Atlantik Tag 18-21: Rauschefahrt Richtung Azoren

Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantiküberquerung.

Mittwoch, 1. Juni 2022 – Direkter Kurs

Um halb eins in der Nacht ist es soweit. Bisher fahren wir unter Vollzeug (Großsegel und Fock) in nord-nordöstliche Richtung. Das ist einfach der nächst mögliche Kurs Richtung Ziel. Doch nun hat der Wind soweit auf Südwest gedreht, dass wir auf direkteren Kurs Richtung Azoren gehen können. Und da es mittlerweile mit 5 Bft. und 6er Böen bläst, nutzen wir die Gelegenheit zum Bergen der Fock. Unter Großsegel rauschen wir unserem Ziel entgegen. Luftlinie sind es nur noch ca. 750sm, immerhin fast die dreifache Strecke liegt schon im Kielwasser.

Wir kommen gut voran. Sehr gut sogar. Der Wind frischt immer mehr auf, pendelt sich bei konstant 6 Bft. (40-50 km/h) ein. Die neuen Wetterberichte versprechen, dass das so in der Art noch drei Tage lang weiter geht. Alleine die angesagten Böen von 7-8 Bft. (locker über 30kn) klingen nicht ganz so gemütlich. Aber zur Abwechslung segeln wir ja mal mit Wind von schräg-hinten. Das verringert den scheinbaren Segelwind soweit, dass wir frohgemut das volle Groß stehen lassen. Nur das Bimini klappen wir dann doch mal lieber wieder ein.

Wieder einmal geht ein Frachter vorbildlich hinter uns durch :-)

Mit dem Wind bauen sich allerdings auch die Wellen auf. Dazu kommen sie ebenfalls von schräg-hinten. Immer wieder versetzt es unser Heck, werden die Samai und wir ordentlich durchgeschaukelt. Der Autopilot leistet Schwerstarbeit und schlägt sich dabei gewohnt souverän.

Donnerstag, 2. Juni 2022 – Keine besonderen Vorkommnisse

Die Nacht verläuft ruhig. Ok, es gibt immer mal wieder Zeiten, da weht es eine Weile etwas stärker. Dann haben wir statt 6 auch mal 7 Bft. Wind von schräg-hinten. Und natürlich schaukeln uns die 2-3m hohen Wellen durch. Aber im Grunde ist es eine sehr entspannte Nacht, in der der Skipper fast schon ausschlafen kann. Jetzt mal abgesehen von den über einem Dutzend Weckerklingeln, die mich für den regelmäßigen Umgebungs-Check rausholen.

Auch am Tag passiert nicht viel. Morgens stellen wir die Uhr eine weitere Stunde vor (UTC-1) und sind jetzt nur noch 3 Stunden hinter mitteleuropaeischer Sommerzeit (UTC+2). Ansonsten segelt die Samai weiterhin mit dem unangetasteten Großsegel bei einem wahrend Windwinkel von 140° vor 6(7) Bft. und ist weiterhin ziemlich schnell. La Skipper geht es nicht perfekt, aber auch nicht sooo schlecht. Die Kinder machen Schule. Bordalltag. Abends gönnen wir uns Dosensuppe.

Freitag, 3. Juni 2022 – Schmuddelwetter, steifer Wind und Gasalarm

Die Nacht verläuft ruhig. So im Großen und Ganzen. Erstmals seit Kolumbien sehen wir mal wieder Wetterleuchten ( der euphemistische Begriff für Blitze in den Wolken). Kurz nach eins zieht eine Regenzelle durch. Der Wind dreht um 50° und geht auf knapp 30kn. Es schüttet und leuchtet. Einmal leuchtet es besonders hell. Definitiv ein echter Blitz, der die Wolken verlassen hat. Einige Sekunden später donnert es nicht, nein es knallt förmlich. Damit ist die Show aber dankenswerterweise auch schon wieder vorbei. Nach knapp einer halben Stunde hat sich der Wind dann praktisch halbiert. Nach einer Stunde ist alles wie vorher. Als wäre nie etwas gewesen. Diese Zellen sind schon lustig. Kurz nach sieben Uhr in der Früh wiederholt sich das Spiel nochmal. Glücklicherweise ohne Blitz.

Der Morgen empfängt uns grau in grau, feucht und kühl. So richtig, leidlich schönes Herbst-Schmuddelwetter. Ihh-Bäh!!! Der Wind lässt etwas nach. Wir sind nur noch bei guten 5 Bft. und es fühlt sich fast schon an wie Flaute. Ich luve etwas an (steuere also höher zum Wind hin) um den Kurs zu den Azoren besser zu treffen. Zumindest vorerst. Am Nachmittag soll es laut aktuellem Wetterbericht nochmal auffrischen. Wir erwarten konstante 6 Bft. mit 7-8er Böen in den Mittdreißigern. Da werden wir dann sicher wieder abfallen (also vom Wind weg steuern).

Gegen halb vier verkleinern wir das Großsegel dann doch mal lieber ins erste Reff. Der laut beschreibender Skala nunmehr steife Wind hat sich bei beständigen 7 Bft. eingependelt. Nur noch selten geht er runter auf 6 (starker Wind), dafür aber immer wieder auch mal hoch auf 8 (stürmischer Wind) teils mehr als 35kn. Wir rauschen über Wellenberg und -tal. Immer wieder versetzt uns eine Welle schaukelnd umher. Was kann man in so einem Moment eigentlich gar nicht gebrauchten? Genau einen Gasalarm.

Das hält unsere Gassensoren allerdings nicht davon ab, eben solchen Alarm zu schlagen. Irgendwo wittern sie, was eigentlich in eine passende Flasche oder als Flammenspender in den Herd gehört. Wohl oder übel geht es auf Spurensuche. Als erstes schnuppern wir in der Nähe der Sensoren. Unter dem Herd ist nichts auffällig. Im Heck (jenseits der Wand am Fußende der Achterkabine) riecht es dagegen schon etwas komisch. Nein, es ist nicht der uns eigentlich gut bekannte Geruch von Propangas. Trotzdem komisch. Dann öffnen wir die Tür zum Technikraum (aka Weinkammer ;-). Das komische Aroma kommt uns wie eine Wolke entgegen. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass wir aufgrund des Wetters zum ersten Mal seit Langem das kleine Fenster des Technikraums geschlossen haben. Das wird umgehend wieder geändert. Hier muss frische Luft rein!

Schnell haben wir unsere Notersatzgasflasche aus Chile in Verdacht. Diese liegt original verschlossen unter der großen Heckklappe an Steuerbord. Da muss der Skipper dann jetzt wohl mal ran bei etwa 3m hohen, von schräg-hinten anrollenden Wellen! Mit Rettungsweste und Sicherheitsleine gehe ich auf die kleine Heckplattform. Immer wieder spült der Atlantik über meine Füße. Die sind dann wohl sauber. Kurze Zeit später ist die knall-orange Flasche aus Chile draußen im Cockpit verzurrt. Hier kann sie gerne ausgasen.

