Unser erster Nachtschlag

13. Juli 2019

Wir sind jetzt losgesegelt und auch schon aus Deutschland raus. Wir sind gerade bei unserem ersten langen Schlag, wo wir auch über Nacht segeln.

Die Weltreise dauert noch nicht so lange und wir haben noch nicht so viel gesehen. Aber wir hatten jetzt schon schöne Häfen. Ein Hafen hat uns sogar einen sehr leckeren Kuchen geschenkt. Schon am ersten Segeltag mussten mein Bruder und ich uns übergeben. Aber jetzt geht es schon besser, weil wir so einen Saft genommen haben und Samuel so eine Tablette, wo uns nicht so schnell übel wird.

Wir sind schon durch das Wattenmeer gefahren. Da kann man nur durchfahren wenn Flut ist, weil sonst da alles trocken liegt. Manchmal hatten wir nur 1,2m Wassertiefe und einmal sind wir sogar stecken geblieben. Unser Papa hat uns dann rückwärts gefahren und ist links ausgewichen. Da war es ein bisschen tiefer. Aber ich hätte da sogar noch stehen können.

Es ist sehr toll hier an Bord. Leider war der Wind noch nicht sooo gut sondern ein bisschen sogar schlecht. Aber heute ist er gut zum Segeln und deswegen fahren wir auch so ein langes Stück. Vielleicht fahren wir bis morgen Abend oder auch zwei Nächte durch.

14. Juli 2019

Jetzt ist der Nachtschlag vorbei. Ich war bis ein Uhr wach, habe mir das Meer und die Schiffe angeschaut. Es war aber sehr kalt. Deswegen haben wir uns zugedeckt. Und wir mussten auch eine Rettungsweste tragen, damit wir auf keinen Fall untergehen. Ich hatte eine Rettungsweste, mein Bruder auch und mein Papa auch. Meine Mama musste keine Rettungsweste tragen, weil sie schon im Bett war.

In der Nacht hat Papa uns erklärt, wie man die Untiefentonnen am Blinken erkennen kann. Dann weiß man, an welcher Seite man daran vorbeifahren soll. Für uns sind sie nicht so wichtig, weil es für uns meist noch tief genug ist. Für die großen Schiffe ist das wichtig.

Wir sind auch durch einen Ankerplatz für große Schiffe gefahren und da waren 18 riesige Schiffe. Auf unserer Strecke haben wir ganz viele große Schiffe gesehen. Viele haben geankert und gewartet, bis sie wieder was transportieren können.

Samuel war auch die ganze Nacht oben wie Papa, aber er ist zwischendurch eingeschlafen. Und in der Frühe um halb sechs sind Papa und er ins Bett gegangen. Dann hat Mama das Boot übernommen.

Wir sind aber immer noch nicht am Hafen, sondern noch auf dem Meer. Mama hat fast den ganzen Vormittag gesteuert, aber viel hat auch der Autopilot gemacht. Und jetzt muss sie auch eine Rettungsweste tragen. Heute hat es schon geregnet. Ich war mit Regenjacke draußen und habe beim Steuern zugeguckt. Das blöde ist, dass wir jetzt Gegenstrom haben und darum nur langsam vorankommen.

So sieht es jetzt aus!

Ich schreibe Euch, wenn wir beim Hafen angekommen sind.

Maila

In de Waddenzee

Schon bevor Borkum querab lag zeigte ein Blick in den Tidenkalender, dass wir eigentlich zum perfekten Zeitpunkt in das Wattenmeer einfuhren. Es war etwa zwei Stunden vor Hochwasser, so dass wir ein gutes Zeitfenster hatten, im Schutz der Inseln noch ein paar Meilen nach Westen zu machen… in die Niederlande! Und so ging es schon kurze Zeit später über unser erstes Wattenhoch. Auf der Seekarte werden mit grüner Farbe ja Bereiche angezeigt, die bei Niedrigwasser trockenfallen… mit anderen Worten: Land! Hier stehen dann auch nicht wie sonst Tiefenangaben, sondern die unterstrichenen Zahlen sind Höhenmeter.

Doch wenn man hinter den Inseln vorankommen möchte bleibt einem nichts anderes übrig, als auch betonnte Fahrwasser über eben solche grünen Gebiete zu nehmen. Dabei ist einiges zu beachten:

  • Offensichtlich kann man abhängig vom Tiefgang des Bootes nur in einem mehr oder weniger engen Zeitfenster rund um Hochwasser durchfahren.
  • Man sollte die Fahrt anpassen, also bei 10cm Wasser unter dem Kiel nicht mit 6kn durchrauschen.
  • Man sollte sich sehr genau an die Tonnen halten… wenn sie auch noch so komische Kurven durch die Landschaft zeichnen.
  • Allgemein weist die Seekarte im Watt auf „veränderliche Tiefen“ hin, und das ist eine der zuverlässigsten Angaben überhaupt, die man einer Seekarte entnehmen kann. Die sichtbare Betonnung und das eigene Lot haben also immer Priorität!
Gut Ausschau halten!

