou-Fahrwassers. Jetzt nehme sogar ich endlich mal dieses Wort in die Feder: der Atlantik begrüßt uns mit einem Squall. Na das nenne ich mal einen ganz speziellen Humor.

Das sieht nicht gut aus
Auch das Radar zeigt, dass da was kommt…
Ölzeug gefunden!

Kaum hat sich der Spuk verzogen, ziehen wir die Segel hoch. Anfangs noch gerefft (also mit verkleinerter Segelfläche) fahren wir kurz nach dem Mittag Vollzeug (also mit vollem Großsegel und Fock) bei 4 Bft. am Wind Richtung Nordwest. Der Guyana-Strom schiebt kräftig zur Seite, dafür aber auch kräftig an. Zum ersten Mal seit Monaten haben wir auf dem Meer die Strömung nicht gegen, sondern mit uns. Ein tolles Gefühl.

Im Laufe des Tages nimmt der Wind auf die angesagten 5Bft. zu. Wir verkleinern das Großsegel schrittweise ins zweite Reff. Abends kommen mit zunehmender Regelmäßigkeit Wolken mit 6er Böen.

Kurzer Einschub fuer Nichtsegler: Ich nenne hier fast immer den wahren Wind. Das Boot segelt jedoch mit dem scheinbaren Wind. Dieser ist es, der mir an Deck um die Nase weht. Kurz gesagt handelt es sich dabei um eine Vektoraddition von wahrem Wind (gem. Stärke und Richtung) und Fahrtwind (gem. Bootsgeschwindigkeit von vorne). Faustregel: Beim Segeln vor dem Wind verringert der Fahrtwind den von hinten kommenden wahren Wind. Beim Segeln am Wind, erhöht der Fahrtwind den von vorne kommenden wahren Wind.

Zu Erinnerung: Wir segeln am Wind. Scheinbar weht es uns also beständig mit 6Bft. und mehr um Segel und Nasen.

Was macht da eigentlich die Crew so? Nun im Grunde genau das, was sie die ersten Tage einer längeren Passage immer macht. La Skipper wohnt intensiv die zur Liegefläche umgebaute Salon-Couch ab. Samuel hat Kopfhörer auf, hört heute von Michael Ende die unendliche Geschichte zu Ende. Und auch Maila hat lange Zeit die Kopfhörer auf, schaut mal aufs Meer und kuschelt sich mal ein. Heute ist schulfrei. Abends gibt es Suppe.

Die Sonne geht unter, der Vollmond steigt empor. Das Groß bleibt im zweiten Reff, doch für die Nacht hole ich die größere Fock ein und setze die kleinere Kutterfock. Kostet kaum Geschwindigkeit, bringt dafür mehr Ruhe und Spielraum bei Windböen. Das bin ich als Skipper meiner Crew, dem Boot und auch den Segeln schuldig!

So segeln wir so ruhig es auf knapp 3m Welle an 5 (in Böen 6) Bft. Wind es halt geht in die Nacht.

Als mich um halb eins das Handy für meinen halbstündigen Rundumblick weckt, stutze ich. Es ist dunkel. Schon klar es ist ja auch Nacht. Aber es ist halt eine Vollmondnacht. Und so mächtig, dass sie das derartig unterdrücken könnten, sind die Wolken nun auch wieder nicht. Hin und wieder sehe ich sogar Sterne durchscheinen. Und dann ist da diese dunkelrotbraune Scheibe, an deren Rand gerade ein letzter heller Flecken verschwindet. Ein Blick in meine Offline-Wikipedia bestätigt die im Grunde schon vorhandene Gewissheit: Heute Nacht ist totale Mondfinsternis. So richtig zentral mit fast 90min Dunkelheit. Ich hole die Kinder raus. Sie würden es mit nie verzeihen, wenn ich ihnen das nicht zeige. Leider schieben sich recht schnell Wolken dazwischen. Es ist stockfinster. Doch zwei Stunden später strahlt der Mond wieder so hell, dass ich im nächtlichen Cockpit Schatten werfe.

Montag, 16. Mai 2022 – Segelmodus bei viel Wind

Im Laufe des Tages nimmt der Guyana-Strom ab und der Wind weiter zu. Abends haben wir stabile 6Bft. und es zieht die ein oder andere Wolkenfront mit 7Bft. durch. Wahrer Wind wohlgemerkt. Scheinbar knacken wir mehr als einmal die 30kn, kommen also auf 60 km/h Windgeschwindigkeit.

La Skipper frönt weiterhin vorwiegend ihrem Segelmodus. Die Kinder können wir immerhin zu ein paar leichten Schulfächern überreden. Abends gibt es wieder Suppe. Mehr bekommt ¾ der Besatzung gerade nicht im Guten runter. Und für mich alleine will ich auch keine Extranudeln kochen.

Die Sonne geht unter, der fast-noch-Vollmond steigt empor. Die kleinere Kutterfock bleibt stehen, doch für die Nacht verkleinere ich das Groß in das dritte Reff. Kostet kaum Geschwindigkeit, bringt dafür mehr Ruhe und Spielraum bei Windböen. Das bin ich als Skipper meiner Crew Déjà-lu?! ;-)

So segeln wir so ruhig es auf gut 3m Welle an 6 (in Böen 7 Bft.) Wind es halt geht in die Nacht.

