Atlantik Tag 8-11: Baden und Segeln in den Doldrums

Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantiküberquerung.

Sonntag, 22. Mai 2022 – Kollisionskurs auf dem Weg in die Doldrums

Die Nacht verläuft solange ruhig, bis die Crystal Angel auf dem AIS erscheint. Da sieht man nach Tagen mal wieder ein anderes Schiff und natürlich ist es auf direktem Kollisionskurs. Typisch! Ebenso erfreulich ist, dass der Tanker rechtzeitig seinen Kurs ändert um gut eine Seemeile hinter uns durchzufahren. Vorbildlich!

Kurzer Einschub für Nichtsegler: Vielleicht fragt sich jetzt der eine oder die andere, warum ein 230m-Tanker so einem kleinen 12m-Segelboot wie uns ausweicht. Die Antwort findet sich in den international gültigen Kollisionsverhütungsregen. Darin wird unter vielem Anderen geregelt, wie sich zwei begegnende Boote verhalten sollen. Nein, da steht nichts von Vorfahrt. Das ist der deutschen Seeschifffahrtstraßenverordnung vorbehalten. International gibt es entweder die Pflicht, Kurs und Geschwindigkeit beizubehalten oder die Pflicht auszuweichen.

Was die Schiffstypen angeht, gibt es eine gewisse Rangfolge. Zum Beispiel müssen (vereinfacht gesagt) alle anderen Schiffe Fischern (bei der Arbeit) ausweichen. Das letztere es beim Fischen mit dem Kurshalten nicht so genau nehmen, ist wenig verwunderlich und allgemein bekannt. Treffen ein Motorboot und ein Segelboot (unter Segeln!) aufeinander, so muss das Motorboot ausweichen. Und die Samai ist aktuell nun mal ein Segelboot und ein Tanker ist unbestritten ein Motorboot. Darum ist er uns ausgewichen.

Guten Morgen…

Der Wetterbericht ist so la-la. Klar ist, dass der Wind weiter nachlassen wird. Das ist auch wenig verwunderlich, schließlich kommen wir so langsam die die Breiten der Doldrums.

Kurzer Einschub für Nichtsegler: Wir würden echt gerne direkt von Südamerika zu den Azoren segeln. Geht aber nicht. Rund um den Äquator weht der Passatwind beständig aus (hier aktuell nord-)östlicher Richtung. Darum segeln wir auch gerade eher nach Norden. Weiter oben haben wir die auch für das Wetter in Europa maßgebliche Westwindzone. Spätestens dort werden wir Richtung Osten abbiegen. Und dazwischen? Tja, da sind die Doldrums. Mal breiter, mal schmaler ist das ein Bereich mit wenig bis gar keinem Wind. Für Segler ein Albtraum. Und da müssen wir irgendwie durch…

Früher konnten die Doldrums für Segelboote eine echte Gefahr darstellen, wenn diese tagelang bei Flaute vor sich hindümpelten. Heute kann man natürlich auch noch warten und dümpeln. Alternativ wirft man den Motor an. Wir bevorzugen, auch im Sinne unserer immer noch aufzufüllenden Wasservorräte, meist letzteres.

Verlust des Tages: Am Nachmittag werfe ich einen Blick in unsere Nudelvorräte. Manch einer mag denken: Na was soll da schon sein?. Segler-Antwort: Kleine schwarze Krabbeldinger. Bei Pappkartons mag das ja noch hinkommen, aber in Plastikverpackungen? Keine Ahnung, wie die da rein kommen. Muss wohl schon bei der Produktion passiert sein. Uns kostet das heute fünf Fusilli-Packungen. Auch zwei große Spaghetti-Packungen sehen nicht so gut aus und werden folgerichtig gleich mal gekocht. 2kg Nudeln. Der Speiseplan der nächsten Tage steht.

Montag, 23. Mai 2022 – Badepause, Bootsarbeiten und kein Fisch

Allmählich beginnt das unschöne Spiel mit dem fehlenden Wind. Wir motoren durch die Nacht mit direktem Kurs Richtung Azoren. Der neue Wetterbericht am Morgen lässt uns nach Norden abbiegen. Auf der Suche nach wenigstens etwas Wind in der vorhergesagt großen Flaute.

