Sind wir eigentlich völlig bescheuert?

Noch vor gar nicht allzu langer Zeit, da war man als Langfahrtsegler echt abgeschnitten von Familie, Freunden und Bekannten. Das hat sich grundlegend geändert. Viele Häfen, auch auf abgelegenen Inseln haben WLAN. Man kann sich eine Daten-SIM-Karte seines Gastlandes besorgen und hat WhatsApp, Skype, Threema, Facebook, Instagramm, Nachrichtenportale und vieles mehr. Selbst auf hoher See oder in der Antarktis besteht immerhin noch die Möglichkeit, über Kurzwelle oder Satellit Text-Emails zu schreiben, Wetterdaten zu empfangen oder auch zu telefonieren. Wunder der Neuzeit!

Dementsprechend stehen auch wir im Kontakt mit Familie und Freunden in Deutschland sowie auch (insbesondere) Seglern rund um die Welt, sei es über andere Blogs oder auch persönlichen Austausch. Die meisten Segler sind unserer Meinung, dass wir in der aktuellen Situation im Grund privilegiert sind. Ja, Pläne ändern sich, manch ein Vorhaben kann nicht durchgeführt werden, doch es geht uns letztlich überdurchschnittlich gut.

Das persönliche Feedback, das uns erreicht, ist auch zum absolut überwiegenden Teil ausgesprochen positiv. Manch einer verwendet sogar das Wort Bewunderung, welches unserer Meinung nach jedoch etwas zu hoch gegriffen scheint. Im Endeffekt hatten wir vor knapp 12 Jahren mal eine Idee, dann lange darauf hingearbeitet und sind nun endlich in der Umsetzung. Vielleicht abseits ausgetretener Pfade und zufälliger Weise zu einer besonderen Zeit, aber auch nicht die ersten oder gar einzigen. In jedem Fall scheinen sich fast alle mit uns darüber zu freuen, dass es endlich weiter geht… vielen Dank dafür!!!

Es gibt jedoch auch einige wenige Stimmen, die scheinen uns letztlich für völlig bescheuert zu halten. Das beginnt ja schon damit, dass wir entgegen aller Vernunft und gutem Ratschlag die Rückholaktionen nach Deutschland nicht genutzt haben. Wie konnten wir nur so blöd sein?! Ja, für manche mag der Weg Heim ins Reich richtig gewesen sein und wir hoffen, dass es ihnen und natürlich auch den zurück gelassenen Schiffen gut geht (besonders liebe Grüße an J.+S. :-).

Doch jetzt könnten wir uns der neuen Realität wirklich nicht mehr verschließen. Die einzig sinnvolle Entscheidung sei es, das Boot vollzupacken und auf direktem Weg nach Deutschland zu segeln… nach Hause! Mal abgesehen davon, dass das die Tatsache ignoriert, dass wir hier und jetzt auf unserer Samai zu Hause sind, scheinen sich diese (meist nicht segelnden) Apologeten offensichtlich nicht die Mühe des von mir sehr geschätzten Perspektivenwechsels gemacht zu haben. Mal angenommen, wir würden jetzt wirklich im kräftezehrenden Hau-Ruck-Verfahren nach Deutschland segeln…

  • Es beginnt damit, dass wir dort keinen Dauerliegeplatz haben, doch das ließe sich in der Annahme, dass die Häfen bis zu unserer (theoretischen) Ankunft wieder offen sind sicher irgendwie hinbekommen.
  • Wir haben keine Wohnung und unsere Möbel sowie sonstigen materiellen Habseligkeiten sind größtenteils eingelagert. Wo sollten wir hin? Die eigenen, betagten und damit der Risikogruppe angehörigen Eltern wären jedenfalls keine Option.
  • Wir müssten für die Kinder neue Schulen finden. Die wären neben den aktuellen Herausforderungen u.a. mit Homeschooling (das hier an Bord übrigens gar nicht mal so schlecht funktioniert!) sicher begeistert über unser Anliegen.
  • Wir müssten zeitnah zurück in den Arbeitsalltag. Das ist an sich ja nichts Schlimmes und steht uns ja irgendwann auch bevor. Allerdings würde La Skipper als Ärztin nicht nur recht schnell eine neue Stelle finden, sondern wäre da dann auch direkt an der für uns aktuell weit entfernten Infektionsfront.

