Gewittersegeln

Das ist unter anderem der Titel eines lesenswerten Buches aus dem millemari Verlag. Das ist auch etwas, auf das Segler auf dem Wasser immer gerne verzichten können. Das ist schließlich etwas, vor dem wir bisher immer verschont geblieben waren. Und dann fuhren wir von Brasilien nach Uruguay.

Der Wetterbericht versprach mal wieder ein kleines Fenster Richtung Süden. Dienstag und Mittwoch gute Winde aus nördlichen Richtungen, die am Donnerstag dann mal wieder ganz spontan auf Südwest drehen… mit 9’er Böen! Also bei weitem nicht genug für den ursprünglich geplanten Schlag nach Buenos Aires, aber ausreichend für den kurzen 200sm-Hüpfer nach La Paloma (… und jetzt hebe die Hand, wer hier nicht automatisch ein „Olé!“ hinterher gedacht hat ;-)

Es begann dann auch wie erwartet mit Wind aus richtiger Richtung. Am Dienstag noch in meist gut segelbarer Stärke half Mittwoch öfters mal der Motor. Schließlich durften wir nicht zu sehr bummeln. An diesem Tag konnten wir dann auch nach langer Zeit mal wieder gleich doppelten Angelerfolg verzeichnen.

Weniger willkommen waren andere, in Schwärmen über die Samai herfallenden Gäste. Die zeitweise mehr als ein Dutzend (sic!) Libellen an Wanten und Stagen waren ja noch harmlos. Doch die unzählbaren Fliegen und sonstige Insekten verschiedenster Größe, wahrlich nicht immer harmlos ausschauend, vertrieben die Crew unter Deck. Alleine der Skipper musste tapfer oben bleiben, schließlich war der Autopilot immer noch kaputt.

Um 17:00 Uhr passierten wir wie Grenze von Brasilien nach Uruguay. Natürlich funkten wir ganz vorschriftsmäßig die Prefectura Naval an, erhielten aber keine Antwort. Hatten wir nicht genügend Reichweite oder waren wir es einfach nicht wert? Nun ja, nachdem auch die Rufe von grenzpassierenden Frachtern in Leere gingen, machten wir uns keine weiteren Gedanken.

Abends sahen wir dann die ersten Vorboten der kommenden Nacht am Horizont. Was für ein Euphemismus das schöne Wort „Wetterleuchten“ doch in Anbetracht dessen ist, was man wirklich sieht: „Blitze“. Zum Glück waren sie recht weit weg und konzentrierten sich auf das Land. Dort sahen wir dann sogar den Widerschein zweier mutmaßlich durch Blitzschlag ausgelöster Großbrände. Zur Sicherheit klappten wir das Bimini zusammen, doch gut eine Stunde später sah es so aus, als wenn sich die Wetterlage vor uns beruhigt hätte. Was für ein Irrtum!

Kurz nach Mitternacht leuchtete es wieder häufiger, näher und vor allem von voraus. Um 1 Uhr nachts war die Front dann bei uns. Wir bekamen gerade noch rechtzeitig die Fock rein. Starkwind und leuchtende Wolken ließen uns den Kurs um 90° nach Backbord (also in Fahrtrichtung links) ändern. Ja, die Wolken waren riesig und wir fuhren mit gerade mal etwas mehr als 10 km/h umher. Da erscheint Ausweichen unmöglich, doch einen Versuch war es Wert. Ganz ehrlich, da zuckten ein paar Blitze quer über den Himmel, so etwas hatte ich vorher noch nicht gesehen. Und tatsächlich gelang es uns. Zwar hatten wir immer noch kräftigen Wind, doch die Wolkendisko ging hinter uns durch. Fast stellte sich ein Lächeln ein, doch dann ging in geschätzt (sehr) wenigen Seemeilen direkt voraus ein großer Blitz senkrecht ins Wasser. Nächster Kurswechsel 90° Steuerbord, dort scheint der Himmel etwas weniger dunkel. Wir finden die Lücke. Nach einer gefühlten Ewigkeit, tatsächlich war es wohl kaum mehr als eine Stunde, hatten wir das Gröbste hinter uns. Selten waren wir so froh, dass uns nur mehr Dunkelheit umfing.

