Notizen zur IAATO

Die IAATO hat sich den Schutz der Antarktis auf die Fahnen geschrieben. Ein löbliches und uneingeschränkt zu unterstützendes Anliegen. Es werden diverse Guidelines und Verhaltensregeln erstellt, aktuell gehalten und jedem Interessierten unter anderen in einer App zur Verfügung gestellt. Darin finden sich nicht nur Empfehlungen zu allgemeinen Themen wie rücksichtsvolles Verhalten bei Landgängen oder Abstand bei Tierbeobachtung. Für fast alle potenziellen Anlandeplätze gibt es Site Guidelines mit detaillierten Information, aber auch Vorschriften beispielsweise für Kreuzfahrtschiffe. So darf grundsätzlich nicht mehr als eines gleichzeitig vor Ort sein. In Funksprüchen wird in diesem Zusammenhang dann gerne erwähnt, dass der Platz „gebucht“ worden sei.

Ach ja, wofür steht IAATO eigentlich?

„International Association of Antarctica Tour Operators“

Moment mal, das sind dann also im Wesentlichen die Anbieter von Antarktis-Kreuzfahrten, die sich hier ihre eigenen Regeln geben?! Und vor Ort spielen sich manche dann auch noch wie die Herren der Antarktis auf…

Beim Einlaufen in Enterprise Island wurden wir von dem davor liegenden Kreuzfahrer angefunkt. Angeblich sprach der Kapitän höchstpersönlich zu uns. Wow, das musste ja wichtig sein. Bei der IAATO versuche man sich gegenseitig nicht zu stören. Sie würden Ihre „Operations“ (also touristenbeladene Zodiacs, Kajaks etc.) in 1 ½ Stunden beendet haben. So lange sollen wir doch bitte davon absehen, am Wrack festzumachen und uns irgendwo weit weg rumtreiben (oder am Besten verschwinden). Na das ist doch mal eine Ansage! Der Skipper einer gerade ankernden Kojencharteryacht meinte daraufhin nur: „Lass Dich von der IAATO nicht vertreiben. Die haben Dir nichts zu sagen!“ Und das stimmt auch. Weder bin ich Mitglied, noch gem. ihrer eigenen Definition überhaupt ein „Schiff“ im Sinne der Site Guidelines. Folglich ist es mir im Grunde gar nicht möglich, zu stören.

Operations!!!

Auf dem Weg zum Wrack dann die Ansprache vom mit Zodiac herangeeilten Expeditionsleiter. Ob wir denn auch alle aktuellen IAATO-Richtlinien dabei hätten. Er müsse uns das fragen. Ja, wir haben die App mit allen aktuellen Infos natürlich dabei. Aber warum nur muss er uns das fragen und was geht es ihn eigentlich an? Ach ja, eine Site Guideline zu Enterprise Island habe ich bis heute übrigens nicht gefunden, aber vielleicht habe ich ja auch nur nicht intensiv genug gesucht.

Touri-Tauchen an einem angeblich nicht sicheren Wrack

Kaum am Wrack angelegt, wir waren noch dabei die Leinen zu sortieren, lag dann ein weiteres Zodiac hinter uns und bat um einen Plausch. Von Landsmann zu Landsmann. Ob wir denn wirklich am Wrack liegen wollen. Natürlich frage er das nur zu unserer Sicherheit, der Status der Governoren sei nicht bekannt, und das sei damit doch sehr gefährlich für uns. Viel sicherer ist es doch gegenüber am Felsen festzumachen. Also dort, wo jederzeit Eis oder Stein von oben auf unser Schiff fallen kann. Da habe ich dann doch ein etwas anderes Verständnis von Sicherheit. Zumal in allen einschlägigen Segelführern der Liegeplatz längsseits am Wrack empfohlen wird. Wir blieben natürlich wo wir waren.

Nochmal: DAS WRACK IST DOCH NICHT SICHER!!!