Dabei handelt es sich neben vielen anderen Kleinigkeiten nur um die wesentlichen Punkte, die von manchen – unterstellen wir einmal gut meinenden – Menschen übersehen werden.

Doch woher kommt eigentlich diese feste Überzeugung, uns unbedingt zur Rückkehr bewegen zu wollen? Basiert sie auf einer ebenso fundierten, einschlägigen Informationslage, wie sie uns zur Verfügung steht? Wohl eher nicht. Da werden Berichte aus Zeitung und Fernsehen angeführt, über Kreuzfahrtschiffe und Einzelfälle. Mal angenommen, einem Redakteur werden vier Überschriften angeboten:

  • Deutscher Segler-Familie in Ushuaia geht es gut.
  • Südseesegler in letzter Sekunde vor dem Verhungern gerettet.
  • Karibik-Segler bedauern nur, nicht alle Inseln besucht haben zu können, bevor sie nun, wie zu dieser Zeit üblich, aus dem Hurrikangebiet fahren.
  • Karibik-Segler fliehen panische vor der stärksten Hurrikan-Saison aller Zeiten.

Hand aufs Herz: Welche zwei Geschichten werden gedruckt?

Anders herum lesen wir hier ja auch die Nachrichten aus Deutschland, sogar von Deutschen Medien, und finden Überschriften wie…

  • Verantwortungslose Eltern bevölkern geschlossene Spielplätze.
  • Viele Neuinfektionen nach Gottesdienst oder wahlweise Restaurantbesuch.
  • Mit den Worten Nun habt ihr es auch! hustet ein Verdächtiger Polizisten an (das sollte sich in Südamerika mal einer erlauben!).
  • Supermarktmitarbeiter werden angepöbelt, weil die auf geltende Regeln hinweisen.
  • Schlägerei um letzte Klopapierrolle.

Nochmal Hand aufs Herz: Welchen Eindruck gewinnt man alleine aus den Schlagzeilen von Deutschland? Ich würde dort jedenfalls keinen Fuß reinsetzen wollen.

Ich möchte das bitte ausdrücklich nicht als die leider modern gewordene Medienschelte im Sinne von Fake News (schrecklich!) verstanden wissen. Medien haben neben ihrem Informationsauftrag ebenso ihre Zielgruppen und müssen ihre Euro reinbringen. Daher sollte man sich doch bitte nicht ausschließlich und unreflektiert auf die Schlagzeilen verlassen.

Schließlich noch eine ganz persönliche Einschätzung zu einer anderen, heutzutage oft zu lesenden Schlagzeile: Es wird nie so sein, wie früher!. Das zielt nicht zuletzt auf die Reisen der Zukunft ab.

Ja, die aktuelle Situation ist trotz Spanischer Grippe (die eigentlich aus den USA kam), Pest und Cholera so noch nicht da gewesen. Ja, aktuell ist das Leben fast aller Menschen nicht mehr so, wie es war. Und ja, viele glauben, dass es nie wieder so werden könne, wie in der guten alten Zeit. Doch ganz ehrlich: Mein Vertrauen in das kollektive Langzeitgedächtnis der Menschheit ist bei weitem nicht so gefestigt, als dass ich diese Ansicht teilen könnte. Irgendwann wird es einen Impfstoff geben, irgendwann wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben, irgendwann verblasst die Erinnerung und so werden die Menschen, die es sich leisten können und wollen sich auch irgendwann (wohl eher früher als später) wieder auf die Kreuzfahrtschiffe, Fernflieger und Urlaubsressorts stürzen. Und diese Nachfrage wird ihr Angebot finden. Auch die jetzt geschlossenen Urlaubsziele werden natürlich wieder öffnen, ironischer Weise macht ja gerade Italien demnächst den Anfang. Tourismus ist ein zu gewaltiger Wirtschaftsfaktor, für manche Länder gar überlebenswichtig, als dass hier nicht alles auf einen Weg zurück zur Normalität weisen würde.

Ja, ich kann natürlich falsch damit liegen. Doch wenn man bedenkt, dass sogar nach den katastrophalen Ereignissen des letzten Jahrhunderts und der damit einhergehenden, intensiven Erinnerungskultur inzwischen Rechtspopulisten weltweit im Aufwind sind, kann ich persönlich ein solch unerschütterliches Vertrauen in die kollektive Rationalität der Menschheit nicht teilen.

