Seit wir hier vor Kourou ankern, haben wir regelmäßig süß-zwitschernden Besuch. Graubrustschwalben setzen sich auf die Saling, die Mastspitze, das schöne neue Großfall und andere Leinen… es scheint einfach zu schön auf der Samai zu sein. Samuel ist natürlich absolut begeistert und sorgt mal wieder für Platznot auf den Speichern fast sämtlicher Kameras. Und nein, das ist nur minimal übertrieben! ;-)
Auf der Maststufe…
… und dem Windgenerator.
An der Kurzwellenantenne…
… und auf der Fockschot.
Doch dann passiert etwas ebenso unerwartetes wie trauriges. Plötzlich macht es auf unserem Bimini „Plop“. Hmmm… was war das? Ein prüfender Blick bestätigt den ersten Verdacht. Da oben liegt eine Graubrustschwalbe. Einfach so. Reglos. In der prallen Sonne. Was ist da bloß passiert?
Samuel nimmt sie vorsichtig runter. Herzschlag? Nicht zu spüren. Doch immerhin scheint das Genick in Ordnung zu sein. Wir legen sie in den Schatten und hoffen darauf, dass sie nur ohnmächtig ist. Warum auch immer.
Maila ist traurig. Doch die aus dem ersten Verdacht erwachsene Befürchtung bestätigt sich nach einigen Stunden durch einen immer noch reglosen, nun jedoch auch steifen Körper. Sie ist tot. Echt sonderbar. Und was da nun wirklich passiert ist, werden wir nie erfahren.
Doch sie soll nicht umsonst gestorben sein. Unser vogelbegeisterter Tierflüsterer Samuel nimmt sich ihrer in einem spontanen Schub von Forschergeist an. Mit Handschuhen und Pinzette ausgestattet, schaut er sich ihr Federkleid bis ins Detail an… und nimmt Proben. Wie es ein guter Wissenschaftler halt so macht. Er wird die Federn der armen kleinen Graubrustschwalbe sicher in Ehren und in immer guter Erinnerung halten. So bleibt sie auch nach ihrer abschließenden Flussbestattung unvergessen.
Als die Pandemie so richtig Fahrt aufnimmt, sind wir an der Südspitze von Südamerika. Einen Tag vor unserer geplanten Abfahrt, verhindern Grenzschließungen ein Weiterkommen. Wir erleben Lockdown und Frustration. Damit sind wir wahrlich nicht alleine. Wir ändern unsere Pläne und schaffen es irgendwie, weiter zu kommen. Das ist ein Privileg. Wir werden warm willkommen geheißen und kühl abgelehnt. Wechselbäder der Gefühle, wie sie sich weltweit millionenfach abspielen. Doch wir haben auch unheimliches Glück. In den folgenden zwei Jahren dürfen wir Südamerika erkunden. Wir besuchen Länder, von denen ich nie gedacht hätte, einen Fuß hineinzusetzen, erfahren Gastfreundschaft, lernen unglaublich nette Menschen kennen, erleben mehr, als in die paar Zeilen einen einzelnen Beitrages passt. Und bei alledem bleiben wir von diesem C*-Virus verschont. Dafür sind wir sehr dankbar!
Tja und dann kommen wir zurück nach Europa. Also jetzt nicht geografisch. Wohl aber politisch. Wir sind in Französisch-Guyana. EU-Land. Und wie fast überall in der EU wurde auch hier beschlossen, dass die Pandemie soweit durch ist. Genau hier erwischt es uns.
Wo und wie genau, wird uns immer ein Rätsel bleiben. Von der Inkubationszeit her muss es in der Woche zwischen Ostern und französischem Wahlsonntag passiert sein. Diese Zeit verbringen wir jedoch fast ausschließlich an Bord der Samai. Lediglich zwei Bäckereibesuche von Sandra und Samuel sorgen für frisches Baguette. Dabei muss es dann wohl passiert sein.
Unser Bäcker in Saint-Laurent-du-Maroni
Sonntag, 24. April 2022
Unser letzter Tag in Saint-Laurent-du-Maroni. Morgen wollen wir weiter. Abends bekommt Samuel Fieber.