Lücke gesucht und gefunden!

Nachdem La Skipper Ihren Adrenalinspiegel wieder etwas runter gedreht hatte, verabschiedete sie sich auf ein Nickerchen zu den selig schlummernden Kindern unter Deck. Der Skipper genoss dann noch ganz für sich alleine am Steuer ein nächtliches Stündchen Starkregen mit entsprechendem -wind. Doch danach war es wirklich geschafft. Die Sonne ging unschuldig über einem neuen Tag auf, La Paloma schon in Sichtweite, und bald lagen wir sicher vertäut in einem mal wieder recht leeren Hafen… natürlich als einzige Gastyacht. Da waren wir also in Uruguay, doch davon eim anderes Mal mehr.

Brasilien – ein Fazit

Keiner von uns war vorher in Brasilien gewesen. Während La Skipper sich durchaus ernste Gedanken um die Sicherheit machte, hegte der Skipper keine besonderen Erwartungen. Mal schauen, wie es dort so ist. Und was soll ich sagen: die gesamte Crew ist begeistert von diesem Land und vor allem seinen Menschen. Ich habe es ja schon hin und wieder mal erwähnt, aber die Art und Weise mit der die Brasilianer uns begegneten, ja uns in Ihrem Land aufgenommen haben, war phänomenal.

  • In Jacaré die nette Damen im Mini-Supermercado, der weitgehend zuverlässig unsere Flüssignahrungsvorräte sicherte. Immer ein Lächeln und ein nettes Wort (auf Portugiesisch natürlich) auf den Lippen und hin und wieder brachten wir gar einen kurzen Plausch zustande
  • Einfach jeder in Charitas / Niteroí, insbesondere…
    • Der Bademeister Rodre, der nur für unsere Kinder die Wasserrutsche in Betrieb genommen hat, mit dem ich (dank Google Translate) mehrere beiderseitig sehr nette Gespräche hatte… ein toller Mensch, der es nicht immer einfach hatte und dem ich von Herzen alles Gute wünsche.
    • Der beim Fernsehen tätige Carlos zeigte seine ehrliche Begeisterung für unser Vorhaben, brachte seine ganze Familie für ein kurzes „Hallo“ an den Steg, dachte sogar kurz über ein Interview nach und ist aktuell der einzige brasilianische Follower dieses kleinen Blogs (ganz liebe Grüße!!!)
    • Der Pop-Sänger Rodrigo war für sein neustes Musikvideo im Yachtclub und vorher noch in der Sauna. Im mutmaßlichen Gegensatz zu so manchem Mädel erkannte ich ihn natürlich nicht, als wir dort  ins Gespräch kamen, und ebendiese Mädels würden mich sicher auch um seine Handynummer beneiden ;-)
    • Der ältere Herr, der im Bus mit unseren Kindern den Platz tauschen wollte, damit sie einen besseren Ausblick haben.
    • Die Taxifahrer, die trotz Kurzstrecke von der Fähre zum Yachtclub immer entspannt und freundlich waren. Man stelle sich dagegen einen typischen Berliner Taxifahrer auf der mürrisch-fluchenden Fahrt vom Flughafen Tegel zur U-Bahn Jakob-Kaiser-Platz vor.
  • Wie gesagt haben wir hier erstmals Uber ausprobiert und müssen feststellen, dass ausnahmslos jeder Fahrer ausgesprochen nett war. Unabhängig davon, ob man sich auf eine Sprache einigen konnte oder nicht, wir kamen immer sicher und freundlich ans Ziel.
  • Wir, die offensichtliche Touristenfamilie, stehen mit einem Eis am Straßenrand und mitten aus dem Gewusel umher eilender Menschen ertönt unvermittelt die Stimme eines Herren, der uns mit leichter Verbeugung ein freundliches „Welcome to Rio de Janeiro!“ wünscht.
  • In Rio Grande war es dann der bereits erwähnte Lauro Barcellos, der im positiven Sinne „den Vogel abschoss“. Bei im Grunde wildfremden Seglern an seinem Steg sind eine Begrüßung und Gastfreundschaft wie man sie alten Freunden angedeihen lassen würde für Ihn eine Selbstverständlichkeit.
  • Und dann noch so viele andere netten Begegnungen. Insbesondere, aber nicht nur am Steg / beim Boot wurden wir oft freundlich angesprochen, neugierig ausgefragt und immer willkommen geheißen…