So, das war jetzt mal was ganz anderes auf diesem Blog und ich danke jedem, der es bis hierher geschafft hat durchzuhalten. Wie gesagt sind es persönliche Wahrnehmungen, Gedanken und Einschätzungen, die ausdrücklich keinen Anspruch auf vollständige Information, letzte Wahrheit, oder gar umfassende Weisheit erheben. Jedoch helfen sie dem aufgeschlossenen(!) Leser vielleicht ein wenig dabei, eventuell vorhandene Zweifel und Fragen über unser Handeln in dieser Situation besser zu verstehen. In diesem Sinne alles Gute und natürlich Gesundheit!

P.S. Dieser Eintrag wurde per Satellit eingestellt und beinhaltet daher keine Bilder. Auch Kommentare können wir erst wieder lesen, beantworten bzw. auch nur die zur Veröffentlichung notwendige Genehmigung erteilen, wenn mal wieder Internetzugang besteht ( das soll jedoch bitte niemanden vom Schreiben abhalten ;-).

Notizen zur IAATO

Die IAATO hat sich den Schutz der Antarktis auf die Fahnen geschrieben. Ein löbliches und uneingeschränkt zu unterstützendes Anliegen. Es werden diverse Guidelines und Verhaltensregeln erstellt, aktuell gehalten und jedem Interessierten unter anderen in einer App zur Verfügung gestellt. Darin finden sich nicht nur Empfehlungen zu allgemeinen Themen wie rücksichtsvolles Verhalten bei Landgängen oder Abstand bei Tierbeobachtung. Für fast alle potenziellen Anlandeplätze gibt es Site Guidelines mit detaillierten Information, aber auch Vorschriften beispielsweise für Kreuzfahrtschiffe. So darf grundsätzlich nicht mehr als eines gleichzeitig vor Ort sein. In Funksprüchen wird in diesem Zusammenhang dann gerne erwähnt, dass der Platz „gebucht“ worden sei.

Ach ja, wofür steht IAATO eigentlich?

„International Association of Antarctica Tour Operators“

Moment mal, das sind dann also im Wesentlichen die Anbieter von Antarktis-Kreuzfahrten, die sich hier ihre eigenen Regeln geben?! Und vor Ort spielen sich manche dann auch noch wie die Herren der Antarktis auf…

Beim Einlaufen in Enterprise Island wurden wir von dem davor liegenden Kreuzfahrer angefunkt. Angeblich sprach der Kapitän höchstpersönlich zu uns. Wow, das musste ja wichtig sein. Bei der IAATO versuche man sich gegenseitig nicht zu stören. Sie würden Ihre „Operations“ (also touristenbeladene Zodiacs, Kajaks etc.) in 1 ½ Stunden beendet haben. So lange sollen wir doch bitte davon absehen, am Wrack festzumachen und uns irgendwo weit weg rumtreiben (oder am Besten verschwinden). Na das ist doch mal eine Ansage! Der Skipper einer gerade ankernden Kojencharteryacht meinte daraufhin nur: „Lass Dich von der IAATO nicht vertreiben. Die haben Dir nichts zu sagen!“ Und das stimmt auch. Weder bin ich Mitglied, noch gem. ihrer eigenen Definition überhaupt ein „Schiff“ im Sinne der Site Guidelines. Folglich ist es mir im Grunde gar nicht möglich, zu stören.

Operations!!!

Auf dem Weg zum Wrack dann die Ansprache vom mit Zodiac herangeeilten Expeditionsleiter. Ob wir denn auch alle aktuellen IAATO-Richtlinien dabei hätten. Er müsse uns das fragen. Ja, wir haben die App mit allen aktuellen Infos natürlich dabei. Aber warum nur muss er uns das fragen und was geht es ihn eigentlich an? Ach ja, eine Site Guideline zu Enterprise Island habe ich bis heute übrigens nicht gefunden, aber vielleicht habe ich ja auch nur nicht intensiv genug gesucht.