Wenn ich mich richtig erinnere, war das die „Scenic Eclipse“ (in ihrer ersten Antarktis-Saison!). Es war jedenfalls eben dieser Kreuzfahrer, der bei den Melchior Islands die gleiche Show mit einem anderen, gerade einfahrenden Segelboot abzog. Großzügig erklärte sie schließlich, dass es für sie in Ordnung sei, wenn der Segler (wie geplant) die hiesige Station besuche. Allerdings solle er sich doch bitte etwas „verstecken“, also nicht in der für Segler üblichen geschützten Bucht vor der Station, sondern in dem offenen Melchior Harbour dahinter bleiben.

Mit welcher Berechtigung maßt sich dieser Kreuzfahrer solch ein unseemännisches Verhalten an? Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn dann das Argument vorgebracht wird, sich „nicht stören“ zu wollen, während man am Himmel Hubschrauber-Rundflüge veranstaltet und die eigenen Zodiacs mit knapp 15kn Vollgas vor uns durch den engen Kanal (oder wie ein anderes mal passiert dicht neben unserem Dinghy vorbei) rasen… „Sog und Wellenschlag vermeiden“ gilt offensichtlich nicht für die IAATO.

Rush Hour bei Petermann Island

Insgesamt drängt sich der Verdacht auf, dass es der IAATO doch eher um andere Dinge als den Schutz dieses einmaligen Naturraumes geht. Vielmehr möchte man wohl seiner kräftig zahlenden Kundschaft die Illusion (und nichts anderes ist es leider) einer exklusiven, einsamen Kreuzfahrt in unberührter Natur geben. Dazu passt auch die aufgeschnappte Äußerung eines Expeditionsleiters, dass „wir [Kreuzfahrtschiffe] sehr von der IAATO profitieren“. Und das soll natürlich auch noch ein paar Jahre so bleiben. Da stören diese kleinen, renitenten Segler nur. Dass wir für ihre Kundschaft ein bevorzugtes Fotomotiv abgeben, wird geflissentlich ignoriert.

Yalour Island

Zumindest die Antarktische Halbinsel ist inzwischen alles andere als unberührt. An vielen Orten dürfen sich pro Tag bis zu drei Kreuzfahrer „einbuchen“ und jeweils bis zu 100 ihrer maximal 500 Passagiere gleichzeitig anlanden.

Maximal 100 Passagiere auf Danco Island

Wohlgemerkt können nacheinander durchaus alle an Land kommen und vollbeladene Beiboote auf dem Wasser zählen ja auch nicht mit. Entsprechend geschäftig geht es zu. Das ankommende Schiff ist noch in Fahrt, da gehen schon die Zodiacs zu Wasser und düsen kurz danach mit jeweils 10 Passagieren und einem Guide umher. Zweifelsfrei immer im Einklang mit den selbst gegeben Regeln. Darin findet sich natürlich nichts zum Thema „Unter-Wasser-Lärm“.

Der vorgeschriebene Sicherheitsabstand bei der Beobachtung von Robben beträgt 5m…
und natürlich darf man Tiere grundsätzlich nicht einkreisen.

Auch Empfehlungen und Vorschriften der IAATO zur Luftreinhaltung finden sich aus naheliegenden Gründen nicht.

Abfahrt von Cuverville Island

Dagegen gibt es durchaus „Leitlinien zur Minimierung des Einflusses von Licht“, deren Beachtung auch uns zur Auflage gemacht wurde. Mithin haben wir bei Dunkelheit unsere Fenster abzudunkeln, um Vögel und andere Tiere nicht zu irritieren. Kreuzfahrer handhaben dieses Thema naturgemäß etwas lockerer.

Im Gespräch mit Skippern von Charteryachten oder auch schon im Yachtclub von Ushuaia wird sehr schnell klar, dass das Ansehen der IAATO bei diesen vor Ort lebenden und arbeitenden Menschen nicht sehr hoch angesiedelt ist. Sinngemäße Zitate:

  • „Sobald die bei uns in der Bucht von Ushuaia liegen vergessen sie, dass sie Naturschützer sind und lassen ihr Bilgenwasser und anderes Zeug ein.“
  • „Die spielen sich hier unten als große Bestimmer auf, haben aber im Grunde nichts zu sagen.“
  • „Was die verlangen steht nicht im Antarktisvertrag.“
  • „Selbst wenn wir [Segler] nicht gegen die Regeln verstoßen, melden die uns wegen jeder Kleinigkeit… wir haben diese Möglichkeit leider nicht.“
  • „Ich habe absolut keinen Respekt vor der IAATO!“