Der große Swimmingpool lockt…

Eigentlich der perfekte Zeitpunkt für eine Badepause. Gut eine Stunde lassen wir uns treiben und springen in den tiefblauen Atlantik. Unter uns sind etwa 5km Wasser. Das nenne ich mal ein tiefes Schwimmbad. Anschließend hauen wir einiges von dem gerade frisch gemachten Wasser raus und duschen uns alle mal wieder so richtig sauber. Wurde auch langsam Zeit.

Badepause auf 5km Wassertiefe
Ist da auch nichts unter uns?

Ansonsten nutze ich die Ruhe für ein paar Kleinigkeiten an Bord. Ich lege endlich die Bilge trocken und wechsle den Filter vom Wassermacher. Auch das hat der sich inzwischen hochverdient. Danach kümmern wir uns um die Großschot. Die hat im Laufe der Zeit ordentlich Twist bekommen und verdreht nun immer mal wieder die Leinenführung unter dem Segel. Nichts, was man nicht rausdrehen könnte. Schließlich klariere ich noch die beidseits vom Cockpit nach vorne führenden Strecktaue. Daran kann man sich bei unruhigem Wetter und nachts einpicken um nicht über Bord zu gehen. Leider war ich beim letzten Mal Einfädeln der Vorsegelleinen etwas unaufmerksam. Die Schoten lagen einer lückenlose Nutzung der Strecktaue im Weg. Das ist nun auch wieder in Ordnung.

Der rechte Filter hat sich den Ruhestand verdient.

Am Nachmittag meldet sich die Angel. Sie biegt sich richtig durch. Offensichtlich ein großes Ding am Haken. Samuel eilt hin und versucht den Fang einzuholen. Leider vergeblich. Später schwört er Stein und Bein, dabei eine Hai-ähnliche Rückenflosse gesehen zu haben. Vielleicht ganz gut, dass er entwischt ist?! So essen wir unseren improvisierten Nudelauflauf aus der Pfanne vegetarisch.

Immerhin können wir heute noch ganze acht Stunden segeln. Trotz angesagter Flaute. Am Ende bekommen wir unter einer dunklen Wolke sogar gut 5 Bft. ins Segel gepustet. Danach geht es jedoch innerhalb von 10min auf 5kn runter. Segel rein. Entspannt motoren wir durch den Rest der Nacht.

Dienstag, 24. Mai 2022 – Raus aus den Tropen

Schon vor Sonnenaufgang sehe ich eine Ansammlung von AIS-Signalen. Ein Schiff mit offensichtlich ostasiatischem Namen und seine fünf Bojen. Ein Fischer bei der Arbeit. Aber lassen wir uns das in Ruhe auf den Zeilen zergehen. Ein chinesisches Fischerboot von 45x8m setzt im Atlantik gut 500sm nordöstlich der Karibik auf einer Länge von fast 15sm (für Ostseekenner zum Vergleich: Kühlungsborn-Rostock sind ca. 12sm!) seine Bojen aus und fischt das Meer leer?! Internationale Gewässer. Keiner ist zuständig. Jeder darf (fast) alles. Perfekter Ort für das perfekte Verbrechen. Ideal auch für opportunistisches Verhalten. Und letzteres ist meiner bescheidenen Meinung nach Hauptgrund dafür, dass die Welt allmählich vor die Hunde geht. :-(

Chinesischer Fischer mit seinen Bojen

Ebenfalls kurz vor Sonnenaufgang queren wir auf 23°26N den nördlichen Wendekreis des Krebses. Auf diesem Breitengrad steht einmal im Jahr, genau zur nördlichen Sommersonnenwende unser Zentralgestirn im Zenit. Und offiziell bezeichnen die Wendekreise zugleich das Ende der Tropen. Mehr als ein Jahr und vier Monaten nachdem wir vor Chile den südlichen Wendekreis gequert haben, erreichen wir wieder gemäßigte Breiten.