Touri-Tauchen an einem angeblich nicht sicheren Wrack

Kaum am Wrack angelegt, wir waren noch dabei die Leinen zu sortieren, lag dann ein weiteres Zodiac hinter uns und bat um einen Plausch. Von Landsmann zu Landsmann. Ob wir denn wirklich am Wrack liegen wollen. Natürlich frage er das nur zu unserer Sicherheit, der Status der Governoren sei nicht bekannt, und das sei damit doch sehr gefährlich für uns. Viel sicherer ist es doch gegenüber am Felsen festzumachen. Also dort, wo jederzeit Eis oder Stein von oben auf unser Schiff fallen kann. Da habe ich dann doch ein etwas anderes Verständnis von Sicherheit. Zumal in allen einschlägigen Segelführern der Liegeplatz längsseits am Wrack empfohlen wird. Wir blieben natürlich wo wir waren.

Nochmal: DAS WRACK IST DOCH NICHT SICHER!!!

Wenn ich mich richtig erinnere, war das die „Scenic Eclipse“ (in ihrer ersten Antarktis-Saison!). Es war jedenfalls eben dieser Kreuzfahrer, der bei den Melchior Islands die gleiche Show mit einem anderen, gerade einfahrenden Segelboot abzog. Großzügig erklärte sie schließlich, dass es für sie in Ordnung sei, wenn der Segler (wie geplant) die hiesige Station besuche. Allerdings solle er sich doch bitte etwas „verstecken“, also nicht in der für Segler üblichen geschützten Bucht vor der Station, sondern in dem offenen Melchior Harbour dahinter bleiben.

Mit welcher Berechtigung maßt sich dieser Kreuzfahrer solch ein unseemännisches Verhalten an? Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn dann das Argument vorgebracht wird, sich „nicht stören“ zu wollen, während man am Himmel Hubschrauber-Rundflüge veranstaltet und die eigenen Zodiacs mit knapp 15kn Vollgas vor uns durch den engen Kanal (oder wie ein anderes mal passiert dicht neben unserem Dinghy vorbei) rasen… „Sog und Wellenschlag vermeiden“ gilt offensichtlich nicht für die IAATO.

Rush Hour bei Petermann Island

Insgesamt drängt sich der Verdacht auf, dass es der IAATO doch eher um andere Dinge als den Schutz dieses einmaligen Naturraumes geht. Vielmehr möchte man wohl seiner kräftig zahlenden Kundschaft die Illusion (und nichts anderes ist es leider) einer exklusiven, einsamen Kreuzfahrt in unberührter Natur geben. Dazu passt auch die aufgeschnappte Äußerung eines Expeditionsleiters, dass „wir [Kreuzfahrtschiffe] sehr von der IAATO profitieren“. Und das soll natürlich auch noch ein paar Jahre so bleiben. Da stören diese kleinen, renitenten Segler nur. Dass wir für ihre Kundschaft ein bevorzugtes Fotomotiv abgeben, wird geflissentlich ignoriert.

Yalour Island

Zumindest die Antarktische Halbinsel ist inzwischen alles andere als unberührt. An vielen Orten dürfen sich pro Tag bis zu drei Kreuzfahrer „einbuchen“ und jeweils bis zu 100 ihrer maximal 500 Passagiere gleichzeitig anlanden.

Maximal 100 Passagiere auf Danco Island

Wohlgemerkt können nacheinander durchaus alle an Land kommen und vollbeladene Beiboote auf dem Wasser zählen ja auch nicht mit. Entsprechend geschäftig geht es zu. Das ankommende Schiff ist noch in Fahrt, da gehen schon die Zodiacs zu Wasser und düsen kurz danach mit jeweils 10 Passagieren und einem Guide umher. Zweifelsfrei immer im Einklang mit den selbst gegeben Regeln. Darin findet sich natürlich nichts zum Thema „Unter-Wasser-Lärm“.

Der vorgeschriebene Sicherheitsabstand bei der Beobachtung von Robben beträgt 5m…
und natürlich darf man Tiere grundsätzlich nicht einkreisen.

Auch Empfehlungen und Vorschriften der IAATO zur Luftreinhaltung finden sich aus naheliegenden Gründen nicht.

Abfahrt von Cuverville Island

Dagegen gibt es durchaus „Leitlinien zur Minimierung des Einflusses von Licht“, deren Beachtung auch uns zur Auflage gemacht wurde. Mithin haben wir bei Dunkelheit unsere Fenster abzudunkeln, um Vögel und andere Tiere nicht zu irritieren. Kreuzfahrer handhaben dieses Thema naturgemäß etwas lockerer.