Bitte nicht falsch verstehen. Ich bin uneingeschränkter Befürworter des Schutzes der Antarktis. Allerdings sehe ich die Verantwortung dafür weniger bei Parteien mit primär monetärem Interesse, die Ihre eigenen Regeln gegebenenfalls auch mal einer steigenden Nachfrage anpassen könnten. Ich bevorzuge eine neutrale, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen entscheidenden Stelle. Erst dann wird wirklich der Schutz im Vordergrund stehen! Und das sollte letztlich unser Ziel sein!!!

Sarah W. Vorwerk

Die Sarah W. Vorwerk ist eine rote Skorpion IV, deren Skipper Henk seit nunmehr fast 30 Jahren Kojenchartertörns von Ushuaia aus anbietet. Zweimal im Jahr geht es in die Antarktis. Und vor sage und schreibe 12 Jahren, Samuel war nur ein paar Monate alt und Maila noch lange nicht geboren, war der heutige Skipper der Samai als Gast auf diesem 16m-Stahlschiff im ewigen Eis. Damals reifte der Gedanke, wieder zu kommen… mit der Familie und mit dem eigenen Boot. Ebenso entstand damals die Idee, die von La Skipper nach Ihrer Bundeswehrzeit ohnehin geplante Auszeit als 3-jährige Weltumseglung zu gestaltet. Seitdem arbeiteten wir darauf hin und nun sind wir unterwegs.

Gästegalerie in der urkrainischen Vernadsky Station

Und hier und jetzt in der Antarktis schließt sich der Kreis. Nach einem kurzen Plausch mit Henk sowie dem Austausch der Kurzwellen-E-Mail-Adressen in Ushuaia ist die Sarah nur wenige Tage nach uns auf Ihre zweite Antarktisfahrt des Jahres aufgebrochen. Schon auf der Drake-Passage blieben wir über E-Mail in Kontakt und es war nur eine Frage der Zeit, bis wir uns hier unten wieder sehen würden. In Deception Island war es dann soweit, ein erster Plausch in der Messe der Sarah, das persönliche Kennenlernen des erfahrenen Eis-Skippers mit dem Rest meiner Familie. Es war wirklich schön.

Sarah W. Vorwerk und Samai in Whalers Bay

Auch in den nächsten Tagen blieben wir in Kontakt, Henk versorgte uns mit wertvollen Tipps für Unterwegs und mit sicheren Ankerplätze. Und auch die (zahlenden) Mitreisenden auf der Sarah waren augenscheinlich nicht davon genervt, dass dieses Deutsche Familienboot immer wieder bei Ihnen auftauchte. Ich hatte ehrlich gesagt ja schon ein schlechtes Gewissen.

Sarah W. Vorwerk bei Cuverville Island

Es gipfelte in einem gemeinsamen Grillabend auf der ankernden Sarah (wir lagen längsseits!), mit sehr netten Gesprächen, viel positiver Energie und natürlich super leckerem Essen. Und dann öffneten sich in der dunkelsten Stunde der Nacht bei Böen über 40kn unsere Vorsegel im mittleren Bereich. Selbstredend war so etwas vorher noch nie passiert, so eine Episode spart man sich für die Antarktis auf. Fock und Vorstag schlugen wild umher, das Segel musste schleunigst runter. Alleine wäre so etwas vor Anker vergebene Liebesmühe, wir hätten rausfahren und das Ganze irgendwie in Fahrt regeln müssen. So aber kamen helfende Hände von der Sarah. Ob Segler oder nicht, jeder Mann (und die segelnde Köchin!) packten mit an… Danke, Danke, Danke!!!

Danach trennten sich unsere Wege, wir hatten etwas mehr Zeit als sie und wollten weiter nach Süden, die Sarah blieb nördlich. Doch der Kontakt brach nicht ab und wir hoffen (jetzt, da ich das schreibe sind wir noch im Eis), dass das geplante Treffen in Ushuaia nach unserer Rückkehr klappt… und vielleicht auch danach der Kontakt zu Henk nicht wieder ganz abbricht.