Zur Sicherheit wechsle ich nochmal die Seite und schnuppere mich durch unsere unter der anderen Heckklappe verborgene Gasbox. Hier ist alles unauffälllig. Sehr gut! Also die Sachen wieder verstaut und Klappe zu. Fertig!…?

La Skipper schnuppert nach Gas

In den nächsten Minuten geht der Alarm noch einige wenige Male kurz los. Kein Wunder, schließlich riecht es im Technikraum immer noch alles andere als frisch. Doch das offene Fenster hilf ebenso wie der steife Wind im Cockpit. Allmählich verschwinden Aroma und Alarme.

Später backe ich ein schönes, großes Brot. Frisch aus dem Ofen mit Butter, einer Fischkonserve, Marmelade, Nutella und / oder anderen Leckereien nach Wahl und Vorrat ist das eine tolle Hauptmahlzeit, welche wir in Patagonien für uns entdeckt haben. Gleich ist es fertig. Aber warum geht der Ofen aus? Hmm die Herdplatte will auch nicht mehr brennen. Da ist dann wohl die Gasflasche leer. Na das nenne ich mal Timing. Für heute reicht es mir aber damit, am Heck rumzuturnen. Morgen soll sich der Wind abschwächen. Solange muss der Wechsel warten. Zumal das Brot schon durchgebacken ist. Guten Appetit! :-)

Der steife Wind um die 30kn hält sich die ganze Nacht. Wir segeln weiterhin mit einem Winkel von 140° dazu. Das verringert den scheinbaren Wind auf 5-6 Bft. Damit lässt sich gut umgehen. Zumal uns die angesagten Böen von bis zu 39kn erspart bleiben. Als angenehmer Nebeneffekt sind wir selbst nur mit Groß im ersten Reff flott unterwegs und fressen uns Meile um Meile näher an die Azoren ran.

Samstag, 4. Juni 2022 – Wind weg

Gegen 6 Uhr hat der Spaß ein Ende. Innerhalb von Minuten geht der Wind von 7 auf 4 Bft. und dreht gut 60° auf West. Damit segeln wir noch weniger auf Kurs. Dazu kommt die alte Welle nun von der Seite. Nicht schön, und der ob des Geschaukel heute ohnehin eher mauen Konstitution von La Skipper alles andere als zuträglich. Es muss etwas geschehen.

links Windrichtung – rechts Windstärke

Erwähnte ich schon, dass es regnet? Ölzeug-Jacke übergeworfen und raus, Großsegel ausreffen und den Wind auf die andere Seite genommen. Immer noch kein direkter Kurs, aber zumindest etwas besser und die Welle kommt nicht mehr so seitlich. Und wenn ich schon mal draußen bin, gönne ich mir gleich auch noch ein Fußbad Gasflaschenwechsel. Zugegebenermaßen ist mein Wunsch nach einem Kaffee hier die treibende Kraft. La Skipper bekommt einen Tee, nimmt eine Vomex und gleitet sanft in den Segelmodus. Und um kurz vor 11 Uhr kommt dann auch mal unser Sohn aus seiner Koje gekrochen Teenager! ;-)

AUFWACHEN!!!

Schon um 9 Uhr hat der Wind soweit abgenommen, dass der Schwell den Baum ohne Druck im Segel immer wieder hin- und herwirft. Das ist eine ziemliche Belastung für das Rigg. Zeit das Großsegel einzuholen und den Motor anzuwerfen. Unglaublich, Da rauschen wir bei 7 Bft. durch die ganze Nacht und nun das. Was für ein Kontrast! Aber es ist nun mal, wie es ist. Das betrifft leider auch unseren reichlich geleerten Dieseltank. Doch wir haben ja noch einige volle Kanister mit fast 350l im Heck verstaut. Am Nachmittag hat sich der Schwell endlich etwas gelegt. Zeit zu tanken.

Zwei Dieselkanister hatte ich schon bei unserer gestrigen Gas-Aktion rausgezerrt. Nun kommen noch einmal sechs hinzu und die insgesamt gut 160l Liter landen über unseren Schüttelschlauch im Tank. Was bin ich froh, diese auf Langfahrt meines Erachtens unverzichtbare Crazy Pump in Buenos Aires fast zufällig noch gekauft zu haben. Wie auch immer, mit dem Diesel kommen wir nun locker bis zu den Azoren.

Freie Tankstelle auf dem Atlantik ;-)

Im Laufe des Tages zeigt sich die Sonne wieder, um vom strahlend blauen Himmel zu scheinen. Was für ein Kontrast zum grau-regnerischen Morgen. Aber was ist eigentlich mit tierischen Meeresbewohnern? Abgesehen von den immer noch umher treibenden Segeln Portugiesischer Galeeren haben wir in den letzten Wochen leider nicht viel gesehen. Zwei oder dreimal waren ein paar Delfine auf kurzer Stippvisite. Dazu ein paar recht kleine Fliegende Fische. Ansonsten komplette Fehlanzeige. Und das, wo die Gewässer rund um die Azoren als Wal- und Delfinparadies gelten. Na vielleicht sehen wir ja noch was. Lange Zeit haben wir allerdings nicht mehr. Es sind (Stand 23:00 Bordzeit) nur noch gut 150sm bis nach Horta. Montagfrüh sollten wir endlich ankommen.

Atlantik Tag 15-17: Ganz schön frisch hier im Norden

Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantiküberquerung.

Sonntag, 29. Mai 2022 – Es piept!

Eigentlich sollte ich mir abgewöhnen, allzu regelmäßig einen neuen Wetterbericht abzuholen. Zumindest hier in der Gegend. Einerseits sind wir als kleines Segelboot ohnehin zu langsam, um wirklich durchgreifend auf die großen, um uns wabernden Hoch- und Tiefdruckgebiete reagieren zu können. Ja klar, ein paar grundlegende Entscheidungen sind schon ableitbar. Aber dafür brauche ich keine tägliche Aktualisierung der Augurenvision, genannt Wettervorhersage. Andererseits ändern sich die Prognosen zurzeit wirklich jedes Mal. Teils gravierend. Und das nicht nur lang-, sondern durchaus schon im mittel- bis kurzfristigen Horizont. Immer wieder scheint alles jenseits der nächsten 1-2 Tage eher ein wilder Griff in den berühmt-berüchtigten Kessel Buntes zu sein. Und heute morgen war dieser Griff – zumindest aus unserer Sicht – leider nicht sehr farbenfroh.