Morgens mache ich spontan einen Nudelsalat. Das ist immer gut für ein kleines Hüngerchen zwischendurch. Wie es der Zufall so will, habe ich da noch ein paar Spaghetti im Kühlschrank gefunden… ;-) Abends gibt es zur Abwechslung dagegen mal Reis mit Zwiebel-Pilz-Pfanne.

Wir werden langsamer. Motor und Segel halten sich heute zeitlich so in etwa die Waage. Über Mittag füllen wir unseren gesamten Vorrat an Wasserflaschen auf. Am Nachmittag genießen wir bei strahlenden Sonnenschein und teilweise nur 2-3 Bft. entspanntes Dümpel-Cruisen unter Segeln. Wenigstens scheint die Sonne. Abends nochmal Motor an, den Großteil der Nacht können wir aber, wenn schon nicht rasend schnell, so doch entspannt segeln.

Mittwoch, 25. Mai 2022 – Kurs Azoren… noch!

Beständiger Wind wäre schön. Ist hier aber nicht. Am Vormittag müssen wir wieder den Motor anwerfen. Der Wassermacher drängt die letzte Luft aus dem Wassertank. Zumindest kann die Fock als Unterstützung stehen bleiben. Und zumindest fahren wir (fast) direkten Kurs auf die Azoren im Nordosten von uns. Luftlinie sind es kein 1.500sm mehr. Seit Französisch-Guyana haben wir fast 1.300sm im Kielwasser gelassen. Kurz vor der Halbzeit? Wohl kaum.

Der aktuelle Wetterbericht stimmt nicht optimistisch. Erst Flaute, dann Nordost-Wind auf die Nase, der auf Ost dreht. Damit sollten wir Richtung Norden segeln können. Direkt auf das Zentrum des zugehörigen großen Hochdruckgebietes. Danach dreht der Wind dann auf Nord, was wir mit einem Ostkurs kontern müssten. Nächste Woche kommt es dann ganz dicke von Norden runter, so dass wir uns besser südlich der Azoren halten sollten. Also wie denn nun Zick-Zack zum Ziel?!

Allerdings ist das alles natürlich mit einem großen Vorbehalt zu sehen. Gerade in dieser Gegend ist die Halbwertszeit eines Wetterberichts erschreckend kurz und einer Vorhersage der kommenden Woche in der Regel kaum mehr Wert beizumessen, als dem berühmten Blick in die Kristallkugel. Insofern hoffen wir trotz der wenig erfreulichen Grundtendenz auf das Beste.

Abends wird es Zeit, sich endlich mal um die letzten Spaghettireste zu kümmern mit Pesto für die Mädels gebraten für die Jungs das geht immer!

Camp de la Transportation (oder Papillon zum Ersten)

17. April 2022

Das Camp de la Transportation liegt direkt am Ufer des Maroni. Von unserer Mooring schauen wir auf die hinter der Außenmauer emporragenden Gebäude. Der Eingang liegt nur gut 100m vom Dinghy-Steg entfernt. Erst 1995 als historisches Denkmal eingestuft, beherbergt das ehemalige Camp heute unter anderem ein Museum. Normalerweise werden Führungen auf Französisch angeboten. Doch vor der ersten offiziellen Tour am Ostersonntag hat der zweisprachige Guide noch Zeit. So kommen wir in den Genuss einer englischsprachigen Privatführung.

Das Camp ist 235m lang und 120m breit. Hinter dem Eingangstor empfangen uns beidseits die ehemaligen Verwaltungsgebäude. Rechtehand duckt sich ein besonders zwiespältiges Gebäude an die Außenmauer. Einerseits Küche und Kapelle für sonntägliche Gottesdienste befindet sich hier auch der Bereich, in dem die Gefängnisärzte anthropologische Studien zur Identifizierung krimineller Profile durchführen. Dahinter sehen wir eine der „Wäschereien“. Hier durften die Gefangenen einmal im Monat(!) ihre Kleidung reinigen. Mit Wasser und ohne Seife.