Unsere grobe Reiseplanung sieht ja vor, dass wir in etwa zwei Jahren von Südafrika (möglichst auch Namibia) nach St. Helena und weiter zu den Azoren den Weg über die Kap Verden nehmen. Inzwischen spielen wir ernsthaft mit dem Gedanken, den Schlenker über Südamerika zu segeln. Ja, es ist länger. Dafür sind die Winde tendenziell günstiger und wir haben die Möglichkeit noch mehr von einem tollen Land und seinen tollen Menschen zu sehen: Brasilien!

P. S. Und als ob all das nicht schon genug wäre, gibt es noch einen weiteren, ultimativen Grund wieder zu kommen: unsere in kulinarischen Dingen nicht gerade für Ihre Flexibilität und Experimentierfreunde bekannte Maila liebt den Brasilianischen Ketchup!

Bürokratie in Südamerika (1): Brasilien

Über die Bürokratie in Südamerika im Allgemeinen und Brasilien im Speziellen haben wir im Vorfeld ja schon einiges gehört. Doch ganz so schlimm wie befürchtet, war es dann doch nicht. Hier ein kleiner Erfahrungsbericht.

Grundsätzliches

In Brasilien muss man beim Ein- und Ausklarieren (so nennt man die Ein- bzw. Ausreise mit einem Segelboot) drei Stationen abklappern:

  1. Policia Federal / Immigration: Hier bekommen alle notwendiger Weise persönlich vorsprechenden Crewmitglieder ihren Stempel in den Pass.
  2. Receita Federal / Customs: Hier bekommt man temporäre Importpapiere für die Yacht. Diese beinhalten dann auch das Datum, an dem man das Land wieder verlassen muss, sonst gibt es eine saftige Strafe (10% des von uns natürlich sehr defensiv geschätzten Bootwertes)
  3. Capitania dos Portos (Teil der Marine): Hier bekommt man einen „passe de entrada“ für den jeweiligen Hafen. Bevor man weiter fährt, muss man nochmal hierher um einen „passe de saida“ zu bekommen, in dem dann auch der nächste Zielhafen angegeben werden muss. Dort angekommen holt man sich dann wieder einen „passe de entrada“ uns so weiter und so fort. Das einzig Gute daran ist, dass es keine wirkliche Einschränkung und Kontrolle der zwischen den Häfen verbrachten Zeit gibt. Man kann sich also Zeit lassen und auch noch ein paar Ankerstopps einlegen.

Und all diese Formalitäten sind ungeachtet der herrschenden Temperatur in anständiger Kleidung (lange Hose, Hemd) vorzunehmen. Ansonsten kann es vorkommen, dass man gar nicht erst eingelassen wird!

Einklarieren in Cabedelo / João Pessoa

Beim Einklarieren haben wir es uns zugegebener Maßen sehr einfach gemacht und das Angebot von Nicolai (Jacaré Yacht Village) wahrgenommen, für eine soweit angemessene Gebühr durch das ganze Prozedere geleitet zu werden. Wir sind zusammen zu der inzwischen umgezogenen Immigration und Zoll gefahren. Während wir nur pflichtbewusst daneben saßen, hat er alles Weitere erledigt. Zum Hafenkapitän ist er dann sogar alleine gefahren und hat uns an und auch gleich wieder abgemeldet. Dass wir dann erst knapp zwei Wochen später losgekommen sind war kein Problem. Als nächstes Ziel haben wir gleich Rio de Janeiro angegeben.