Ich will euch da jetzt nicht mit morgen schon wieder veralteten Details nerven. Es reicht völlig, wenn ich mich darüber echauffiere. Schon am Vormittag lässt der Wind wieder drastisch nach. Wir freuen uns über 3 Bft., der uns im Schnitt mit irgendwas zwischen maximal 3 und 4kn immerhin so halbwegs Richtung Azoren schiebt. Am Nachmittag schaffen wir bei nun oft nur noch 2 Bft. teils kaum 3kn. Doch wir wollen so lange wie möglich segeln und Diesel sparen. Auf einen Tag mehr oder weniger kommt es nun wirklich nicht an. Immerhin scheint die Sonne.

An Angelglück ist weiterhin nicht zu denken. Unentwegt treibt braunes Kraut umher. Dazwischen glitzern immer wieder Gasblasen-Segel von Portugiesische Galeeren. Sie sind allerdings recht klein. Jedenfalls deutlich kleiner als die möglichen 30cm (wie wir sie 2019 gesehen haben). Vielleicht ist es doch nicht die klassische Physalia physalis mit ihren bis zu 50m Tentakel-Länge, sondern eine kleinere Verwandte?! Die Gasblase der Physalia utriculus misst nur etwa 3-15sm. Das passt eher. Deren Tentakel kommen immerhin noch auf bis zu 10m.

Am Nachmittag lässt der Wind immer mehr nach. Wir haben wohl so langsam das Zentrum des Hochdruckgebietes vor uns erreicht. Wieder muss der Motor ran. Na wenigstens verspricht es eine entspannte Nacht zu werden, in der der Skipper sich eine ordentliche Mütze Nachtwachenschlaf gönnen kann.

Falsch gedacht! Am frühen Abend geht ein eindringliches Piepen durch das Cockpit bis in den Salon. Das Motorpaneel gibt Batteriealarm. Mal wieder. Das hatten schon hin und wieder, aber das letzte Mal ist Monate her. Das Phänomen ging stets mehr oder weniger so schnell, wie es gekommen war. Heute Nacht beschließt es, mir Gesellschaft zu leisten.

Der Alarm warnt laut Handbuch vor einer Über- bzw. Unterspannung beim Laden. Der Batteriemonitor zeigt auch hohe 14V-Spannungen, aber die sind (zumindest nach meiner bescheidenen Kenntnis) so gerade noch im Rahmen des Erlaubten. Doch der Alarm piept. Aktuell können wir ohnehin nur eines machen: Stumm schalten. Das geht direkt am Motorpaneel. Das Problem ist nur, dass der (stumme) Alarm auch irgendwann von selbst wieder verschwindet. Wieso das ein Problem ist? Nun ja, spätestens einige Minuten danach tritt er wieder auf und es piept wieder. Stummschalten Piepen Stummschalten wie war das mit einer ruhigen Nacht? Keine Chance.

Gegen vier Uhr habe ich die Idee, unsere Bugbatterie abzuklemmen. Bei ihr wird die höchste, vermutlich den Alarm auslösende Spannung angezeigt. Bringt nur leider nichts. Dem Sensor ist egal, ob da eine Batterie dran hängt oder nicht. Das Spiel geht munter weiter. Nun gut, ich versuche das Beste daraus zu machen, hole mir ein Bier, kuschel mich im Cockpit unter eine Decke, lese ein Buch und stehe halt alle paar Minuten auf, um diesen besch*** Alarm wieder stumm zu schalten.

Der Morgen nach einer piependen Nacht…

Montag, 30. Mai 2022 – Uns fröstelt…

Wir sind inzwischen bei über 32° nördlicher Breite. Das zeigt sich auch am Himmel. Der lange unter dem Horizont verschwundene Polarstern weist nun wieder deutlich sichtbar Norden an. Die Sternbilder werden vertrauter. Und wir haben wieder eine ausgiebige Dämmerung. In Äquatornähe geht die Sonne unter und 10 Minuten später ist es Zappenduster. Morgens wird es umgekehrt erst kurz vor Sonnenaufgang hell. Hier dagegen erhellt sich der Horizont schon gut eine Stunde vorher. Im ersten Licht des Tages sehe ich wieder Portugiesische Galeeren auf dem ruhigen Wasser. Immer und immer wieder passieren wir die kleinen Segel unglaublich, wie viele das hier sind.

Ein anderer Aspekt unserer Reise nach Norden ist, dass es merklich frischer wird. Tagsüber kommen wir unter Deck noch gerade so über 25°C. Das sind wir einfach nicht mehr gewohnt. Ohne Sonne wird es gefühlt empfindlich kühl. Schon seit einigen Nächten trägt der Skipper Kapuzenpulli und lange Hose im Cockpit. Die Crew tendiert sogar dazu, sich in der Koje in dünne Decken einzuhüllen. Nun ist es soweit. Nach über einem Jahr kramen wir die die ersten Bettdecken wieder raus. Wir kommen unweigerlich in lange Jahre vertraute Spähren zurück.

Unter genau solch eine Decke kuschelt sich der Skipper dann auch den ganzen Vormittag in der Koje ein. irgendwann muss ich ja schlafen. Hin und wieder höre ich es beim Wegdüseln noch piepen, bevor nun La Skipper zum Motorpaneel eilt. Einige Stunden später wache ich auf und wundere mich über die Ruhe. Es piept nicht mehr. Na hoffentlich bleibt das so. Spoiler: Die Hoffnung wird enttäuscht.

Entgegen meiner guten Vorsätze hole ich am Nachmittag nochmal einen neuen Wetterbericht. Ja, wir sind in der Flaute. Das weiß ich auch so. Immerhin bessert sich die weitere Vorhersage. Spätestens morgen sollten wir wieder segeln können. Es sei denn, die Vorhersage überlegt es sich mal wieder neu. Vielleicht sollte ich das mit dem Wetterbericht doch bleiben lassen?!

Flaute

Wenn wir schon beim Thema es bleiben lassen sind. Könnte das Motorpaneel bitte mal das nächtliche Alarmpiepen bleiben lassen? Zur Sicherheit prüfe ich die Spannung des frisch erneuerten Keilriemens. Die passt. Hätte mich auch gewundert. Schließlich verrichtet am (ruhigen) Tag der gleiche Keilriemen seine Arbeit, wie in der (piependen) Nacht. Mit Schlaf wird das also auch heute Nacht erst einmal nichts.

Wenn wir schon beim Thema es bleiben lassen sind. Die Angel bleibt jetzt auch erst einmal drin. Unser letzter Fang hat gereicht. Wir haben tatsächlich die Blase einer Portugiesischen Galeere an den Haken bekommen. Inklusive Tentakelansatz. Das lassen wir jetzt erst einmal gut in der Sonne durchtrocknen, bevor wir uns mit Gummihandschuh an das Abnehmen wagen.

Da ich mich nicht wirklich entscheiden kann, hier noch eine kleine Auswahl an stimmungsvollen Bilder mit Portugiesischen Galeeren… SORRY! ;-)

Dienstag, 31. Mai 2022 – Endlich raumer Wind!