Montag, 25. April 2022
Wir liegen mit der Samai am Dinghy-Steg. Nochmal den Wassertank füllen und ein letzter Einkauf. Davide verspätet sich (mit guter Begründung ;-). Wir kommen erst kurz nach 15 Uhr los. Doch das Ziel ist nah. Nur zwei Stunden später fällt der Anker im Dschungel. Maila bekommt Fieber. Die ganze Nacht durch geht es nicht unter 39 Grad.
Vor der Abfahrt
Dienstag, 26. April 2022
Der Skipper zeigt sich solidarisch mit seinen Kindern und fängt an zu hüsteln. Wir holen einen Schnelltests raus. Samuel hält die Nase hin. Gewissheit. Die Flüssigkeit hat den C-Streifen noch gar nicht erreicht, da leuchtet der T-Streifen grell-pink.
Wir stecken in der Zwickmühle. Einerseits ist die Familie krank. Andererseits schließt sich das Wetterfenster für die Weiterfahrt. Wir wollen zu den Îles de Salut. Halbseidender Kompromiss. Neues Ziel wird das daneben gelegene Kourou. Dort liegen wir ruhiger und können uns erholen. Doch der gut 100sm lange Weg bringt eine Nachtfahrt mit sich.
Mittwoch, 27. April 2022
Morgens machen wir uns auf den Weg. Samuel ist langsam auf dem Weg der Besserung. Auch bei Maila sinkt das Fieber schon ein wenig. Dafür bekommt La Skipper Migräne und beim Skipper wird der Kopf allmählich wärmer.
Antillenseeschwalbe
Abends versuche ich etwas zu schlafen, wälze mich aber nur zwei Stunden im Bett. Dann erlöse ich La Skipper und schicke sie mit dem Rest der Familie in die Nachtruhe.
Keine schöne Nacht. Irgendwann wecke ich Maila zum Fiebermessen. 38,6 Grad. Sie trinkt etwas. Bei mir messe auch auch 38,6 Grad. Hilft nichts. Jederzeit können uns Fischer vor den Bug kommen. Ich habe Angst, dass mich der Wecker nicht wach bekommt. An Schlaf ist nicht zu denken.
Donnerstag, 28. April 2022
Noch vor der Dämmerung passieren wir die Îles de Salut und steuern in das Fahrwasser von Kourou. Kräftiger Seitenstrom. Erstaunlich wenig Tiefe. Mit den ersten Sonnenstrahlen erreichen wir den angepeilten Ankerplatz. Der erste Versuch gerät mir zu nahe am Nachbarboot. Beim zweiten Versuch bin ich zufrieden. Genug Abstand. Der Anker hält. Ruhe im Boot. Noch ein kurzes Kartenspiel mit den Kindern, dann falle ich ins Bett. Endlich!
Angekommen in Kourou
Montag, 2. Mai 2022
Nach selbstgewählter Quarantäne an Bord der Samai geht es uns allen so halbwegs wieder gut. Noch ein Hüsteln hier und dort, aber insgesamt ist die Familie wieder auf den Beinen. So, damit haben wir das also auch durch… geimpft, erwischt und genesen.
Hin und wieder werde ich gefragt, warum wir uns für ein Aluminiumboot entschieden haben. Meine Standardantwort lautet: „Wenn ich auf dem weiten Ozean etwas treffe, habe ich lieber eine Beule als ein Loch!“. Ach ja, der Mythos des gefährlichen, weiten Ozeans. Tatsächlich ist die Chance, da draußen etwas zu treffen zwar größer Null, aber doch sehr gering. Wie gefährlich ist es dagegen doch in Küstennähe.
Wir fahren aus dem Fleuve Maroni. Es ist Ebbe. Der Strom schiebt ordentlich. Wir machen über 8 Knoten über Grund. Doch der Strom schiebt nicht nur von hinten. Manchmal gibt es auch eine gewisse seitliche Komponente. Ich berücksichtige das, indem wir ordentlich „vorhalten“. Mit anderen Worten steuere ich nicht direkt auf unserem Kurs im Fahrwasser, sondern ziele daneben. Die Kombination aus vermeintlich falschem Kurs und gegenlaufendem Seitenversatz hält uns auf Kurs. So die Theorie.