Im Gespräch mit Skippern von Charteryachten oder auch schon im Yachtclub von Ushuaia wird sehr schnell klar, dass das Ansehen der IAATO bei diesen vor Ort lebenden und arbeitenden Menschen nicht sehr hoch angesiedelt ist. Sinngemäße Zitate:

  • „Sobald die bei uns in der Bucht von Ushuaia liegen vergessen sie, dass sie Naturschützer sind und lassen ihr Bilgenwasser und anderes Zeug ein.“
  • „Die spielen sich hier unten als große Bestimmer auf, haben aber im Grunde nichts zu sagen.“
  • „Was die verlangen steht nicht im Antarktisvertrag.“
  • „Selbst wenn wir [Segler] nicht gegen die Regeln verstoßen, melden die uns wegen jeder Kleinigkeit… wir haben diese Möglichkeit leider nicht.“
  • „Ich habe absolut keinen Respekt vor der IAATO!“

Bitte nicht falsch verstehen. Ich bin uneingeschränkter Befürworter des Schutzes der Antarktis. Allerdings sehe ich die Verantwortung dafür weniger bei Parteien mit primär monetärem Interesse, die Ihre eigenen Regeln gegebenenfalls auch mal einer steigenden Nachfrage anpassen könnten. Ich bevorzuge eine neutrale, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen entscheidenden Stelle. Erst dann wird wirklich der Schutz im Vordergrund stehen! Und das sollte letztlich unser Ziel sein!!!

Sarah W. Vorwerk

Die Sarah W. Vorwerk ist eine rote Skorpion IV, deren Skipper Henk seit nunmehr fast 30 Jahren Kojenchartertörns von Ushuaia aus anbietet. Zweimal im Jahr geht es in die Antarktis. Und vor sage und schreibe 12 Jahren, Samuel war nur ein paar Monate alt und Maila noch lange nicht geboren, war der heutige Skipper der Samai als Gast auf diesem 16m-Stahlschiff im ewigen Eis. Damals reifte der Gedanke, wieder zu kommen… mit der Familie und mit dem eigenen Boot. Ebenso entstand damals die Idee, die von La Skipper nach Ihrer Bundeswehrzeit ohnehin geplante Auszeit als 3-jährige Weltumseglung zu gestaltet. Seitdem arbeiteten wir darauf hin und nun sind wir unterwegs.

Gästegalerie in der urkrainischen Vernadsky Station

Und hier und jetzt in der Antarktis schließt sich der Kreis. Nach einem kurzen Plausch mit Henk sowie dem Austausch der Kurzwellen-E-Mail-Adressen in Ushuaia ist die Sarah nur wenige Tage nach uns auf Ihre zweite Antarktisfahrt des Jahres aufgebrochen. Schon auf der Drake-Passage blieben wir über E-Mail in Kontakt und es war nur eine Frage der Zeit, bis wir uns hier unten wieder sehen würden. In Deception Island war es dann soweit, ein erster Plausch in der Messe der Sarah, das persönliche Kennenlernen des erfahrenen Eis-Skippers mit dem Rest meiner Familie. Es war wirklich schön.

Sarah W. Vorwerk und Samai in Whalers Bay

Auch in den nächsten Tagen blieben wir in Kontakt, Henk versorgte uns mit wertvollen Tipps für Unterwegs und mit sicheren Ankerplätze. Und auch die (zahlenden) Mitreisenden auf der Sarah waren augenscheinlich nicht davon genervt, dass dieses Deutsche Familienboot immer wieder bei Ihnen auftauchte. Ich hatte ehrlich gesagt ja schon ein schlechtes Gewissen.

Sarah W. Vorwerk bei Cuverville Island

Es gipfelte in einem gemeinsamen Grillabend auf der ankernden Sarah (wir lagen längsseits!), mit sehr netten Gesprächen, viel positiver Energie und natürlich super leckerem Essen. Und dann öffneten sich in der dunkelsten Stunde der Nacht bei Böen über 40kn unsere Vorsegel im mittleren Bereich. Selbstredend war so etwas vorher noch nie passiert, so eine Episode spart man sich für die Antarktis auf. Fock und Vorstag schlugen wild umher, das Segel musste schleunigst runter. Alleine wäre so etwas vor Anker vergebene Liebesmühe, wir hätten rausfahren und das Ganze irgendwie in Fahrt regeln müssen. So aber kamen helfende Hände von der Sarah. Ob Segler oder nicht, jeder Mann (und die segelnde Köchin!) packten mit an… Danke, Danke, Danke!!!

