Eng – enger – Dragetskanal

Die Tiefenangaben sind nicht eindeutig. Die Seekarte schreibt 1,5m. Die Schilder zeigen 2m. Doch das ist für uns ja nicht das Problem. Auch die lichte Höhe sei nicht beschränkt, so dass unsere knapp 20m Mast passen sollten. Und dann gibt es da noch die Breite. Auf einer schwedischen Webseite lese ich insgesamt 7m. Der Törnführer schreibt „[…] kommen Sie mit 3,25m Bootsbreite ohne Felsberührung durch“. Auf den Youtube-Videos ist eigentlich auch nur zu sehen, dass es wirklich SEHR eng ist. Wir bieten immerhin knapp 4,2m „Breite über alles“.

Und dann ist da noch der kräftige Wind auf die Nase, der den Weg von Nynäshamn Richtung Südwest „außen rum“ wenig attraktiv macht. Zu verlockend ist der „smygväg“ (Schleichweg) durch das geschützte Bootsfahrwasser.


Wir wagen es. Und nein, das waren garantiert keine 7m. Zumal der Kanal ja auch nicht schnurgerade verläuft. Es war wirklich knapp, aber wir haben die nur gut 200m Dragetkanal tatsächlich ohne Berührung passiert. Also fast… die Wanten haben ein kleines Souvenir von den leicht gestreiften Ästen über uns mitgenommen.

Nach einer ruhigen Nacht in Fifång – mal wieder vor Heckanker am Stein – ging es an nächsten Tag weiter durch die Schären in westlicher Richtung.

Lernkurve: Der Begriff „Kurshalter“ bietet durchaus Interpretationsspielraum!

Anfangs sind wir noch etwas gesegelt, aber als der Wind an einer Engstelle dann wieder genau von vorne kam haben wir die Fock ein- und unter Motor das Groß dichtgeholt. Drei Segelschiffe kommen entgegen, von denen wir uns frei halten. Das erste fährt backbord voraus unter schwedischer Flagge unter Membran-Groß… alles entspannt! Nicht weit vor uns liegen die Steine, die wir an Steuerbord lassen müssen… aber das passt. Doch dann setzt sich in dem modisch kahl geschorenen Kopf, wahrscheinlich ziemlich dicht hinter der coolen Sonnenbrille des anderen Steuermannes ein Gedanke durch: „Halse nach Backbord“. In knapp vier Bootslängen Entfernung setzt das andere Boot also direkten Kollisionskurs auf uns. Und auch in dieser neuen Situation als Segler uns gegenüber natürlich weiterhin Kurshalter, ist genau das seine Strategie: stur geradeaus. Nach unserem Manöver des letzten Augenblicks hart Steuerbord haben wir dann überholen lassen… die zwei (mutmaßlichen) Schweden grußlos mit starren Blick voraus. Auch ich habe uns allen die freundliche Nachfrage nach dem tieferen Sinn dieses innovativen Manövers erspart und wir sind wieder auf Kurs Richtung Ringsön gegangen.


In diesem wie schon erwähnt wunderschönen Naturreservat haben wir uns in einer nordöstlichen Bucht für zwei Nächte vor Anker gelegt. Bei strahlendem Sonnenschein mit Baden, Stand-Up-Paddling, Wanderung (inkl. Wildsichtung) und abendlichem Lagerfeuer haben wir ganz entspannt auf den richtigen Wind für die Überfahrt Richtung Gotland gewartet…

Mit Heckanker durch die Stockholmer Schären

Seit über zwei Jahren fahren wir das Ding nun schon spazieren. Zunächst einsam und verloren ganz hinten in der Backskiste, nun immerhin schon in einer Halterung am Heckkorb… zumindest theoretisch einsatzbereit: The World‘s Best Anchor! So steht es auf dem großen Aufkleber des Fortress und die daneben genannten Argumente sprechen für sich. Gerade Aspekte wie „lebenslange Ersatzteilgarantie“ und „90-Tage-Geld-zurück-Garantie“ lassen mich in stürmischer Nacht vor Anker doch um einiges ruhiger schlafen.


Doch nun war es endlich soweit, wir wagten den Versuch an einer Schäre anzulegen und der Anker ist tatsächlich mit Wasser in Berührung gekommen. Tja, und weil sich der ganze Prozess noch etwas einschleifen muss, passierte das pro Anlandung auch gleich mehrfach. Beim allerersten Mal hat er schlicht nicht gehalten, dieser weltbeste (Platten-)Anker aller Vorstellungskraft. Vielleicht war aber auch nur die Leine zu kurz? Beim nächsten Anlauf haben wir ihn dafür gleich mal zu weit draußen rausgeworfen… und natürlich hat er uns bombenfest gehalten… gut 2m vor der Schäre! Und dann war da noch der zweite Anlauf, bei dem die Ankerleine vom vorhergehenden Ausbrechen noch auf der Winsch lag und wir den Anker bei der Anfahrt einfach nur ein bisschen hinter uns her gezogen haben.