Früh morgens gegen 5 Uhr hat der Wind soweit aufgefrischt, dass wir Segel setzen können. Endlich verstummen Motor und Piepen. Der Skipper findet doch noch ein kleines Mützchen Schlaf im Morgengrauen. Der Tag selbst verläuft recht ereignislos. Samuel schlägt sich mit quadratischen Gleichungen rum. Maila lernt für ihre bevorstehende Arbeit. Dazu noch ein paar andere Unterrichtsstunden. Zum Abendessen serviert der Skipper Spaghetti mit Thunfisch-Soße. Alltag an Bord eines Familiendampfers. Derweil nimmt der Wind langsam aber kontinuierlich zu und dreht von West auf Südwest. Das passt.

Nach der Schule gönnt man sich ein Spielpause…

Am frühen Abend begegnen wir der SY Grace (17x5m). Überhaupt erst das zweite Segelschiff seit Französisch Guyana und natürlich sind wir auf Kollisionskurs. Brav weichen wir aus und gehen hinter ihr durch. Nebenbei haben wir noch einen netten Plausch über Funk. Sie segeln auch zu den Azoren und halten sich jetzt schon süd-östlich. Wir bleiben dagegen noch eher nördlich um später abzubiegen. See you in Horta!

Einschub für Nichtsegler: In den schon angesprochenen Kollisionsverhütungsregeln ist auch definiert, wie Segelboote untereinander ausweichen müssen. Das hängt im wesentlichen an der Konstellation der Boote mit dem Wind, führt hier im Detail aber zu weit. Bei Interesse einfach mal nach KVR Regel 12 googlen. Ach ja Horta ist der unter Seglern sehr bekannte, klassische Anlaufhafen auf der Azoreninsel Faial.

Erwähnte ich schon, dass es merklich frischer geworden ist? Heute haben wir endgültig gefühlten Wintereinbruch. Unter Deck nur noch 25 Grad, im windigen Cockpit sogar noch etwas kühler. Am Tag! La Skipper kramt sich dicke Socken raus. Und schon morgen früh wird unser ansonsten kälteerprobter Samuel (der immerhin in kurzen Hosen auf dem ecuadorianischen Chimborazo in 4.850m Höhe eine Schneeballschlacht gemacht hat!) nach seiner Bettdecke fragen. Was sind wir nur für Frostbeulen geworden.

Atlantik Tag 12-14: Wind kommt auf…

Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantiküberquerung.

Donnerstag, 26. Mai 2022 – Alleine auf dem Atlantik

Nach einer ausgesprochen ruhigen Nacht unter Motor empfängt uns ein sonniger Morgen. Weit und breit nichts zu sehen außer Himmel, Sonne, Wolken und Meer. Da kann man sich schon alleine fühlen. Das sind wir wohl auch. Der letzte AIS-Kontakt ist zwei Tage her. Wobei wir aber hin und wieder mal den Kondensstreifen der Zivilisation am Himmel sehen. Leider sehen wir selbst hier auf dem offenen Ozean auch immer wieder andere zivilisatorische Anzeichen umherschwimmen: Müll! :-(

Und das, obwohl das naechste Land ziemlich weit weg ist. Die Karibik liegt ca. 800sm / 1.500km hinter uns, Bermuda ebenso weit weg links von uns. Die Azoren liegen ca. 1.300sm / 2.400km vor uns, die Kap Verden noch weiter weg rechts von uns. Und mitten drin zieht eine Familie auf der Samai ihre Bahn…

Auch die Tierwelt hält sich dezent zurück. Nur ein einziges Mal haben wir bisher die Rückenflossen zweier Delfine gesehen. Sie waren schnell verschwunden. Wale? Fehlanzeige. Fische? Ebenso. Wobei das mit dem Angeln hier aber auch schwierig ist. Einerseits schwimmt immer wieder mal mehr und mal weniger von diesem hellbraunen Kraut umher. Davon fangen wir reichlich. Es nervt aber schon, spätestens alle 10 Minuten die Angel einzuholen, um den Haken von Bewuchs zu befreien. Andererseits sind da dann noch unsere einzigen regelmäßigen Besucher: Vögel. Vor allem Sturmtaucher tummeln sich öfters um die Samai und auch den Angelköder herum. Doch davon möchte Samuel lieber selbst noch ausführlich erzählen. Immerhin hat er in der letzten Woche schon weit über tausend (sic!) Vogelfotos geschossen und sitzt bereits jetzt am Auswahlverfahren.

Auch der Wind hält sich dezent zurück. Immerhin zweieinhalb Stunden können wir heute segeln und schaffen dabei gerade mal 7sm. Ansonsten brummt der Motor. Das passt allerdings zur letzten Vorhersage. Demnach werden wir auch morgen noch vor allem wahlweise mit der eisernen Genua bzw. dem Flautenschieber Meilen machen müssen. Immerhin halten wir dabei direkt auf die Azoren zu.

Gegen Mitternacht taucht dann doch mal wieder ein AIS-Signal auf. Der 200m-Frachter Federal Franklin geht gut 15sm hinter uns durch. So ganz alleine sind wir anscheinend doch nicht.

Freitag, 27. Mai 2022 – Vom Wannsee-Feeling in die Schräglage

Der Morgen empfängt uns mit Pottenflaute und öligem Wasser. So nennen wir das, wenn nicht das kleinste Kräuselchen auf dem Wasser spielt, sondern sich das Meer wie eine leicht wellige Klarsichtfolie präsentiert. Immer wieder faszinierend. Schließlich sind wir hier ja mitten auf einem Ozean und nicht am Berliner Wannsee. Doch in den Doldrums ist das gar nicht mal soooo ungewöhnlich. Uns bleibt nichts weiter übrig, als das Früstück zum sonoren Hintergrundbrummen des Motors zu nehmen.

Pottenflaute…

Dann ist da auch noch die Sache mit den Zeitzonen. Die Universal Time Coordinated = UTC (früher bzw. heute noch in England Greenwich Time) ist der Ausgangspunkt. Wir sind in Französisch Guyana bei UTC-3 gestartet. Eine Sommerzeit gibt es in den Tropen nicht. Deutschland liegt normaler Weise bei UTC+1, Im Sommer jedoch bei UTC+2. Wir sind also fünf Stunden hinterher. Die Azoren haben UTC-1, bzw. im Sommer UTC-Zeit. Unser Ziel ist uns drei Stunden voraus. Auf dem Weg dorthin müssen wir also dreimal die Uhr um eine Stunde vorstellen. Bevorzugt natürlich, wenn wir in West-Ost-Richtung Meilen machen. Aber wie und wann die Sommerzeit berücksichtigen?