Fahrwassertonne M10
Ich sitze oben im Cockpit und lese gerade noch die letzten Worte eines PM-Artikels. La Skipper sitzt hinten, hat ein Hörbuch auf den Ohren und schaut verträumt nach vorne. Eigentlich alles entspannt. Doch dann ein panischer Schrei. Ich schrecke auf. In dem Moment rammen wir die grüne Fahrwassertonne M6. Mit über 8kn erwischen wir sie mit der vorderen Backbordseite. Sch…!!! Das ist jetzt doch nicht wahr. Wie große ist die Chance dafür? Wenigstens treffen wir sie nicht frontal. Ein weiterer Stoß mittschiffs. Nichts verhakt sich. Salinge und Bimini. Wir drücken die Tonne weit genug von uns weg. Sie zieht vorbei und bleibt buchstäblich im Kielwasser achteraus.
Durchatmen. Lage prüfen. Ich gehe nach vorne und begutachte den Rumpf der Samai. Kein Loch, aber eine Beule. Ausgerechnet rund um das Fenster der Vorschiffskabine ist es eingedrückt. Auch von innen sind einige „Verschiebungen“ zu bemerken. Doch die Versiegelung hält alles dicht. Da fällt die kleine Delle weiter hinten schon gar nicht mehr auf. Also wenn wir die grüne Farbe abbekommen und man nicht ganz genau hinschaut, dann bemerkt man es im Grunde gar nicht. Zumindest reden wir uns das ein.
Fahrwassertonne M2
Tja, wenn Nachlässigkeit auf Tonne trifft. Nicht schön. Vor zwei Jahren wäre ich vermutlich noch durchgerastet. Aber das habe ich mir inzwischen abgewöhnt. Es ist passiert. Das ist nicht schön. Doch es ist ausschließlich an mir, eine Wiederholung zu vermeiden. Skipper ist schließlich immer schuld. Insofern sollte ich die grüne Farbe vielleicht sogar dran lassen. Als Erinnerung an unser stabiles Schiff, Warnung vor zu viel Gelassenheit und natürlich auch als Zeichen der Hoffnung…
Zwischen der Mündung des Maroni und Saint-Laurent-du-Maroni bietet sich Seglern die seltene Gelegenheit, mitten im Dschungel zu ankern. Drei größere Seitenflüsse führen in den Urwald. Verbunden durch kleine Nebenarme kann man ganz nach Belieben ein Halbtagestour machen oder auch länger bleiben. Wer uns kennt weiß, dass wir uns für letzteres entscheiden. Wobei natürlich auch der Realität entspricht, dass wir hier zwar schon im Dschungel sind, dieser sich jetzt aber nicht endlos in alle Richtungen erstreckt. Schon einige Kilometer weiter weist die Karte eine Straße aus. Trotzdem ist es schon etwas ganz besonderes, den eigenen Mast zwischen teils eng stehenden Bäumen hindurch zu manövrieren.
Auch wenn wir später als geplant loskommen, ist das nicht allzu schlimm. Schon 5sm nördlich unserer Mooring verlassen wir den breiten Grenzfluss Maroni und biegen in den Crique Lamentin. Jetzt wird es spannend. Natürlich gibt es auf den Karten keine Tiefenangaben in den Nebenflüssen. Doch TO-Stützpunktleiter Davide versichert uns, dass es überall tief genug sei. Lediglich an einer Stelle hat es nur gut 2m. Wir haben jedoch immer mindestens knapp 4m unter dem Lot.