Verwaltungsgebäude
Wäscherei sowie Kirche-„Kriminalitätsforschung“-Küche

Den Großteil des allgemein zugänglichen Bereichs nehmen 12 teils doppelstöckige Gebäude ein. Früher schlafen in jeder Etage offiziell 50 Häftlinge. Aus den rechnerisch 900 Plätzen werden in der Realität jedoch bis zu 1.500! Heute sind die Gebäude für unterschiedliche Zwecke genutzt.

Ein knappes Drittel des Camp umfasst den nur mit Guide zugänglichen Bereich der „disziplinarischen Quartiere“. Durch die Kleiderausgabe gehen wir direkt auf die Tore des 1889 eingerichteten Gefängnisgerichts. Hier werden insbesondere gefängnisinterne Straftaten und die Fälle wieder straffällig gewordener Freigelassener verhandelt. Alle 2-3 Monate erwarten etwa 20 Häftlinge ihre Strafe. Üblich sind ab 6 Monate bis zu 5 Jahre Einzel- oder Isolationshaft. Das beinhaltet auch Dunkel- oder Offenhaft auf den Îles de Salut (Saint-Joseph). Ersteres ist selbsterklärend. Bei letzteren ist die Einzelzelle oben offen und der Insasse somit direkt tropischer Sonne und Regen ausgesetzt. Und natürlich werden auch direkt durch die Guillotine vollstreckte Todesurteile gefällt.

Original Lore… u.a. zum sträflingsbetriebenen Wächtertransport

Auf der einen Seite finden sich spezielle Quartiere für besonders harte Fälle sowie Rückfällige. Je nach Fall ist man in Gruppenräumen oder Einzelhaft untergebracht.

Auf der anderen Seite betreten wir den Disziplinarabereich. Ein Hof des Grauens. Vier Blockhäuser empfangen uns. In der Mitte ein Gang, rechts und links Steinpritschen, ein kleines Klo. Sie bieten offiziell Platz für jeweils 40 Männer. Tatsächlich werden oft doppelt so viele hinein gepfercht. Je nach Strafe sind sie bis zu 22 Stunden am Tag an den Knöcheln fixiert. Nachts werden die Fenster geschlossen. Drei Monate hier drin sind Minimum.

Nummer 1 von 4
Ausgelegt für 40…
… belegt mit bis zu 80 Sträflingen.

Dahinter öffnet sich der Hof etwas. Große Mangobäume spenden heute Schatten. Damals ist alles ein offener Sandplatz.

Erster Hof

Zwölf Zellen stehen exklusiv den zum Tode Verurteilten zur Verfügung. Am Vortag der Exekution wird die Guillotine aufgebaut. In dessen Angesicht gibt es noch eine Henkersmahlzeit, einen Liter Wein, ein Glas Rum und eine Zigarette. Dann werden Entlassungspapiere unterschrieben. Schließlich dürfen Häftlinge offiziell nicht hingerichtet werden. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass etwas schief geht, ist der Delinquent danach frei. Das ist jedoch niemals passiert.

Todeszellen
Der Guide demonstriert die Guillotine
Nach einer blutigen Hinrichtung färbte sich das Brunnenwasser schon mal rötlich

Ein weiterer Block mit 20 Zellen ist für die Häftlinge reserviert, die auf ihre Deportation auf die Îles du Salut (aka Teufelsinseln) warten.

Warten auf die Weiterfahrt…
Nachbau für eine Dokumentation
Originale Ritzzeichnung

Dahinter sind in einem zweiten Hof schließlich noch weitere Quartiere mit Einzelzellen für „spezielle Fälle“.

Hier ist auch Zelle Nummer 47. Auf dem Boden hat einer der bekanntesten Insassen des Gefängnisses seinen Spitznamen eingeritzt: Papillon.