Wir haben uns jetzt darauf geeinigt, das anhand des Sonnenaufgangs zu machen. Auf den Azoren geht sie nach lokaler Zeit um 6:30 Uhr auf. Bei uns war es heute 5:30 Uhr. Ergo: erste Zeitumstellung an Bord der Samai.

Bordzeit 16 Uhr (UTC-2): Wind kommt auf. Die Segel beginnen sich zu blähen. Die Samai segelt schneller und schneller Einige Eltern unter unseren Leser haben es vielleicht erkannt. Diese Einleitung ist von der Kinderbuchreihe Das magische Baumhaus inspiriert. Wer diese mit altersmäßig passendem Nachwuchs im Haus nicht kennt, sollte ruhig mal einen Blick rein werfen unserer Meinung nach lohnt es sich!

Die Nacht beschert uns traumhaftes Segeln. Im wahrsten Sinn des Wortes! Während die Samai durch zunehmende Wellenberge pflügt, schlummert die Crew mehr oder weniger fest in ihren Kojen und gibt sich der Traumwelt hin. Selbst der Skipper auf Nachtwache schafft es in seinen Nickerchen für den einen oder anderen kurzen Abstecher bis ins Reich der Träume vorzudringen. Traumhaftes Segeln halt. ;-)

Oder vielleicht auch nicht. Anfangs segeln mit mit Vollzeug bei 4Bft. am Wind Richtung Norden. Das ist zwar nicht die Richtung, in der die Azoren liegen, aber einen besseren Kurs gibt der Wind nicht her. Im Laufe der Nacht nimmt er noch zu. Kurz vor 2 Uhr verkleinere ich das Großsegel ins erste Reff. Kurz nach 4 Uhr nehme ich es sogar ins zweite Reff. Der Wind liegt inzwischen bei konstant 5Bft. und kratzt unter dunklen Wolken auch schon mal an der 6 wahre Windgeschwindigkeit. Wir segeln mal wieder am Wind und damit scheinbar ohnehin dauerhaft mit gut 6 Bft.

Verlust des Tages: Die Toilettentür ist in den Atlantikwellen der letzten Tage wohl das ein oder andere Mal zu oft zugeknallt. Passiert halt. Aber muss deswegen denn gleich der Schließmechanismus nicht mehr funktionieren? Die Falle (den Begriff musste ich selbst nachschlagen ;-) bleibt schlicht im Türschloss verschwunden. Ich vermute mal, dass die Feder gebrochen ist. Wenn dem so ist, werde ich auf den Azoren wohl das Schloss der Toilette mit der Tür der Achterkabine tauschen. Bis dahin wird das schon gehen…

Samstag, 28. Mai 2022 – Entspannung auf See

Die unruhige Nacht hat La Skipper etwas zugesetzt. Den Vormittag genießt sie vor allem im Cockpit liegend den Ausblick auf das blaue Meer. Am Nachmittag wohnt sie die zur Liegefläche ausgebaute Couch im Salon ab. Es ist ohnehin ein eher ereignisloser Tag. Die Sonne scheint zwischen lockerer Bewölkung. Der Wind weht relativ konstant mit 3-5Bft. und dreht langsam auf Ost. Das ist wenn schon nicht perfekt, so doch besser für uns. Wir passen die Segelfläche an und konzentrieren uns mit den Kindern die Schulfächer, welche bei 2m-Wellen machbar sind. Letztlich ein ganz normaler, ja fast schon langweiliger Tag auf dem Atlantik.

Mit einer kleinen Ausnahme. Heute sehen wir abgesehen von den üblichen, gefiederten Begleitern noch ein paar andere Tiere. Alte Bekannte von vor knapp drei Jahren auf dem Atlantik. Ansonsten hätten wir sie wahrscheinlich auch nicht auf Anhieb erkannt: Portugiesische Galeeren. Unter Wasser können die Tentakel dieser Staatsquallen bis zu 50m lang werden. Über Wasser sieht man dagegen nur ein kleines, unscheinbares, oft rosa schimmerndes Segel. Faszinierende Wesen…

Abends gibt es gebratene Polenta. Das Gericht ist eine Inspiration aus dem argentinischen Ushuaia, wo es der brasilianische Segler Eduardo bei gemeinsamen Quarantäne-Abenden servierte. Dazu reicht der Skipper Würstchen im Brotteig. Ein Eigengewächs. Zusammengenommen noch so ein leckeres Essen, das auf der Samai fast immer gut geht sogar Maila mag es!

So segeln wir in die letzte Nacht der zweiten Woche auf See. Von den Meilen her haben wir schon jetzt mehr im Kielwasser, als bei unserer Atlantiküberquerung im (Nord-)Herbst 2019 von den Kap Verden nach Brasilien. Trotzdem werden wir noch gut eine weitere Woche bis zu den Azoren brauchen zumindest wenn die Winde uns gewogen sind…

Atlantik Tag 8-11: Baden und Segeln in den Doldrums

Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantiküberquerung.

Sonntag, 22. Mai 2022 – Kollisionskurs auf dem Weg in die Doldrums

Die Nacht verläuft solange ruhig, bis die Crystal Angel auf dem AIS erscheint. Da sieht man nach Tagen mal wieder ein anderes Schiff und natürlich ist es auf direktem Kollisionskurs. Typisch! Ebenso erfreulich ist, dass der Tanker rechtzeitig seinen Kurs ändert um gut eine Seemeile hinter uns durchzufahren. Vorbildlich!

Kurzer Einschub für Nichtsegler: Vielleicht fragt sich jetzt der eine oder die andere, warum ein 230m-Tanker so einem kleinen 12m-Segelboot wie uns ausweicht. Die Antwort findet sich in den international gültigen Kollisionsverhütungsregen. Darin wird unter vielem Anderen geregelt, wie sich zwei begegnende Boote verhalten sollen. Nein, da steht nichts von Vorfahrt. Das ist der deutschen Seeschifffahrtstraßenverordnung vorbehalten. International gibt es entweder die Pflicht, Kurs und Geschwindigkeit beizubehalten oder die Pflicht auszuweichen.

Was die Schiffstypen angeht, gibt es eine gewisse Rangfolge. Zum Beispiel müssen (vereinfacht gesagt) alle anderen Schiffe Fischern (bei der Arbeit) ausweichen. Das letztere es beim Fischen mit dem Kurshalten nicht so genau nehmen, ist wenig verwunderlich und allgemein bekannt. Treffen ein Motorboot und ein Segelboot (unter Segeln!) aufeinander, so muss das Motorboot ausweichen. Und die Samai ist aktuell nun mal ein Segelboot und ein Tanker ist unbestritten ein Motorboot. Darum ist er uns ausgewichen.

Guten Morgen…

Der Wetterbericht ist so la-la. Klar ist, dass der Wind weiter nachlassen wird. Das ist auch wenig verwunderlich, schließlich kommen wir so langsam die die Breiten der Doldrums.