Und der Sarah W. Vorwerk natürlich immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel!

Nachtrag aus Ushuaia: Natürlich haben wir uns hier mehrmals wieder gesehen und den Höhepunkt bildete erneut ein Grillabend, dieses Mal jedoch bei Henk und seiner Familie zu Hause.

Vorurteile

Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch Vorurteile hat. Und jene Menschen, die dieses von sich weisen, haben meines Erachtens das größte Vorurteil über sich selbst.

Vorurteile an sich sind ja auch nicht schlimm, sondern bezeichnen völlig wertfrei die Tatsache, dass wir uns insbesondere über andere Menschen eine Meinung bilden, ohne dass diese auf einer ausreichenden Faktengrundlage basieren würde. Evolutionstechnisch ist das ja auch eine unheimlich hilfreiche Sache. Vorurteile helfen uns, eine immer komplexer werdende Welt überhaupt auch nur verarbeiten zu können. Problematisch wird es immer nur dann, wenn falsche Vorurteile missbraucht werden. Sie müssen stets hinterfragbar bleiben!

Auch ich hatte ein Vorurteil über Menschen, die auf individuellen Pfaden die Welt bereisen. Sei es nun wie wir mit einem Segelboot oder auch mit Wohnmobil, Fahrrad, per Flugzeug oder gar zu Fuß. (Lediglich Um-die-Welt-Kreuzfahrer nehme ich hier aus, aber auch das mag natürlich ein Vorurteil sein ;-). Solche Menschen, so dachte ich, sind neugierig, offenen für andere Menschen, Tolerant gegenüber anderen Sicht- und Herangehensweisen.

Dann kamen wir aus der Antarktis zurück und ich las auf unserer Webseite die Kommentare eben solcher, von mir in beschriebener Weise vorurteilsbehafteter Menschen. Ich fasse mal kurz zusammen, was da im Wesentlichen bei uns ankam:

Wir betreiben – so würden das zumindest „Physiologen“ (sic!) nennen – „verherrlichte Selbstdarstellung“, bzw. sei das „noch untertrieben“.

Hierzu ist zweierlei festzustellen. Erstens schreiben wir den Blog nicht für die Welt, sondern in erster Linie für die Familie, Freunde und Bekannte zu Hause, die gerne an unserer Reise teilhaben möchten. Und wir schreiben ihn für uns selbst. Der Mensch vergisst so viel und so schnell… da werden wir uns sicherlich freuen, diese im Moment entstandenen Zeilen auch später noch lesen zu können. Zweitens ist unser Blog (zumindest in Eigenwahrnehmung) doch um einiges entfernt von der heilen Welt anderer Segler-Blogs, über die wir bei allem Interesse auch hin und wieder den Kopf schütteln.

Wir lernen die Welt und „die eigentlichen Sehenswürdigkeiten“ nicht kennen, weil wir nur an der Küste sind. Dafür „muss [man] tief in das Land fahren“.

Wir haben nie behauptet, die Welt in allen ihren Facetten kennen zu lernen oder gar alle „eigentlichen Sehenswürdigkeiten“ (was ist das eigentlich?) zu sehen. Wir schreiben unsere persönlichen Eindrücke wohl wissend, dass sie genau das sind… persönliche Momentaufnahmen einer Welt, die ein einzelner Mensch ohnehin nicht voll erfassen kann.

Wir vernachlässigen (bzw. überspitzt gesagt misshandeln) unsere Kinder: „Was ist eigentlich mit der Schule, Zahnarzt, genügend Bewegung für die Kinder auf dem Schiff, Vorsorgeuntersuchungen und vieles mehr.“

Das ist schon hart…also wirklich. Ich liebe auf der Welt nichts so sehr wie meine Kinder (sic!). Wäre ich nicht davon überzeugt, dass sie von dieser Reise in so vieler Hinsicht profitieren, wie ich es hier gar nicht beschreiben kann, dann wären wir nicht hier. Und ja, natürlich machen wir hier Schule und ja, natürlich toben die Kinder rum… an Bord, an Land und im Wasser.

„Die Beiträge werden ja zensiert“ bzw, „der Verfasser will erst sein ok geben, also Zensur“. Dafür spreche natürlich auch, dass es bei uns wenig Kommentare gibt… „werden wohl alle nicht genehmigt, grins“.