Die Strafkolonie Französisch-Guyana

In seinen zwei autobiographisch inspirierten Romanen „Papillon“ und „Banco“ schildert der Franzose Henri Charrière unter anderem seine Erfahrungen in Französisch-Guyana. Schon kurz nach seinem Erscheinen wurde das Buch zwar künstlerisch frei, trotzdem sehr eindringlich mit Steven McQueen und Dustin Hoffman verfilmt. Wo sonst, wenn nicht hier, schauen wir (außer Maila!) ihn uns nochmal an. Die Neuverfilmung von 2017 kennen wir dagegen (noch?!) nicht.

Auch wenn Henri Charrière eigene Erlebnisse mit den Erzählungen von Mitgefangenen und einer Portion künstlerischer Freiheit vermischt, so zeichnet sich doch ein bedrückendes Bild der Bedingungen in dieser berüchtigten Strafkolonie, das sicher nicht allzuweit von der Wahrheit entfernt ist. Schon gar nicht, wenn man den Erzählungen unseres kundigen Guides Glaube schenkt. Doch beginnen wir mit einem kurzen Abriss der Geschichte.

Seit 1604 siedeln Franzosen auf dem Gebiet des heutigen Französisch-Guyana. Die Kolonie ist einige der wenigen, die Frankreich nach dem Pariser Frieden von 1763 erhalten bleibt. Daraufhin werden tausende Siedler entsandt, von denen aber nur einige Hundert die feindselige, einheimische Bevölkerung sowie Tropenkrankheiten überleben. Sie flüchten auf die drei kleinen, vorgelagerten Îles du Salut. Damit ist der schlechte Ruf von Französisch-Guyana erst einmal besiegelt. Ein verlockendes Ziel für Verbannungen! 1794 sind es 193 Anhänger des gerade hingerichteten Robbespierre. Nach einem Staatsstreich 1797 folgen ein General mit zahlreichen Abgeordneten und Journalisten. Da waren von den ersten 193 Verbannten nur noch 54 übrig geblieben.

Mit der Ankunft einer ersten Schiffsladung Sträflingen im Jahr 1852 beginnt dann die eigentliche Geschichte der (übrigens von Australien inspirierten) Strafkolonie in Französisch-Guyana. Erste Aufgabe der Neuankömmlinge ist der Aufbau ihres eigenen Gefängnisses. Ab 1885 wird dann jeder hierher abgeschoben, der für mehr als drei Diebstähle zu mehr als 3 Monaten Haft verurteilt ist. Nach sechs Monaten im Gefängnis werden sie als Siedler in die Kolonie entlassen. Damit möchte man einerseits Gewohnheitskriminelle loswerden, andererseits die Zahl der Siedler erhöhen. Ein großer Fehlschlag. Die Entlassenen können sich keine Lebensgrundlage schaffen und werden erneut straffällig. Faktisch ist die Abschiebung nach Französisch-Guyana eine lebenslange Haftstrafe, die wegen Unterernährung und Krankheiten jedoch dann auch wieder nicht allzu lang gerät.

La peine du bagnard (Der Schmerz der Sträflings)

Erster Anlaufpunkt ist das „Camp de la Transportation“ in Saint-Laurent-du-Maroni. Nur einen Steinwurf vom Dinghy-Steg entfernt. Hier werden die Gefangenen erfasst und auf eines der insgesamt 30 Lager, Camps und Zuchthäuser im Land verteilt. Das Camp ist bei den Gefangenen beliebt. Die hier Verbliebenden arbeiten meist in der Verwaltung und werden besser behandelt als andere Sträflinge. Seit 1912 gibt es ein Krankenhaus, in dem man als simulierter Kranker Fluchtpläne schmieden kann.

Ansonsten sind die Bedingungen in der Strafkolonie nur unmenschlich zu nennen. Zwangsarbeit, willkürliche Bestrafungen, korrupte Wächter… ein Potpourri Realität gewordener Albträume. Erst 1923 kommt durch Albert Londres öffentliche Kritik auf, 1934 schaffen es die ersten entlassenen Häftlinge zurück nach Frankreich und 1938 wird die offiziell 1946 umgesetzte Schließung entschieden. Doch erst 1953 verlassen die letzten 132 repatriierten Häftlinge das sogenannte „Land der schweren Bestrafung“.