Kurzer Einschub für Nichtsegler: Wir würden echt gerne direkt von Südamerika zu den Azoren segeln. Geht aber nicht. Rund um den Äquator weht der Passatwind beständig aus (hier aktuell nord-)östlicher Richtung. Darum segeln wir auch gerade eher nach Norden. Weiter oben haben wir die auch für das Wetter in Europa maßgebliche Westwindzone. Spätestens dort werden wir Richtung Osten abbiegen. Und dazwischen? Tja, da sind die Doldrums. Mal breiter, mal schmaler ist das ein Bereich mit wenig bis gar keinem Wind. Für Segler ein Albtraum. Und da müssen wir irgendwie durch…

Früher konnten die Doldrums für Segelboote eine echte Gefahr darstellen, wenn diese tagelang bei Flaute vor sich hindümpelten. Heute kann man natürlich auch noch warten und dümpeln. Alternativ wirft man den Motor an. Wir bevorzugen, auch im Sinne unserer immer noch aufzufüllenden Wasservorräte, meist letzteres.

Verlust des Tages: Am Nachmittag werfe ich einen Blick in unsere Nudelvorräte. Manch einer mag denken: Na was soll da schon sein?. Segler-Antwort: Kleine schwarze Krabbeldinger. Bei Pappkartons mag das ja noch hinkommen, aber in Plastikverpackungen? Keine Ahnung, wie die da rein kommen. Muss wohl schon bei der Produktion passiert sein. Uns kostet das heute fünf Fusilli-Packungen. Auch zwei große Spaghetti-Packungen sehen nicht so gut aus und werden folgerichtig gleich mal gekocht. 2kg Nudeln. Der Speiseplan der nächsten Tage steht.

Montag, 23. Mai 2022 – Badepause, Bootsarbeiten und kein Fisch

Allmählich beginnt das unschöne Spiel mit dem fehlenden Wind. Wir motoren durch die Nacht mit direktem Kurs Richtung Azoren. Der neue Wetterbericht am Morgen lässt uns nach Norden abbiegen. Auf der Suche nach wenigstens etwas Wind in der vorhergesagt großen Flaute.

Der große Swimmingpool lockt…

Eigentlich der perfekte Zeitpunkt für eine Badepause. Gut eine Stunde lassen wir uns treiben und springen in den tiefblauen Atlantik. Unter uns sind etwa 5km Wasser. Das nenne ich mal ein tiefes Schwimmbad. Anschließend hauen wir einiges von dem gerade frisch gemachten Wasser raus und duschen uns alle mal wieder so richtig sauber. Wurde auch langsam Zeit.

Badepause auf 5km Wassertiefe
Ist da auch nichts unter uns?

Ansonsten nutze ich die Ruhe für ein paar Kleinigkeiten an Bord. Ich lege endlich die Bilge trocken und wechsle den Filter vom Wassermacher. Auch das hat der sich inzwischen hochverdient. Danach kümmern wir uns um die Großschot. Die hat im Laufe der Zeit ordentlich Twist bekommen und verdreht nun immer mal wieder die Leinenführung unter dem Segel. Nichts, was man nicht rausdrehen könnte. Schließlich klariere ich noch die beidseits vom Cockpit nach vorne führenden Strecktaue. Daran kann man sich bei unruhigem Wetter und nachts einpicken um nicht über Bord zu gehen. Leider war ich beim letzten Mal Einfädeln der Vorsegelleinen etwas unaufmerksam. Die Schoten lagen einer lückenlose Nutzung der Strecktaue im Weg. Das ist nun auch wieder in Ordnung.

Der rechte Filter hat sich den Ruhestand verdient.

Am Nachmittag meldet sich die Angel. Sie biegt sich richtig durch. Offensichtlich ein großes Ding am Haken. Samuel eilt hin und versucht den Fang einzuholen. Leider vergeblich. Später schwört er Stein und Bein, dabei eine Hai-ähnliche Rückenflosse gesehen zu haben. Vielleicht ganz gut, dass er entwischt ist?! So essen wir unseren improvisierten Nudelauflauf aus der Pfanne vegetarisch.

Immerhin können wir heute noch ganze acht Stunden segeln. Trotz angesagter Flaute. Am Ende bekommen wir unter einer dunklen Wolke sogar gut 5 Bft. ins Segel gepustet. Danach geht es jedoch innerhalb von 10min auf 5kn runter. Segel rein. Entspannt motoren wir durch den Rest der Nacht.

Dienstag, 24. Mai 2022 – Raus aus den Tropen

Schon vor Sonnenaufgang sehe ich eine Ansammlung von AIS-Signalen. Ein Schiff mit offensichtlich ostasiatischem Namen und seine fünf Bojen. Ein Fischer bei der Arbeit. Aber lassen wir uns das in Ruhe auf den Zeilen zergehen. Ein chinesisches Fischerboot von 45x8m setzt im Atlantik gut 500sm nordöstlich der Karibik auf einer Länge von fast 15sm (für Ostseekenner zum Vergleich: Kühlungsborn-Rostock sind ca. 12sm!) seine Bojen aus und fischt das Meer leer?! Internationale Gewässer. Keiner ist zuständig. Jeder darf (fast) alles. Perfekter Ort für das perfekte Verbrechen. Ideal auch für opportunistisches Verhalten. Und letzteres ist meiner bescheidenen Meinung nach Hauptgrund dafür, dass die Welt allmählich vor die Hunde geht. :-(

Chinesischer Fischer mit seinen Bojen

Ebenfalls kurz vor Sonnenaufgang queren wir auf 23°26N den nördlichen Wendekreis des Krebses. Auf diesem Breitengrad steht einmal im Jahr, genau zur nördlichen Sommersonnenwende unser Zentralgestirn im Zenit. Und offiziell bezeichnen die Wendekreise zugleich das Ende der Tropen. Mehr als ein Jahr und vier Monaten nachdem wir vor Chile den südlichen Wendekreis gequert haben, erreichen wir wieder gemäßigte Breiten.

Morgens mache ich spontan einen Nudelsalat. Das ist immer gut für ein kleines Hüngerchen zwischendurch. Wie es der Zufall so will, habe ich da noch ein paar Spaghetti im Kühlschrank gefunden… ;-) Abends gibt es zur Abwechslung dagegen mal Reis mit Zwiebel-Pilz-Pfanne.

Wir werden langsamer. Motor und Segel halten sich heute zeitlich so in etwa die Waage. Über Mittag füllen wir unseren gesamten Vorrat an Wasserflaschen auf. Am Nachmittag genießen wir bei strahlenden Sonnenschein und teilweise nur 2-3 Bft. entspanntes Dümpel-Cruisen unter Segeln. Wenigstens scheint die Sonne. Abends nochmal Motor an, den Großteil der Nacht können wir aber, wenn schon nicht rasend schnell, so doch entspannt segeln.