Unseren kurzen Zwischenstopp bei den Ilhas de Abrolhos (auf denen wohlgemerkt ein kleiner Marinestützpunkt liegt) verlief ohne weitere Formalitäten, abgesehen von einer netten Dame, die mit wasserfestem Pad vorbei geschwommen kam, um Bootsnamen und Passagieranzahl zu notieren. Sehr entspannt.

Rio de Janeiro

Auch wenn wir in Charitas / Niteroí lagen, so mussten wir beim Hafenkapitän im gegenüber liegenden Rio de Janeiro vorsprechen. Das wurde natürlich mit unseren Stadtausflügen verbunden, wobei sich der Skipper durchaus eine lange Hose in den Rucksack getan hatte. Hier wurden wir gleich beim Pförtner rein gebeten. Dieser machte einen Anruf, ein schneidig Uniformierter kam, holte unsere Unterlagen und brachte alles Notwendige nach gar nicht mal so langer Wartezeit zurück. Auch hier alles sehr entspannt. Als nächstes Ziel hatten wir gleich Rio Grande del Sur angegeben

Lugano

Nach einigen Zwischenstopps vor Anker hatten wir ja dem netten Lugano einen ungeplanten Besuch abgestattet. Hier nahm die Marine das Thema etwas genauer. Schon am frühen Morgen nach unserer Ankunft wurde ich von einem Uniformierten am Pier freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen, dass ich beim Hafenkapitän vorzusprechen habe. Dort half dann bei den wie üblich einer anderen Sprache als des Portugiesischen unkundigen Kollegen wie so oft „Googel Translate“ weiter. Dass es sich bei Laguna nicht um den angegebenen Zielhafen handelte war kein Problem und wurde an entsprechender Stelle auf dem Formular der Policia Federal vermerkt.

Vom Hafenkapitän wurde ich dann von zwei Uniformierten mit dem Auto zum Boot gefahren und die Samai erhielt nun erstmalig eine kleine Inspektion. Der nette Kollege vom Morgen machte einen pflichtbewussten Rundgang, fragte nach Rettungswesten, Signalmitteln und anderen sicherheitsrelevanten Dingen bevor er zufrieden wieder von Bord ging.

Ausklarieren in Rio Grande del Sur

Dieser Teil gestaltete sich wenn auch nicht schwierig, so doch am Aufwändigsten. Zunächst bin ich zum Hafenkapitän gelaufen, der mich jedoch gleich zur Policia Federal geschickt hatte. Die hatte Mittagspause und so verlief der Vormittag erfolglos. Pünktlich nach der Mittagspause sprach ich wieder mit allen Pässen, jedoch alleine bei der Policia Federal vor. Natürlich wollte man eigentlich alle Passagiere persönlich sehen, jedoch stimmte mein Hinweis auf “família” gnädig und ich bekam alle Pässe gestempelt.

Zur Receita Federal, also dem Zoll, musste ich dann doch ein Taxi nehmen. Weit weg durch ein nicht wirklich Vertrauen erweckendes Viertel ging es zum Industriehafen. Dankenswerter (und natürlich bezahlter) Weise wartete der Taxifahrer und brachte mich anschließend zum Hafenkapitän. Hier war jetzt eigentlich schon für heute geschlossen, aber man kannte mich ja noch vom Vormittagsbesuch und war so nett, auch außerhalb der Öffnungszeiten alle Formalitäten zu erledigen.

Das war es also, Pässe gestempelt, Boot ausklariert und beim Hafenkapitän abgemeldet. Nun hatten wir 72 Stunden um Brasilianische Hoheitsgewässer zu verlassen… und das Taten wir Richtung Uruguay.