Es ist schon recht spät und der RCCPF-Cruising Guide empfiehlt einen lauschigen kleinen Nebenarm. Jetzt nicht zum ankern, aber es wäre doch gelacht, wenn wir da nicht ein Plätzchen für die Nacht finden würden. So ist es dann auch. Bei einem kleinen Zufluss wird es etwas breiter, ein Bereich mit etwa 70m im Durchmesser. Doch erst einmal fahren wir noch etwas weiter rein in den engen Nebenarm. Da kann es schon mal passieren, dass etwas Grünzeug (mit Spinnen) an Bord kommt…
Wieder zurück am Ankerplatz werfen wir unter der Berücksichtigung der Strömungen Anker (05°32,92‘N / 053°59,10‘W). Motor aus. Ruhe. Also fast. Das Zirpen der Grillen, Zwitschern der Vögel und leichter im Blätterdach rauschender Wind umgeben uns. Es ist einfach traumhaft.
Nach einer ruhigen, erholsamen Nacht begrüßt uns die Sonne in idyllischer schöner Natur. Ein toller Ankerplatz!
Dann geht unsere kleine Dschungeltour weiter. Über den schmaler werdenden Fluss erreichen wir den breiten Crique Vaches. Wenig später biegen wir wieder in einen schmalen Nebenarm, der sich durch die Landschaft schlängelt.
Schließlich erreichen wir den nördlichen Crique Coswine. Hier sind zwei Ankerplätze empfohlen, die uns in dem breiten Fluss aber viel zu offen sind. Wir fahren noch etwas weiter und finden einen weiteren Nebenarm. Hier sieht es schon viel lauschiger aus. Auf 5m bombenfest haltendem Lehm fällt der Anker (05°38,88‘N / 053°54,54‘W).
Noch ein entspannter Abend…
Wieder verbringen wir einen idyllischen Abend und eine ruhige Nacht. Ja, es gibt Moskitos, aber ehrlich gesagt hätten wir mit mehr gerechnet. Eine Nacht mit weniger als fünf Stichen ist ohnehin eine gute Nacht.
Noch ein wunderschöner Morgen :-)
Wir würden eigentlich gerne noch ein paar Tage im Dschungel bleiben. Noch mehr Vögel beobachten. Vielleicht auch mal die Angel auswerfen. Doch wir haben ein sich schließendes Wetterfenster für die Weiterfahrt Richtung Kourou. Uns bleibt keine Wahl. Mit der morgendlichen Ebbe fahren wird flussabwärts und passieren das amerindische Dorf Ayawandé.
Ayawandé am Crique Coswine
Kurz danach öffnet sich wieder der breite Maroni vor uns. Ausgerechnet an der Mündung zu diesem breitesten der Seitenarme fahren wir über eine Barre mit der geringsten Tiefe unserer kleinen Tour. Ein wirklich lohnenswerter Umweg. Wo kann man schon mit dem eigenen Boot im Dschungel ankern?
Der große Fleuve Maroni öffnet sich voraus.
Übersicht unserer kleine Dschungeltour:
Erster Abend von Süden kommend in den unteren Crique Lamentin zum südlichen Ankerplatz im Nebenarm (rot).
Zweiter Tag weiter in den mittleren Crique Vaches und durch Nebenarme in den oberen Crique Coswine bis zum nördlichen Ankerplatz (violett).
Dritter Morgen flussabwärts den Crique Coswine vorbei an Ayawandé zurück in den großen Fleuve Maroni (rot).
Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantiküberquerung.