Verlust des Tages: Das Großsegel hängt abwechseln mit einer Segellatte (fest) bzw. einem Gummiband (flexibel) an sogenannten Mastrutschern. Beim Klarieren des dritten Reffs hat sich eines der Gummibänder verabschiedet. Im Grunde habe ich so etwas schon seit ein paar Monaten erwartet. Damit steht das Segel nun nicht mehr perfekt. Das ist für ein paar Tage aber auch nicht weiter wild. Wenn es etwas ruhiger ist, ersetze ich gleich mal alle Gummibänder. Wofür habe ich entsprechenden Ersatz dabei?!

Dienstag 17. Mai 2022 – Unruhiger Wassersport

So richtig nervig sind inzwischen die Wellen geworden. Es sind zwar weiterhin nur so um die plus-minus 3 Meter. Trotzdem bringen sie nicht nur anstrengende Unruhe ins Boot. Absolut unvorhersehbar knallt immer mal wieder eine so geschickt an den Rumpf, dass sie das Boot überspült. Auf dem Vordeck kein Problem. Ärgerlich jedoch, wenn sie seitlich ins Cockpit oder gleich mal direkt quer über die Sprayhood einsteigt. Nun ja, Segeln ist halt irgendwie doch ein sogenannter Wassersport. ;-)

Der Bordalltag bleibt unverändert. Abgesehen davon, dass La Skipper einen kurzen Opfergang an Rasmus beschreitet. Vor diesem Hintergrund lasse ich die konservativ kleine Segelfläche unverändert. Obwohl ich das Groß bei nun etwas etwas schwächeren 5-6 Bft. eigentlich etwas mehr rausholen könnte. Das bin ich als Skipper ;-) Ansonsten ein bisschen Schule und viel Geschaukel.

Die Nacht verläuft ereignislos. Kein anderes Schiff in Sicht. Unter der etwas zu kleinen Besegelung kommen wir zwar nicht rasend schnell, aber beständig voran Richtung Norden.

Bürokratie in Südamerika: Französisch-Guyana

April 2022

Die Einreise in Suriname war ja schon recht unkompliziert. In Französisch-Guyana ist es (zumindest als EU-Bürger) bei weitem unkomplizierter. Kurz vor unserer Überfahrt werden alle C***-bezogenen Einreisevoraussetzungen fallen gelassen. Bei Ankunft in Saint-Laurent-du-Maroni bekommt der Mooringbetreiber und TO-Stützpunktleiter Davide Kopien unserer Pässe und Schiffspapiere. Wenig später bekommen wir unser gestempeltes Einreisedokument. Die Pässe werden nicht gestempelt. Wir sind in der EU. Fertig.

Die Ausreise könnte potenziell komplizierter werden. Die dafür zuständigen Behörden in Kourou sind aktuell geschlossen und bis nach Cayenne wollen wir mit dem Boot eigentlich nicht fahren. Doch Davide hat auch hier eine einfache Lösung. Er datiert die Ausreise einfach eine gute Woche vor und gibt uns die fertigen Papiere direkt mit. Wir sollten sie halt in der Zwischenzeit niemanden zeigen. Das bekommen wir hin.

Links Touri-Info … Rechts Marina Office & Café

Insgesamt steigert sich mit dieser Erfahrung die Vorfreude auf den unkomplizierten Länderwechsel in Europa. Obwohl wir die EU streng genommen ja nicht mehr verlassen. Die Azoren sind portugiesisch. Dann kommen Frankreich, evtl. die Niederlande und Deutschland. Irgendwie sind wir also schon wieder zu Hause. Zumindest im Pass.

Bienvenue en Guyane Française!

10./11. April 2022

Was für eine Nacht. Eigentlich liegen wir ja ein gutes Stück vor der bewaldeten Küste. Die Moskitos scheint das nicht zu stören. Als Maila nachts sagt, sie höre ein Summen, mache ich das Licht an und sehe ein knappes Dutzend dieser kleinen Plagegeister an der Decke über dem Bett sitzen. Es wird ein Blutbad.

Nach einem entspannten Frühstück holen wir mit der beginnenden Vormittagsflut den Anker auf. Das betonnte Fahrwasser drängelt sich eng an der französischen Küste entlang. Ja, es ist tatsächlich Frankreich. Genauer gesagt das Überseedépartement 973. Zum ersten Mal seit langem segeln wir wieder in der Europäischen Union. Im Süden hat Frankreich mit 730km seine längste Grenze zu einem anderen Land. Und auch zu Suriname liegen hier 510km EU-Außengrenze. Ich sage mal so… der kleine Grenzverkehr gedeiht prächtig, aber dazu ein anderes Mal mehr.

Maroni

Wir halten uns also innerhalb der EU, dicht an der mit Regenwald bewachsenen Küste. Dieses Mal müssen wir weitere 15sm in den Fluss, bevor wir unser Ziel erreichen: Saint-Laurent-du-Maroni.

Auch so kann…
… die EU aussehen!

Schon von weitem sehen wir die kleine, baumbewachsene Insel vor dem Anleger. Rundherum gibt es sichere Moorings, einen Dinghy-Steg und der TO-Stützpunktleiter Davide verspricht eine unkomplizierte Einreise. Doch darum kümmern wir uns morgen…

Paradise Village (sic!)
Saint-Laurent-du-Maroni