Das ist zugegebener Maßen mein Favorit. Nur weil ein Kommentar nicht in Tagesfrist freigegeben wird, schwingt man gleich die Zensurkeule. Auf die Idee, dass ich einen Kommentar nicht freigeben WILL, sondern bei WordPress freigeben MUSS kommt man nicht, Die Idee, dass es auf See oder gar in der Antarktis mit dem Handynetz manchmal etwas schwierig ist und Pinguine keine Hotspots betreiben ist ebenso abwegig. Stattdessen: Zensur!!!

Nochmal: Ich gebe jeden Kommentar frei, der nicht ausdrücklich privat ist. Ach ja, warum haben wir eigentlich so wenige Kommentare? Nun, das könnte eventuell mit der Zielgruppe unseres Blogs zu tun haben. Wir haben wenige Leser (an guten Tagen sind es vielleicht mal 30) und noch weit weniger Follower. Und das ist auch völlig in Ordnung für uns! Durchaus vorhandene Kommentare werden anscheinend bevorzugt über WhatsApp oder persönliche Email abgegeben.

Vorurteile… ja, ich denke jeder hat sie und jeder sollte sie ständig hinterfragen. Aber ich war in meinem Leben noch nie so traurig und enttäuscht darüber, dass sich eines meiner Vorurteile als derartig falsch erwiesen hat. Ich tröste mich damit, dass es vielleicht doch nur eine Ausnahme ist und die überwiegende Mehrheit meiner (Wunsch-?!) Vorstellung entspricht.

Unabhängig davon wünsche ich jedem auf dem Weg um, in und durch die Welt, wie auch immer dieser gegangen wird, eindrucksvolle Erlebnisse, ein offenes Herz und wenig Gift in der Tastatur.

P. S. Gerade auch zu diesem Beitrag sind Kommentare natürlich erwünscht und willkommen und werden (so nicht ausdrücklich widersprochen) selbstverständlich freigegeben.

Muss das wirklich sein, Aquamarijn?

Der Segler an sich… so begann lange Jahre eine lesenswerte Zeitschriftenkolumne, ja dieser Segler hält sich selbst meist für ein soziales Wesen. Auf dem Wasser wird gegrüßt, beim Anlegen gerne geholfen und am Steg kommt man schnell ins Gespräch. Und natürlich wird Rücksicht genommen… also meistens. Jedenfalls ist es kein Problem, sich auf – unter Seglern ohnehin freundliche – Nachfrage bei Bedarf zu verholen, damit noch ein anderes Boot an den Steg passt. Es geht aber auch anders. Ich komme gerade vom Hafenmeister zurück und sehe, dass der Segler, welcher schon vor meinem Abmarsch sehr dicht aber wortlos an uns vorbeigefahren war, nun doch hinter uns festgemacht hat. Sein Anker hängt keinen halben Meter von unserem am Davit hängenden Schlauchboot entfernt. Nicht schön, aber da kommt auch schon der andere Skipper… wahrscheinlich mit der oben genannten Frage und dem Angebot, uns beim Verholen nach vorne zu helfen. „Hi, das passt schon. Wir können nicht weiter nach hinten aber das passt schon.“

Nun ja, das hatte ich schon auf den ersten kurzen Blick nicht geglaubt. Als dann der Schwell einer einfahrenden Fähre für Bewegung sorgte, wurde sogar sein Blick skeptisch. Und jetzt? Er fängt an darüber zu philosophieren, wie voll und eng es im Oktober in Las Palmas sei. Ist irgendwie am Thema vorbei und interessiert in diesem Moment auch nicht wirklich. Ich habe Angst um unser Dinghy und verleihe dieser Sorge zugegebenermaßen fäkalsprachlich deutlich Ausdruck. Er ist dagegen anscheinend immer noch der Überzeugung, dass das alles schon seine Richtigkeit hat. Natürlich haben wir uns dann verholt. Da bin ich von ganz alleine drauf gekommen. Und natürlich hat der andere Skipper trotz dankender Ablehnung meinerseits unsere Mittelleine mitgeführt… und sich dabei bewogen gefühlt, unserer am Bug arbeitenden La Skipper auch noch – zumindest aus seiner Sicht – gute Ratschläge zur Leinenarbeit zu geben. Nun ja, auf ein Bierchen im Cockpit werden wir uns in diesem Leben sicher nicht mehr treffen. Aber es kommt ja noch besser!