Donnerstag, 26. Mai 2022 – Alleine auf dem Atlantik
Nach einer ausgesprochen ruhigen Nacht unter Motor empfängt uns ein sonniger Morgen. Weit und breit nichts zu sehen außer Himmel, Sonne, Wolken und Meer. Da kann man sich schon alleine fühlen. Das sind wir wohl auch. Der letzte AIS-Kontakt ist zwei Tage her. Wobei wir aber hin und wieder mal den Kondensstreifen der Zivilisation am Himmel sehen. Leider sehen wir selbst hier auf dem offenen Ozean auch immer wieder andere zivilisatorische Anzeichen umherschwimmen: Müll! :-(
Und das, obwohl das naechste Land ziemlich weit weg ist. Die Karibik liegt ca. 800sm / 1.500km hinter uns, Bermuda ebenso weit weg links von uns. Die Azoren liegen ca. 1.300sm / 2.400km vor uns, die Kap Verden noch weiter weg rechts von uns. Und mitten drin zieht eine Familie auf der Samai ihre Bahn…
Auch die Tierwelt hält sich dezent zurück. Nur ein einziges Mal haben wir bisher die Rückenflossen zweier Delfine gesehen. Sie waren schnell verschwunden. Wale? Fehlanzeige. Fische? Ebenso. Wobei das mit dem Angeln hier aber auch schwierig ist. Einerseits schwimmt immer wieder mal mehr und mal weniger von diesem hellbraunen Kraut umher. Davon fangen wir reichlich. Es nervt aber schon, spätestens alle 10 Minuten die Angel einzuholen, um den Haken von Bewuchs zu befreien. Andererseits sind da dann noch unsere einzigen regelmäßigen Besucher: Vögel. Vor allem Sturmtaucher tummeln sich öfters um die Samai und auch den Angelköder herum. Doch davon möchte Samuel lieber selbst noch ausführlich erzählen. Immerhin hat er in der letzten Woche schon weit über tausend (sic!) Vogelfotos geschossen und sitzt bereits jetzt am Auswahlverfahren.
Auch der Wind hält sich dezent zurück. Immerhin zweieinhalb Stunden können wir heute segeln und schaffen dabei gerade mal 7sm. Ansonsten brummt der Motor. Das passt allerdings zur letzten Vorhersage. Demnach werden wir auch morgen noch vor allem wahlweise mit der eisernen Genua bzw. dem Flautenschieber Meilen machen müssen. Immerhin halten wir dabei direkt auf die Azoren zu.
Gegen Mitternacht taucht dann doch mal wieder ein AIS-Signal auf. Der 200m-Frachter Federal Franklin geht gut 15sm hinter uns durch. So ganz alleine sind wir anscheinend doch nicht.
Freitag, 27. Mai 2022 – Vom Wannsee-Feeling in die Schräglage
Der Morgen empfängt uns mit Pottenflaute und öligem Wasser. So nennen wir das, wenn nicht das kleinste Kräuselchen auf dem Wasser spielt, sondern sich das Meer wie eine leicht wellige Klarsichtfolie präsentiert. Immer wieder faszinierend. Schließlich sind wir hier ja mitten auf einem Ozean und nicht am Berliner Wannsee. Doch in den Doldrums ist das gar nicht mal soooo ungewöhnlich. Uns bleibt nichts weiter übrig, als das Früstück zum sonoren Hintergrundbrummen des Motors zu nehmen.
Pottenflaute…
Dann ist da auch noch die Sache mit den Zeitzonen. Die Universal Time Coordinated = UTC (früher bzw. heute noch in England Greenwich Time) ist der Ausgangspunkt. Wir sind in Französisch Guyana bei UTC-3 gestartet. Eine Sommerzeit gibt es in den Tropen nicht. Deutschland liegt normaler Weise bei UTC+1, Im Sommer jedoch bei UTC+2. Wir sind also fünf Stunden hinterher. Die Azoren haben UTC-1, bzw. im Sommer UTC-Zeit. Unser Ziel ist uns drei Stunden voraus. Auf dem Weg dorthin müssen wir also dreimal die Uhr um eine Stunde vorstellen. Bevorzugt natürlich, wenn wir in West-Ost-Richtung Meilen machen. Aber wie und wann die Sommerzeit berücksichtigen?
Wir haben uns jetzt darauf geeinigt, das anhand des Sonnenaufgangs zu machen. Auf den Azoren geht sie nach lokaler Zeit um 6:30 Uhr auf. Bei uns war es heute 5:30 Uhr. Ergo: erste Zeitumstellung an Bord der Samai.
Bordzeit 16 Uhr (UTC-2): Wind kommt auf. Die Segel beginnen sich zu blähen. Die Samai segelt schneller und schneller Einige Eltern unter unseren Leser haben es vielleicht erkannt. Diese Einleitung ist von der Kinderbuchreihe Das magische Baumhaus inspiriert. Wer diese mit altersmäßig passendem Nachwuchs im Haus nicht kennt, sollte ruhig mal einen Blick rein werfen unserer Meinung nach lohnt es sich!