Rio Grande del Sur

Natürlich kamen wir mal wieder nachts an. Das kommt sicherlich nicht nur mir inzwischen recht bekannt vor. Nach den letzten Meilen vorbei an ankernden Fischern, Hafenanlagen, großen Pötten engem Kanal und beleuchteter Stadt machten wir um 2:40 Uhr nicht im ortsansässigen Yachthafen sondern auf Empfehlung des nautischen Brasilienführers der RCCPF (Link) am gleich daneben gelegenen Steg des „Museu Oceanografico“ fest. Eine sehr gute Entscheidung!

Da liegen nicht nur Schmuckstücke im Hafen von Rio Grande.

Am nächsten Tag (be)suchte ich Lauro Barcellos, den Direktor des Museums, der meeresbiologischen Lehranstalt CCMar und noch einiger anderer Einrichtungen. Sein Empfang war überwältigend. Ganz in weiß gekleidet kam er mir mit „Ich spreche leider nicht sehr gut deutsch!“ entgegen und nahm sich Zeit für ein sehr freundliches Begrüßungsgespräch in seinem mit verschiedensten Andenken überreich dekorierten Büro. Wir können gerne am Steg liegen bleiben so lange wir möchten, natürlich auch Strom und Wasser nutzen. Bezahlen müssen wir dafür nichts, uns lediglich in sein dickes Buch eintragen und dabei die Frage „What’s a sailboat?“ beantworten. Zum Abschied gab er mir noch eine Flasche Rosé-Sekt für La Skipper und einen Maori-Segensanhänger für das Boot mit. Als er einige Tage später am Steg vorbeikam, erhielt er neben seinem Buch auf seine Bitte hin auch noch unsere ausrangierte Berlin-Flagge als Andenken. Das ist doch das Mindeste!

Natürlich haben wir uns das Museum dann auch mal angeschaut, das neben einer kleinen Sammlung auch ein kleines Antarktis-Museum und das „Centro de Recuperação de Animals Marinhos“ (CRAM) mit aktuell vier Pinguinen und einem Seelöwen beherbergt.

Rio Grande selbst ist nicht unbedingt eine Ausgeburt der Schönheit, wie sich bei den Spaziergängen und Taxifahrten im Zuge der Formalitäten für die Ausreise aus Brasilien zeigte. Viele Häuser waren sicherlich einmal wahre Schmuckstücke, sehen heute aber größtenteils recht „verbraucht“ aus. Eine große Kirche mit zu der Zeit obligatorischer bunter Krippe, eine Fußgängerzone mit 20m langer Schlange vor dem – wie hier üblich separaten, direkt von der Straße erreichbaren – Eisverkauf von McDonalds, ein kleiner Angelladen, erstaunlich viele Möbel- und Matratzengeschäfte, ein schöner grüner Platz im Zentrum… und alles sehr geschäftig.

Schließlich gibt es in der Nähe des Museums einen großen Supermarkt und gleich daneben noch einen Laden, der sich (neben allerlei anderen Sachen) auf Süßigkeiten in Großpackungen spezialisiert hat. Ein Pflichtbesuch für die Kinder!

Ach ja, tanken waren wir in Rio Grande ja auch noch. Und da handelt es sich wirklich um ein schönes kleines Schmankerl. Der Freizeitskipper wird an den hinteren „Steg“ (besser dessen schiefen Reste) gewunken, um dort längsseits festzumachen. Hinten im „U“ zwischen Tanksteg für Fähre rechts und einer hölzernen, weit hineinreichenden Ruine links. Natürlich mit Strom und schräg auflandigem Wind. Aber wie heißt es so schön: In Südamerika tanke man nicht, wenn man muss, sondern immer dann, wenn man halbwegs unkompliziert kann. Und eine Tankstelle zum Anlegen ist hier praktisch der Gipfel der Unkompliziertheit… selbst unter diesen Bedingungen!