Jeder Mensch ist Ausländer… fast überall. Das gilt in besonderem Maße für uns Segler auf großer Fahrt. Wir sind Gast und sollten uns dann zumindest auch so benehmen, wie wir es von Gästen bei uns erwarten würden. Vielleicht war es ja auf dem anderen Segelboot einfach nur nicht bekannt, dass das Angeln in diesem Hafen inmitten eines Naturschutzgebietes nicht erlaubt ist. Das sollte sich aber spätestens dann geändert haben, als der Kapitän einer einfahrenden Fähre den eifrigen Angler auf eben diesen Umstand hinwies. Dieser Hinweis wurde wortlos zur Kenntnis genommen, der Inhalt aber spätestens jetzt verstanden. Umgehend wurden die zwei Angeln unter Deck geräumt. Das war gerade rechtzeitig, bevor der Security-Mitarbeiter des Hafens vorbei kam, um noch einmal persönlich zu informieren. Als Antwort erhielt er ein frei erfundenes Gespräch zwischen Angler und Fährkapitän. Nicht schön, aber wenn man sich so besser fühlt… doch die richtige Show kam ja erst noch. Mit einer gänzlich anderen „Big-Game-Fishing“-Angel kam der andere Skipper plötzlich an Deck und schrie (sic!) der sich schon wieder auf dem Rückweg befindlichen Security hinterher, dass er hier im Leben nicht geangelt, sondern nur die Leinen dieser grandiosen, für einen Hafen ohnehin völlig ungeeigneten Angel gereinigt habe. Zur Verdeutlichung rannte er immer noch lautstark lamentierend auf dem Steg hinterher. Solche Gäste kann man sich doch nur wünschen, nicht wahr?

Das Schauspiel wiederholte sich am nächsten Tag sogar noch, als ein anderer, anscheinend höher gestellter Security-Mitarbeiter vorbeikam. Zwar bestimmt, dabei aber ganz ruhig und freundlich erklärte er, das Angeln selbst beobachtet zu haben. Das sei verboten, habe aber jetzt keine Konsequenzen. Allerdings solle es ab jetzt bitte nicht nochmal passieren, sonst müsse eine Strafe verhängt werden. Und dann das unglaubliche Déjà-vu. Erneut sprang der Ermahnte laut schreiend der sich schon entfernenden Security auf dem Steg hinterher und log, dass sie die Balken bogen. Meine Bewunderung gilt seinem Gegenüber. Ich weiß nicht, ob ich an seiner Stelle so ruhig geblieben wäre. Zum Abschluss versuchte der andere Skipper dann noch beginnend mit „Das ist doch wirklich unglaublich…“ bei uns Bestätigung zu finden. Leider vergeblich. Er verließ uns mit einem mir glücklicherweise unverständlichen Kommentar.

Und die Moral von der Geschichte? Der Segler an sich ist auch nur ein Mensch. Diesen gibt es in vielen Versionen und auch wenn man mit den meisten segelnden Vertretern dieser Spezies auf Anhieb gut klar kommt, so geben doch andere triftigen Grund zum Fremdschämen. In den seltenen Momenten, an denen ich beginne ob der äußeren Umstände innerlich zu verzweifeln, rufe ich mir Situationen wie die hier auf La Graciosa erlebte in Erinnerung. Als abschreckendes Beispiel. Möge niemals jemand Grund oder auch nur wagen Anlass haben, sich meiner derartig zu schämen! Das muss wirklich nicht sein.

Kühlungsborn

Nun ist es schon über vier Jahre her, dass unsere Samai das erste Mal mit Wasser in Berührung kam… 2015 in Frankreich war das. Danach ging es direkt in die Ostsee nach Kühlungsborn. Unser Liegeplatz von Anfang an. Wie sagten mal nette Gastlieger neben uns so schön: „Andere fahren hier her, Ihr seid schon da!“

Ok, auf dem Boot steht als Heimathafen „Berlin“. Das ist aber insbesondere dem Schiffsregister geschuldet… und auch ein bisschen dem Umstand, dass unsere Hauptstadt bei einer Weltumseglung vielleicht etwas griffiger ist als unser Herzenshafen in Mecklenburg.