Danach trennten sich unsere Wege, wir hatten etwas mehr Zeit als sie und wollten weiter nach Süden, die Sarah blieb nördlich. Doch der Kontakt brach nicht ab und wir hoffen (jetzt, da ich das schreibe sind wir noch im Eis), dass das geplante Treffen in Ushuaia nach unserer Rückkehr klappt… und vielleicht auch danach der Kontakt zu Henk nicht wieder ganz abbricht.

Und der Sarah W. Vorwerk natürlich immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel!

Nachtrag aus Ushuaia: Natürlich haben wir uns hier mehrmals wieder gesehen und den Höhepunkt bildete erneut ein Grillabend, dieses Mal jedoch bei Henk und seiner Familie zu Hause.

Vorurteile

Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch Vorurteile hat. Und jene Menschen, die dieses von sich weisen, haben meines Erachtens das größte Vorurteil über sich selbst.

Vorurteile an sich sind ja auch nicht schlimm, sondern bezeichnen völlig wertfrei die Tatsache, dass wir uns insbesondere über andere Menschen eine Meinung bilden, ohne dass diese auf einer ausreichenden Faktengrundlage basieren würde. Evolutionstechnisch ist das ja auch eine unheimlich hilfreiche Sache. Vorurteile helfen uns, eine immer komplexer werdende Welt überhaupt auch nur verarbeiten zu können. Problematisch wird es immer nur dann, wenn falsche Vorurteile missbraucht werden. Sie müssen stets hinterfragbar bleiben!

Auch ich hatte ein Vorurteil über Menschen, die auf individuellen Pfaden die Welt bereisen. Sei es nun wie wir mit einem Segelboot oder auch mit Wohnmobil, Fahrrad, per Flugzeug oder gar zu Fuß. (Lediglich Um-die-Welt-Kreuzfahrer nehme ich hier aus, aber auch das mag natürlich ein Vorurteil sein ;-). Solche Menschen, so dachte ich, sind neugierig, offenen für andere Menschen, Tolerant gegenüber anderen Sicht- und Herangehensweisen.

Dann kamen wir aus der Antarktis zurück und ich las auf unserer Webseite die Kommentare eben solcher, von mir in beschriebener Weise vorurteilsbehafteter Menschen. Ich fasse mal kurz zusammen, was da im Wesentlichen bei uns ankam:

Wir betreiben – so würden das zumindest „Physiologen“ (sic!) nennen – „verherrlichte Selbstdarstellung“, bzw. sei das „noch untertrieben“.

Hierzu ist zweierlei festzustellen. Erstens schreiben wir den Blog nicht für die Welt, sondern in erster Linie für die Familie, Freunde und Bekannte zu Hause, die gerne an unserer Reise teilhaben möchten. Und wir schreiben ihn für uns selbst. Der Mensch vergisst so viel und so schnell… da werden wir uns sicherlich freuen, diese im Moment entstandenen Zeilen auch später noch lesen zu können. Zweitens ist unser Blog (zumindest in Eigenwahrnehmung) doch um einiges entfernt von der heilen Welt anderer Segler-Blogs, über die wir bei allem Interesse auch hin und wieder den Kopf schütteln.

Wir lernen die Welt und „die eigentlichen Sehenswürdigkeiten“ nicht kennen, weil wir nur an der Küste sind. Dafür „muss [man] tief in das Land fahren“.

Wir haben nie behauptet, die Welt in allen ihren Facetten kennen zu lernen oder gar alle „eigentlichen Sehenswürdigkeiten“ (was ist das eigentlich?) zu sehen. Wir schreiben unsere persönlichen Eindrücke wohl wissend, dass sie genau das sind… persönliche Momentaufnahmen einer Welt, die ein einzelner Mensch ohnehin nicht voll erfassen kann.