Mittwoch, 25. Mai 2022 – Kurs Azoren… noch!

Beständiger Wind wäre schön. Ist hier aber nicht. Am Vormittag müssen wir wieder den Motor anwerfen. Der Wassermacher drängt die letzte Luft aus dem Wassertank. Zumindest kann die Fock als Unterstützung stehen bleiben. Und zumindest fahren wir (fast) direkten Kurs auf die Azoren im Nordosten von uns. Luftlinie sind es kein 1.500sm mehr. Seit Französisch-Guyana haben wir fast 1.300sm im Kielwasser gelassen. Kurz vor der Halbzeit? Wohl kaum.

Der aktuelle Wetterbericht stimmt nicht optimistisch. Erst Flaute, dann Nordost-Wind auf die Nase, der auf Ost dreht. Damit sollten wir Richtung Norden segeln können. Direkt auf das Zentrum des zugehörigen großen Hochdruckgebietes. Danach dreht der Wind dann auf Nord, was wir mit einem Ostkurs kontern müssten. Nächste Woche kommt es dann ganz dicke von Norden runter, so dass wir uns besser südlich der Azoren halten sollten. Also wie denn nun Zick-Zack zum Ziel?!

Allerdings ist das alles natürlich mit einem großen Vorbehalt zu sehen. Gerade in dieser Gegend ist die Halbwertszeit eines Wetterberichts erschreckend kurz und einer Vorhersage der kommenden Woche in der Regel kaum mehr Wert beizumessen, als dem berühmten Blick in die Kristallkugel. Insofern hoffen wir trotz der wenig erfreulichen Grundtendenz auf das Beste.

Abends wird es Zeit, sich endlich mal um die letzten Spaghettireste zu kümmern mit Pesto für die Mädels gebraten für die Jungs das geht immer!

Atlantik Tag 4-7: Es wird ruhiger

Wie versprochen, berichten wir am Wochenende ganz aktuell von unserer gerade stattfindenden Atlantiküberquerung.

Mittwoch, 18. Mai 2022 – Auf dem Weg der Besserung

Morgens geht es La Skipper leider immer noch nicht wirklich gut. Die kurze, hohe Welle von schräg vorne macht ihr zu schaffen. Eine erneute Opfergabe. Trotzdem müssen wir auch mal an das Ankommen denken. Ich ziehe das Groß aus dem 3. in das 1. Reff. Das macht sich gleich deutlich in Geschwindigkeit bemerkbar und bringt zumindest nach meinem Empfinden dadurch auch etwas mehr Stabilität ins Schiff. Trotzdem schaukelt es uns immer noch ganz schön umher. Immerhin haben wir weiterhin 5 Bft., jedoch weniger oft und dazu noch weniger starke Böen. Selbst die Welle scheint sich gaaaaanz langsam abzubauen. Das würde ja zur Vorhersage passen, nach der es sich die nächsten Tage insgesamt etwas beruhigen soll. Das gilt hoffentlich auch für die Wellen.

Morgenstimmung auf dem Atlantik
Die Kinder sind fit!

Abends geht es La Skipper wieder besser. Sie hat Appetit auf etwas mit Geschmack. Der Skipper zaubert organische Pasta original aus Italien, überzogen von einer feinen Creme Legere de Normandie (von da wo unsere Samai herkommt!) an geräuchertem Bacon und Champignons, harmonisch abgeschmeckt mit frischem Knoblauch und Koriander (sowie einer zarten Andeutung von Asia-Fusion-Kitchen). Ok, man könnte natürlich auch schreiben, dass ich zu einer Tüte Nudeln eine improvisierte Pseudo-Carbonara (mit einem Schuss Soja-Soße) hingeschustert habe. Aber das klingt nicht halb so lecker, wie es uns geschmeckt hat. :-)

Wird lecker… :-)

Die Nacht verläuft absolut ereignislos. Wie schon am Tag haben wir die Segel nicht ein einziges Mal angefasst. Keine AIS-Signale, Lichter schon gar nicht. Nur der ein oder andere Fliegende Fisch verirrt sich an Deck.

Zu klein für den Grill ;-)

Donnerstag, 19. Mai 2022 – Die Sache mit dem Wasser

Der Wind hat weiter nachgelassen. Morgens ersetze daher ich die kleinere Kutterfock durch unsere normale Fock. Das Groß bleibt weiterhin im ersten Reff. Mit dem Absetzen unserer Positionsmeldungen auf Spotwalla holen wir neue Wetterinformationen. Die gute Nachricht ist, dass der starke Wind erste einmal vorbei ist. Das sollte insbesondere La Skipper gut tun. Tja und dann ist da die Sache mit den Doldrums. Aber davon ein anderes Mal mehr.

So allmählich scheint sich unser Wassertank zu leeren. Der Eindruck wird dadurch verstärkt, dass der Wind von Steuerbord (rechts) kommt, die Samai also beständig auf der linken Backbordseite liegt. Messstab und Wasserentnahme sind nun mal auf der anderen Seite. Eigentlich ist das ein guter Zeitpunkt, den Wassermacher anzuwerfen. Dazu muss aber auch der Motor laufen. Und wir segeln gerade so schön. Das heben wir uns also möglichts für die nächste Flaute auf. Damit ist erst einmal Wassersparen angesagt. Die größten Verbraucher fallen auf den meisten Segelbooten auf dem Ozean ohnehin weg. Die Klospülung holt sich das Wasser grundsätzlich von draußen. Bei einem so schön blauen Meer machen wir auch den Abwasch mit Salzwasser. Und eine plus-minus tägliche Dusche ist nun (insbesondere aus Sicht der Jungs ;-) wirklich nicht nötig. Sollte also noch etwas reichen. Das Trinkwasser haben wir ohnehin in separaten 5-6l Flaschen.

Wenn wir schon das Thema Klospülung ansprechen da ist uns doch tatsächlich etwas passiert, das wir so noch nicht hatten. Man sitzt ob der Schräglage so leidlich gemütlich auf dem stillen Örtchen, da kommt eine große Welle von der Seite. Das Boot wird kräftig durchgeschaukelt. Und plötzlich schwappt es aus der Kloschüssel unter der Brille nach vorne auf den Badboden. Lesson learned: Bei kräftigem Seegang immer zwischenspülen!!!

Wenn wir schon beim Thema Wasser im Boot sind, gibt es leider auch weniger schöne Neuigkeiten. Einerseits ist eines der kleinen Deckenfenster in der Vorschiffkoje über die Jahre etwas undicht geworden. Spült eine Welle über das Deck, tröpfelt es rein. Nicht viel, aber trotzdem nervig und ein neuer Punkt auf der 2do-Liste. Tja und dann sammeln wir beim Segeln seit unserem Karibik-Törn (Bonaire-Barbados) etwas Salzwasser in der Bilge. Keine Ahnung, wo das herkommt. Die Ventile sind alle ok. Außerdem passiert es ja auch nicht (nennenswert) vor Anker. Dem muss ich bei Gelegenheit auch nochmal auf den Grund gehen. Zur Beruhigung an alle besorgten Leser und wohl nicht zuletzt Leserinnen: Nein, das stellt KEINE Gefahr dar. Dazu ist es viel zu wenig. Es ist nur nervig, alle paar Tage die Bilge durchzuputzen. Zumal bei Seegang.