Es gibt für uns viele Argumente, die für Kühlungsborn sprechen. Neben der stauabhängig vergleichsweise zügigen Anreise aus Berlin – ggf. auch mit Flixbus-Direktverbindung – ist auch die in Hafennähe gelegene Ferienwohnung meiner Eltern ein Argument und gerade im Winter wertvoller Stauraum für Polster, Matratzen und mehr. Da nimmt man selbst die an Sommerwochenenden selbstverständliche Beschallung des Vielmeer in Kauf… sogar nächtlich über den Hafen schallende Ansagen wie: „Wir hätten ja eigentlich schon vor einer Stunde aufhören müssen, aber Ihr seid so ein tolles Publikum, und darum spielen wir noch zwei Zugaben!“

Schließlich sind da dann auch noch die Kollegen vor Ort, die den – wie es offiziell heißt – Bootshafen Kühlungsborn so liebenswert machen.

  • Vielen Dank an den Chef für sein Entgegenkommen bei der halbierten Jahresgebühr.
  • Vielen Dank an Jens und seine Kollegen für so vieles. Immer am Steg, wenn man Einhand bei 6’er Seitenböen in die Box muss. Immer eine Hilfe bei Problemchen jeder Art. Immer ein offenes Ohr, selbst wenn man langweilige Dinge erzählt.
  • Vielen Dank an Dörthe und alle anderen Kolleg(inn)en im Hafenbüro für Schranken-Chips, Bollerwagen und alles andere.

Vielen Dank auch an die netten Stegnachbarn. Nun gut, direkt neben uns lag im Grunde jedes Jahr ein anderes Boot. Wir müssen schon ziemlich nervig sein, wenn es keiner lange bei uns aushält. Aber zu unserer Ehrenrettung muss ich sagen, dass wir es nie gewagt, haben einen umgedrehten Cola-Kasten als Tritt auf den Fingersteg festzuschrauben(!)… also da, wo wir dieses Jahr nicht mehr vernünftig zum Beladen oder auch nur schnellen Passieren vorbei kamen… und das bei einem von diesen Nachbarn üblicherweise praktiziertem Anlegen mit dem Heck am Steg!

Tja, wir Segler halten uns ja ohnehin gerne für bessere Menschen. Wir haben ein (meistens) umweltfreundliches Hobby mit starkem Bezug zur Natur. Wir grüßen uns auf dem Wasser und im Hafen. Wir helfen uns wo es geht, nehmen Leinen an (sogar von Motorbooten) oder schleppen Segler in Not auch schon mal in den Hafen oder durch eine Schleuse. Und natürlich passen wir auf die anderen Boote auf, machen gelöste Leinen oder auch mal ein übel schlagendes Fall fest.

Dann kam der 11. Juni 2019 und ließ mich zweifeln. Wir hatten das Boot gerade nach Bremerhaven gebracht und ich bin mit dem Zug zurück nach Kühlungsborn um das Auto nach Berlin zu bringen. Aber vorher wollte ich noch unsere drei Stegfender abmachen. Von Anfang an leisteten Sie für uns und wohl auch allen Gästen unseres Liegeplatzes gute Dienste. Nie gab es ein Problem. Nun aber ging ich in der Abendsonne zum Steg und meine verwunderten Augen sahen einen ungefenderten Steg. Natürlich war es einigen unserer Stegnachbarn bekannt, dass die Samai nur drei Tage zuvor Kühlungsborn für geplant drei Jahre verlassen hat. Aber dass uns zwei wahrlich nicht als Schnäppchen zu bezeichnenden Fender schon am ersten Wochenende eiskalt vom Steg weggeklaut werden, also das hätte ich echt nicht erwartet. Aber uns ist eigentlich auch egal, wer das warum gemacht hat. Wir hätten sie nur gerne zurück. Darum auch an dieser Stelle nochmal der Aufruf…