Wir vernachlässigen (bzw. überspitzt gesagt misshandeln) unsere Kinder: „Was ist eigentlich mit der Schule, Zahnarzt, genügend Bewegung für die Kinder auf dem Schiff, Vorsorgeuntersuchungen und vieles mehr.“

Das ist schon hart…also wirklich. Ich liebe auf der Welt nichts so sehr wie meine Kinder (sic!). Wäre ich nicht davon überzeugt, dass sie von dieser Reise in so vieler Hinsicht profitieren, wie ich es hier gar nicht beschreiben kann, dann wären wir nicht hier. Und ja, natürlich machen wir hier Schule und ja, natürlich toben die Kinder rum… an Bord, an Land und im Wasser.

„Die Beiträge werden ja zensiert“ bzw, „der Verfasser will erst sein ok geben, also Zensur“. Dafür spreche natürlich auch, dass es bei uns wenig Kommentare gibt… „werden wohl alle nicht genehmigt, grins“.

Das ist zugegebener Maßen mein Favorit. Nur weil ein Kommentar nicht in Tagesfrist freigegeben wird, schwingt man gleich die Zensurkeule. Auf die Idee, dass ich einen Kommentar nicht freigeben WILL, sondern bei WordPress freigeben MUSS kommt man nicht, Die Idee, dass es auf See oder gar in der Antarktis mit dem Handynetz manchmal etwas schwierig ist und Pinguine keine Hotspots betreiben ist ebenso abwegig. Stattdessen: Zensur!!!

Nochmal: Ich gebe jeden Kommentar frei, der nicht ausdrücklich privat ist. Ach ja, warum haben wir eigentlich so wenige Kommentare? Nun, das könnte eventuell mit der Zielgruppe unseres Blogs zu tun haben. Wir haben wenige Leser (an guten Tagen sind es vielleicht mal 30) und noch weit weniger Follower. Und das ist auch völlig in Ordnung für uns! Durchaus vorhandene Kommentare werden anscheinend bevorzugt über WhatsApp oder persönliche Email abgegeben.

Vorurteile… ja, ich denke jeder hat sie und jeder sollte sie ständig hinterfragen. Aber ich war in meinem Leben noch nie so traurig und enttäuscht darüber, dass sich eines meiner Vorurteile als derartig falsch erwiesen hat. Ich tröste mich damit, dass es vielleicht doch nur eine Ausnahme ist und die überwiegende Mehrheit meiner (Wunsch-?!) Vorstellung entspricht.

Unabhängig davon wünsche ich jedem auf dem Weg um, in und durch die Welt, wie auch immer dieser gegangen wird, eindrucksvolle Erlebnisse, ein offenes Herz und wenig Gift in der Tastatur.

P. S. Gerade auch zu diesem Beitrag sind Kommentare natürlich erwünscht und willkommen und werden (so nicht ausdrücklich widersprochen) selbstverständlich freigegeben.

Muss das wirklich sein, Aquamarijn?

Der Segler an sich… so begann lange Jahre eine lesenswerte Zeitschriftenkolumne, ja dieser Segler hält sich selbst meist für ein soziales Wesen. Auf dem Wasser wird gegrüßt, beim Anlegen gerne geholfen und am Steg kommt man schnell ins Gespräch. Und natürlich wird Rücksicht genommen… also meistens. Jedenfalls ist es kein Problem, sich auf – unter Seglern ohnehin freundliche – Nachfrage bei Bedarf zu verholen, damit noch ein anderes Boot an den Steg passt. Es geht aber auch anders. Ich komme gerade vom Hafenmeister zurück und sehe, dass der Segler, welcher schon vor meinem Abmarsch sehr dicht aber wortlos an uns vorbeigefahren war, nun doch hinter uns festgemacht hat. Sein Anker hängt keinen halben Meter von unserem am Davit hängenden Schlauchboot entfernt. Nicht schön, aber da kommt auch schon der andere Skipper… wahrscheinlich mit der oben genannten Frage und dem Angebot, uns beim Verholen nach vorne zu helfen. „Hi, das passt schon. Wir können nicht weiter nach hinten aber das passt schon.“