In den gut 100 Jahren von 1852 bis 1953 werden in Französisch-Guyana etwa 70.000 Sträflinge gefangen gehalten. Nicht nur gut 52.000 Schwerkriminelle und über 17.000 Wiederholungstäter. Ebenso gerne werden politische Gefangene oder – als solche verurteilte – Landesverräter (z.B. Alfred Dreyfus) hierher gebracht. Nur wenige haben das Land jemals wieder lebend verlassen. Und doch ist das nur ein weiteres, kleines Kapitel der dunklen Kolonialgeschichte.

Mein Dinghy ist nicht dein Dinghy!

Uns wurde geraten, das Beiboot am Dinghy-Steg dann doch schon ein bisschen zu sichern. Nicht direkt zugänglich festmachen. Sonst setzt sich schon mal jemand rein, um gemütlich sein Mittagessen zu genießen. Am Besten auch mit Kette und Schloss sichern. Sonst kommen ein paar Kids auf die Idee zu prüfen, wie schnell die Strömung gerade ist. Doch wir wollen heute nur kurz ein paar Wasserkanister füllen. Da lohnt sich das „Festketten unter der Brücke“ nicht wirklich. Also rücken wir im Trio an. Während die Jungs sich um das Füllen und Schleppen kümmern, sitzt La Skipper im Dinghy und passt auf.

Der Dinghy-Steg ist leider frei zugänglich

Schon auf dem Weg zum kleinen Marina-Office fällt mir der… wie sage ich es, ohne abwertend zu klingen? Es ist ein Mann unbestimmbar-mittleren Alters. Offensichtlich ohne dauerhafte Bleibe. Zwei glänzenden Schnodderlinien führen von der Nase quer über den Bart zur Oberlippe. Er ist gerade dabei, in einem der Mülleimer die weggeworfenen Mittagsboxen nach Resten zu durchsuchen. Als ich vorbei gehe, grinst er mich an.

Später erzählt uns Davide, dass dieser Mann hier ein kleines Problem darstelle. Es ist ein touristischer Platz neben einem Spielplatz, den er anscheinend besonders liebt. Hin und wieder greift er sich unbeobachtete Wasserflaschen, setzt manchmal aber auch zu unappetitlicheren „Spielereien“ an.

Ein knappes Dutzend dieser Männer stromern durch die Stadt. Ihr Hirn haben sie sich schon vor Jahren mit Ecstasy halb weggeblasen. Das Klima erlaubt ganzjähriges Leben unter freiem Himmel. Sie schlagen sich durch die Reste ihres Lebens. In Saint-Laurent-du-Maroni gibt es keine Hilfseinrichtungen für diese Menschen. Unsere spezieller Freund hier am Platz wurde schon einige Male von der Polizei vor die Tore der Stadt zum Dschungel gefahren. Einen Tag später ist er immer wieder da.

Ich bringe gerade zwei Wasserkanister runter zum Anleger. Halb im Weg sitzt Schnoddernase. Er bettelt mich an, aber ich habe nichts dabei. Er grinst. Ich stehen neben dem Dinghy. La Skipper sitzt darin. Da plötzlich, so schnell können wir kaum schauen, sitzt noch jemand vorne im Dinghy… und grinst. Als wir unsere Fassung wieder haben, bedeuten wir ihm mit durchaus kräftiger Stimme, dass er verschwinden soll. Er grinst. Der Schnodder glänzt. Und nun?

Ich überlege, ob mir La Skipper das lose Paddel rausgeben soll. Da ergreift sie selbst die Initiative. Eigentlich wollte ich noch unseren verbogenen Mooringhaken geradeklopfen. Dafür habe ich einen massiven Hammer dabei. Nur leider sitzt unser ungebetener Gast halb darauf. La Skipper beugt sich blitzschnell vor, greift den Hammer und hält ihn drohend in die Höhe: „OUT!“. Nun verschwindet das Grinsen. Wir würden ihn sicherlich niemals mit einem Hammer bearbeiten, aber das weiß er ja nicht. Fast so schnell wie rein, klettert er nun auch wieder raus.