Lernkurve: Leine klarieren lohnt sich immer!

Das gilt natürlich auch für die Vorleine… jetzt mal ohne hier jemanden namentlich herauszustellen. Es ist einfach kontraproduktiv, wenn sich die dem tapfer übergesprungenen Sohn zugeworfene, vermeintlich lange Leine letztlich als ein z.T. verknotetes Wuling zweier kurzer Leinen entpuppt… selbstredend bei Seitenwind. Immerhin haben wir das Manöver in den folgenden Tagen mehrfach eingeübt, sei es am Stein oder am Steg und inzwischen klappt es so halbwegs. Jetzt brauchen wir nur noch ein paar geeignete Stellen an der deutschen und süd-dänische Küste um das Erlernte nicht wieder dem Schicksal des Vergessens anheimfallen zu lassen.


Zur Übersicht noch die ersten Zwischenstopps nach Stockholm:

Eriktorpsviken… also genauer gesagt die kleiner Buch westlich davon. Hier begab es sich, dass wir von einem wandernden, vollbärtig blonden Mann mit Baby auf dem Rücken auf Schwedisch angesprochen wurden. Es stellte sich heraus, dass er eine Möglichkeit sucht, zum Bootshaus seines Bruders zu kommen, nur dass dieses leider zwei Inseln weiter lag. Die Hintergründe sind mir bis heute nicht klar. Dafür war es selbstverständlich, den Außenborder klar zu machen und ihn schnell mal rüber zu fahren. Das ist es schließlich auch, was man sich selbst in einer solchen Situation wünscht. Etwas später kam er dann mit eigenem Boot noch bei uns vorbei und brachte als Dankeschön zwei Gläser Honig von seinen eigenen Bienen mit… mjam!

Fjärdlång… da die beliebteste Bucht entsprechend überfüllt war lagen wir in der östlich gelegenen Sjunkviken. Hier spielte sich auch die erste Episode mit Heckanker ab.

Huvudskär… ein rundum geschützter Außenposten der Stockholmer Schären und ideal geeignet zum Stand Up Paddling (s. Fotos)

Nåtterö… in dieser sehr schönen (und laut Törnführer mal wieder sehr beliebten) Bucht lagen wir mit Heckanker am Steg neben dem Sandstrand. Und bei einem abendlichen Streifzug haben wir auch das einstmals ausgewilderte Dammwild erspäht.

Nynäshamn… aus zwei ganz praktischen Überlegungen heraus. Einerseits brauchten wir Nachschub für den Grill. Wichtiger war aber wohl ein anderer Aspekt. Uwe Schubert (Segelschule Hering, Segelreisen Berlin) brachte es mal wie folgt auf den Punkt: „Hygiene an Bord wird vollkommen überbewertet!“. Hört sich gut an. Wenn man das frisch geduscht in einem Berliner Schulungsraum zu hören bekommt. In der Schären-Praxis, also insbesondere auch bei Wassertemperaturen die nicht zum mehrfachen täglichen Bad einladen, ist es dem Raumklima einer Yacht aber durchaus förderlich, wenn die vierköpfige Crew hin und wieder mal warmes fließend Wasser ohne Sparzwang über den Kopf bekommt.

In diesem Sinne geht es beim nächsten Mal dann – wie ein Berliner sagen könnte– „janz dufte weiter“.

Durch Schären und Kanal nach Stockholm

Die Vorhersage verheißt mit 10-15kn achterlichem Wind beste Bedingungen, auf den gut 60sm zum nächsten Ziel den Parasailor – erstmals in eigener Verantwortung – zu hissen. Und so ging es nach der Fahrt durch das enge Schärenfahrwasser nördlich von Figeholm schließlich mit 156qm buntem Tuch in Windeseile Richtung Harstena. Längsseits vor dem Restaurant verbrachten wir eine ruhige Nacht.


Der nächste Vormittag stand dann wieder einmal im Zeichen der Lernkurve: Beim Passieren von Booten vor Heckanker halte man gut Abstand!

Zunächst mal die gute Nachricht: Wir haben uns nichts in die Schraube eingefangen, da unser Propellermesser „ShaftShark“ wunderbar funktioniert hat. Die schlechte Nachricht: Die Leine eines kleinen deutschen Bootes hat es nicht in einem Stück geschafft. Also erstmal wieder anlegen, das andere Boot sichern und dann das unvermeidliche Bad mit Schnorchel auf der Suche nach dem versunkenen Teil der Leine… da hängt ja schließlich noch ein Anker dran. Inzwischen kamen auch die Eigner wieder zurück, ein sehr entspanntes Paar, das sich aktuell durch die Schären Richtung Götakanal treiben lässt. Nachdem die durchschnittene Leine geknotet war und das Angebot, als Wiedergutmachung mein (nagelneues) 56m Gurtband mit „Das ist ein Deal!“ angenommen wurde, konnten wir endlich weiterfahren.