Die Nacht beschert uns traumhaftes Segeln. Im wahrsten Sinn des Wortes! Während die Samai durch zunehmende Wellenberge pflügt, schlummert die Crew mehr oder weniger fest in ihren Kojen und gibt sich der Traumwelt hin. Selbst der Skipper auf Nachtwache schafft es in seinen Nickerchen für den einen oder anderen kurzen Abstecher bis ins Reich der Träume vorzudringen. Traumhaftes Segeln halt. ;-)
Oder vielleicht auch nicht. Anfangs segeln mit mit Vollzeug bei 4Bft. am Wind Richtung Norden. Das ist zwar nicht die Richtung, in der die Azoren liegen, aber einen besseren Kurs gibt der Wind nicht her. Im Laufe der Nacht nimmt er noch zu. Kurz vor 2 Uhr verkleinere ich das Großsegel ins erste Reff. Kurz nach 4 Uhr nehme ich es sogar ins zweite Reff. Der Wind liegt inzwischen bei konstant 5Bft. und kratzt unter dunklen Wolken auch schon mal an der 6 wahre Windgeschwindigkeit. Wir segeln mal wieder am Wind und damit scheinbar ohnehin dauerhaft mit gut 6 Bft.
Verlust des Tages: Die Toilettentür ist in den Atlantikwellen der letzten Tage wohl das ein oder andere Mal zu oft zugeknallt. Passiert halt. Aber muss deswegen denn gleich der Schließmechanismus nicht mehr funktionieren? Die Falle (den Begriff musste ich selbst nachschlagen ;-) bleibt schlicht im Türschloss verschwunden. Ich vermute mal, dass die Feder gebrochen ist. Wenn dem so ist, werde ich auf den Azoren wohl das Schloss der Toilette mit der Tür der Achterkabine tauschen. Bis dahin wird das schon gehen…
Samstag, 28. Mai 2022 – Entspannung auf See
Die unruhige Nacht hat La Skipper etwas zugesetzt. Den Vormittag genießt sie vor allem im Cockpit liegend den Ausblick auf das blaue Meer. Am Nachmittag wohnt sie die zur Liegefläche ausgebaute Couch im Salon ab. Es ist ohnehin ein eher ereignisloser Tag. Die Sonne scheint zwischen lockerer Bewölkung. Der Wind weht relativ konstant mit 3-5Bft. und dreht langsam auf Ost. Das ist wenn schon nicht perfekt, so doch besser für uns. Wir passen die Segelfläche an und konzentrieren uns mit den Kindern die Schulfächer, welche bei 2m-Wellen machbar sind. Letztlich ein ganz normaler, ja fast schon langweiliger Tag auf dem Atlantik.
Mit einer kleinen Ausnahme. Heute sehen wir abgesehen von den üblichen, gefiederten Begleitern noch ein paar andere Tiere. Alte Bekannte von vor knapp drei Jahren auf dem Atlantik. Ansonsten hätten wir sie wahrscheinlich auch nicht auf Anhieb erkannt: Portugiesische Galeeren. Unter Wasser können die Tentakel dieser Staatsquallen bis zu 50m lang werden. Über Wasser sieht man dagegen nur ein kleines, unscheinbares, oft rosa schimmerndes Segel. Faszinierende Wesen…
Abends gibt es gebratene Polenta. Das Gericht ist eine Inspiration aus dem argentinischen Ushuaia, wo es der brasilianische Segler Eduardo bei gemeinsamen Quarantäne-Abenden servierte. Dazu reicht der Skipper Würstchen im Brotteig. Ein Eigengewächs. Zusammengenommen noch so ein leckeres Essen, das auf der Samai fast immer gut geht sogar Maila mag es!
So segeln wir in die letzte Nacht der zweiten Woche auf See. Von den Meilen her haben wir schon jetzt mehr im Kielwasser, als bei unserer Atlantiküberquerung im (Nord-)Herbst 2019 von den Kap Verden nach Brasilien. Trotzdem werden wir noch gut eine weitere Woche bis zu den Azoren brauchen zumindest wenn die Winde uns gewogen sind…