Luxustankstelle in Brasilien

Die Formalitäten waren erledigt, Kühlschrank sowie Tank gut gefüllt und schon wieder fünf Tage vergangen. Es wurde Zeit, Brasilien „auf Wiedersehen“ zu sagen. Eigentlich wollten wir von hier ja gleich bis Buenos Aires durchfahren. Doch da machte uns der Wetterbericht mal wieder einen Strich durch die Rechnung, so dass wir nun doch noch dem kleinen Nachbarn Uruguay einen Besuch abstatten würden. Aber das ist eine andere Geschichte.

P.S. Unser Eintrag in das Buch von Lauro Barcellos:

Wetterfenster nach Rio Grande del Sur

Wetterfenster, das: Eine unter Seglern so benannte zeitliche Periode, in der insbesondere der vorhergesagte Wind in Richtung und Stärke gerne nebst Sonnenschein gute Segelbedingungen für das angepeilte Ziel erwarten lassen.

Soweit – so gut… und wie kann das in der Praxis von Laguna nach Rio Grande aussehen?

Das Problem ist, dass es sich hier um einen fast 300sm langen Küstenabschnitt ohne jede auch noch so kleine Chance eines Zwischenstopps handelt. Es muss trotz der tendenziell wechselhaften Bedingungen hier also in einem Rutsch nach S(üd)W(est) durch gesegelt werden. Die eingeholten Wettervorhersagen (Seadocs und Wetterwelt) waren sich recht einig. Nach bevorstehendem, kurzem NE-Wind herrscht in der mittleren Zukunft eine ungewöhnlich stabile SW-Windlage. Zur Erinnerung: beim Wind zeigt (im Gegensatz zur Strömung) die Himmelsrichtung an, wo der Wind herkommt! Wir hatten in absehbarer Zeit also nur eine realistische Chance, ein kleines Wetterfenster mit etwas mehr als einem Tag gut segelbaren Wind Richtung Rio Grande. Also los…

Durchwachsener Auftakt am Dienstag: Vorhersage zunächst schwach windig, später etwas zunehmend auf E 3-4

Von 3m Restwelle (auch Schwell genannt) des vergangenen Südwinds hatte aber keiner was gesagt. Der anfangs fehlende Wind war kein Problem, da wir ohnehin noch den Wassermacher für ein paar Stunden laufen lassen mussten. Und das geht nun mal nur unter Motorfahrt. Nachmittags hatten wir dann mit 4 Bft. E-NE erstmals wirklich gut segelbaren Wind… das Fenster öffnete sich.

Das offene Fenster am Mittwoch: Vorhersage schon nachts weiter zunehmend auf NE 5-6, nachmittags etwas abnehmend aber abends bis nachts wieder zunehmend NE 4

Ja, so sieht ein schönes Wetterfenster aus. Kräftiger Wind von hinten versprach schnelles Segeln mit vielen Meilen und weitgehend unkritischer Welle. In der Tat nahm der Wind sogar schon Dienstagabend zu. Nein, nicht auf 5-6 Bft. sondern gleich mal auf Böen über 30 kn (also 7 Bft.). Da reichte das Großsegel im 1. Reff lange Zeit völlig aus. Nachmittags nahm der Wind bei inzwischen geschlossener Wolkendecke tatsächlich auf 4 Bft. ab. Unter Vollzeug machten wir weiter gut Strecke. Abends war der Wind dann plötzlich weg. Einfach so. Da hatte er wohl die Vorhersage nicht richtig gelesen. Und wir mussten viel früher als erwartet schon den Motor anwerfen. Wenigstens blieb der von Wetterwelt prophezeite Regen aus.