Gegen Mittag segelt die Samai auf Höhe des französischen Überseedepartements Martinique (341sm bzw. 632km Backbord querab). Das ist, abgesehen von den vorgelagerten Barbados und Tobago, die östlichste Karibikinsel. Damit haben wir immerhin schon den halben Antillenbogen links liegen gelassen. Ein gutes Gefühl! ;-)

La Skipper geht es heute endlich besser. Gut für sie, weniger gut für die Kinder, da damit auch die Bordschule stärker anzieht. Aber sonst wäre es auf dem Atlantik ja auch etwas langweilig… nicht wahr Kinder?!

Samuel paukt Französisch

Zum Abendessen gibt es feine ach lassen wir das einfach nur (natürlich nicht selbst gemachte) Gnocchi mit frischer Würstchen- und Restsoße von gestern. ;-) Satt segeln wir in eine weitere, ruhige Nacht.

Freitag, 20. Mai 2022 – Blauwassersegeln aus dem Bilderbuch

Nachts mal kurz ein-, am Vormittag wieder ausgerefft. So zieht die Samai unbeirrt ihren Kurs Richtung Nord. Wir passieren mit Guadeloupe (352sm bzw. 652km Backbord querab) das dritte der insgesamt fünf französischen Überseedepartements. Die verbleibenden zwei (Mayotte und Reunion) liegen im Indischen Ozean.

Inzwischen haben sich die Wolken weitgehend verzogen und die vom klaren Himmel scheinende Sonne verdeutlicht eindrucksvoll, warum das hier Blauwassersegeln heißt. So schön sieht das echt nur auf einem sonnigen Ozean aus! Wir klappen das Bimini wieder aus. Ein paar Meeresvögel schauen vorbei. Fliegende Fische tanzen über die Wellen, welche auf 1-2m runter sind. Eine angenehme Brise von 4 Bft. schiebt uns unter Vollzeug voran. So manch einer würde jetzt zu recht ins Schwärmen geraten es ist aber auch wirklich grenzwertig traumhaft.

Blauwassersegeln

Heute gönnen wir uns mal ein richtig deutsches Abendessen: In frisch gezapften Atlantikwasser gekochte Kartoffeln (aus Französisch-Guyana), Sauerkaut (aus Chile) und Würstchen (aus Suriname) mit Senf (aus Bonaire) wie gesagt: typisch deutsch!

Die Familie liegt schon im Bett. Der Skipper schaut im Cockpit noch einen Film auf dem Handy. Da frischt der Wind plötzlich auf. Ich schaue mich um und sehe hinter uns eine dunkle Wolkenwand durchgehen. Glück gehabt. Weiter geht es mit dem Film. Etwa 15min später schaue ich wieder auf und sehe hinter uns eine dunkle Wolkenwand durchgehen. Moment mal. Ist das dieselbe? Nein, sie zieht langsam ab. War wohl doch Nummer zwei. Etwa 15min später schaue ich wieder auf und sehe eine dunkle Wolkenwand an Steuerbord neben uns. Hmmmm. Wäre nicht schön, wenn die uns trifft. Was soll ich sagen. Sie geht direkt hinter uns durch. Und nein ich spinne nicht. Das Spiel wiederholt sich noch zweimal. Uns erreichen maximal ein paar frische Ausläufer. Nur etwas weiter hinten hätten wir dagegen fünfmal den Hauptgewinn gezogen. Ich bin sehr zufrieden so. Dann erst gibt die Nacht allmählich Ruhe.

Regenzellen am Tag und Nachts…

Samstag, 21. Mai 2022 – Das Klo braucht Liebe

Der Rest der Nacht verläuft wieder einmal absolut ereignislos. Leider kommen wir aber nicht mehr so schnell voran. Einerseits hatten wir das Großsegel im Sinne der Crew wieder im zweiten Reff. Andererseits scheinen wir auch eine kleine Gegenströmung erwischt zu haben.

Morgens gibt es dann keine Ausrede mehr. Der Wassermacher muss an die Arbeit. Leider ein bis zwei Tage zu früh, da wir demnächst wohl ohnehin den Motor anwerfen müssen. Aber was sollen wir tun? Der Tank ist nun einmal leer. Nach gut zwei Stunden haben wir erst einmal genug Wasser gebunkert. Wassermacher und Motor aus, Großsegel ausgerefft und mit Vollzeug machen wir weiter Strecke.

Einfach nur wunderschön blau!

Nach einem wirklich schönen Segeltag blau-in-blau meldet am Abend die Toilettenspülung mal wieder ihre Sehnsucht nach Liebe und Fürsorge an. Sie spült nicht mehr. In Aruba hatten wir ja temporär den Abflussschlauch am Tank vorbei direkt an das Auslassventil angeschlossen. Ein Fehler, wie sich jetzt herausstellt. Beim Segeln kommt durch das vorbeiströmende Wasser Druck auf den Schlauch. Und wenn man dann noch mal vergisst, vor dem Spülen das Ventil zu öffnen, kommt richtig Druck auf den Schlauch. Wo soll der Druck hin? Auf der einen Seite das Wasser bzw. geschlossene Ventil, auf der anderen Seite dieses Gummiventil, dass dafür sorgt, dass das gerade gespülte Wasser nicht gleich wieder zurückspült. Jeder Segler, der schon mal sein Klo auseinandergebaut hat, weiß was ich meine. Tja und genau dieses Gummiteil hat die Grätsche gemacht. Das habe ich so noch nicht gesehen. Kein Wunder, dass die Spülung nicht mehr funktioniert.

Links kann dann wohl weg…

Nachdem der Skipper das Klo auseinander- und wieder zusammengebaut hat, funktioniert es wieder und ich kann mich um das Essen kümmern. Es gibt feine ach Quatsch deftige arme Ritter. Einfach zu machen und sehr beliebt an Bord der Samai.

Sehr zu unserer Freude weht es weiterhin beständig mit 4Bft. aus Nordost. Unter Vollzeug rauschen wir in die Nacht. Mal sehen, wie lange das noch geht. Mit dem Posten dieses Beitrags hole ich neue Wetterinformationen ab. Die Auflösung erfolgt an dieser Stelle am nächsten Wochenende. Ansonsten findet sich unsere Position wie gewohnt etwa alle zwei Tage aktualisiert auf Spotwalla (Reiseinformationen – Position).