Nun ja, das hatte ich schon auf den ersten kurzen Blick nicht geglaubt. Als dann der Schwell einer einfahrenden Fähre für Bewegung sorgte, wurde sogar sein Blick skeptisch. Und jetzt? Er fängt an darüber zu philosophieren, wie voll und eng es im Oktober in Las Palmas sei. Ist irgendwie am Thema vorbei und interessiert in diesem Moment auch nicht wirklich. Ich habe Angst um unser Dinghy und verleihe dieser Sorge zugegebenermaßen fäkalsprachlich deutlich Ausdruck. Er ist dagegen anscheinend immer noch der Überzeugung, dass das alles schon seine Richtigkeit hat. Natürlich haben wir uns dann verholt. Da bin ich von ganz alleine drauf gekommen. Und natürlich hat der andere Skipper trotz dankender Ablehnung meinerseits unsere Mittelleine mitgeführt… und sich dabei bewogen gefühlt, unserer am Bug arbeitenden La Skipper auch noch – zumindest aus seiner Sicht – gute Ratschläge zur Leinenarbeit zu geben. Nun ja, auf ein Bierchen im Cockpit werden wir uns in diesem Leben sicher nicht mehr treffen. Aber es kommt ja noch besser!

Jeder Mensch ist Ausländer… fast überall. Das gilt in besonderem Maße für uns Segler auf großer Fahrt. Wir sind Gast und sollten uns dann zumindest auch so benehmen, wie wir es von Gästen bei uns erwarten würden. Vielleicht war es ja auf dem anderen Segelboot einfach nur nicht bekannt, dass das Angeln in diesem Hafen inmitten eines Naturschutzgebietes nicht erlaubt ist. Das sollte sich aber spätestens dann geändert haben, als der Kapitän einer einfahrenden Fähre den eifrigen Angler auf eben diesen Umstand hinwies. Dieser Hinweis wurde wortlos zur Kenntnis genommen, der Inhalt aber spätestens jetzt verstanden. Umgehend wurden die zwei Angeln unter Deck geräumt. Das war gerade rechtzeitig, bevor der Security-Mitarbeiter des Hafens vorbei kam, um noch einmal persönlich zu informieren. Als Antwort erhielt er ein frei erfundenes Gespräch zwischen Angler und Fährkapitän. Nicht schön, aber wenn man sich so besser fühlt… doch die richtige Show kam ja erst noch. Mit einer gänzlich anderen „Big-Game-Fishing“-Angel kam der andere Skipper plötzlich an Deck und schrie (sic!) der sich schon wieder auf dem Rückweg befindlichen Security hinterher, dass er hier im Leben nicht geangelt, sondern nur die Leinen dieser grandiosen, für einen Hafen ohnehin völlig ungeeigneten Angel gereinigt habe. Zur Verdeutlichung rannte er immer noch lautstark lamentierend auf dem Steg hinterher. Solche Gäste kann man sich doch nur wünschen, nicht wahr?

Das Schauspiel wiederholte sich am nächsten Tag sogar noch, als ein anderer, anscheinend höher gestellter Security-Mitarbeiter vorbeikam. Zwar bestimmt, dabei aber ganz ruhig und freundlich erklärte er, das Angeln selbst beobachtet zu haben. Das sei verboten, habe aber jetzt keine Konsequenzen. Allerdings solle es ab jetzt bitte nicht nochmal passieren, sonst müsse eine Strafe verhängt werden. Und dann das unglaubliche Déjà-vu. Erneut sprang der Ermahnte laut schreiend der sich schon entfernenden Security auf dem Steg hinterher und log, dass sie die Balken bogen. Meine Bewunderung gilt seinem Gegenüber. Ich weiß nicht, ob ich an seiner Stelle so ruhig geblieben wäre. Zum Abschluss versuchte der andere Skipper dann noch beginnend mit „Das ist doch wirklich unglaublich…“ bei uns Bestätigung zu finden. Leider vergeblich. Er verließ uns mit einem mir glücklicherweise unverständlichen Kommentar.

Und die Moral von der Geschichte? Der Segler an sich ist auch nur ein Mensch. Diesen gibt es in vielen Versionen und auch wenn man mit den meisten segelnden Vertretern dieser Spezies auf Anhieb gut klar kommt, so geben doch andere triftigen Grund zum Fremdschämen. In den seltenen Momenten, an denen ich beginne ob der äußeren Umstände innerlich zu verzweifeln, rufe ich mir Situationen wie die hier auf La Graciosa erlebte in Erinnerung. Als abschreckendes Beispiel. Möge niemals jemand Grund oder auch nur wagen Anlass haben, sich meiner derartig zu schämen! Das muss wirklich nicht sein.