In Ringsön haben wir dann unseren variablen Tiefgang ausgenutzt. Das Schwert auf 1,5m hochgezogen lagen wir auf 1,7m Tiefe idyllisch in einer kreisrunden, Wald- und Schilfumstandenen Bucht. Unser letzter Stopp in den Schären.


Södertälje war vom Liegeplatz her der Tiefpunkt, das Foto im ansonsten sehr guten „Törnführer Schweden“ unglaublich vorteilhaft aufgenommen. An dieser Stelle nur noch eine Warnung an alle, die hier vielleicht  doch einmal festmachen müssen: In der Box kostet es 200 Kronen, direkt daneben längsseits am Kopf verlangt der Betreiber stattliche 500 Kronen!

Der letzte Schlag nach Stockholm erfolgte bei strahlendem Sonnenschein unter Motor. Durch Schleuse und Klappbrücke bei Södertälje ging es durch das Süßwasser des Mälaren Richtung Hauptstadt. Nach zwei weiteren Brücken und einer Schleuse lagen wir schließlich pünktlich zum Crewwechsel im leidlich zentralen, dafür ausgesprochen engen Wasahamnen (Zufahrt nur für Boote bis 44ft.).


Was für ein schöner Überführungstörn! Guter Segelwind, schönes Wetter, harmonische Crew… so sollte das immer sein!

Kalmarsund

Nach einem ruhigen Samstag mit viel „Augenpflege“ wurden am Sonntag also wieder die Leinen losgeworfen zu einem eher kurzen Schlag (29sm) nach Kalmar. Der Wind kommt weiterhin konstant aus WSW… aber was heißt hier schon konstant, wenn zwischen 3 und 6 Bft. immer mal wieder alles drin ist.

In Kalmar wurde ein weiteres Mal die Frage aufgeworfen, warum manche Boote zwei Liegeplätze für sich beanspruchen müssen. Aber eine nette Nachfrage führte sogleich zu emsiger Leinenarbeit und nachdem die X485 sich verholt hatte, kamen wir auch noch am Steg unter.

Lobend zu erwähnen ist auch der Hafenmeister in Kalmar. Sehr netter, junger Kollege mit vielen Tipps und Entgegenkommen… wie schon kommentarlos in Kristianopel wurde auch hier die Länge unserer Samai auf deutlich günstigere 12m abgerundet. So etwas ist mir in Dänemark noch nie passiert… aber wie soll der dort inzwischen oft übliche Automat das auch machen?!

Am heutigen Montag standen dann wieder etwas mehr (47) Meilen auf dem Plan. Der Ärger über die an uns vorbei segelnde, finnische Najad wurde runtergeschluckt (und kam auch nicht wieder hoch, als wir sie im Zielhafen wieder sahen). Es ging also unter Vollzeug ganz entspannt bei den gewohnten 3-6Bft. raumen Wind nach Figeholm. Ein sehr idyllischer Hafen, den man endlich auf einen vernünftigen Platz verholt auch richtig genießen kann.

Lernkurve: Mach Dir auch bei anscheinend ruhigen Bedingungen mehr als nur einen flüchten Gedanken über den gewählten Liegeplatz… BEVOR Du die Heckboje einfängst!

Figeholm ist wahrlich zu empfehlen: ein weiterer Anwärter auf den Titel „nettester Hafenmeister Schwedens“, vergleichsweise günstig (220SEK), alles inklusive (Strom, WLAN, Wasser, Waschmaschine), kostenlose Fahrräder stehen bereit… nur an die Unisex-Toiletten-Duschen müssen sich einige (Damen?!) vielleicht erst gewöhnen.

Und die Schönheit des Hafens haben auch die berühmt-berüchtigten schwedischen Mücken für sich entdeckt. Zu Hause ärgert man sich ja schon, wenn hin und wieder ein leises Surren zu hören ist… hier ist man zumindest gegen 20 Uhr (also unserer Grillzeit) froh, wenn man durch die Mückenschwärme sein Gegenüber erkennen kann. Ohne einschlägige Schutzsprays sollte man sich hier zu gewissen Zeiten nicht draußen blicken lassen…

Nun sind es noch Luftlinie ca. 130sm bis nach Stockholm… und wenn alles klappt, dann sorgen wir morgen mit einem längeren Schlag für einen entspannten Abschluss… aber davon ein anderes Mal mehr.