Das Zeitfenster passte, der Tiefgang der Samai ist bei aufgeholtem Schwert gerade mal 1,1m und da wir ohnehin gegen den Wind unter Motor fahren mussten, ließ sich auch die Geschwindigkeit gut regulieren. Also los! Wir waren dann tatsächlich noch über drei Wattenhochs gefahren, bei denen die niedrigste Lotung 1,2m betrug. Na wenn das mal nicht üppig „Wasser unter dem Kiel“ ist. Abends in Lauwersoog angekommen konnten wir endlich eine Gastlandflagge an Steuerbord setzen.

Am nächsten Morgen von liebsäuselndem Schraubenlärm geweckt staunten wir nicht schlecht, als sich direkt an unserem Heck ein „großer Pott“ in der engen Hafengasse zeigte… und wieder rausfuhr… und wieder reinfuhr… es wurde ausgebaggert. Nicht viel später sind wir dann auch wieder raus. Was den angesagten südlichen Wind angeht war es gutes Timing. Was den Flutstrom anging war es schlechtes Timing. Wir quälten uns also hinaus auf die Nordsee, konnten dort dann aber tatsächlich mal richtig segeln… erstmals seit Bremerhaven… ganze 30 Seemeilen an Ameland vorbei! Doch dann stand ein wenn auch nur leichter Kurswechsel an und der Wind kam wieder auf die Nase. Also rein ins Watt und direkt am Eingang des nächsten Wattfahrwassers den Anker geworfen.

Der Wetterbericht sagte schon zu diesem Zeitpunkt für das Wochenende einen beständigen nördlichen Wind vor der Niederländischen Westküste und im Kanal voraus. Den durften wir keinesfalls verpassen. Folglich war das nächste Tagesziel die westlichste der Westfriesischen Inseln: Texel. Ein weiter Weg mit mehreren Wattenhochs, so dass wir schon gut zwei Stunden vor Hochwasser Anker auf gegangen und in das direkt benachbarte Fahrwasser eingefahren waren. Sehr früh, aber eine Armada entgegenkommender Boote ließ die Zuversicht wachsen, dass das schon passt. Dann kam die rote Tonne O54.

Wir hatten schon geraume Zeit keine 2m Wassertiefe, zeitweise galten 1,5m schon als entspannt. Doch dann, direkt neben der Tonne wurde es so richtig flach… 1,2m… 1,1m… 1,0m… —m… und schließlich sanft abgebremst saßen wir auf Grund. Hmm… was nun? Natürlich konnten wir einfach warten, schließlich hatten wir ja noch Flut. Letztlich haben wir dann aber ganz vorsichtig zurückgesetzt, das Boot sanft gedreht und es einfach 10m weiter links versucht. Mit Erfolg! Natürlich wurden die entgegenkommenden Boote von uns gewarnt. Endgültig beruhigend war dann der Anblick eines entgegenkommenden Niederländischen Plattbodenbootes, dessen Fahrt ebenfalls sanft auf null gebremst wurde. Es passiert also nicht nur uns Wattneulingen, sondern auch erfahrenen Kapitänen.

Der weitere Weg war dann fast schon Routine. Mal unter Segeln, mal unter Motor, mal mit viel Wasser unter dem Kiel, mal mit weniger, mal gegen den Strom und gerade die letzten Stunden gut mit dem Strom ging es nach Texel, wo wir uns eine knappe Meile nördlich der Hafeneinfahrt für die Nacht vor Anker legten. Der nächste Morgen begrüßte uns sommerlich…

Sommerwetter

Am Freitag dann in den empfehlenswerten „Waddenhaven Texel“ bei Oudeschild verholt, den Dieseltank vollgemacht, Vorräte aufgefüllt, Kinder auf dem Spielplatz toben lassen, nochmal vernünftig gekocht… und dann ist doch tatsächlich mit der „Zeevogel“ eine andere Allures 39.9 reingekommen (Baunummer 17). Es ist schon ein großer Zufall, wenn sich zwei Boote, von denen gerade einmal gut 30 Stück gebaut wurden, ohne Verabredung im Hafen treffen.

Damit sagen wir der Waddenzee auf Wiedersehen und peilen für das Wochenende den ersten langen Schlag unter Segeln nach England oder Frankreich an… mal sehen, wohin der Wind uns bringt.

Begrüßungsgeschenk vom Hafenmeister