Fortan haben wir vor ihm Ruhe. Trotzdem verketten wir unser Beiboot auch weiterhin immer schlecht erreichbar unter der Brücke. Damit stellen wir klar, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, hier aber nicht wirklich in das kollektive Verhaltensgedächtnis vorgedrungen ist: Mein Dinghy ist nicht dein Dinghy!

Wir bringen das Dinghy lieber in (gefühlte) Sicherheit

Saint-Laurent-du-Maroni

April 2022

Nach Cayenne ist Saint-Laurent-du-Maroni mit offiziell knapp 50.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt in Französisch-Guyana. Obwohl die Marke inzwischen übertroffen sein dürfte. Der Ort hat eine der höchsten Geburtenraten Frankreichs. Ein Grund dafür ist das Kindergeld. 450€ pro Kind und Monat. Bar abzuholen an der Post. Da kann Kinderreichtum zu einem Geschäftsmodell werden. Übrigens auch für Surinamesen. Ist der Nachwuchs in Französisch-Guyana geboren und geht hier zur Schule, fließt das Geld. Da wundert es auch nicht mehr, dass allmorgendlich die aus dem Nachbarland am anderen Flussufer kommenden Pirogen voller Kinder hier anlegen.

Überhaupt diese Pirogen, also um die 10m langen Einbaumboote mit Außenbordmotor. Hunderte soll es hier geben. Der rege Grenzverkehr lässt daran keinen Zweifel aufkommen. Für 5€ hat man schnell übergesetzt. Zur Erinnerung: das hier ist EU-Außengrenze! Ja macht die Küstenwache denn nichts dagegen? Aktuell nicht wirklich. Sie haben kaum mehr als ein kleines Schnellboot zur Verfügung und dafür noch nicht einmal einen eigenen Steg. Da ist der Kampf gegen stündlich dutzendfachen illegalen Grenzübertritt ein Kampf gegen Windmühlen. So sitzen sie meist in ihrem Häuschen mit Flussblick und genießen die Aussicht.

Der Grenzverkehr ist fest in der Hand surinamesischer „Einwanderer“. Von 1986 bis 1992 herrscht im Nachbarland ein Bürgerkrieg. Zu Tausenden kommen Flüchtlinge über den Fluss nach Saint-Laurent-du-Maroni. Ihnen werden neue Häuser gebaut. Sie bleiben. Inzwischen verfallen die Häuser. Man müsste sich halt auch mal darum kümmern. Nun gut… jetzt kümmert sich die französische Regierung um die Instandhaltung. Wer will da schon wieder zurück nach Suriname?

Sozialer Wohnungsbau…
… die übleren Ecken haben wir nicht fotografiert

Dass es auch anders geht, sieht man nur wenig weiter im amerindischen Viertel. Die Nachfahren der Ureinwohner sind genauso arm, wie die Surinamesen um die Ecke. Doch hier sind die Häuser gepflegt, es gibt grüne Vorgärten, auf der Straße fühlt man sich sicher. Tag und Nacht. Ein Gegensatz, der sich auf dem Fluss fortsetzt. Weiter im Landesinneren wird man gerne mal von einer surinamesischen Piroge angehalten und mit Nachdruck zur Übergabe von Wertsachen aufgefordert. Zur Flussmündung hin ist amerindisches Gebiet. Hier ist es sicher. Traurige Realitäten prallen aufeinander.

Eine besondere Anekdote bietet der Fischmarkt. Mit EU-Fördergeldern wird eine vernünftige Infrastruktur erbaut. Mit Kühlung und allem Drum und Dran. Dann stellt irgendjemand jedoch ganz überraschend fest, dass die Fischerboote gar nicht die Voraussetzungen der Kühlkette erfüllen (können). Daraufhin wird das weitgehend fertiggestellte Projekt wieder fallen gelassen… und verfällt. Heute prägen Kühlschränke den lokalen Fischmarkt. Diese verrichten jedoch nicht stehend ihren Daseinszweck, sondern liegen als Pseudo-Kühlboxen in Reih und Glied auf dem Boden. Und wenn man Glück hat, ist sogar hin und wieder etwas Eis darin. Meist jedoch nicht. Wer hier seinen Fisch kauft, braucht wirklich einen ausgesprochen robusten Magen!