Unvergessliches Finale: Vorhersage ab Donnerstag früh SW 4-5 (evtl. Böen 6), abends abnehmend und S-drehend

Diese Vorhersage war der Grund, warum wir eigentlich schon Montagabend losfahren wollten, was aus den geschilderten Gründen leider nicht klappte. Ja, das eigentliche Wetterfenster war hiermit geschlossen. Zu diesem Zeitpunkt sollten wir jedoch keine 40sm vor der Einfahrt in gut geschützte Gewässer stehen. Nicht schön, aber 4-5 Windstärken auf die Nase lassen sich unter Motor für eine gewisse Zeit halbwegs plausibel fahren.

Der Wind kam dann leider überpünktlich. Schon um 3 Uhr nachts wehte es exakt aus SW. Allerdings mit 5, in Böen 6 Windstärken. So zum warm werden. Den gesamten Donnerstag blies es schließlich mit konstanten 6 Bft. und regelmäßigen Böen über 30kn (stabile 7) voll auf die Nase. Gerade mal 24 Stunden zuvor war das, wenn auch minimal schwächer, exakt umgekehrt! Und es sei daran erinnert, dass aufgrund des zu diesem Zeitpunkt defekten Autopilots (der mit den Bedingungen aber ohnehin seine Probleme gehabt hätte) immer, also wirklich immer jemand (ok… zu 90% der Skipper) am Steuer stehen musste.

Etmal, das: Die mit einem (Segel-)Boot in 24 Stunden zurückgelegte Strecke über Grund in Seemeilen. Eine Seemeile hat die Länge von ca. 1.853m. So ein mittleres Etmal für Fahrtenboote unserer Größe liegt mit 5kn Durchschnittsgeschwindigkeit bei 120sm. Wenn es schlecht läuft, kann man schon mal unter 100sm rutschen. Bei guten Bedingungen und/oder passendem Strom geht es natürlich selbst bei uns auch gerne mal höher. Von der Atlantiküberquerung eines etwas größeren Fahrtenbootes wurde kürzlich sogar ein persönliches Rekord-Etmal von 189,4sm (im Schnitt knapp 7,9kn!) berichtet.

Ja, auch wir schreiben hin und wieder an dieser Stelle die Information über unser Etmal. Doch heute möchte ich ein Statement gegen die unter Seglern weit verbreitete, fast schon wahnhafte Fixierung auf diese Kennzahl abgeben. An eben jedem Donnerstag legten wir von 10:30 Uhr bis 15:24 Uhr knapp 7,5sm zurück. Das ergibt rein rechnerisch ein Etmal von ca. 36sm. Das ist auf der Ostsee etwas mehr als die Strecke Kühlungsborn – Travemünde. In 24 Stunden. Diese Neuentdeckung der Langsamkeit könnte man fast genießen, würde denn die Sonne scheinen und hätte sich die Welle nicht auf ruppige 2-3m aufgebaut. Immerhin wurde sie durch die mit der Welle (und damit gegen uns) laufenden Strömung nicht weiter „aufgesteilt“.

Fast den ganzen Donnerstag kamen wir also gelinde gesagt SEHR langsam voran. Lange Zeit zeigte der Geschwindigkeitsmesser kaum mehr als 1kn SOG (Speed Over Ground) an. Zur Erinnerung für Nicht-Segler: kn = Knoten = sm pro Stunde… 1kn sind also knapp 2km/h! Um 15:24 Uhr sahen wir dann erstmals seit Stunden wieder einen Wert über 3kn und nach einer gefühlten Ewigkeit war es Freitag früh um 0:25 Uhr endlich geschafft. Nach über 20 Stunden Quälerei standen wir endlich vor der Einfahrt in den großen Lagoa dos Patos. Nach Rio Grande waren es damit zwar immer noch 12sm, doch diese konnten wir nun entspannt, gut geschützt ohne Welle und Gegenwind angehen.

Frei nach dem sehr empfehlenswerten Kling’schen Känguru steht eine Wiederholung dieses Tages ziemliche weit oben auf meiner „Not-2Do-Liste“ :-)