Es gibt auch einen zentralen Marktplatz. Vor allem Mittwochs und Samstags wird hier Obst und Gemüse angeboten. Die Herkunft der Verkäufer ist leicht festzustellen. Aus Französisch-Guyana sind all jene, die ihren eigenen Stand haben. Dagegen kommen die Angebote der auf dem Boden ausgebreiteten Decken oder auch die mit Bananen gefüllten Schubkarren aus Suriname. Der kleine Grenzverkehr funktioniert tadellos. Sporadisch sorgt ein meist gelangweilt umherschauende Polizist für gefühlte Sicherheit. Die zentrale Markthalle in der Mitte ist geschlossen. Muss restauriert werden.

Markttag
Das eher inoffizielle Angebot…
… aus Suriname

Überhaupt ist das zentrale Stadtbild vor allem von einem gewissen Verfall geprägt. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die in entsprechenden Vorschriften geforderte, originalgetreue Restaurierung der historischen Bauten zu teuer ist. Da warten die Eigentümer lieber, bis die Bauten zusammenbrechen. Dann darf man dort bauen, wie man will. Kann halt etwas dauern.

Restauration zu teuer…
In sich stimmiges Stadtbild.

Es gibt aber auch ein paar ansehnlichere Ecken. Die kleine Kirche macht zwar nur von außen etwas her. Aber gleich nebenan stehen schön restaurierte Gebäude…

Église Saint-Laurent
Gegenüber: zentrale Einkaufsstraße Avenue Félix Éboué
Daneben: La Mairie (Rathaus) & La Banque de Guyane
Palais de Justice

Falls es zwischen den Zeilen bisher nicht durchgekommen ist, noch eine abschließende Warnung an besuchende Segler. Ja, der Ort hat durchaus seinen Reiz und ist einen Besuch wert. Allerdings ist es ratsam, gut gemeinte Hinweise ernst nehmen. Auf der alten Hauptstraße sollte man maximal bis zum Wasserturm wandern. Darüber hinaus nehme man die neue, viel befahrene Durchgangsstraße. Die Straße am Ufer ist zu Fuß ohnehin tabu. Vor allem abends und nachts. Überhaupt sollten Nachtschwärmer vorsichtig sein. Am Ostersonntag legen wir mit dem Dinghy am Steg an, als uns ein französischer Segler um Mitfahrgelegenheit zu seinem Boot bittet. Er war am Vorabend mit seinem Sohn feiern. Sie wurden ausgeraubt. Alles weg, inklusive Schlüssel zum Dinghy-Schloss. Sein Sohn pennt auf dem Boden vor dem kleinen Hafenbüro und auch der Vater bewegt sich noch sehr bedächtig. Seine Wunde am Arm scheint er (noch) nicht zu bemerken. Er meint „C’est normal!“. Ich bin erschüttert.

Mooringfeld vor Saint-Laurent-du-Maroni

Unser Dank gilt an dieser Stelle dem TO-Stützpunktleiter Davide. Er fährt mit uns auf einer kleinen Rundfahrt durch Stadtviertel, die wir ohne ihn nicht gesehen hätten. Aus gutem Grund. Er erzählt uns Geschichten, die wir ohne ihn nicht gehört hätten und nicht weitererzählen könnten. Unsere gewonnenen Eindrücke bestätigen sein zusammenfassendes Fazit. In Saint-Laurent-du-Maroni ist es wie in einer Grenzstadt des Wilden Westen. Rau und dreckig. Aber auch voller Chancen wenn man sie sieht und gewillt ist, die Ärmel hochzukrempeln.

Jeder neue Tag bringt neue Chancen!

Zur Erinnerung: wir sind in der EU! Es herrscht also „Freizügigkeit“. Aus Paris ist es praktisch nur ein Inlandsflug. Freiwillige vor!

Mit der Piroge in den Sonnenuntergang??? ;-)